Christliche Missionierung

"Die Geschichte einer Missionierung, wie sie sein soll … die beste Missionsgeschichte, die je erzählt wurde"

Zum Thema ‚Missionierung‘ Auszüge aus zwei Texten, von mir aus dem Englischen ins Deutsche übertragen.
Zunächst aus einem Artikel von Dr. John A. Sundquist, Executive Director, International Ministries, American Baptist Churches (Quelle: http://www.angelfire.com/mo/Nagaland/ABC.html). Der Artikel ist undatiert, stammt jedoch offensichtlich aus dem Jahr 1998 - das im Text erwähnte Jubiläum wurde im November 1997 gefeiert. Übrigens hielt der Präsident der Baptist World Alliance, Nilson Fanini, der zu der Veranstaltung eingeladen hatte, dort eine Rede, in der er forderte, die Baptisten sollten bis zum Jahr 2000 „die frohe Botschaft von Jesus Christus teilen“ und die Anzahl ihrer Kirchen und Mitglieder bis zum Jahr 2000 verdoppeln (Quelle: BPNews vom 10.12.1997).

_"Liebe Brüder und Schwestern in Christus:
Wir brauchen eure Hilfe. Viele von euch kennen vielleicht die Geschichte des Volkes der Naga, frühere Kopfjäger, die durch die Anstrengungen amerikanischer baptistischer Missionare zu einem Staat geworden sind, der stolz auf eine zu 90 Prozent christliche Bevölkerung ist - wobei 90 Prozent dieser Christen sich als Baptisten bezeichnen. … Vergangenen November war ich zusammen mit einer Delegation amerikanischer Baptisten anwesend, um das 125-jährige Jubiläum zu feiern, seit E.W.Clark, unser erster Missionar im Nagaland, dem Nagavolk das Evangelium brachte…

Nagaland ist die Geschichte einer Missionierung, wie sie sein soll. … Alle Naga-Baptisten unterstützen ihre Priester selbst, verwalten sich selbst und setzen sich selbst für die Weiterverbreitung ein - dafür, das Evangelium dem ganzen Nagaland zu bringen. Tatsächlich wurden bei der 125-Jahr-Feier 125 neue Missionare/Evangelisten von den Nagas beauftragt. Ich bewundere die baptistische Kirche des Nagalandes, wo wir unsererseits darum kämpfen (erfolgreich, dank Ihrer Unterstützung), 33 neue Missionare in einem Jahr zu ernennen.

All die Untergrundorganisationen werden von Christen geführt und bestehen aus Christen, vorwiegend Baptisten. Sie erheben den Anspruch, friedliche Maßnahmen anzuwenden, um Veränderungen zu bewirken und nur zur Selbstverteidigung Vergeltung zu üben. …

Zu verschiedenen Gelegenheiten habe ich persönlich die Führung jeder der Untergrundorganisationen getroffen und mit ihnen gebetet. Sie haben mich für spirituelle Führung und Beratung ausersehen, nicht wegen meiner Weisheit, sondern wegen ihres Respektes vor ihrer reichen Geschichte und ihren spirituellen Wurzeln in den American Baptist Churches. Es ist die beste Missionsgeschichte, die je erzählt wurde. …"_

Bei den nicht näher bezeichneten Untergundorganisationen handelt es sich offensichtlich um die Terrororganisationen NSCN-IM (National Socialist Council of Nagaland - Isak-Muivah) und die NSCN-K (National Socialist Council of Nagaland - Khaplang). Näheres zu diesen Organisationen - die sich nach bewährtem Muster vor allem über den internationalen Drogenhandel finanzieren und sich gelegentlich auch gegenseitig blutig bekämpfen - auf den Webseiten des South Asia Terrorism Portal:
http://www.satp.org/satporgtp/countries/india/states…
und
http://www.satp.org/satporgtp/countries/india/states…

Statt aus diesen Seiten zu übersetzen, möchte ich lieber aus einem Zeitungsartikel der Assam Tribune von gestern, dem 23.08.2004, zitieren (Quelle: http://www.assamtribune.com/aug2304/ne1.html). Die Assam Tribune ist eine der größten Tageszeitungen Indiens und durchaus kein Propagandablatt der Regierung, wie schon die Kritik am Vorgehen der Armee in dem zitierten Artikel zeigt.

_" Arunachals Buddhisten klagen über Bedrohung durch bewaffnete Aufständische

Guwahati, Indien - Die buddhistische Gemeinschaft der Region hat ihrer tiefen Besorgnis über die steigende Anzahl der Vorfälle von Bedrohung und Verfolgung buddhistischer Stammesangehöriger sowohl durch bewaffnete Aufständische wie durch die Sicherheitskräfte in abgelegenen Regionen Arunachal Pradeshs Ausdruck gegeben. Die aufständischen Zwillingsorganisationen NSCN(IM) und NSCN(K) haben die Enteignung des Landes von Buddhisten und von Anhängern von Naturreligionen in den Dörfern der Rima Putak, Thikhak Putak, Motongsa und Longchong im Tirap - Changlang - Distrikt von Arunachal Pradesh gefordert und einen Beschluss veröffentlicht, der ihre Bekehrung zum Christentum verlangt.

Die militanten Organisationen haben die Dorfbewohner vor die Wahl gestellt - Annahme des Christentums oder Hinrichtung. Mit dem Tod vor den Augen sind die meisten der Erwachsenen aus den Dörfern geflohen um dem Terror von beiden Seiten zu entgehen, was zum Stillstand landwirtschaftlicher Tätigkeiten geführt hat."_

Immer wieder dieselbe alte Geschichte - willst du nicht mein Bruder sein, dann schlag ich dir den Schädel ein.

Freundliche Grüße,
Ralf

Und? Frage? Diskussionsanregung? (mG & owT)
.

Hallo Renée,
also wem da nicht von selbst das eine oder andere fragwürdig erscheint, dem ist nach meiner bescheidenen Meinung auch mit einer expliziten Frage nicht zu helfen.

Aber nimm’s meinetwegen als Fortsetzung des Threads ‚Buddhismus / Missionstätigkeit‘ etwas weiter unten und als Illustration für Andreas’ und meine Einlassung, dass man unter ‚Missionstätigkeit‘ sehr unterschiedliche Dinge verstehen kann. Oder was der dort von mir zitierte Klaus-Josef Notz damit gemeint haben könnte:
„Vor allem in den asiat. Kolonien europ. Länder erscheint M. als geistige und religiöse Fortsetzung kolonialer Herrschaft.“

Freundliche Grüße,
Ralf

Hallo Ralf,

Renée,

*örks* Renee, ohne Accent, wenn ich bitten darf. :wink:

also wem da nicht von selbst das eine oder andere fragwürdig
erscheint, dem ist nach meiner bescheidenen Meinung auch mit
einer expliziten Frage nicht zu helfen.

Och… Da ist mir so einiges aufgefallen… Meine Frage tendierte eher in die Richtung in welche Richtung Du möchtest.

Aber nimm’s meinetwegen als Fortsetzung des Threads
‚Buddhismus / Missionstätigkeit‘ etwas weiter unten und als
Illustration für Andreas’ und meine Einlassung, dass man unter
‚Missionstätigkeit‘ sehr unterschiedliche Dinge
verstehen kann.

Sorry, aber seit wann missionieren Buddhisten? Na, ich gehe jetzt erst einmal den von Dir erwähnten Thread lesen.

Grüße

Renee

Hallo,
so ganz ohne Diskussionsanregung scheint es wohl doch nicht zu gehen - falls überhaupt …

Also: ich meine da ein deutliches Muster wahrzunehmen, diese „beste Missionsgeschichte, die je erzählt wurde“ erinnert zumindest mich in ihren Auswirkungen fatal an historische Missionierungen - etwa die blutige Missionierung Europas im frühen Mittelalter (Sachsen, Slawen, Balten …) oder die des heutigen Lateinamerika in der beginnenden Neuzeit. Es ist jedenfalls keine neue Geschichte. Enteignung und Vertreibung jener, die sich über die „frohe Botschaft“ nicht zufriedenstellend freuen mögen und in letzter Konsequenz Ermordung der dauerhaft Unbelehrbaren.

