Hallo Isi,
ich kann verstehen, daß Dir der Inhalt meiner Antwort nicht gefällt, weil die Sache recht hoffnungslos klingt. Ich kann aber leider nichts daran ändern, was man zu diesem Thema bis jetzt herausgefunden hat und was anscheinend menschliche „Natur“ ist.
Damit keine Mißverständnisse aufkommen: So etwas, wie in Heidelberg geschehen ist, halte ich für einen extremen Fall. Vielleicht spielen dort sowohl normalpsychologische Phänomene als auch pathologische eine Rolle. Ich sage ‚vielleicht‘, weil ich den Fall nur vom Hörensagen kenne. Er klingt aber sehr extrem (mit Eisenstangen auf einen Menschen einzuschlagen - schlimm).
Damit zusammenhängend, aber doch anders sind die „normalen“ Fälle, die in allen Schulklassen anzutreffen sind, jedenfalls den Studien zufolge, die ich kenne. Ich habe - als ich das Posting gestern schrieb - in 2 Büchern nachgeschlagen und mir einen Fachartikel über eine Untersuchung an 443 Gymnasiasten angesehen, um mich zu vergewissern. Die Untersuchung fand in allen Klassen einen Anteil von 10% abgelehnter Mitschüler und einen Anteil von 5% Mitschüler, die Opfer von Gewalt wurden. Unter Gewalt fallen aber nicht nur körperliche Gewalttaten, sondern auch Verbalangriffe und Auslachen. Aus meiner Schulzeit kann ich dieses Ergebnis bestätigen.
Was meinst Du mit ‚normabweichenden Verhalten‘?
In der Forschung meint man damit jegliches Verhalten, was nicht den Gruppennormen entspricht. In Gruppen gibt es bestimmte (oft nur implizite) Vorstellung darüber, wie sich Gruppenmitglieder zu verhalten haben. Wer von diesem „Ideal“ abweicht, bekommt es zu spüren. Im Fall der Gleichaltrigengruppen bei Schulkindern bezieht sich die Forschung auf wenig prosoziales Verhalten, regelverletzendes Verhalten und durch die Gleichaltrigen wahrgenommene „Unreife“.
Wenn man neu in einer Gruppe ist, dann kennt man die Regeln selbstverständlich nicht, verletzt diese öfter unabsichtlich und erfährt die „Rückmeldung“ der Gruppe, z.B. durch Auslachen. Wenn weiterhin Regeln verletzt werden, kann die Sache eskalieren, muß aber nicht. Es kann auch zur Isolierung des Einzelnen kommen.
Ich hab miterlebt,das es schon reicht,wenn sich die Betroffenen nicht
wehren.
Ich weiß nicht, ob das, was Du beschreibst, zu dem paßt, was ich oben meine. Wenn ich lese, daß es schon ausreicht, wenn sich die Betroffenen nicht wehren, dann frage ich mich, wie die Gruppe dieses „Nicht wehren“ wahrnimmt. Vielleicht wird gedacht: „Das ist doch eine Memme.“ In einer stark auf „männliche“ Züge ausgelegten Gruppe ist die Wahrnehmung als „Memme“ durch die anderen meiner Meinung nach ein großes Risiko, daß der Betroffene in irgendeiner Form Opfer wird.
… gibt es auch Zweifel, ob es sich
durch Erziehungsmaßnahmen vollständig vermeiden läßt, daß
Kinder in Außenseiterpositionen geraten - auch wenn
selbstverständlich niemand will, daß es so etwas gibt und daß
so etwas passiert.
Das ist sehr bitter!Und ich will das nicht wirklich
akzeptieren.
Ich verstehe, was Du meinst. Es ist bitter! Es scheint aber eben menschliche „Natur“ zu sein, daß der Gruppenzusammenhalt auch auf eine uns moralisch inakzeptable Weise gewährleistet wird. Das ist den meisten Menschen meiner Beobachtung nach nicht klar. Du hast selbst Literatur wie Goldings „Der Herr der Fliegen“ genannt. Die Beobachtungen und Ideen, die Golding in sein Werk hat einfließen lassen, was Verhalten innerhalb und zwischen Gruppen anbelangt, entsprechen ziemlich den Forschungsergebnissen in der Sozialpsychologie und der Verhaltensbiologie. Bei unseren tierischen Verwandten, den Menschenaffen, funktioniert es sehr ähnlich. Allerdings gibt es scheinbar angeborene Hemmmechanismen, so daß die Gewalt in der Regel nicht eskaliert.
Deshalb seh ich es als eine Form der Weiterentwicklung an,wenn
eine Gesellschaft so ein Verhalten irgendwann ablegt.
Trotz vieler skeptischer Gedanken, ob dies jemals so sein wird und ob nicht das, was scheinbar in der Evolution erfolgreich war, tatsächlich keinen Nutzen mehr hat, stimme ich Dir zu.
Ist es denn so,das dieses ‚Sündenbock‘-Ding in jeder
Gemeinschaft zu finden ist?
Es scheint, daß es dies in jeder Schulklasse gibt, demzufolge, was ich gestern noch einmal gelesen habe. Die Bücher / Fachartikel stammen von Ende der 90er Jahre.
Oder gibt es da auch Ausnahmen? Und was machen die anders/ besser?
Nach dem humanethologischen Buch des Verhaltensbiologen Eibl-Eibesfeldt, der viele Untersuchungen an Völkern und Stämmen auf anderen Kontinenten gemacht hat, scheinen die von mir hier beschriebenen kulturübergreifend zu sein. Es gibt in jeder Kultur jedoch andere Normen und etwas andere Formen mit Abweichungen umzugehen. Wenn ich das Allgemeine versuche herauszuziehen und auch Verhalten bei in Gruppen sozial lebenden Tieren (z.B. bei Affen) mit einbeziehe, dann ist das Muster zu erkennen, das ich beschrieb. Die früheren Beschreibungen, die auf aggressionslose Gemeinschaften bei Südseeinsulanern hindeuteten (von Frau Mead), werden heute als nachlässige Untersuchungen eingestuft.
Aber wie geht man damit um?‚Kopf-in-den-Sand‘ kann doch nicht die
einzige Möglichkeit sein…
Natürlich nicht. Ich denke, daß Aufklärung über die Hintergründe, genaue Beobachtungen, was die Gründe im konkreten Fall sind, Erziehungsmaßnahmen und das Herstellen positiver Kontakte zu Fremdgruppenmitgliedern einen positiven Beitrag leisten können. Gewalt darf nicht als erfolgreiches Vorbild von Kindern und Jugendlichen wahrgenommen werden. Gewaltfilme, Dschungelshows, „Komiker“ wie Stefan Raab, die auf Kosten anderer im Fernsehen vor Millionen Zuschauern „Witze“ reißen (-> Auslachen), tragen meines Erachtens im Gegenteil aber dazu bei, daß der Respekt vor dem Mitmenschen reduziert und Gewalt (z.B. in Form von verbaler Gewalt) als eine Verhaltensform sozial aufgewertet wird.
Gruß,
Oliver Walter