Christlich orientiert Menschen pflegen

Hallo,

ich möchte angestossen durch die Diskussion kirchlicher Kreise, über die Wirtschaftlichkeit der medizinischen Versorgung älterer Menschen, meinen Senf dazu geben, wie es real bezüglich der Pflegeangebote der kirchlichen Anbieter bestellt ist.

Die meisten Pflegedienstleister stellen die grossen Kirchen Diakonie, Caritas.
Die Mitarbeiter sind verpflichtet, sich der Kirche gegenüber loyal zu verhalten, das heisst erst mal, man muss in einer Kirche Mitglied sein, um überhaupt dort beschäftigt werden zu können (!), andererseits heisst das, dass man einem kirchlichen Anstellungsrecht unterliegt.
Die staatlichen Regelungen für die Mitarbeiter sind damit ausgehebelt - die kirchlichen Institutionen machen sich ihr eigenes Recht.

Wie sieht denn der Alltag aus, wenn man christlich orientiert Menschen pflegt?

Man leistet Fliessbandarbeit!!!

Kleines Beispiel aus der ambulanten Pflege:
Frau A bekommt eine Insulinspritze, vorher den Blutzucker gemessen, danach die Beine gewickelt.
Welche Zeit würdet ihr für solche Tätigkeiten ansetzen?
Es sind 8 Minuten inklusive An- und Abfahrt (die in verkehrsgünstigen Zeiten ca. 4 Minuten beträgt, bei Parkplatzsuche natürlich länger).

Frau B hatte einen Schlaganfall, sie ist halbseitig gelähmt und Diabetikerin, bei ihr wird der Blutzucker gemessen, das Insulin gespritzt, die Medikamente gerichtet, die Beine gewickelt, sie wird aus dem Bett geholt, ins Bad gefahren, dort wird sie aktivierend gepflegt (soll heissen, dass sie sich soweit sie kann selbst waschen soll - das bedeutet Geduld haben und warten und sie dann doch ganz waschen), danach wird sie angekleidet und die Inkontinenzeinlage (Windel) angelegt.
Frau B hat jetzt aktivierend noch mal die Gelegenheit sich das Gebiss selbst zu reinigen (Nacharbeit nötig) und sich zu kämmen, ausserdem cremt sie sich das Gesicht ein (das bedeutet warten, die Cremereste verstreichen und nachkämmen).
Jetzt wird das gelähmte Bein von Frau B an den Rollstuhl fixiert und sie an den Frühstückstisch geschoben, der Zivi kommt gleich zum Frühstück richten.
Welche Zeit würdet ihr für solche Tätigkeiten ansetzen?
Es sind 30 Minuten inklusive An- und Abfahrt (siehe oben).

Übrigens hat Frau A vor kurzem ihren Mann verloren und möchte ihr Leid natürlich mit Jemanden teilen (sie hat sonst kaum Aussenkontakte), sie muss leider mitten in ihren Sätzen abgewürgt werden („leider keine Zeit“), da die Zeit einfach zu knapp ist.
Frau B ist nur sehr schwer zu verstehen, wenn sie Worte formuliert, ist ein mehrfaches Nachfragen nötig, um den Zusammenhang des Gesprochenen zu erahnen.

Wenn man als angestellte Pflegekraft doch mal „über die Strenge schlägt“ und sich auf ein Gespräch mit dem Patienten oder Angehörigen einlässt, bekommt man die gelbe Karte, das heisst, mit Verweis auf den Wirtschaftlichkeitsanspruch, kann man sich aussuchen, ob man die geleisteten Überstunden unter den Tisch fallen lässt, oder sich einem abmahnungsbereiten Arbeitgeber entgegenstellt (in der Probezeit erledigt sich das Problem natürlich noch viel einfacher).

Es werden Wirtschaftlichkeitsreserven genutzt, das heisst, die Übergabezeiten, in denen man sich über den Patienten oder auch über eigene seelische, psychische und körperliche (Über-)Beanspruchungen ausgetauscht hat - werden radikal zusammengestrichen.
Es geht sogar soweit, dass Computerprogramme genutzt werden, die wie früher die Stechkarten, die einzelnen Tätigkeiten und den Zeitaufwand der Pflegekräfte kontrollieren - zwischenmenschliche Gespräche wo unterbringen?