Es ist schon außergewöhnlich, dass in dieser gerade auch an religiös inspirierten Terrorgruppen nicht gerade armen Welt eine terrorisierte Bevölkerung zur Annahme eines religösen Bekenntnisses gezwungen werden soll. Christliche Terrorgruppen sind heute allerdings auch eine Seltenheit … Zum einen scheint mir diese brutale Intoleranz ihre Wurzeln im Ausschließlichkeitsanspruch des Christentums zu haben („keiner kommt zum Herrn denn durch mich“), zum anderen im Missionierungsgebot („Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker“). Nun ist beides für sich genommen nicht unbedingt einzigartig. Einzigartig scheint mir jedoch die Kombination von beidem - in anderen Religionen ist der Ausschließlichkeitsanspruch in der Regel mit Elitedenken, mit dem Konzept des ‚Auserwähltseins‘ verbunden. Das Christentum scheint mir dagegen in seiner behaupteten Universalität und im Willen, diese durchzusetzen, maßlos. Im Denken wie im Handeln; religiöse „Bekehrung“ mit dem Mittel der Bedrohung von Leib und Leben scheint mir - religionsgeschichtlich gesehen - weitgehend eine christliche Spezialität zu sein.

Dies hieße, dass christliche religöse Intoleranz nicht ein historisches, durch Fremdursachen bedingtes (und mittlerweile bewältigtes) Problem ist, sondern dass ihre Ursache in der Doktrin des Christentums selbst liegt und nach wie vor virulent ist. Die Duldsamkeit, mit der sich die christlichen Kirchen heute schmücken, beruht dann folgerichtig nicht auf einem aus der Erkenntnis historischer Verfehlungen gespeisten Lernprozess, sondern sie wäre lediglich darauf zurückzuführen, dass die säkuläre Gesellschaft gelernt hat, ihre Zumutungen und Übergriffe abzuwehren und in Schranken zu halten - das schwer errungene Erbe der Aufklärung. So mag es zu erklären sein, wenn in abgelegenen Regionen mit schwacher staatlicher Autorität noch heute christliche Fundamentalisten in altbewährter Manier mit Feuer und Schwert „missionieren“ - einfach, weil sie niemand daran hindert, um es provokant auf den Punkt zu bringen. Das Beunruhigende daran ist, dass - obigem Gedankengang folgend - auch in der westlichen Gesellschaft der Keim religiöser Intoleranz nach wie vor vorhanden ist. Und dass eine Intoleranz des Denkens bei entsprechend günstiger Gelegenheit in intolerantes Handeln - sprich: Gewalt gegen Andersdenkende - umschlägt, ist eine Binsenweisheit.

Freundliche Grüße,
Ralf

„deine Hand wird siegen wider alle deine Widerwärtigen, daß alle deine Feinde müssen ausgerottet werden. Zur selbigen Zeit, spricht der HErr, will ich deine Rosse von dir tun und deine Wagen umbringen; und will die Städte deines Landes ausrotten und alle deine Festen
zerbrechen; und will die Zauberer bei dir ausrotten, daß keine Zeichendeuter bei dir bleiben sollen. Ich will deine Bilder und Götzen von dir ausrotten, dass du nicht mehr sollst anbeten deiner Hände Werk, und will deine Haine zerbrechen und deine Städte vertilgen. Und ich will Rache üben mit Grimm und Zorn an allen Heiden, so nicht gehorchen wollen.“

Hallo Ralf,

zur „besten Missionsgeschichte, die je erzählt wurde“ will ich im Einzelnen keine Stellung nehmen. Sie ist zweifellos ein Extrem, das Gott sei Dank selten ist. Wenn ich dann allerdings höre, dass in Amerika Ärzte von Abtreibungskliniken ermordet wurden, Bush einen Krieg „im Auftrag Gottes“ führt, habe ich Angst, dass sich die dahinter stehende Denkweise ausweiten könnte.

… etwa die blutige Missionierung … des
heutigen Lateinamerika in der beginnenden Neuzeit.

1992 zur 500-Jahr-Feier der Entdeckung Amerikas sagten katholische Bischöfe, dass „es ein Segen sei, das dieser Kontinent nicht den Heiden überlssen wurde“ (sinngemäß). Leider habe ich das nur einmal im Fernsehen oder Radio gehört. Vielleicht kann mir das jemand bestätigen.

… religiöse „Bekehrung“ mit
dem Mittel der Bedrohung von Leib und Leben scheint mir … weitgehend eine christliche Spezialität zu sein.

Im osmanisch beherrschten Raum des Balkans haben nahezu alle Christen überlebt und auch recht gut gelebt. Im maurisch beherrschten Spanien haben alle Religionen weitgehend friedlich zusammengelebt. Nach der Reconquista gab es ziemlich schnell nur noch Christen dort …

Die Duldsamkeit, mit der sich die christlichen
Kirchen heute schmücken, beruht dann folgerichtig nicht auf
einem aus der Erkenntnis historischer Verfehlungen gespeisten
Lernprozess, …

Warum sollte ein Lernprozess stattfinden, man hat doch seit Jahrtausenden die Wahrheit! Zugespitzt sage ich immer: „Nach Ausschwitz bleibt auch gar nichts anderes mehr übrig als Toleranz“.

Gruß, Stucki

Hallo,

Es ist
jedenfalls keine neue Geschichte. Enteignung und Vertreibung
jener, die sich über die „frohe Botschaft“ nicht
zufriedenstellend freuen mögen und in letzter Konsequenz
Ermordung der dauerhaft Unbelehrbaren.

Am Ende stand Ausschwitz - aber das wird ja den Nordischen Religionen angehängt.

Es ist schon außergewöhnlich, dass in dieser gerade auch an
religiös inspirierten Terrorgruppen nicht gerade armen Welt
eine terrorisierte Bevölkerung zur Annahme eines religösen
Bekenntnisses gezwungen werden soll. Christliche Terrorgruppen
sind heute allerdings auch eine Seltenheit …

IRA, UDA, KKK - so selten sind die gar nicht, die werden nur ausgeblendet. Im Grunde wird die US Army im Augenblick als Kreuzfahrerarmee missbraucht. Es gibt eine gute TV Serie über die Kreuzzüge, da wird gezeigt warum dem Islam gar nichts anderes übrigblieb als genauso radikal wie die Christen vorzugehen. Der Islam war ja eigenlich eine viel offenere Religion. Das wir heute noch Bücher von den alten Griechen haben, ist zum grossen Teil dem Islam zu verdanken.

Im Denken wie im Handeln; religiöse „Bekehrung“ mit
dem Mittel der Bedrohung von Leib und Leben scheint mir -
religionsgeschichtlich gesehen - weitgehend eine christliche
Spezialität zu sein.

Gibt es noch eine andere Religion die Sprüche wie „Tötet sie alle, Gott wird die Seinigen erkennen!“ hervorgebracht hat?
Mir fällt nur „Wenn du Buddha triffst, töte ihn.“ ein, aber das hat ja eine ganz andere Bedeutung.

Dies hieße, dass christliche religöse Intoleranz nicht ein
historisches, durch Fremdursachen bedingtes (und mittlerweile
bewältigtes) Problem ist, sondern dass ihre Ursache in der
Doktrin des Christentums selbst liegt und nach wie vor
virulent ist.

Ja sicher, siehe Polen - die wollen unbedingt einen Bezug zum Christentum in die EU Verfassung. Oder etwas weniger friedlich, Bayern nach dem Kruzifix Urteil. Da scheint diese Intoleranz sehr deutlich durch.

Die Duldsamkeit, mit der sich die christlichen
Kirchen heute schmücken, beruht dann folgerichtig nicht auf
einem aus der Erkenntnis historischer Verfehlungen gespeisten
Lernprozess, sondern sie wäre lediglich darauf zurückzuführen,
dass die säkuläre Gesellschaft gelernt hat, ihre Zumutungen
und Übergriffe abzuwehren und in Schranken zu halten - das
schwer errungene Erbe der Aufklärung.

Ja so gesehen war die Spaltung der Kirche das beste was Europa passieren konnte. Seit dem 30jährigen Krieg ist der Einfluss und die Macht der Kirchen immer mehr zurück gedrängt worden.

So mag es zu erklären
sein, wenn in abgelegenen Regionen mit schwacher staatlicher
Autorität noch heute christliche Fundamentalisten in
altbewährter Manier mit Feuer und Schwert „missionieren“ -
einfach, weil sie niemand daran hindert, um es provokant auf
den Punkt zu bringen.

