Da kann ich dir einen Schamanen empfehlen

Hallo Fachkundige & Laien,

anläßlich einer Antwort weiter unten im Brett fühle ich mich bemüßigt, das Thema mal hier aufs Tapet zu bringen, denn es begegnet mir seit einiger Zeit auch hin & wieder im Bekanntenkreis:

War man früher durchaus bereit, eine Psychotherapie in Erwägung zu ziehen, konsultierte man etwas später gern auch einen „Coach“, so ist im Moment der Gang zum „Schamanen“ angeraten.

Ich setze den Begriff in Klammern, weil es mir nicht um die kulturhistorische Betrachtung des Schamanismus geht, sondern um die Zeitgeist-trendige Variante.

Gibt es diesen Trend schon länger? Wie ist er entstanden? Und warum haben gerade „Schamanen“ so einen Zulauf?

Danke + Gruß
Diana

Attraktivität des Irrationalen
Hi Diana,

War man früher durchaus bereit, eine Psychotherapie in Erwägung zu ziehen, konsultierte man etwas später gern auch einen „Coach“, so ist im Moment der Gang zum „Schamanen“ angeraten.

Beinahe möchte man Briestisch sagen „Ach, Diana, laß. Das ist ein zu weites Feld:smile:

Klar ist, daß es nicht dieselbe Klientel ist, die sich von den drei von dir genannten Kategorien angesprochen fühlt oder von einer zur nächsten wandert. Zu beobachten ist allerdings eine Abwanderung von Therapieinteressierten (die oft nicht Psychologie, Psychotherapie, Psychoanalyse zu unterscheiden vermögen) zu neoschamanistischen Propagatoren. Aber ebenso eine solche Tendenz von Coaching-Interessierten (meist Führungskräften), die in der Attraktivität des (für sie zumindest) Irrationalen Heil vom alltäglichen Stress des Rationalen suchen.

Klar ist auch, daß hier nicht das gemeint ist, was man kultur- und religionshistorisch korrekt unter Schamanismus versteht. Mircea Eliade hatte seinerzeit den Begriff aus seinem altaischen bzw. jakutischen Ursprung herausgehoben und ihn auf bestimmte, wohldefinierte Erscheinungen religiöser Phänomene und Praktiken in einer Unzahl anderer Kulturen erweitert.

Nun ist es sehr schwierig, die besagten Phänomene genauer zu studieren - insbesondere sich mit den speziellen „Fähigkeiten“ der Individuen vertraut zu machen, die in bestimmten Stämmen für die Rolle des Schamanen berufen werden/wurden. Man muß ein umfangreiches religionswissenschaftlichen Wissen besitzen, um durch Vergleiche und Ähnlichkeiten die Spezialitäten erkennen und einschätzen zu können.

Aber gerade durch dieses Schwierigkeit: „man weiß es nicht genau - es ist sehr fremdartiges Denken - es ist ganz anders als in unserer westlichen Kultur - es ist also geheimnisvoll“ war die Popularisierung dieser Dinge wie geschaffen, von der Esoterikszene aufgesaugt zu werden wie von einem Schwamm.

Denn das Fremdartige, Geheimnisvolle ist die Hauptnahrung dieser

Zeitgeist-trendigen Variante.

Gerade diese Haltung „wir haben Kenntnis von etwas, was die hiesige rationale Wissenschaft nicht nachvollziehen kann - folglich haben wir Wissen, das ihr nicht habt“ gibt ja der Esoterikszene ihr künstlich aufgepepptes elitäres Bewußtsein, das dann gerne subsumiert wird - nach dem Motto „Wissen ist Macht“, und besonders eben Wissen, das andere nicht haben, und noch besser Wissen, das andere ignorieren. Angeblich Irrationales (es ist irrational nur im Vergleich, in Wirklichkeit nur anders rational) ist halt per def. nicht verpflichtet, sich der Überprüfung zu unterziehen. So kann jeder leicht den Fachkundigen mimen, erbraucht es ja nicht zu beweisen.

warum haben gerade „Schamanen“ so einen Zulauf?

Und daraus erklärt sich der Zulauf. Das begann bereits in den frühen 70ern mit den von Sam Keen propagierten „3M“ (in „Stimmen und Visionen“: Mythos, Mystik, Magie). Hier wird versprochen, abheben zu können aus der Welt der Verpflichtungen, der knallharten Interessenbilanzen, der kulturbedingten zermürbenden Konflikte. Schamanistische Reise als Wochenendkurs für jedermann … Ein paar trance- und imaginationstechnische Tricks: Und schon sind die Kunden so „entspannt“ wie nie zuvor. Zumindest noch am Montag, und am Dienstag vielleicht noch bis zum Lunch.

Alles, was irgendwie mit Psycho zu tun hat, und was zusätzlich ein wenig Literatur gefressen hatte über eins der drei M, am besten noch alles zugleich („ist ja eh alles dasselbe“), hatte Respekt, schon deshalb, weil er sich mit einem Bein jenseits dessen stellte, was man im Gegenzug „etablierte Wissenschaft“ nannte (meist ohne jede Kenntnis über diese und ihre Methodik).