Einige kirchliche Pflegedienste haben ihre prekäre wirtschaftliche Situation dadurch gelöst, in dem sie sich ausgegliedert haben, sie firmieren unter GmbHs und die Mitarbeiter müssen eben mitziehen (wenn sie nicht ihren Job verlieren möchten), obwohl sie noch unter kirchlicher Flagge beschäftigt sind.

Manchmal frage ich mich, wie private Pflegeanbieter sich auf dem Pflegemarkt halten können, sie bekommen keine Subventionen (Kirchensteuern) und haben nicht die Möglichkeiten kircheneigene Gebäude zu nutzen und bei Spenden stehen sie aussen vor.
Private Pflegeanbieter müssen/möchten natürlich Gewinn machen (kirchliche Institutionen sind nur verpflichtet Null auf Null rauszukommen) und trotzdem sind die kirchlichen Pflegedienste oftmals unmenschlicher/unchristlicher zu ihren Klienten und ihren Mitarbeitern.

Wo bleibt denn die christliche Grundhaltung bei den kirchlichen Pflegeanbietern?

Gruß
knautsch

Hai, Knautsch,

versuchen wir doch mal, das auseinanderzupuzzeln:
da gibt es einmal die Gläubigen, die, die ihren Glauben leben und danach handeln - Hochachtung vor solchen Leuten…
Dann gibt es die Kirchen, also die Organisation des Ganzen. Hier geht der reine Glaube schonmal baden - innerhalb dieser Organisation gibt es durchaus auch noch Gläubige, aber je höher Du innerhalb dieser Organisation hinsiehst, desto eher wirst Du Machtgier mit all ihren unchristlichen „Nebenwirkungen“ finden.
Und dann gibt es da noch die wirtschaftlichen Ableger der Kirchen - hier findest Du immernoch Gläubige, aber die Organisationen selbst haben eigentlich garnichts mehr mit Glauben zu tun, sondern sind reine Wirtschaftsunternehmen, die obendrein noch den wirtschaftlichen Vorteil haben, daß sie die sonst üblichen Tarifverträge nicht beachten brauchen. Auch hier findest Du Gläubige - allerdings werden die innerhalb dieser Wirtschaftsorganisationen gnadenlos ausgenutzt.
Also diese sogenannten christlichen Pflegeorganisationen haben mit dem Christentum soviel zu tun, wie die sogenannten christlichen Parteien - nämlich nur noch den Namen. Von der Organisation und dem Handeln her sind das eben knallharte Wirtschafter, die den Gedanken des Christentums kaltlächelnd über die Klinge springen lassen, wenn sie damit ein paar Cent mehr machen.
Mir tun die Menschen leid, die aus dem christlichen Gedanken heraus glauben, daß sie in einer sogenannten christlichen Organisation dieses Christentum auch leben und erleben können. Die in Hospitzen, Krankenhäusern und Pflegediensten anfangen, um Menschen zu helfen und erleben müssen, daß sie zu schlecht bezahlten Arbeitstieren gemacht werden, die ausschließlich der Gewinnmaximierung dienen und deren Engangement auf ihrer Privat-Kappe landet oder einfach auf der Strecke bleibt.
Zusammengefasst: Es gibt Gläubige, die das Christentum mit ganzem Herzen vertreten und es leben und es gibt die sogenannten christlichen Organisationen. Erstere kommen in letzteren vor, aber zu tun hat das eigentlich nichts miteinander.

Gruß
Sibylle

Die meisten Pflegedienstleister stellen die grossen Kirchen
Diakonie, Caritas.
Die Mitarbeiter sind verpflichtet, sich der Kirche gegenüber
loyal zu verhalten, das heisst erst mal, man muss in einer
Kirche Mitglied sein, um überhaupt dort beschäftigt werden zu
können (!),

Nicht unbedingt. Mein Bruder war Zivi bei der Caritas, ich hab lange bei der Diakonie gearbeitet, und wir gehören beide keiner christlichen Kirche an. Wir wurden nicht mal danach gefragt.