Sehe ich nicht ganz so, Serbien wurde ja auch nicht unterstützt. Also entweder die Gegend ist am ende der Welt oder es gibt andere Gründe warum man die weitermachen lässt.

Das Beunruhigende daran ist, dass -
obigem Gedankengang folgend - auch in der westlichen
Gesellschaft der Keim religiöser Intoleranz nach wie vor
vorhanden ist. Und dass eine Intoleranz des Denkens bei
entsprechend günstiger Gelegenheit in intolerantes Handeln -
sprich: Gewalt gegen Andersdenkende - umschlägt, ist eine
Binsenweisheit.

Im Irak läuft gerade ein Kreuzzug, Gott persönlich hat Bush befohlen da einzumaschieren. Die Baptisten sind da im Augenblick auch sehr aktiv.

Gruss Jan

Hallo,

ich rede vom frühen Islam, da hatten die Wissenschaften viel mehr Freiheiten als im Christentum. Bücher die von Christen verbrannt wurden haben da überlebt. Letztenlich ist es nicht die Religion an sich, sondern die weltliche Organisation von der die Radikalität ausgeht. Ob das nun wie früher der Pabst oder heute irgendein Imam ist spielt keine Rolle. Der Islam war für seine Zeit fortschrittlich, genau wie das Christentum früher einmal fortschrittlich war. Das ist vorbei, Staat und Religion sollten heute strikt getrennt werden. Einer Islamisch Sozialen Union würde ich genauso kritisch gegenüberstehen wie der Christlich Sozialen Union.

Das Bush so dumm ist sich selber als Kreuzfahrer hinzustellen, dafür kann ich nichts. Er ist ein christlicher Fundamentalist, das ist Fakt. Das hat er auch selbst immer gesagt.

Gruss Jan

ich rede vom frühen Islam, da hatten die Wissenschaften viel
mehr Freiheiten als im Christentum. Bücher die von Christen
verbrannt wurden haben da überlebt. Letztenlich ist es nicht
die Religion an sich, sondern die weltliche Organisation von
der die Radikalität ausgeht. Ob das nun wie früher der Pabst
oder heute irgendein Imam ist spielt keine Rolle. Der Islam
war für seine Zeit fortschrittlich, genau wie das Christentum
früher einmal fortschrittlich war. Das ist vorbei, Staat und
Religion sollten heute strikt getrennt werden. Einer Islamisch
Sozialen Union würde ich genauso kritisch gegenüberstehen wie
der Christlich Sozialen Union.

dem stimme ich absolut zu! es gab eine hochblüte des islams und überhaupt der arabischen welt. sie war geradezu fortschrittlich und ein „hort“ der besten wissenschafter der damaligen zeit.

ich dachte du sprichst von heute! tut mir leid, habe das in den falschen hals bekommen.

Das Bush so dumm ist sich selber als Kreuzfahrer hinzustellen,
dafür kann ich nichts. Er ist ein christlicher Fundamentalist,
das ist Fakt. Das hat er auch selbst immer gesagt.

fundamentalist heißt nichts anderes, daß er (tut er das überhaupt?) nur auf die fundamentalen grundlagen seiner religion bezieht. das sei bush unbenommen und mir auch egal. ich habe totzdem nicht den eindruck, daß die kriege amerikas irgendwas mit der verbreitung des christlichen glaubens zu tun haben. die westliche lebensart soll verbreitet werden, das steht außer zweifel! aber das wohl nicht ohne „hintergedanken“: die welt wäre friedlicher für „uns westler“, wenn auch „die anderen“ demokratisch werden würden. das steckt unzweifelbar dahinter und nicht menschenfreundlichkeit. (menschenfreundlichkeit steht selten hinter politik :wink:

gruß
datafox

Hallo,

Ja so gesehen war die Spaltung der Kirche das beste was Europa
passieren konnte.

Das sehen einige Historiker ziemlich anders: Die Spaltung der Kirche hat u.a. „Deutschland glatt in zwei Teile zerschlagen“ (H.A. Winkler, „Der lange Weg nach Westen“, ein sehr empfehlenswertes Buch!).

  1. Den 30jährigen Krieg würde ich nicht so verharmlosen wie du es tust, dabei wurden immerhin ganze Landstriche Ds entvölkert und verwüstet.
  2. Letztendlich liegen darin auch die Wurzeln für das, was im 19. und 20. Jhdt. an Kriegen geschehen ist: Bismarck war ein Katholikenhasser, er wollte ums Verrecken keine Vereinigung mit dem katholischen Habsburg, hat Deutschland im erzkonservativen, protestantischen Preußen („ostelbisches Junkertum“) aufgehen lassen (wohlgemerkt: D in Preussen, nicht umgekehrt!). Daran hängt dann irgendwie auch das, was folgte. Ich will damit die Katastrophen des 20. Jhdts. auf keinen Fall Bismarck oder den Reformatoren in die Schuhe schieben, aber es gibt da für mich schon Ursachen, die den Lauf der Geschichte, so wie er dann war, wahrscheinlicher gemacht haben.

Auch Nordirland ist ein typischer Religionskrieg zwischen den Konfessionen. Aber ich gerate langsam off topic.

Gruß, Stucki

Hallo,

Ja so gesehen war die Spaltung der Kirche das beste was Europa
passieren konnte.

Das sehen einige Historiker ziemlich anders: Die Spaltung der
Kirche hat u.a. „Deutschland glatt in zwei Teile zerschlagen“
(H.A. Winkler, „Der lange Weg nach Westen“, ein sehr
empfehlenswertes Buch!).

Das Buch werde ich mir mal vormerken.

  1. Den 30jährigen Krieg würde ich nicht so verharmlosen wie du
    es tust, dabei wurden immerhin ganze Landstriche Ds entvölkert
    und verwüstet.

Damit hast du natürlich recht. Da fällt mir ein das ich den Simplizissimus mal wieder lesen sollte.

  1. Letztendlich liegen darin auch die Wurzeln für das, was im
  2. und 20. Jhdt. an Kriegen geschehen ist: Bismarck war ein
    Katholikenhasser, er wollte ums Verrecken keine Vereinigung
    mit dem katholischen Habsburg,

Gab es Pläne für eine Vereinigung? In der Zeit kenn ich mich nicht so gut aus.

hat Deutschland im
erzkonservativen, protestantischen Preußen („ostelbisches
Junkertum“) aufgehen lassen (wohlgemerkt: D in Preussen, nicht
umgekehrt!). Daran hängt dann irgendwie auch das, was folgte.

Das geht ja bis zu Adenauer und seiner Rheinrepublik.

Auch Nordirland ist ein typischer Religionskrieg zwischen den
Konfessionen. Aber ich gerate langsam off topic.

Ich lebe in einer Gegend wo Katholiken und Evangelen seit Jahrhunderten relativ friedlich zusammen leben. Das zeigt immerhin das es auch anders geht.

Gruss Jan

Hallo,

Das Buch werde ich mir mal vormerken.

Heinrich August Winkler, „Der lange Weg nach Westen“, zwei Bände, ISBN 3 406 46003 8, C.H.Beck 2000. Es beschreibt die Geschichte Ds „vom Untergang des alten Reiches“ (Heil. Röm. Reich) bis heute - natürlich mit Betrachtung der Vorgeschichte im Mittelalter und der Herausformung der Staaten. Winkler lehrt Geschichte an der Humboldt-Uni seit 1991. Ein hochgelobtes Werk, sehr dicht geschrieben, viele Fakten, ich habe es drei Jahre und bin bei Weitem noch nicht durch … Sehr anschaulich und interessant geschrieben.

  1. Letztendlich liegen darin auch die Wurzeln für das, was im
  2. und 20. Jhdt. an Kriegen geschehen ist: Bismarck war ein
    Katholikenhasser, er wollte ums Verrecken keine Vereinigung
    mit dem katholischen Habsburg,

Gab es Pläne für eine Vereinigung? In der Zeit kenn ich mich
nicht so gut aus.

