vollmotorisiert versus vollgepanzert
Hallo zusammen!
Sorry, aber jetzt muss ich mich bei Eurer Diskussion doch mal einklinken.
Kann es sein, dass Ihr einem Fehler in der Begrifflichkeit aufliegt?
Ich meine, Ihr solltet zwischen vollmotorisiert und vollgepanzert unterscheiden.
Vollmotorisierte Verbände waren bei der „Schnellen Truppe“ zumindest bis zur Kriegsmitte, aber auch darüber hinaus die Regel. Bei der „Schnellen Truppe“ (ab Frühjahr 1943 „Panzertruppe“) handelte es sich hauptsächlich um die Panzerdivisionen und motorisierte Infanteriedivisionen (ab Frühjahr 1943 „Panzergrenadierdivisionen“).
Woher ich das wissen will – ganz einfach: Dafür gab die Kriegsstärkenachweisungen (KStN) http://chrito.users1.50megs.com/kstn/kstnmain.htm
sowie Gliederungsübersichten (z.B. Schema „Panzerdivision 44“ – da hab ich leider gerade keinen Link zur Hand – findet sich aber in der entsprechenden Literatur – z.B.: Thomas L. Jentz, Die Deutsche Panzertruppe, Band 1 &2 )!
Geht man die KStN bei den Panzertruppen durch findet man keine bespannte oder „zu Fuss“ Einheit! Das gilt auch für die Gliederungsübersichten.
Ausserdem bitte ich zu beachten: Wären Teile der „Schnellen Verbände“ bespannt gewesen, wäre die klassische „Blitzkrieg-Taktik“ nicht möglich gewesen. Es war ja gerade das revolutionäre Konzept von verbunden Waffen (wie man bei der Bundeswehr heute sagt), sprich der Einsatz kombinierter Truppen aus Panzer, motorisierter Infanterie („motorisierte Schützen“ – ab Frühjahr 1943 „Panzergrenadiere“), die diese Taktik ausgemacht hat.
Ich habe in den letzten beiden Tagen meine Literatur gewälzt und keinerlei Angaben gefunden, dass die Verbände der „Schnellen Truppe“ oder Teile nicht vollmotorisiert waren.
Einzige wissentliche Ausnahme: Die 18. Panzerdivision (18.PD), in deren Panzerartillerieregiment eine Abteilung mangels Zugmaschinen bespannt war.
Dies war aber eine Folge der Verluste im Winter 1941/42. In dieser Zeit haben im Übrigen aufgrund der zwischenzeitlich eingetretenen Verluste und der extremen Witterung tatsächlich auch motorisierte Verbände Pferde geführt – anders war an kein Fortkommen mehr zu denken.
Die motorisierten Verbände der Sommeroffensive 1942 wurden dann auf Kosten anderer Verbände wieder aufgefüllt (typisches Beispiel: Die Abgabe kompletter Panzerabteilungen – z.B. auch der oben genannten 18.PD). Diese Verbände waren dann die Speerspitze beim Vorstoss Richtung Kaukasus und Wolga (Stalingrad).
Ein gutes und interessantes Beispiel dazu: Die 24. PD.
Entstanden ist diese Einheit ab Mitte Nov. 1941 durch Umgliederung, Auffrischung und Aufstockung der bis Oktober in Mittelrussland eingesetzten 1. Kavallerie-Division. Das Panzergrenadierregiment 21 entstand z.B. aus dem Reiter-Regiment 1 und wurde auf Kfz.-70(das ist ein kleiner Lkw. für eine Gruppe von ca. 8 Mann) beweglich gemacht. Das Panzergrenadierregiment 26 wurde entsprechend aus dem Reiter-Regiment 26 umgegliedert (das I. Bataillon ausgerüstet mit Schützenpanzerwagen).
Von Pferden keine Spur mehr, obwohl die aus Reiter-Regimenter entstandenen Panzergrenadierregimenter weiterhin statt „Kompanie“ die Bezeichnung „Schwadron“ in Ihren Teileinheiten führten und „Gold“ (= Kavallerie) als Waffenfarbe in Ihren Abzeichen führen durften (= als Hinweis auf die Herkunft von der Kavallerie zu verstehen).
Noch ein Anhaltspunkt zum Thema Vollmotorisierung: Nach den Verlusten im Winter 1942/43 (insbesondere bei Stalingrad und bei der Heeresgruppe Süd generell) wurde die (jetzt so genannte) „Panzertruppe“ neu organisiert und strukturiert. Dabei sollte die 14. mot. Infanteriedivision – ID(mot) – in eine Panzergrenadierdivision umgewandelt werden (entsprechend der neuen Gliederung „Panzergrenadierdivision 43“). Aus Mangel an Kraftfahrzeugen wurde der Befehl dazu rückgängig gemacht und die 14. ID(mot) in eine normale ID (ohne den Zusatz „mot“) umgestellt und wechselte zur „Infanterie-Truppe“. In den Jahren 1941/42 war diese Division aber fester Bestandteil der „Schnellen Truppen“.
Wichtig ist grundsätzlich(!) die Unterscheidung zwischen den „Schnellen Truppen“ und der normalen Infanterietruppe. Diese war i.d.R. bespannt und stellte rein zahlenmässig (nach Köpfen und Einheiten) den grössten Teil des Feldheeres.
Obwohl man auch hier bemüht war Abhilfe zu schaffen, z.B. wurde nach Möglichkeit die schwere Abteilung des Artillerieregiments einer Division mit Zugmaschinen ausgestattet – also eine Teilmotorisierung.
