Chronisch psychisch krank - unheilbar?

Hallo Seelenexerten,

mal eine ganz allgemeine Frage: Wenn jemand als chronisch psychisch krank eingestuft wird, ist dieser Mensch dann unheilbar? Oder gibt es auch für solche Leute noch vielversprechende Behandlungsansätze?

Sollten chronisch psychisch Kranke lediglich stabilisiert werden, z. B. mit Medikamenten oder durch das Erlernen von Entspannungsübungen oder sollte nicht besser die verkorkste Biografie aufgearbeitet werden, damit sich so eine erkrankte Person besser fühlen kann.

Oder ist es den Krankenkassen inzwischen zu teuer, solche Leute aufwendig zu behandeln, so daß auch die entsprechende Ärzteschaft dazu angehalten wird, solche Leute, die Hilfe suchen, abzuwimmeln und zu brandmarken, mit der Bemerkung: „Eine chronische psychische Erkrankung ist genauso wenig heilbar, wie z.B. Diabetes.“, und damit über diese Hilfesuchenden das Urteil „lebenslänglich“ auszusprechen?

Was meint Ihr dazu?

Ich bin auf Eure Antworten gespannt.
Margitta

Hallo Seelenexerten,

Hallo Margitta
Na, so ganz doll scheinst du ja den „Seelenex§erten“ hier auch nicht zu vertrauen :wink:, aber das macht auch nichts.
Die Ärzteschaft ist ja keine Gruppe von Marineten, die das tun, was die Kassen von ihnen erwarten.
Wir stellen uns unsere Indikationen schon noch selbst und schauen, ob wir mit dem einen oder anderen Patienten gut arbeiten können, ob wir uns gegenseitig „bekömmlich“ sind usw usf.
Grundsätzlich gibt es natürlich schon „chronische“ Erkrankungen, as ist ja nicht nur im Psychotherapie-Fach so, sondern in allen medizinischen Bereichen. Es ist ja keine moralisch-ethische Frage, ob jemand mit Diabetes chronisch krank ist, ebenso wenig wie bei einem psychisch Kranken.
Schwere Persönlichkeitsstörungen und auch schwere Psychosen wie z.B. Schizophrenie haben eben leider sehr häufig diesen chronischen, nicht heilbaren Verlauf.
Das ist aber weniger ein gesellschaftliches oder Krankenkassen-Problem, sondern liegt in der menschlichen Natur. Es gibt ja auch kranke Bäume und kranke Katzen, warum soll es keine kranken Menschen geben.
Gruß,
Branden

Hallo Seelenexerten,

*p nachreich* Wobei es auch mit P auf mich nicht freundlicher wirkt,
aber ich nehme mal an, dass das keine Absicht ist :smile:
(Schließlich glauben wir ja alle an das Gute im Menschen)
*oberen Absatz deutlich als Scherz kennzeichne*

Also von vorne…
Hallo Margitta,

mal eine ganz allgemeine Frage: Wenn jemand als chronisch
psychisch krank eingestuft wird, ist dieser Mensch dann
unheilbar?

Ich bin kein besonderer Freund der Bezeichnung „unheilbar“.
Vor nicht all zu vielen Jahren galten auch noch viele Erkrankungen aus dem medizinischen Bereich als „unheilbar“, die heute (gut) therapiert werden können. Z.b. einige Krebserkrankungen, HIV, bestimmte Allergien (muss ja nicht immer gleich so dramatisch sein)
Treffender, wobei es natürlich letztich abgesehen von der Zeitperspektive auf dasselbe hinaus läuft, finde ich Formulierungen wie „mit den derzeitigen Mitteln nicht heilbar“.

Die medizinische und psychologische Forschung entwickelt sich so rasant, vor allem aufgrund der technischen Fortschritte.

Sollten chronisch psychisch Kranke lediglich stabilisiert
werden, z. B. mit Medikamenten oder durch das Erlernen von
Entspannungsübungen oder sollte nicht besser die verkorkste
Biografie aufgearbeitet werden, damit sich so eine erkrankte
Person besser fühlen kann.