Auch hier beziehe ich mich auf Winkler, mit ein bisschen Vorbehalt insofern, als dass die Geschichte sehr kompliziert ist, sehr viele Einflüsse verschiedenster Gruppierungen und Ereignisse hat. In Kürze habe ich es so verstanden:
Bismarck war ursprünglich gar nicht für ein einiges D. Als er aber merkte, dass es nicht mehr zu verhindern war, hat er sich an die Spitze der Bewegung gesetzt (und hat dafür auch drei Kriege vom Zaun gebrochen) und strikt auf die kleindeutsche Einigung hingearbeitet - was denn ja in der Folge immer wieder beklagt wurde. Habsburg wollte er unbedingt raus halten - eben wg. des Katholizismus. Wohl auch, weil er befürchtete, dass D dann zu groß und mächtig wird und die anderen europäischen Mächte auf den Plan rufen würde. Aber das gehört ins Geschichtsbrett.

Das geht ja bis zu Adenauer und seiner Rheinrepublik.

Erinnere dich nur an die Diskussionen um Bonn oder Berlin als Hauptstadt …
Aber das hat natürlich wieder Gründe in der von Adenauer unbedingt gewollten Westbindung.

Ich lebe in einer Gegend wo Katholiken und Evangelen seit
Jahrhunderten relativ friedlich zusammen leben. Das zeigt
immerhin das es auch anders geht.

Klar geht das! Aber auf der unteren Ebene gibt es genug Sticheleien: Meine Frau hat lange im Rheinland gelebt und den Kleinkrieg zwischen den Konfessionen erlebt, z.B. wenn während eines Konfirmationsgottesdienstes nebenan die Glocken ohrenbetäubend läuten …

Gruss, Stucki

Hallo,

so ganz ohne Diskussionsanregung scheint es wohl doch nicht zu
gehen - falls überhaupt …

nu ja, ich habe so etwas befürchtet und bin mir nicht sicher, ob die Antwort lohnt.
Deine Aussagen zeugen von einer erstaunlichen Bereitschaft, ein pauschales und undifferenziertes Urteil zu provozieren, daß es mich schon erstaunt, denn gleichzeitig steht es doch gegen eine intolerante Haltung Andersdenkender?! Ist Deine Aussage nicht derart dogmatisch und ideologisch formuliert, daß ich, die ich Dein Urteil so nicht nachvollziehen kann, befürchten muß, auf taube Ohren zu stoßen, weil fundamentalistisch (!) an einer einmal gefundenen Meinung festzuhalten?
Zumindest denke ich schon, daß die Art Deiner Diskussionsanregung von einer gewissen Intoleranz zeugt, aber vielleicht irre ich mich ja auch.

scheint mir diese brutale Intoleranz ihre Wurzeln im
Ausschließlichkeitsanspruch des Christentums zu haben („keiner
kommt zum Herrn denn durch mich“), zum anderen im
Missionierungsgebot („Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel
und auf Erden. Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker“).

Nein: brutale Intolerant kann eigentlich auch nicht den geringsten Anschein haben, ihre Wurzeln im Christentum zu haben: Ich halte es eigentlich für müßig, darauf hinzuweisen, daß Intoleranz (wobei wir angesichts dieses recht modernen Wortes historisch vorsichtig sein sollten) wohl ein allgemein menschliches Phänomen sind. Länder sind erobert worden, Ideologien verbreitet und das immer mit brutalen Mitteln.
Ja: Es gibt einen Christlichen Absolutheitsanspruch. Der ist aber erst einmal „innerideologisch“: Es gibt nur einen Gott. Der Missionsbefehl, auf den Du anspielst,setzt übrigens vor die Taufe (=Jünger machen) die Lehre. Ich habe in diesem Forum gelernt, daß der Buddhismus nicht missioniere, sondern seine lehre anbiete. Warum? Sicherlich, weil man sie für hilfreich hält. Grundsätzlich intendiert das NT nichts anderes. Das ist auch gegen christliche Fundamentalisten festzuhalten, sie können sicherlich Mission im Sinne von „Lehre“ darauf begründen, nicht aber Intoleranz, geschweige denn Mord. Gerade im frühen Christentum hat man daran festgehalten, auch nachdem man „Staatsreligion“ war, wenn auch, wie immer in der Geschichte, nicht alle und überall. Jedoch gibt es hier das Problem der Verquickung von Staat und Religion (ein römisches und vorchristliches Phänomen), bei dem das „orthodoxe“ Christentum ein innerweltlicher Machtfaktor war. Die Folgen sind hier bekannt.

Nun ist beides für sich genommen nicht unbedingt einzigartig.
Einzigartig scheint mir jedoch die Kombination von beidem - in
anderen Religionen ist der Ausschließlichkeitsanspruch in der
Regel mit Elitedenken, mit dem Konzept des ‚Auserwähltseins‘
verbunden. Das Christentum scheint mir dagegen in seiner
behaupteten Universalität und im Willen, diese durchzusetzen,
maßlos. Im Denken wie im Handeln; religiöse „Bekehrung“ mit
dem Mittel der Bedrohung von Leib und Leben scheint mir -
religionsgeschichtlich gesehen - weitgehend eine christliche
Spezialität zu sein.

Auch dieser Anschein ist falsch. Nordafrika war einst eine Hochburg eines uralten Christentums… Hast Du mal was von den Christenverfolgungen im Römischen Reich gehört? Dahinter stand das Denken einer Einheit von Kult und Herrschaft - ein Denken, was dann die Christen übernommen haben… aber „religionsgeschichtlich“ nun sicher nicht als erste… oder gar einzige!
Außerdem bin ich mir nicht sicher, welche Vorteile eine Religion hat, die ideologisch eine „Elite“ vorsieht… ein echtes Christentum, was von der Gleichheit aller MEnschen ausgeht, find ich da netter.

zum weiteren: Du sprichst als „dem Christentum“ ab, aus historischen Fehlentwicklungen gelernt zu haben.
Nun ja, grundsätzlich: Selbst die Aufklärung ist nicht ohne Grund im christlichen Europa entstanden. Auch hier sollte doch zumindest grundsätzlich die BEreitschaft vorliegen, zwischen dem Christentum als „Lehre“ und der Kirche zu differenzieren. Zudem ist es wohl recht schwierig, vom Christentum an sich zu sprechen. Wer sind das? Ich also auch - und ich gehe nur deswegen nicht mordend durch die Gegend, weil ich von der „säkularen Gesellschaft“ davon abgehalten werde??? Mir ist nicht aufgefallen, daß „säkulare“ Menschen friedliebender sind als Christen…

Das Beunruhigende daran ist, dass -
obigem Gedankengang folgend - auch in der westlichen
Gesellschaft der Keim religiöser Intoleranz nach wie vor
vorhanden ist. Und dass eine Intoleranz des Denkens bei
entsprechend günstiger Gelegenheit in intolerantes Handeln -
sprich: Gewalt gegen Andersdenkende - umschlägt, ist eine
Binsenweisheit.

Dem kann ich zustimmen.

"deine Hand wird siegen wider alle deine Widerwärtigen, daß

etc.
Es wäre fair, Du würdest auf die Quelle Deines Zitates (micha 5) hinweisen. Und was soll mir das Zitat sagen? Die meisten Christen halten sich auch nicht an diverse andere Ge- und Verbote des ATs, mir ist auch keine der großen Kirchen bekannt, die das verlangt:wink: Sollen wir uns jetzt hier zusammenhanglose, ohne Blick auf ihre Praxis, Zitate an den Kopf schmeißen? hat gewonnen, wer mehr findet? Oder stellen wir fest, daß das Christenum wie viele andere Religionen / Lehren / Philosophien immer von denen abhängt, in deren Hände es gerät?
Grüße,
Taju

1 „Gefällt mir“

Hallo Taju,

Deine Aussagen zeugen von einer erstaunlichen Bereitschaft,
ein pauschales und undifferenziertes Urteil zu provozieren,
daß es mich schon erstaunt, denn gleichzeitig steht es doch
gegen eine intolerante Haltung Andersdenkender?!

Von welchen Aussagen sprichst Du? In meinem Ausgangsposting hatte ich ja fast ausschließlich zitiert - einen baptistischen Würdenträger und einen Zeitungsartikel, der unkommentiert einige Fakten berichtete. Es waren also nicht *meine* Aussagen. Fakten sind häufig dazu geeignet, pauschale und undifferenzierte Urteile zu provozieren. Um dies zu vermeiden, kann darüber diskutiert werden.

