Attraktivität des Irrationalen
Hi Diana,
War man früher durchaus bereit, eine Psychotherapie in Erwägung zu ziehen, konsultierte man etwas später gern auch einen „Coach“, so ist im Moment der Gang zum „Schamanen“ angeraten.
Beinahe möchte man Briestisch sagen „Ach, Diana, laß. Das ist ein zu weites Feld“ 
Klar ist, daß es nicht dieselbe Klientel ist, die sich von den drei von dir genannten Kategorien angesprochen fühlt oder von einer zur nächsten wandert. Zu beobachten ist allerdings eine Abwanderung von Therapieinteressierten (die oft nicht Psychologie, Psychotherapie, Psychoanalyse zu unterscheiden vermögen) zu neoschamanistischen Propagatoren. Aber ebenso eine solche Tendenz von Coaching-Interessierten (meist Führungskräften), die in der Attraktivität des (für sie zumindest) Irrationalen Heil vom alltäglichen Stress des Rationalen suchen.
Klar ist auch, daß hier nicht das gemeint ist, was man kultur- und religionshistorisch korrekt unter Schamanismus versteht. Mircea Eliade hatte seinerzeit den Begriff aus seinem altaischen bzw. jakutischen Ursprung herausgehoben und ihn auf bestimmte, wohldefinierte Erscheinungen religiöser Phänomene und Praktiken in einer Unzahl anderer Kulturen erweitert.
Nun ist es sehr schwierig, die besagten Phänomene genauer zu studieren - insbesondere sich mit den speziellen „Fähigkeiten“ der Individuen vertraut zu machen, die in bestimmten Stämmen für die Rolle des Schamanen berufen werden/wurden. Man muß ein umfangreiches religionswissenschaftlichen Wissen besitzen, um durch Vergleiche und Ähnlichkeiten die Spezialitäten erkennen und einschätzen zu können.
Aber gerade durch dieses Schwierigkeit: „man weiß es nicht genau - es ist sehr fremdartiges Denken - es ist ganz anders als in unserer westlichen Kultur - es ist also geheimnisvoll“ war die Popularisierung dieser Dinge wie geschaffen, von der Esoterikszene aufgesaugt zu werden wie von einem Schwamm.
Denn das Fremdartige, Geheimnisvolle ist die Hauptnahrung dieser
Zeitgeist-trendigen Variante.
Gerade diese Haltung „wir haben Kenntnis von etwas, was die hiesige rationale Wissenschaft nicht nachvollziehen kann - folglich haben wir Wissen, das ihr nicht habt“ gibt ja der Esoterikszene ihr künstlich aufgepepptes elitäres Bewußtsein, das dann gerne subsumiert wird - nach dem Motto „Wissen ist Macht“, und besonders eben Wissen, das andere nicht haben, und noch besser Wissen, das andere ignorieren. Angeblich Irrationales (es ist irrational nur im Vergleich, in Wirklichkeit nur anders rational) ist halt per def. nicht verpflichtet, sich der Überprüfung zu unterziehen. So kann jeder leicht den Fachkundigen mimen, erbraucht es ja nicht zu beweisen.
warum haben gerade „Schamanen“ so einen Zulauf?
Und daraus erklärt sich der Zulauf. Das begann bereits in den frühen 70ern mit den von Sam Keen propagierten „3M“ (in „Stimmen und Visionen“: Mythos, Mystik, Magie). Hier wird versprochen, abheben zu können aus der Welt der Verpflichtungen, der knallharten Interessenbilanzen, der kulturbedingten zermürbenden Konflikte. Schamanistische Reise als Wochenendkurs für jedermann … Ein paar trance- und imaginationstechnische Tricks: Und schon sind die Kunden so „entspannt“ wie nie zuvor. Zumindest noch am Montag, und am Dienstag vielleicht noch bis zum Lunch.
Alles, was irgendwie mit Psycho zu tun hat, und was zusätzlich ein wenig Literatur gefressen hatte über eins der drei M, am besten noch alles zugleich („ist ja eh alles dasselbe“), hatte Respekt, schon deshalb, weil er sich mit einem Bein jenseits dessen stellte, was man im Gegenzug „etablierte Wissenschaft“ nannte (meist ohne jede Kenntnis über diese und ihre Methodik).
Allerdings wird dann in dieser Ratatouille von popularisiertem Halbwissen ebenso gerne übersehen, was Wilhelm Busch so schön markierte:
„Wenn einer der mit Mühe kaum
gekrochen ist auf einen Baum,
schon meint, daß er ein Vogel wär …“
Wenn man weiß, was mit Schamanismus tatsächlich gemeint ist und wie sich das endemisch und vor Ort abspielt (und mancherorts sich seit Urzeiten in traditioneller und stammeseigener Art abgespielt hat), kann man sich nur die Haare raufen, wenn sich hier jemand als Schamane bezeichnet oder bezeichnen läßt.
Ein wirklicher Schamane, egal welcher Kultur, würde sich bei uns nicht mit großer Gebärde kundtun, so wie es so mancher indische „Guru“-Import in den 70ern und 80ern tat.
Leider wird dann auch etwas übersehen und gar mit Gewalt überrollt: Wenn alles, was geheimnisvoll und irrational ist und was man nicht ohne Weiteres versteht, arrogant als Wissensinhalt ausgegeben wird, dann geht so manches erstaunliche tatsächliche Wissen aus der archaischen Welt verloren. Ebenso wie manche äußerst erstaunliche Eigenschaft und Fähigkeit von Zeitgenossen unseres Lebensraums im esoterischen Eintopf „neoschamanistischen“ Geschwätzes übersehen und zerredet wird.
Interessant ist auch die Frage, weshalb überhaupt jede der drei von dir genannten Kategorien im Falle eines irgendwie seelischen Hilfsbedürfnisses einen großen Teil ihrer Attraktivität bezieht. Sie haben nämlich unter gewissen Gesichtspunkten alle tatsächlich etwas gemeinsam. Für den Laien jedenfalls - und darauf kommt es ja an.
Gruß
Metapher