Hallo abraham,
was das Sich-gehen-lassen angeht: Ich habe überall Hilfe gesucht, bei Eltern, Freunden, Ärzten und Geistlichen. Weißt du, was ich gehört habe? Als Kind Beschimpfungen, Verhöhnung, Vorwürfe, als Erwachsene nichts als Spott und Hohn, hämische Bemerkungen darüber, dass ich allein stehend bin, Vorwurf der Faulheit und Charakterlosigkeit (genau wie von dir), Empfehlung sich mal ordentlich am Riemen zu reißen, Frage nach „geheimen Sünden“, die ja allemal die Ursache von Depressionen seien, Vorwürfe „ein Christ hat keine Depressionen“, esoterische Ratschläge („häng dir einen blauen Edelstein um“)und was dergleichen Mist mehr ist. Dreißig, fast vierzig Jahre lang. Du leidest wie ein Schwein, bist todmüde, kannst nicht schlafen, kannst dich auf nichts konzentrieren, grübelst dauernd, wiederholst dir die Vorwürfe, die dir die Anderen machen („du bist nur faul! Du lässt dich gehen!“), versuchst dich aufzuraffen und kannst es nicht und willst eigentlich nur eines, nämlich möglichst bald sterben, damit du dir und anderen nicht mehr zur Last fällst. Sogar mein Psychotherapeut hat es drei Monate lang mit gutem Zureden versucht, bis er auf die Idee kam, ich könnte wirklich krank sein.
Dass ich weiß, ich bin krank, heißt nicht „ich kann nichts machen“. Ein Diabetiker muss auch seine spritzen nehmen und Diät halten, und ich nehme meine Antidepressiva. Die Medikamente haben das Problem dann zum Verschwinden gebracht und es bis heute ins Grenzen gehalten.
Von Zeit zu Zeit erzählen mir irgendwelche esoterischen, charismatischen oder anderswie beknackten Eiferer, ich müsste unbedingt die „stimmungsverändernden Drogen“ absetzen und es mit Edelsteinen, Gebetskreisen oder Teufelsaustreibung probieren. Du bist also nicht der Erste, von dem ich so etwas höre, und es trifft mich nicht mehr so tief wie früher. Das Hauptproblem der Depression ist ja das maßlose Schuldgefühl, man fühlt sich so wertlos, so unnütz, so unfähig irgendetwas zu tun, dass man sich nachgerade schämt die Welt mit seiner Existenz zu belästigen.
Ich sage mir heute, diese Leute reden von etwas, wovon sie nichts verstehen. Es ist, als würde mir einer, der Schnupfen hat, sagen er hätte die spanische Grippe gehabt.
Nur bedenke eines: Wenn du das einem akut Depressiven sagst, was du mir da an den Kopf geworfen hast, motivierst du ihn höchstens dazu von der Brücke zu springen. Das war das eigentliche Motiv, warum ich so wütend wurde.
lg,
bb