Nun, nachdem sich niemand zu einem Kommentar bequemen wollte, habe ich zu den geschilderten Ereignissen eine These formuliert. Übrigens weitgehend in Konjunktiven, und relativierend auf meine subjektive Auffassung hinweisend („ich meine da…, scheint mir…“), wie man bei aufmerksamem Lesen leicht feststellen kann. Diese These sollte durchaus Widerspruch hervorrufen; das ist das Wesen einer Diskussion. Dass Du, statt auf die Fakten oder auf meine These einzugehen, die Diskussion mit einem persönlichen Angriff eröffnest, halte ich für kein gutes Vorzeichen.

Ist Deine Aussage nicht derart dogmatisch und ideologisch
formuliert, daß ich, die ich Dein Urteil so nicht nachvollziehen
kann, befürchten muß, auf taube Ohren zu stoßen, weil
fundamentalistisch (!) an einer einmal gefundenen Meinung
festzuhalten?

Du musst mein Urteil durchaus nicht nachvollziehen - woran ich interessiert war und bin, sind Stellungnahmen / Urteile von Christen. Wahlweise direkt zu den geschilderten Ereignissen, bevorzugt jedoch zur Problematik der Missionierung und des Anspruchs der Christen, alleine und ausschließlich über die wahre Lehre zu verfügen. Du brauchst nicht zu befürchten, bei mir auf taube Ohren zu stoßen - allerdings will ich auch nicht unbedingt von Dir bekehrt werden. Mir geht es darum, zu der angeschnittenen Thematik einen öffentlichen Diskurs zu führen.

Zumindest denke ich schon, daß die Art Deiner Diskussionsanregung
von einer gewissen Intoleranz zeugt, aber vielleicht irre ich mich
ja auch.

Wie schon oben gesagt - es zeugt nicht gerade von Bereitschaft zu einer sachlichen Diskussion, wenn man als erstes einmal dem Diskussionspartner vorsorglich Intoleranz unterstellt. Übrigens eine Erfahrung, die ich mit schöner Regelmäßigkeit mache, wenn es um Kritik an bestimmten Aspekten christlicher Lehre geht. Bevor es - wenn überhaupt - ans argumentieren geht, wird der *Gegner* häufig erst einmal als hasserfüllt, intolerant usw. moralisch disqualifiziert.

Meine „Art der Diskussionsanregung“ sollte durchaus provozierend sein und war bewusst zugespitzt formuliert. Dazu, was ich nun genau gesagt habe, später. Jedenfalls - der Diskurs, den ich angesprochen habe, darf mE durchaus kontrovers geführt werden, ohne dass man sich deswegen gleich den Vorwurf der Intoleranz zuziehen muss. Im Moment kann ich in Deinem Gegenvorwurf der Intoleranz nichts anderes sehen, als einen Ausweich- und Ablenkungsversuch.

O.k., kommen wir nach diesen ablenkenden Präliminarien zum eigentlichen Thema.

scheint mir diese brutale Intoleranz ihre Wurzeln im
Ausschließlichkeitsanspruch des Christentums zu haben („keiner
kommt zum Herrn denn durch mich“), zum anderen im
Missionierungsgebot („Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel
und auf Erden. Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker“).

Nein: brutale Intolerant kann eigentlich auch nicht den geringsten
Anschein haben, ihre Wurzeln im Christentum zu haben: Ich halte es
eigentlich für müßig, darauf hinzuweisen, daß Intoleranz (wobei wir
angesichts dieses recht modernen Wortes historisch vorsichtig sein
sollten) wohl ein allgemein menschliches Phänomen sind.

Nun, ich habe ja auch nicht behauptet, Intoleranz sei ein ausschließlich christliches Phänomen. Ich habe auch nicht Christen pauschal als intolerant denunziert; ich habe nicht einmal die christliche Lehre selbst als intolerant bezeichnet - wobei ich im Sinne einer ergebnisoffenen Diskussion auch diese Möglichkeit nicht grundsätzlich von vornherein ausschließen will. So radikal wollte ich meine These gar nicht formulieren.

Ich habe von christlicher religiöser Intoleranz gesprochen, deren Existenz historisch zur Genüge belegt ist. Also von Intoleranz, die von Christen ausgeübt und religiös begründet wurde oder wird. Ich habe dabei auf eine Abgrenzung zwischen schlichtem Glaubenseifer und der Missachtung der Autonomie Anderer verzichtet, sondern mich darauf beschränkt, zu konstatieren, dass es diese Missachtung gegeben hat und nach wie vor gibt und ich habe die These aufgestellt, dass diese spezifisch christliche Intoleranz ihre Wurzeln in der Verbindung von Absolutheitsanspruch und Missionierungsgebot hat.

Ich gestehe ja durchaus zu, dass man hier von einem Missbrauch sprechen könnte, da zumindest im neuen Testament nicht explizit zu Gewaltanwendung aufgefordert wird. Einen Zusammenhang jedoch gänzlich zu leugnen, wie Du es tust, erscheint mir doch etwas blauäugig. Der christliche Fundamentalist, der sich zur ‚Seelenrettung‘ moralisch zweifelhafter Mittel bedient, beruft sich in der Regel darauf, dass er im wohlverstandenen Interesse seines Opfers handelt, dass es ihm um seine Rettung, sein ‚Seelenheil‘ geht. Entsprechend tendieren seine weniger radikalen Mitbrüder und -schwestern häufig dazu, Übergriffe zu verharmlosen - da ist dann halt jemand übereifrig gewesen, hat zu viel des „Guten“ getan.

Länder sind erobert worden, Ideologien verbreitet und das immer
mit brutalen Mitteln.

Das ist richtig, wobei man durchaus differenzieren kann, welche Ideologien da brutaler vorgingen als andere. Aber eine Erklärung, warum das beim Christentum auch so war, ist das nicht - lediglich eine Relativierung. Entschuldigung - erinnert mich ein wenig an Kindergarten („die anderen haben aber auch …“). Es erscheint mir auch etwas leichtfertig, Intoleranz achselzuckend als etwas quasi Naturgegebenes abzutun. Wenn Intoleranz in einer spezifischen Situation auftritt, dann hat sie auch ihre spezifischen Ursachen und Bedingungen. Nach den Ursachen und Bedingungen spezifisch christlicher Intoleranz war gefragt, nicht nach denen anderer Ideologien. Ein kommunistischer Revolutionär wird sein Handeln anders begründen als ein KZ-Aufseher oder als ein christlicher Inquisitor. Mit ziemlicher Sicherheit sind ihre tiefsten psychologischen Antriebe dieselben (und vielleicht sogar die Überzeugung, der Menschheit einen Dienst zu erweisen); doch darum geht es mir nicht. Es geht mir um die Rationalisierung dieser Antriebe bei Christen - und meine These ist die, dass die christliche Lehre solche Rationalisierungen ohne Probleme hergibt.

Ja: Es gibt einen Christlichen Absolutheitsanspruch. Der ist aber
erst einmal „innerideologisch“: Es gibt nur einen Gott.

Und was es mit dem auf sich hat, was er will und was nicht, das wissen nur die Christen so ganz genau. Entschuldige den Sarkasmus, aber der Absolutheitsanspruch ist durchaus nicht nur „innerideologisch“ - jeder, der diesen Anspruch negiert, der außerhalb der christlichen Gemeinschaft steht und sich nicht retten lässt, ist verdammt. Und nicht nur das: nach christlichem Verständnis hat er Teil am Bösen schlechthin. Der Nicht-Christ ist nicht nur in den Klauen des Teufels, sofern er sich der Rettung durch Jesus Christus verweigert, tut er auch dessen Werke. Der Heide ist somit nicht nur wegen seiner ‚Gottesferne‘ zu bedauern, er ist moralisch verwerflich, böse. Solche Ansichten sind hervorragend dazu geeignet, Hemmschwellen abzubauen.

Der Missionsbefehl, auf den Du anspielst,setzt übrigens vor die
Taufe (=Jünger machen) die Lehre.

So eng darf man das wohl nicht sehen. Die meisten Christen werden in einem Alter getauft, wo sie mit der Lehre noch nicht viel anfangen Können.

Ich habe in diesem Forum gelernt, daß der Buddhismus nicht missioniere,
sondern seine lehre anbiete. Warum? Sicherlich, weil man sie für hilfreich
hält.

Da Du es ansprichst: ‚Buddhist‘ - um diesen griffigen westlichen Begriff zu benutzen - wird man durch Ordination. Ich kenne keinen buddhistischen Lehrer, der jemandem die dreifache Zufluchtnahme und die Sila (ethischen Gelübde) abnähme, ohne sich von seinem grundlegenden Verständnis der Lehre überzeugt zu haben. Und von seiner Volljährigkeit.