Das kommt darauf an, was der chronisch Kranke für eine Erkrankung aufweist. Das wovon Du sprichst sind 2 grundlegend verschiedene Behandlungsansätze, wovon der eine eher für Erkrankungen der Gruppe A und der andere für Erkrankungen der Gruppe B geeignet erscheint.
Diese Behandlungsansätze kann der Patient aber, sofern nicht zwangseingewiesen, selbst wählen. Es ist Deine Entscheidung als Patient, ob Du eine Verhaltenstherapie oder eine Gesprächstherapie oder tiefenpsychologische orientierte Therapie machst. (Wobei der Therapeut natürlich noch ein Wörtchen mitspricht, wenn er keinen Therapieerfolg erwartet)
Nicht alle Erkrankungen und damit auch nicht alle chronischen Erkrankungen gehen in erster Linie auf eine „verkorkste Biografie“ zurück. Ein Patient mit einer chronischen Schizophrenie profiterit erwartungsgemäß jedoch eher von einer medikamentösen und verhaltensorientierten Behandlung, als von dem Aufarbeiten seiner u.U. „verkorksten Biografie“.

Oder ist es den Krankenkassen inzwischen zu teuer, solche
Leute aufwendig zu behandeln,

Die chronischen Erkrankungen sind wesentlich kostspieliger.
Ein Beispiel aus der Medizin: jmd mit einer chronischen Asthma-Erkrankung wird immer wieder mal einen Notarzt anfordern müssen
und er verursacht seiner Krankenkasse in regelmäßig kurzen Abständen Kosten allein dadurch, dass er bei seinem Arzt Rezepte für sein Spray nachordert. Nun kann man Asthma-Erkrankungen ja in der Regel noch mit verhältnismäßig günstigen Maßnahmen behandeln.
Anders sieht es da schon bei chronischer Arthritis aus oder wenn jemand aufgrund einer chronischen Erkrankung regelmäßig zur Dialyse muss. Dasselbe gilt für psychische chronische Erkrankungen.
Auch dort gibt es Abstufungen hinsichtlich der Kosten und des regelmäßigen Interventionsbedarfs.

Daher haben die Krankenkassen durchaus ein Interesse daran, dass Therapiemöglichkeiten für chronische Erkrankungen gefunden werden.

so daß auch die entsprechende
Ärzteschaft dazu angehalten wird, solche Leute, die Hilfe
suchen, abzuwimmeln und zu brandmarken, mit der Bemerkung:
„Eine chronische psychische Erkrankung ist genauso wenig
heilbar, wie z.B. Diabetes.“, und damit über diese
Hilfesuchenden das Urteil „lebenslänglich“ auszusprechen?

Patienten mit chronischer Erkrankung werden nicht abgewimmelt.
Es ist ihre Pflicht, den Patienten über Heilungschancen nach dem derzeitigen Stand der Forschung aufzuklären.
Und so wie sich ein an Diabetes Erkrankter Mensch mit seiner Krankheit arrangieren muss, müssen es auch Patienten mit psychischen Krankheiten. Denn erst, wenn man begriffen hat, dass das nicht „übermorgen“ wieder vorbei ist, kann man sich mit seiner Krankheit effektiv auseinandersetzen und Strategien entwickeln, mit ihr umzugehen.

Hallo Margitta,

mir geht es ausgezeichnet- ich fühle mich pudelwohl- auch sonst genieße ich mein Leben in vollen Zügen.

Ich bin suchtkrank- ein Leben lang. Das ist kein Urteil, dass mich gebeugt gehen lässt, sondern eine Erkenntnis, die mein Leben insgesamt bereichert hat.

Liebe Ärzte- kommt bloß nicht auf die Idee, mich zu heilen!

Gruß

Frank

hi,

viele psychische krankheiten können geheilt werden. aber nicht alle und nicht unter jedem umständen.

das ist bei körperlichen erkrankungen genauso, beispiele:

-eine blinddarm-op kann man nicht auf dem küchentisch machen
-aktive fleischliebhaber von zuviel cholesterin zu befreien ist aussichtslos
-krebs kann unheilbar sein
-usw.

die therapie psychischer erkrankungen kann beispielsweise auf heilung oder auch auf bewältigung (mit der störung leben) abzielen.

und andere als „unheilbar abstempeln“ will bestimmt niemand.

