Hi!
Ich sollte vielleicht mal mein Profil aktualisieren, mein Themenschwerpunkt hat sich in den letzten Jahren doch etwas verlagert
Ich versuche trotzdem mal zu antworten.
Filme müssen, wie ich finde, immer im Kontext ihrer Zeit gesehen werden, da ja auch die Pionierleistung des Regisseurs mit eingerechnet werden muss. So lässt sich darüber streiten, ob Kubricks Lolita von 1962 filmisch aus heutiger Perspektive tatsächlich besser ist, als die Version von 1997. Unbestritten ist aber, dass er den Tabubruch begangen hat, dass er das Thema für die Filmwelt greifbar und ästhetisch neutral umgesetzt hat.
Ähnlich verhält es sich mit Citizen Kaine. Was Orson Wells hier 1941 geschaffen hat war wegweisend für spätere Filme. Die Symbolik [der Schlitten Rosebud als Metapher für eine glückliche Kindheit als Gegenpol zum materiellen Reichtum eines Mannes] und die Kameratechnik, die Wells etabliert hat, wurden in so unglaublich vielen Filmen wieder aufgegriffen. Denk allein an die erste Szene, in der dem sterbenden Kane die Schneekugel aus der Hand fällt und alles folgende in den Scherben gezeigt wird. Diese Szene war Inspiration für so viele Filmemacher, genau wie seine Erzählstruktur, die Du später auch bei Scorsese oder auch Nolan wieder findest. Klar, sie ist heute vielleicht nichts außergewöhnliches mehr aber ohne diesen Film hätte es die darauf folgenden in der Form vielleicht nicht gegeben. Gleiches gilt für Wells schonungslose Kapitalismuskritik. Das war ja damals, vor allem in den USA, nicht üblich. Ein politisch motivierter, epischer Unterhaltungsfilm. Das war revolutionär.
Dann kommt es natürlich auch noch darauf an, nach welchen Kriterien Du einen Film bewertest. Wenn Du z.B. die imdb Top 100-Filme nimmst, hast Du ja schon die von Kritikern relativ unbeeinflusste Meinung der Masse. Jeder kann sich dort bewerten und einen Film bewerten. Dem entsprechend ist die Liste ja auch ziemlich bunt durcheinander gewürfelt. Kritiker hingegen setzen sich wahrscheinlich mehr mit dem politisch, geschichtlichen und ästhetischen Rahmen eines Filmes auseinander und bewerten Filme daher auch nach anderen Kriterien als jemand, der einen Film zufällig am Sonntag-Abend auf Kabel 1 sieht.
Womit wir eigentlich bei der Frage wären: Was macht einen guten Film aus? Die Auflösung des Bildmaterials, das Drehbuch, die Kameraeinstellungen, die Schauspieler? Wenn man die Bildqualität wegnimmt, kann Citizen Kane es eigentlich mit jedem anderen Film aufnehmen, trotz seines Alters. Dass sich inzwischen eine andere Erzählart etabliert hat ist ja okay, aber das heißt doch lange nicht, dass die besser ist. Alles Alte abzulehnen ist arrogant und überheblich. Ich gehe jede Wette ein, dass Deine 20-jährigen Kollegen in fünfzig Jahren sicher auch ihren Enkeln erzählen werden, was für ein toller Film The Dark Knight war, obwohl sich bis dahin wahrscheinlich schon eine ganz andere Art des Filmemachens durchgesetzt hat. Ein bisschen mehr Offenheit kann nicht schaden.
Sorry…das war jetzt vielleicht eine Spur zu viel. Hoffe ich konnte Dir helfen 
tock