Grundsätzlich intendiert das NT nichts anderes. Das ist auch gegen
christliche Fundamentalisten festzuhalten, sie können sicherlich
Mission im Sinne von „Lehre“ darauf begründen, nicht aber Intoleranz,
geschweige denn Mord.

Nun, manche konnten und können es durchaus - wie weit dies berechtigt ist, ist eine andere Frage. Ich möchte meine These insofern zurücknehmen bzw. präzisieren, als Intoleranz nicht notwendig aus Absolutheitsanspruch und Missionsgebot folgen muss.

Gerade im frühen Christentum hat man daran festgehalten, auch nachdem
man „Staatsreligion“ war, wenn auch, wie immer in der Geschichte,
nicht alle und überall.

Ich kann hier nur wieder einmal die Lektüre von Karlheinz Deschners ‚Kriminalgeschichte des Christentums‘ empfehlen - vermutlich wieder einmal umsonst. Natürlich kann man die historischen Fakten auch woanders findern, nur nirgendwo so konzentriert. Wie ich ebenfalls in diesem Forum schon betont habe, stimme ich persönlich mit Deschners Thesen nur partiell überein, aber die Fülle des sauber recherchierten Materials macht die ‚Kriminalgeschichte‘ auf jeden Fall lesenswert. Kurz gesagt - ich empfehle sie als überaus aufschlussreiche Quellensammlung.

Nun ist beides für sich genommen nicht unbedingt einzigartig.
Einzigartig scheint mir jedoch die Kombination von beidem - in
anderen Religionen ist der Ausschließlichkeitsanspruch in der
Regel mit Elitedenken, mit dem Konzept des ‚Auserwähltseins‘
verbunden. Das Christentum scheint mir dagegen in seiner
behaupteten Universalität und im Willen, diese durchzusetzen,
maßlos. Im Denken wie im Handeln; religiöse „Bekehrung“ mit
dem Mittel der Bedrohung von Leib und Leben scheint mir -
religionsgeschichtlich gesehen - weitgehend eine christliche
Spezialität zu sein.

Auch dieser Anschein ist falsch. Nordafrika war einst eine Hochburg
eines uralten Christentums…

In der Tat ein sehr gutes Beispiel. Warum wurde gerade Nordafrika so schnell islamisiert (übrigens nicht ‚zwangsislamisiert‘) - wesentlich schneller und vollständiger als z.B. Ägypten? Nun, es gab zunächst die inner kirchliche Verfolgung von Häretikern, speziell vor allem Valentianern, Marcioniten und Donatisten, wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht. Nach der ‚Befreiung‘ von den relativ toleranten Vandalen kam die Verfolgung arianischer Christen hinzu. Bei der Bevölkerung Nordafrikas waren weder die Zentralgewalt in Konstantinopel noch die mit ihr verbündete ‚offizielle‘ Reichskirche sonderlich beliebt, als die islamische Eroberung kam - dazu hatte man zu viel Unterdrückung und Verfolgung erfahren. Von christlichen Glaubensbrüdern, wohlgemerkt - sehr viel mehr, als von den Muslimen.

Hast Du mal was von den Christenverfolgungen im Römischen Reich
gehört? Dahinter stand das Denken einer Einheit von Kult und
Herrschaft - ein Denken, was dann die Christen übernommen haben…

Genau … Nachdem man in der Verfolgungszeit religiöse Toleranz gefordert hatte, war die Lage, als man Staatsreligion geworden war, eine völlig andere …

aber „religionsgeschichtlich“ nun sicher nicht als erste…
oder gar einzige!

Ein wenig sollte man da doch differenzieren, man läuft sonst Gefahr, Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Der römische Staatskult war nicht missionierend und auch nicht grundsätzlich religiös intolerant - er kollidierte allerdings in wesentlichen Punkten mit jüdischen und christlichen Grundsätzen. Zwar wurden gelegentlich fremdländische Kulte aus Rom (nicht aus dem Imperium!) verbannt, allerdings kaum noch in der Kaiserzeit. Christen wurden verfolgt, weil sie sich weigerten, an den Riten des römischen Staats- und Kaiserkultes teilzunehmen und deshalb als illoyal galten. Im Imperium war Religion teils eine öffentliche Angelegenheit, teils Privatsache. Die private Religiosität, der persönliche Glaube, interessierte den Staat nicht, so lange man den öffentlichen religiösen Pflichten nachkam - und häufig (zwischen den Verfolgungen) gab es für Juden und Christen Ausnahmeregelungen. So viel Respekt vor dem privaten Bereich hatte das Christentum nach seinem ‚Sieg‘ nur selten.

Ich will damit nicht die antiken Christenverfolgungen verharmlosen oder gar entschuldigen, aber doch verdeutlichen, dass die antike ‚Intoleranz‘ einen weniger religiösen als politischen, jedenfalls keinen grundsätzlichen Charakter hatte. Einen leisen Nachhall dieses antiken ‚Staatskultes‘ haben wir übrigens heute noch, wenn unsere Politiker und Beamten auf das Grundgesetz vereidigt werden …

Außerdem bin ich mir nicht sicher, welche Vorteile eine Religion
hat, die ideologisch eine „Elite“ vorsieht… ein echtes Christentum,
was von der Gleichheit aller MEnschen ausgeht, find ich da netter.

Es ging ja nicht um Vor- oder Nachteile (und nicht jeder findet Gleichheit erstrebenswert). In dem von mir genannten Sinn ist z.B. das Judentum eine elitäre Religion. Der Islam war es zumindest in seinen Anfängen; die Religion einer Kriegerkaste, die den Unterworfenen eine zumindest partielle Toleranz im Koran garantierte. Ein Hirte zieht es nun einmal vor, seine Kühe zu melken und seine Schafe zu scheren, statt sie zu schlachten … Bezeichnenderweise hat der Islam im Zuge der Entwicklung zu einer Universalreligion hin einiges von seiner traditionellen Toleranz verloren.

zum weiteren: Du sprichst als „dem Christentum“ ab, aus historischen
Fehlentwicklungen gelernt zu haben.

Zur Erinnerung - ich habe dies als zu diskutierende These in den Raum gestellt: „Das hieße … sie wäre …“ und da nicht einfach schlichtweg etwas abgesprochen.

Nun ja, grundsätzlich: Selbst die Aufklärung ist nicht ohne Grund
im christlichen Europa entstanden. Auch hier sollte doch zumindest
grundsätzlich die BEreitschaft vorliegen, zwischen dem Christentum
als „Lehre“ und der Kirche zu differenzieren.

Das tue ich ja - ich greife speziell den Absolutheitsanspruch und das Missionsgebot auf - und bezeichne diese nicht an sich als intolerant, sondern als die Wurzel christlich-religiös inspirierter Intoleranz - s.o. Von ‚Kirche‘ (im Sinne der Institution) war gar nicht die Rede.

Zudem ist es wohl recht schwierig, vom Christentum an sich zu
sprechen. Wer sind das?

Das müsste ein Christ doch besser beantworten können als ich. Christen sind Menschen, die sich auf Jesus Christus als ihren Erlöser berufen - ich vermute mal, eine solche Antwort sollte jeden Christen zufriedenstellen.

Ich also auch - und ich gehe nur deswegen
nicht mordend durch die Gegend, weil ich von der „säkularen
Gesellschaft“ davon abgehalten werde???

Auch hier noch einmal zur Erinnerung - ich habe nicht Christen pauschal als intolerant bezeichnet. Unbestreitbar aber ist ein großer Teil der Geschichte des Christentums von religiöser Intoleranz geprägt. Es geht mir in diesem Thread um die Ursachen dieser Intoleranz, s.o.

Die Zeitspanne, in der sich das Christentum (als Ideologie) in Europa vergleichsweise tolerant gezeigt hat, ist verhältnismäßig kurz und der Zusammenhang mit der Aufklärung sowie der Entstehung einer bürgerlichen Gesellschaft und des modernen Staates kaum zu übersehen.

Mir ist nicht aufgefallen,
daß „säkulare“ Menschen friedliebender sind als Christen…

Umgekehrt wird allerdings seltsamerweise auch kein Schuh draus …

"deine Hand wird siegen wider alle deine Widerwärtigen, daß

etc.
Es wäre fair, Du würdest auf die Quelle Deines Zitates (micha 5)
hinweisen.