Augenfällig wird diese Unterscheidung z.B. während der Offensiven im Sommer/Herbst 1941 in Russland. Während die „schnellen Truppen“ schon weit ins Hinterland vorgestossen waren und Widerstandsnester möglichst ignorieren (=> „Blitzkrieg-Taktik) mussten die zu Fuss(!) nachrückenden Infanterieverbände zwangsläufig weit hinterher hinken, zumal sie durch die Ausschaltung der Widerstandsnester z. T. unter horrenden Verlusten noch weiter aufgehalten wurden (ein Beispiel dafür ist der Kampf um Brest-Litowsk).
Dass vorwiegend mit der Bahn die Truppen verschoben wurden ist zutreffend. Das galt aber für jede Truppengattung. Schonung des Materials (gerade bei Panzerverbänden, als dann „Panther“ und „Tiger“ eingeführt waren wurde dies noch dringlicher, da die beiden Kampfwagen mechanische Unzulänglichkeiten aufwiesen) sowie der Faktor Zeit waren da sicher mit die wichtigsten Gründe.
Damit wäre ich nun endlich beim Begriff „gepanzert“ angelangt:
Wenn bei den motorisierten Schützen (ab Frühjahr 1943 „Panzergrenadiere“) keine Schützenpanzer vom Typ SdKfz. 251 auftauchen, heisst das nicht, dass diese nicht motorisiert waren – sie waren dann nur nicht gepanzert. An den KStN ist dieser Umstand klar ersichtlich (s.a. oben die Angaben zur 24. PD):
gepanzerte Panzergrenadierkompanie: http://chrito.users1.50megs.com/kstn/kstn1114cgpfg1j…
motorisierte Panzergrenadierkompanie:
http://chrito.users1.50megs.com/kstn/kstn1114afg1nov…
Dass eine Einheit gepanzert war, wurde im der Einheitsbezeichnung im Anhang mit „(gp)“ für „gepanzert“ deutlich gemacht (also z.B. I./PzGrR26(gp) = was soviel heisst , wie: Gepanzertes 1. Bataillon des Panzergrenadierregiments 26).
Was aber gepanzerte Einheiten betrifft – da gab es innerhalb der motorisierten Divisionen nun wirkliche Defizite. Bis 1943 gelang es z.B. bestenfalls in jeder Panzerdivision ein Panzergrenadier-Bataillon (von 4) mit Schützenpanzern auszurüsten, z.T. sogar nur eine einzelne Kompanie! Bei den Panzergrenadierdivisionen war dies noch weniger der Fall.
Guderian wollte daher unbedingt eine Aufstockung der Schützenpanzerwagen erreichen, da die nur motorisierten Panzergrenadiere für das Gefecht nur bedingt tauglich waren (die Personalverluste waren z.B. um bis zu 50% höher).
Eine Quelle zum Thema Panzergrenadiere: Wolfgang Fleischer, Richard Eiermann, Die motorisierten Schützen und Panzergrenadiere des deutschen Heeres. 1935-1945 - Waffen, Fahrzeuge, Gliederung, Einsätze.
Als eine Ausnahme gilt allgemein die bereits diskutierte Panzerlehrdivision (PLD). Ihre beiden Panzergrenadierregimenter 901 und 902 waren in allen 4 Panzergrenadierbataillonen mit Schützenpanzern ausgerüstet und führten daher den Zusatz „(gp)“. Da auch die Panzeraufklärungslehrabteilung 130 (Sd.Kfz 250, 251, 234 u.a.) , das Panzerpionierbataillon 130 (Sd.Kfz 251 u.a.) sowie die Panzerjägerlehrabteilung 130 (Selbstfahrlafetten, gepanzerte Zugmaschinen) komplett gepanzert waren, spricht man von der PLD als der einzigen voll gepanzerten(!) Division der Wehrmacht.
Einen ähnlich hohen Grad erreichte bestenfalls noch die Panzergrenadierdivision „Grossdeutschland“ (eigentlich eine Panzerdivision mit Sondergliederung) mit immerhin 2 gepanzerten Panzergrenadier-Bataillonen (bei insg. 6 Bataillonen). Bei den Waffen-SS-Panzerdivisionen waren bei 6 Bataillonen ein gepanzertes Bataillon sowie zusätzlich noch einzelne Kompanien üblich.
Die Angaben im Wikipedia-Artikel zur PLD sind daher nicht korrekt. Dort wird nur von „vollmotorisiert“ gesprochen, was aber (wie oben bereits dargestellt) auch auf andere Verbände der „Schnellen“ bzw. „Panzertruppe“ zutrifft und eigentlich „vollgepanzert“ heissen müsste.
Übrigens: Das Panzerartillerieregiment 130 der PLD führte nur in der II. Abteilung Panzerhaubitzen – die restlichen Abteilungen waren klassisch motorisiert mit Zugmaschinen. Ob und inwiefern die Zugmaschinen der anderen Abteilungen gepanzert waren kann ich nicht sagen. Da es aber von den Zugmaschinen gepanzerte Versionen gab, fanden die hier vielleicht auch Verwendung (das ist jetzt reine Vermutung meinerseits). Da die Artillerie aber zu den Kampfunterstützungstruppen zählt, ist dies hinsichtlich der „Vollpanzerung“ nicht von Belang.
Als weitere Literatur – kurz und bündig – empfehle ich von Rolf Stoves: Die gepanzerten und motorisierten deutschen Grossverbände 1935 – 1945.
Theoretischer, aber nicht minder interessant: Walter K. Nehring, Die Geschichte der deutschen Panzerwaffe 1916 bis 1945 (Nehring war vor dem Krieg am Aufbau der Panzerwaffe mit beteiligt, veröffentlichte auch verschiedene theoretische Werke, im Krieg war er u.a. Kommandeur der 18. PD und später verschiedener Panzerkorps).
So – hoffe etwas geholfen zu haben und nicht noch mehr für Verwirrung gesorgt zu haben.
Viele Grüsse
Tom