Chronische Unlust?

Hallo,

Seit einiger Zeit, ich schätze so ca. 1/4 Jahr, bemerke ich dass bei mir langsam aber sicher die Lust und Aktivität schwindet. Alles was mir früher Spass gemacht hat, alles was mir Freude bereitet hat empfinde ich immer weniger als angenehm, zwar nicht als unangenehm, aber irgendwie habe ich auf nichts mehr richtig Lust. Ich bin praktisch immer mehr oder weniger melancholisch, lustlos, passiv und müde. Manchmal artet es soweit aus, das ich eine 1/4 Stunde lang fast Regungslos dasitzen kann, inmitten von Menschenmassen. Nicht einmal gute Noten, von denen ich dieses Jahr nicht wirklich viele hatte, muntern mich auf irgendeine Weise auf. Ich lache zwar des öfteren, mache Spässe, aber ich glaube auch bei anderen kommt an, dass ich nicht wirklich „lustig“ bin.

Ich bin praktisch weder gut, noch schlecht drauf, nicht agressiv, nicht traurig, wozu ich auch überhaupt keinen Grund hätte. Das einzige worüber ich mich noch wirklich freuen kann, wozu ich wirklich Lust habe, ist schlafen. Früher empfand ich Schlafen als Nebensache, manchmal sogar als lästig, und konnte oft nicht einschlafen. Heute könnte ich den ganzen Tag im Bett liegen. Ich rede viel weniger, habe immer weniger Kontakt zu anderen Menschen, habe auch nicht mehr so oft Hunger, gerade auf Süßes.

Kein Hobby erfüllt mich noch so wie früher, kein nettes Wort verbessert wirklich meine Laune. Dabei hätte ich genug Grund zur Freude: Ich schreibe wieder bessere Noten, es wird endlich wieder Sommer, ich habe mir ein Buch und gleich 3 neue CDs gekauft. Aber mein „Zustand“ wird immer bedenklicher. Ich dachte schon an Depressionen, Burn-out, aber beides passt eigentlich nicht auf mein „Krankheitsbild“.

Wer weiß was? Wer weiß was das sein könnte? Hat das psychische oder gar körperliche Ursachen? Welche könnten das sein? Wer kann mir weiterhelfen?

Gruß,
Marcel :o|

Lieber Marcel,

ich bin kein Psychologe, daher ist meine Antwort vielleicht nicht die eines Fachmanns, sie kommt eher aus der Schublade „Lebenserfahrung“. Trotzdem möchte ich versuchen einige Denkanregungen zu geben.
Ich will versuchen auch einigermaßen Strukrtur in meine Antwort zu bekommen, ob´s mir gelingt weiß ich noch nicht…
Beginnen wir mit körperlichen Aspekten.
Laut ViKa bist du noch recht jung, 15-16. In dem Alter ist die körperliche und seelisch-geistige Entwicklung noch lange nicht abgeschlossen. Manche Menschen in dem Alter mögen zwar äußerlich schon recht komplett wirken, sind aber seelisch noch eher Kind als Erwachsener, bei anderen ist es grade umgekehrt. Auch entwicklen sich prim. und sek. Geschlechtsmerkmale durchaus nicht immer gemäß irgendwelcher Tabellen, der Körper funktioniert eben nicht wie ein Projektplan, demnach dann das und das zu geschehen hat.
Haben sich in den letzten Monaten irgendwelche körperlichen Aspekte besonders verändert ? Damit meine ich z.B. Wachstumsschübe, Gewichtsveränderungen etc. Fühlst Du dich körperlich gesund ?
Hast Du Lebensgewohnheiten geändert ? Das schließt insbesondere ein:

  • Ernährung (regelmäßig, halbwegs gesund ?)
  • Konsum, insbes. Alkohol und Nikotin sowie (der Himmel mags verhüten) Drogen ?
  • Sport plötzlich und im Übermaß angefangen oder abgebrochen ?
  • Hast Du genug und vor allem erholsamen Schlaf ?
    Möglicherweise signalisiert Dir dein Körper gerade: „Laß´ mich in Ruhe, ich habe genug mit mir selbst zu tun, mach bloß keinen Streß!“
    Eventuell fehlt ihm aber auch etwas, das kann stofflich sein wie Nahrung (Vitamine, Mineralien!) oder unstofflich wie Schlaf, Erholungspausen.
    Du nanntest auch Appetitlosigkeit, betrifft die nur Süßes? Ohne Panik machen zu wollen: Dieser Aspekt gehört ärztlich geprüft. Da ich kein Arzt bin werde ich den Teufel tun und hier Ferndiagnosen stellen.