Äääh - versteh ich jetzt nicht so ganz. Inwiefern wäre es „fairer“ gewesen, wenn ich hinter das Zitat ‚Micha 5‘ gesetzt hätte? Ich denke, auch einem weniger Kundigen war auf Anhieb klar, dass das ein Bibelzitat ist. Und wenn nicht, hätte er mit ‚Micha 5‘ wohl auch nicht viel anfangen können. Wer die genaue Fundstelle wissen möchte, braucht eigentlich nur „deine Hand wird siegen“ in Google eingeben und hat prompt die genaue Fundstelle. Aber das braucht man wohl niemandem hier erklären …

Und was soll mir das Zitat sagen?
Die meisten Christen halten sich auch nicht an diverse andere
Ge- und Verbote des ATs, mir ist auch keine der großen Kirchen
bekannt, die das verlangt:wink: Sollen wir uns jetzt hier
zusammenhanglose, ohne Blick auf ihre Praxis, Zitate an den Kopf
schmeißen? hat gewonnen, wer mehr findet?

Nun, ich vermag da durchaus einen Zusammenhang mit meinem Ausgangsposting zu sehen.

Oder stellen wir fest, daß das Christenum wie viele andere
Religionen / Lehren / Philosophien immer von denen abhängt,
in deren Hände es gerät?

Das können wir meinetwegen gerne feststellen. Nur: wer aus der Geschichte nicht lernt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.

Freundliche Grüße,
Ralf

Hallo Ralf,
zunächst Danke für Deine ausführliche Antwort.
Dann zu Deschner: Natürlich kenne ich ihn, ich bin Kirchenhistorikerin, da sollte man ihn kennen. Jedoch nicht aufgrund des wissenschaftlichen Wertes seines Werkes, sondern, weil man nun ständig und immer darauf angesprochen wird.
Deschners Arbeiten sind historisch wertlos. Sie mögen gegenüber manchen schönfärberischen Ansichten der christlichen Kirche einen gewissen Wert haben, aber zitierfähig ist er nicht.

  1. Er benutzt keine Originalquellen, sondern schreibt ab. Z.B. zitiert er gerne Kirchenhistoriker aus dem 19./Anf. 20. Jh., die ja durchaus eine andere, ebenso selektive Herangehensweise bevorzugten, um damit eine Quelle zu beschreiben - natürlich dann negativ.
  2. Grundsätzlich verschweigt er alles, was gegen seine Thesen spricht - eine echte Auseinandersetzung mit Quellen findet nicht statt.
  3. Er tut so, als ob er der Einzige wäre, dem aufgefallen ist, daß die Geschichte des Christentums als „Kriminalgeschichte“ beschrieben worden wäre.
    Von Deschners überzeugten Lesern kommt jetzt, daß ich natürlich dagegen sein müßte, weil ich ja Kirchenhistorikern (sprich: auch Theologin bin). Nun, Kirchenhistorikerin und Theologin zu sein hat im Wissenschaftsbetrieb einen Vorteil: Man hat schon im Studium gelernt, seine Voraussetzungen zu reflektieren.
    Wie auch immer, ich empfehle seriösere Lektüre, es hilft niemanden, historische Verfehlungen zu erkennen, aber ihre Ursachen undifferenziert zu benennen - wer sollte dann daraus lernen?

Dass Du, statt auf die Fakten oder auf meine These einzugehen,
die Diskussion mit einem persönlichen Angriff eröffnest, halte
ich für kein gutes Vorzeichen.

Nun ja, ich hoffe, es ist klar geworden, daß ich mich zwar nicht des Konjunktivs, aber dafür Fragezeichen bedient habe.

wahre Lehre zu verfügen. Du brauchst nicht zu befürchten, bei
mir auf taube Ohren zu stoßen - allerdings will ich auch nicht
unbedingt von Dir bekehrt werden. Mir geht es darum, zu der
angeschnittenen Thematik einen öffentlichen Diskurs zu führen.

Bekehrung ist nicht meine Sache:wink: Aber als Kirchenhistorikerin bin ich an der Mission zur Fähigkeit historischen Denkens interessiert:wink: Übrigens sowohl gegen „christlich“-fundamentalistisch motivierte Schönfärberei als auch gegen ekklesiophobische Geschichtsklitterung…

Wie schon oben gesagt - es zeugt nicht gerade von Bereitschaft
zu einer sachlichen Diskussion, wenn man als erstes einmal dem
Diskussionspartner vorsorglich Intoleranz unterstellt.
Übrigens eine Erfahrung, die ich mit schöner Regelmäßigkeit
mache, wenn es um Kritik an bestimmten Aspekten christlicher
Lehre geht. Bevor es - wenn überhaupt - ans argumentieren
geht, wird der *Gegner* häufig erst einmal als hasserfüllt,
intolerant usw. moralisch disqualifiziert.

Möchte nochmal auf meine Fragezeichen hinweisen. Ich habe keine Probleme mit Kritik am Christentum geschweige denn Aspekten der Lehre. Die Pluralität des Christentums erfordert schließlich, daß ich selbst immer kritisch gegenüber dem bin, was mir als christliche Lehre „verkauft“ wird. Dabei mache ich sowohl bei Christen als auch Kritikern dieselbe Erfahrung: Irgendetwas wird statisch als „Lehre“ hingestellt. Ein christliches (und harmloses) Beispiel: Ehescheidung. Man kann da auf irrsinnig intolerante Christen stoßen… Und wenn sie sagen, dies oder jenes sei DIE christliche Lehre, ist das i.d.R. genausowenig nachvollziebar für mich wie so manches andere.
Andererseits diente meine Einführung eher der Frage nach dem Interesse nach einem echten Dialog. In diesem Forum wurden zu oft Fragen gestellt, auf die man dann antwortete, nur um festzustellen, daß man nicht an der Antwort interessiert war, sondern daran, die eigene Meinung zu festigen.

in Deinem Gegenvorwurf der Intoleranz nichts anderes sehen,
als einen Ausweich- und Ablenkungsversuch.

Hoffe, das ist geklärt.

wie vor gibt und ich habe die These aufgestellt, dass diese
spezifisch christliche Intoleranz ihre Wurzeln in der
Verbindung von Absolutheitsanspruch und Missionierungsgebot
hat.

Ich glaube, diesem nicht widersprochen zu haben.

Entsprechend tendieren seine weniger radikalen Mitbrüder und
-schwestern häufig dazu, Übergriffe zu verharmlosen - da ist
dann halt jemand übereifrig gewesen, hat zu viel des „Guten“
getan.

Als „weniger radikale Mitschwester“ habe ich eigentlich nicht vor, irgendetwas zu verharmlosen. Als historisch denkender Mensch muß ich aber fragen, welche Kriterien jeweiliges Handeln verursacht haben. D.h., Handelnde vor der „Aufklärung“ sind anders zu verstehen als Handelnde danach. Historische Prozesse und ihre Auswirkungen kann ich nur verstehen, wenn ich bereit bin, nach den Voraussetzungen vergangenen Handelns zu fragen. Für mich ist es oberstes Prinzip historischen Forschens, möglichst vorurteilsfrei zu sein (was, und das gilt für jeden, nie völlig möglich ist). D.h. auch, daß ich mich eines Urteils enthalte, ich stelle fest.
Im letzten weiß ich kaum, ob jemand „Gutes“ tun wollte oder was auch immer. Ich kann geistesgeschichtlich fragen, ob ihm ein anderes Denken möglich gewesen wäre. Ich habe hier schon einmal festzuhalten, daß für mich Theologen der Nazizeit anders zu beurteilen sind als ein Luther. Erstere hätten es besser wissen müssen, warum sie es nicht getan haben (oder wollten), da liegt die zu lösende Frage.

Das ist richtig, wobei man durchaus differenzieren kann,
welche Ideologien da brutaler vorgingen als andere. Aber eine
Erklärung, warum das beim Christentum auch so war, ist das
nicht - lediglich eine Relativierung. Entschuldigung -
erinnert mich ein wenig an Kindergarten („die anderen haben
aber auch …“).

Du stellst mich damit in eine Ecke, in die ich nicht gehöre. Menschen gehen brutal vor, nicht Ideologien.