Wie sieht denn der Alltag aus, wenn man christlich orientiert
Menschen pflegt?

Eigentlich genauso, als wenn man aus anderen Gründen Menschen pflegt. Man sollte lediglich nicht versuchen, diese von ihrem christlichen Glauben abzubringen, wenn sie darüber sprechen wollen. Aber christliche Dienste pflegen ja nicht nur Christen.

Man leistet Fliessbandarbeit!!! Oft ja, weil es zu viele Pflegebedürftige und zu wenige Pflegewillige gibt. Irgendwer muss die Arbeit ja tun, und wenn statt zehn notwendigen nur zwei oder drei Helfer zur Verfügung stehen, dann müssen die halt schneller arbeiten. So bleibt dann alles, was über rein körperliche Hilfeleistungen oder Spritzen verabreichen hinausgeht, auf der Strecke.

Wo bleibt denn die christliche Grundhaltung bei den
kirchlichen Pflegeanbietern? Genau da, wo die Moral bei anderen auch bleibt: Hinter der Überlegung, wer die Leute bezahlen soll, zurück. Denn auch die Helfer von christlichen Anbietern wollen Geld für das, was sie tun, und das muss irgendwoher kommen. Wer pflegt denn schon ganz selbstlos und idealistisch fremde Leute, ohne dafür bezahlt zu werden? Mal ganz abgesehen davon, dass die Pfleger ja auch von irgendwas leben müssen. Wo bleibt denn heute noch das Ehrenamt? Wer macht denn noch was freiwillig, ohne Bezahlung und nur für den anderen, egal wie nötig der es hat? Das Problem liegt nicht allein bei den Anbietern, sondern auch bei denen, die dort arbeiten und denen, die diese Dienstleistungen in Empfang nehmen und möglichst wenig dafür bezahlen möchten.

Gruß

die Elbin

Interessiert doch Niemand
Hallo Knautsch,

es interessiert sich doch Niemand für die Pflege, oder die „praktische Nächstenliebe“, solange es ihn selbst nicht betrifft.
Der Mensch verdrängt unangenehme Dinge lieber - auch die Mehrheit der Christen hier, die sich lieber über die Theorie der Religionen unterhalten.

Die christlichen Kirchen haben jetzt selbst dazu aufgerufen, den Gürtel enger zu schnallen und Einschränkungen in der medizinischen Versorgung zu akzeptieren.
Es heisst, dass gespart werden muss und wenn gespart wird, dann betrifft Das doch zuerst, die in der praktischen Pflege tätigen Personen, mitsamt ihren meist alten und hilfsbedürftigen „Kunden“, weil dort Einsparungen über den Weg des geringsten Widerstandes möglich sind.

Von dem „christlichen“ im Pflegeleitbild der christlichen Pflegeanbieter wird bald garnix mehr übrigbleiben.

Gruß
vom haploid

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Hallihallo,

ich denke da sollte man mal unterscheiden zwischen „christlich“ und „christlich“, oder? Ich geb dir vollkommen recht, dass gerade die (christlichen) Kirchen eigentlich Vorbild sein sollten - was man sagt, sollte man auch leben (zumindest versuchen), doch egal ob Kirche oder Partei ist man vom eigentlichen Christentum weggekommen. Schließlich heißt (für mich) Christsein nicht Theorie sondern Praxis. Ob man das immer hinbekommt ist natürlich ne zweite Frage, aber zumindest sollte ich mir und den anderen ehrlich gegenüber sein. Und dazu zählt es eben nicht, dass man bestimmte Gruppen (sprich alte Menschen) beiseite schiebt. Ich gebe zu: was heute in die Gesundheit gesteckt wird, ist manchmal nicht normal - was heißt in die Gesundheit, ich würd eher sagen, was heute in die gesteckt wird, die sich um die Gesundheit kümmern (egal ob Ärzte oder Krankenkassenpaläste und -gehälter). Und da muss mal eine Änderung geschehen - auf der oberen Ebene und nicht wie immer ganz unten.

Gruß