Hi Frank,

Ich bin suchtkrank- ein Leben lang. Das ist kein Urteil, dass
mich gebeugt gehen lässt, sondern eine Erkenntnis, die mein
Leben insgesamt bereichert hat.

Die Antwort spricht für dich und dass du dich im Griff hast - nichtsdestotrotz: Schränkt nicht jede „Krankheit“, sei es eine Sucht, Allergie oder was auch immer, das Leben ein und mindert sogesehen die Lebensqualität (wenn auch nur marginal)?

Der Alkoholiker muss drauf achten, nicht aus Versehen einen Dessert mit Alkohol zu erwischen, der Allergiker läuft z.B. von der versteckten Erdnuss im Eis blau an …

Wie gesagt, nichts gegen deine Erfahrung und jetzige Einstellung, aber etwas unbeschwerter durchs Leben zu gehen (indem man nicht immer darauf achten muss), ist doch angenehmer - oder?

Gruß
Markus

Hallo Margitta…

ich war jahrelang depressiv und süchtig.Heute bin ich von beiden befreit.Man kann geheilt werden.Die sogenannten Seelenexperten geben einen heutzutage viel zu schnell auf und wenn man nicht aufpasst dann landet man im Teufelskreis der Psychopharmaka (was vielleicht sehr oft als erste Stütze zwar sinnvoll ist,aber man sollte die Menschen eben nicht abhängig machen sondern helfen,selbstständig da rauszukommen…Aber das kostet ja Zeit und Geld…)

Gruss

moooooment mal

Die sogenannten
Seelenexperten geben einen heutzutage viel zu schnell auf und
wenn man nicht aufpasst dann landet man im Teufelskreis der
Psychopharmaka

Wie vielen bist Du denn begegnet, dass Du zu so einer Aussage kommst?
Diese Aussage hat ungefähr so viel Wert wie
„Apotheker verkaufen einem immer den teuersten Kram, auch wenn günstigere eine schnellere Linderung erzielen“

Aber
das kostet ja Zeit und Geld…)

Ich sprach unten bereits über die Kosten, aber wer es genau haben möchte, der lese bitte die Analysen der des European Brain Council und der ECNP-Arbeitsgruppe. Die kommen zu dem Schluss, dass psychische Erkrankungen rund 300 Milliarden Euro Gesamtkosten pro Jahr (!) ausmachen von denen allein mehr als 1/3 (132 Mrd) durch indirekte Kosten entstehen (weshalb schon rein wirtschaftlich ein Behandlungsbedarf besteht).
Indirekte Kosten sind krankheitsbedingte Arbeitsausfälle, Frühberentung, etc. usw. haben also noch gar nichts mit Behandlungskosten zu tun.

Manchmal sollte man sich informieren bevor man solche Aussagen tätigt.

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Hallo Branden,

Na, so ganz doll scheinst du ja den „Seelenex§erten“ hier
auch nicht zu vertrauen :wink:
Die Ärzteschaft ist ja keine Gruppe von Marineten…

Mari(o)net(t)en
:wink:)

Schwere Persönlichkeitsstörungen und auch schwere Psychosen
wie z.B. Schizophrenie haben eben leider sehr häufig diesen
chronischen, nicht heilbaren Verlauf.
Das ist aber weniger ein gesellschaftliches oder
Krankenkassen-Problem, sondern liegt in der menschlichen Natur.

Du scheinst aber ganz schön abgeschlafft zu haben - in den letzten
30-40 Jahren :wink:
Der „geborene Psychotiker“ ???
Zumindest ein „noch nicht heilbar“ hättest du dir angesichts
der tollen boomenden Neuroforschung doch abringen können.

Grüsse
Nescio

Hallo Nescio, alter Junge, lange nix diskutiert :wink:

Mari(o)net(t)en
:wink:)

Ich weiß schon, gleich zwei Druckfehler in einem Wort sind ein bißchen viel, aber was soll man machen :wink:.

Du scheinst aber ganz schön abgeschlafft zu haben - in den
letzten
30-40 Jahren :wink:

Übertreib jetzt mal nicht mein Alter. Obwohl - ganz falsch liegst du ja nicht - ich beschäftige mich immerhin seit 35 Jahren mit psychoanalytischen und anderen psychotherapeutischen Methoden. Im Sommersemester 1971 habe ich mit Psychologie angefangen … meine Güte, wie die Zeit vergeht.