Es geht mir um die Rationalisierung
dieser Antriebe bei Christen - und meine These ist die, dass
die christliche Lehre solche Rationalisierungen ohne Probleme
hergibt.

Das sehe ich nicht so.
Ich nehme Intoleranz auch nicht achselzuckend zur Kenntnis, sehe in ihr aber durchaus ein allgemein menschliches Phänomen. Genauso in der Rationalisierung mit Hilfe von Ideologien. Es ist kaum hilfreich, eine Lehre an sich verantwortlich zu machen. Was spricht beim Christentum dagegen? Das Christentum war und ist nie ein monolothischer Block gewesen. In der Berufung auf dieselben SChriften gab es immer auch andere Meinungen. Man kann also kaum das herauspicken, was wir heute als negativ ansehen, und dann sagen: Das ist das Christentum. Wahrscheinlich auch nicht umgekehrt, denn das Christentum ist eine geschichtliche Religion und auch diesen Prozessen unterworfen. Viele Christen weisen in diesen Fragen immer gerne auf Bonhoeffer hin, auch als Feigenblatt, daß es ja anständige Menschen gibt und das ist dann das wahre Christentum. Tatsächlich denke auch ich, daß er ein wahrer und auch bewundernswerter Christ war. Und trotzdem: Seiner Theologie, so z.B. seine Ansichten zur Stellung der Frau, kann ich nicht zustimmen. Wenn ich auch polemisch werden darf: Im Sinne einer Kriminalgeschichte des Christenums wäre also hier Bonhoeffer ein mieser Chauvi, der die Frauen unterdrückt, also intolerant ist… Man sieht daran, Geschichteist nie einfach.

Und was es mit dem auf sich hat, was er will und was nicht,
das wissen nur die Christen so ganz genau.

Ehrlich, dann bin ich entweder keine Christin oder ich habs noch nicht gemerkt:wink: Ich stehe mir meiner theologischen Überzeugung in einer guten alten lutherischen Tradition, daß ich Gott nicht begreifen kann! Und es ist übrigens diese Überzeugung, mit der ich zugleich überzeugte Christin und tolerant sein kann. Du siehst, ich vertrete also eine bestimmte christliche Lehre, die mir zugleich verbietet, menschliches mit Göttlichem zu verwechseln. Ich hoffe und arbeite dafür, daß ein so verstandenes Christentum Toleranz in einer pluralen Welt fördern statt verhindern will. Und ich fände es einfach nett, wenn Christentumskritiker zur Kenntnis nehmen würden, daß auch im Christentum nicht alles schwarz oder weiß ist.

Entschuldige den

Sarkasmus, aber der Absolutheitsanspruch ist durchaus nicht
nur „innerideologisch“ - jeder, der diesen Anspruch negiert,
der außerhalb der christlichen Gemeinschaft steht und sich
nicht retten lässt, ist verdammt. Und nicht nur das: nach
christlichem Verständnis hat er Teil am Bösen schlechthin.

S.o., das halte ich nicht für ein christliches Verständnis. Es gibt sicherlich Christen, die so denken, aber ist das die Mehrheit? Heute, hier, in Westeuropa?
Der

Nicht-Christ ist nicht nur in den Klauen des Teufels, sofern
er sich der Rettung durch Jesus Christus verweigert, tut er
auch dessen Werke. Der Heide ist somit nicht nur wegen seiner
‚Gottesferne‘ zu bedauern, er ist moralisch verwerflich, böse.
Solche Ansichten sind hervorragend dazu geeignet,
Hemmschwellen abzubauen.

Aber gibt es diese Ansichten nur bei Christen? Das ist keine Verharmlosung, aber ich denke, die nach wie vor berechtigte Frage ist, ob Ideen sich nicht immer mißbrauchen lassen. Die Christen hatten in der Geschichte oft die Mittel dazu und haben sie eingesetzt. Die Frage ist dann, ob ihre „Rationalisierung“ berechtigt war.

Ich will damit nicht die antiken Christenverfolgungen
verharmlosen oder gar entschuldigen, aber doch verdeutlichen,
dass die antike ‚Intoleranz‘ einen weniger religiösen als
politischen, jedenfalls keinen grundsätzlichen Charakter
hatte.

Ich wollte eigentlich auf das Thema der Rationalisierung hingewiesen haben. Auch eine politisch motivierte finde ich im übrigen nicht „besser“ als eine religiöse. Die Geschichte der römischen Verfolgung ist sicherlich auch differenziert zu betrachten, aber auch dahinter stand: „Bist Du nicht so wie ich, bist Du gegen mich!“

sie zu schlachten … Bezeichnenderweise hat der Islam im Zuge
der Entwicklung zu einer Universalreligion hin einiges von
seiner traditionellen Toleranz verloren.

Wenn wir mal davon absehen, daß „Toleranz“ ein eigentlich recht moderner BEgriff ist (zumindest so, wie wir ihn verstehen), verstehe ich dennoch nicht, warum Du dem Islam eine „traditionelle“ Toleranz zugestehst, dem Christentum eine ebensolche Traditionslinie absprichst. Diejenigen, die wir derzeit massenmedial vermittelt derzeit als Muslime wahrnehmen, scheinen diese Tradition offensichtlich vergessen zu haben. Offensichtlich bietet also auch der Koran Rationalisierungsmöglichkeiten religiöser Intoleranz. Aber dennoch glaube ich denen, die ich kenne, daß es das gibt. Interessant ist doch vielmehr nach dem Zusammenhang von quantitavier „Stärke“ einer Religion/Idee und ihrer propagandistischen Verwendung und WIrkung zu fragen.

Das müsste ein Christ doch besser beantworten können als ich.
Christen sind Menschen, die sich auf Jesus Christus als ihren
Erlöser berufen - ich vermute mal, eine solche Antwort sollte
jeden Christen zufriedenstellen.

Ok, die Antwort stellt mich durchaus zufrieden:wink: Aber das aus dieser Grundannahme nicht auch eine Pluralität von Ideen und Handlungsoptionen erwachsen würde inklusive der Fähigkeit, historische Prozesse zu analysieren, möchte ich bestreiten.

Die Zeitspanne, in der sich das Christentum (als Ideologie) in
Europa vergleichsweise tolerant gezeigt hat, ist
verhältnismäßig kurz und der Zusammenhang mit der Aufklärung
sowie der Entstehung einer bürgerlichen Gesellschaft und des
modernen Staates kaum zu übersehen.

Und all dies zusammengenommen ist abendländische Geschichte, ohne das Christentum nicht zu denken. Bürgerliche Gesellschaft und moderner Staat beruhen durchaus auf christlichen Traditionen, der konstatierende Traditionsabbruch ist nicht die Aufklärung, sondern die Säkularisierung nach dem 2.WK. Die christliche Lehre, d.h. ihre Grundlage, das NT, hat die Dynamik, auch eine „Religion der Aufklärung“ zu sein. Wenn man die Geschichte des Christentums betrachtet, sollte man eben auch letzteres bedenken. Wobei, um das hier angemerkt zu haben, es sicherlich Christen gibt, die kaum Verständnis für ein „aufgeklärtes“ Christentum haben.

Mir ist nicht aufgefallen,
daß „säkulare“ Menschen friedliebender sind als Christen…

Umgekehrt wird allerdings seltsamerweise auch kein Schuh draus

Sollte es auch nicht.

bekannt, die das verlangt:wink: Sollen wir uns jetzt hier
zusammenhanglose, ohne Blick auf ihre Praxis, Zitate an den Kopf
schmeißen? hat gewonnen, wer mehr findet?

Nun, ich vermag da durchaus einen Zusammenhang mit meinem
Ausgangsposting zu sehen.

Daher mein Erstaunen!

Das können wir meinetwegen gerne feststellen. Nur: wer aus der
Geschichte nicht lernt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.

Wie wahr. Aber wer ist denn jetzt Deiner Ansicht nach zur Wiederholung verdammt?
All die doch, die eben nicht lernen. Mir ging es jedoch um die Feststellung, daß man durchaus Christ sein und lernen kann:wink:
Grüße,
Taju

Hallo Taju,
wegen Reisevorbereitungen bin ich nun leider doch nicht mehr zu einer Antwort gekommen und die nächsten vier Wochen bin ich vom Netz abgenabelt.

Ich wollte jedoch nicht versäumen, mich zumindest für Deine ausführliche Stellungnahme zu bedanken.

Freundliche Grüße,
Ralf