Zu den nicht-körperlichen Möglichkeiten:
In Deinem Alter ist ein klassisches burn-out Syndrom eher selten.
Viel öfter ist das Problem „seinen“ Platz im Leben und der Gesellschaft zu finden. Sinnkrisen und emotionale Instabilität treten auf. Diese können auch hormonelle Ursachen haben, viele Frauen wissen davon ein Lied zu singen (einmal im Monat oder in der Schwangerschaft oder den Wechseljahren).
Du schreibst auch, daß Du schulisch erfolgreich bist. Wird das auch anerkannt, oder wird das eher beiläufig als selbstverständlich abgetan? Nicht jeder kann sich stets selbst motivieren, wir alle brauchen die Bestätigung durch andere Menschen. Hast Du dieses positive feedback von Freunden und Familie ?
Gab es in den letzten Monaten einschneidende persönliche Erlebnisse, die Dich demotiviert haben?
Das können z.B. sein:

  • der Verlust von nahestehenden Menschen (Tod, Trennung, Beziehungsende)
  • Umzug, Schulwechsel.
    Es ist sehr schwierig, Dir wirklich eine allumfassende Antwort zu geben. Die Menschen sind sehr verschieden, was den einen kalt läßt wirft den anderen komplett aus der Bahn.
    Du wirst sicherlich noch öfter im laufe deines Lebens innehalten und ein wenig der Unbekümmertheit Deiner Kindertage hinterhertrauern - vielleicht ist es auch das, was Dir gerade passiert…

Und manchmal ändern sich Dinge, ohne daß man wirklich eine Ursache sieht. Ich habe so nach vielen Jahren und etwa 100.000 km irgendwie die natürliche Sicherheit beim Motorradfahren verloren. Das automatische „in-die-Kurve-gehen“ und die Flüssigkeit im Fahren waren binnen weniger Monate schlicht weg. Das mag anderen nichts bedeuten oder sogar lächerlich erscheinen - für den Biker ist das eine mittlere Katastrophe. Letztendlich habe ich mich zu dem sehr schmerzhaften Entschluß durchgerungen, daß meine Zeit im Leder zu Ende ist.
Ein „einfach weitermachen, das wird schon wieder“ mag für viele Sportarten ein Weg sein, für den Biker gefährdet es das eigene Leben und das Fremder. Das eigene Leben mag meine Sache sein, das Fremder ist als Risiko unakzeptabel.
Eine Erklärung habe ich bis heute nicht, das ist gerade für den Naturwissenschaftler höchst unbefriedigend.

Ich hoffe, ein wenig beigetragen zu haben und wünsche Dir alles Gute.

Gruß
Bernd

Hallo Bernd,

Danke für die schnelle Antwort.

Ich habe mich körperlich eigentlich kaum verändert. Das ist nicht das Problem.

Vor einiger Zeit wurde Eisen- und Selenmangel festgestellt, müsste aber beides wieder ausgeglichen sein (nehme Eisen und esse vermehrt Vollkornprodukte).

Die Appetitlosigkeit hält sich in Grenzen, also noch nichts bedenkliches.

Seelisch hat sich (außer natürlich der Unlust) nichts geändert. Kein Verlust, kein Umzug, nix.

Die Schulischen Leistungen sind nicht sooo besonders, aber nach dem Absturz im ersten Schulhalbjahr gehts stetig bergauf. Meine Eltern/Lehrer erkennen das schon an, aber da ich es selbst nicht anerkenne verlange ich es immer mehr von anderen (hilft natürlich nicht). Ich habe auch keine Identitätskrise (hatte ich noch nie), aber ich habe praktisch (schon) immer Selbstzweifel, Zweifel an der Umwelt, Zweifel am Weltbild. Jedoch gerade letzteres wird mir immer bewusster.

Außerdem habe ich vor kurzem „mich“ kennengelernt. Praktisch eine Person, die mir gerade seelisch-geistig extrem ähnlich ist. Aber sowas müsste eigentlich eher motivieren als demotivieren.

Komischerweise habe ich auch immer mehr das Gefühl dass ich dieses Leben „versaut“ habe, vor allem da ich mit meiner Umwelt, oder eher meine Umwelt mit mir (vor allem Mitschüler) Probleme hat, was jedoch schon immer der Fall war.

Langsam habe ich das Gefühl, ein Besuch beim Psychologen wäre ratsam.

Gruß,
Marcel