Der „geborene Psychotiker“ ???

Leider, leider, leider sprechen die Forschungen der letzten hundert Jahre insgesamt betrachtet eben doch gerade bei den schweren Psychosen wie eben den Schozophrenien für einen großen Anteil an „angeboren“, auch wenn wir uns das alle nicht gerade gewünscht haben und in den 60ern und 70ern noch frohlockend auf die Bateson-Gruppe (Schizophrenioe und Familie) und R.D. Laing etc. zurückgreifen konnten. Langfristig hat sich das alles nicht bestätigt. Schon in meiner Doktorarbeit von 1984 musste ich darauf hinweisen, dass sich die Vorstellungen der fortschrittlichen Psychiatrie und der sogenannten Anti-Psychiatrie nicht halten ließen, die zeigen wollten, dass z.B. frühkindliche double-bind-Erfahrungen Schizophrenie begünstigen. Es gab massenhaft double-bind-Kinder, die keine schweren psychischen Erkrankungen davontrugen und massenhaft Kinder, die schizophren erkrankten, bwohl sie weitaus günstigere Kindheiten durchliefen als andere.
Darüber könnte an jetzt noch seitenlang schreiben, aber du weißt ja: Hier soll man sich kurz fassen :wink:-
Gruß,
Branden

Hallo Branden,

Der „geborene Psychotiker“ ???

Leider, leider, leider sprechen die Forschungen der letzten
hundert Jahre insgesamt betrachtet eben doch gerade bei den
schweren Psychosen wie eben den Schozophrenien für einen
großen Anteil an „angeboren“, auch wenn wir uns das alle nicht
gerade gewünscht haben und in den 60ern und 70ern noch…

Darüber könnte an jetzt noch seitenlang schreiben, aber du
weißt ja: Hier soll man sich kurz fassen :wink:-

Und selbst, wenn man sich lang fassen dürfte…
Gewiss, in den 60er/70ern, da war man oft wohl zu optimistisch.
Aber war nicht die generelle Entwicklung seither, auch die der später
sogenannten 68er, kein Aufarbeiten der Illusionen, sondern vielmehr
ein gewaltiges roll-back, das schönfärberisch als Überwindung
des ideologischen Zeitalters gefeiert wurde und wird ?
Und in diesem Zusammenhang sehe ich auch die Forschungen, von denen
du sprichst, ohne dass ich sie im einzelnen kenne.
Immerhin, in dem Sinn war gestern mein letzter Satz gemeint, könnte
man ja darauf hoffen, dass die Forschung die als angeboren
behaupteten Psychosen „gentechnisch“ reparieren könnte –

Grüsse
Nescio

Ich habe 6 stück abgeklappert innerhalb von 3 Jahren: um mir anzuhören wie hoffnungslos verloren ich bin…

Beim 7. bin ich geblieben; der hat nämlich die gewisse power und lebensenergie entdeckt,die einfach nicht raus konnte ; warum auch immer…er hat mir sitzung für sitzung gesagt:" sie schaffen es!!!"

Und ich habe nach jahrelanger mentalarbeit es geschafft…ohne medikation

Hallo Nescio

Aber war nicht die generelle Entwicklung seither, auch die der
später
sogenannten 68er, kein Aufarbeiten der Illusionen, sondern
vielmehr
ein gewaltiges roll-back, das schönfärberisch als
Überwindung
des ideologischen Zeitalters gefeiert wurde und wird ?

Könnte ich so pauschal nicht gerade unterschreiben. Da müsste man auf die einzelnen Sachverhalte eingehen.
Insgesamt betrachtet sehe ich bei den 68ern weniger Schönfärberei als bei den nachfolgenden Yuppies u.a.m.

Immerhin, in dem Sinn war gestern mein letzter Satz gemeint,
könnte
man ja darauf hoffen, dass die Forschung die als angeboren
behaupteten Psychosen „gentechnisch“ reparieren könnte –

Ja, ein bißchen Spaß muss sein. :wink:
Gruß,
Branden