Allerdings wird dann in dieser Ratatouille von popularisiertem Halbwissen ebenso gerne übersehen, was Wilhelm Busch so schön markierte:
„Wenn einer der mit Mühe kaum
gekrochen ist auf einen Baum,
schon meint, daß er ein Vogel wär …“

Wenn man weiß, was mit Schamanismus tatsächlich gemeint ist und wie sich das endemisch und vor Ort abspielt (und mancherorts sich seit Urzeiten in traditioneller und stammeseigener Art abgespielt hat), kann man sich nur die Haare raufen, wenn sich hier jemand als Schamane bezeichnet oder bezeichnen läßt.

Ein wirklicher Schamane, egal welcher Kultur, würde sich bei uns nicht mit großer Gebärde kundtun, so wie es so mancher indische „Guru“-Import in den 70ern und 80ern tat.

Leider wird dann auch etwas übersehen und gar mit Gewalt überrollt: Wenn alles, was geheimnisvoll und irrational ist und was man nicht ohne Weiteres versteht, arrogant als Wissensinhalt ausgegeben wird, dann geht so manches erstaunliche tatsächliche Wissen aus der archaischen Welt verloren. Ebenso wie manche äußerst erstaunliche Eigenschaft und Fähigkeit von Zeitgenossen unseres Lebensraums im esoterischen Eintopf „neoschamanistischen“ Geschwätzes übersehen und zerredet wird.

Interessant ist auch die Frage, weshalb überhaupt jede der drei von dir genannten Kategorien im Falle eines irgendwie seelischen Hilfsbedürfnisses einen großen Teil ihrer Attraktivität bezieht. Sie haben nämlich unter gewissen Gesichtspunkten alle tatsächlich etwas gemeinsam. Für den Laien jedenfalls - und darauf kommt es ja an.

Gruß
Metapher

Heilslehren & ihr Nimbus
Hallo M…Metapher :wink:,

Beinahe möchte man Briestisch sagen „Ach, Diana, laß. Das ist ein zu weites Feld:smile:

haha, mitnichten! Hatte ich doch auf Deinem Beitrag gehofft.

Zu beobachten ist allerdings eine Abwanderung von Therapieinteressierten (die oft nicht Psychologie, Psychotherapie, Psychoanalyse zu unterscheiden vermögen) zu neoschamanistischen Propagatoren. Aber ebenso eine solche Tendenz von Coaching-Interessierten (meist Führungskräften), die in der Attraktivität des (für sie zumindest) Irrationalen Heil vom alltäglichen Stress des Rationalen suchen.

Genau, das ist die Tendenz, die ich in meinem beruflichen / privaten Umfeld auch beobachte.

Und daraus erklärt sich der Zulauf. Das begann bereits in den frühen 70ern mit den von Sam Keen propagierten „3M“ (in „Stimmen und Visionen“: Mythos, Mystik, Magie). Hier wird versprochen, abheben zu können aus der Welt der Verpflichtungen, der knallharten Interessenbilanzen, der kulturbedingten zermürbenden Konflikte.

Das leuchtet ein. Plus der Trend zu mehr Naturverbundenheit, ursprünglicherem = „natürlicherem“ Leben etc.

Wenn man weiß, was mit Schamanismus tatsächlich gemeint ist und wie sich das endemisch und vor Ort abspielt (und mancherorts sich seit Urzeiten in traditioneller und stammeseigener Art abgespielt hat), kann man sich nur die Haare raufen, wenn sich hier jemand als Schamane bezeichnet oder bezeichnen läßt.

Allerdings.

Leider wird dann auch etwas übersehen und gar mit Gewalt überrollt: Wenn alles, was geheimnisvoll und irrational ist und was man nicht ohne Weiteres versteht, arrogant als Wissensinhalt ausgegeben wird, dann geht so manches erstaunliche tatsächliche Wissen aus der archaischen Welt verloren. Ebenso wie manche äußerst erstaunliche Eigenschaft und Fähigkeit von Zeitgenossen unseres Lebensraums im esoterischen Eintopf „neoschamanistischen“ Geschwätzes übersehen und zerredet wird.

Das ist ein interessanter Punkt. Denn mich irritiert daran auch das pseudo-religiöse Gehabe so mancher Schamanenjünger, die gleichzeitig mit großer „aufgeklärter“ Geste die christliche Heilslehre, die ihr kulturgesellschaftliches Umfeld prägt, abtun. Vielleicht kein ungeschickter Schachzug Benedikts, den katholischen Ritus wieder stärker mystifizieren zu wollen :wink:

Interessant ist auch die Frage, weshalb überhaupt jede der drei von dir genannten Kategorien im Falle eines irgendwie seelischen Hilfsbedürfnisses einen großen Teil ihrer Attraktivität bezieht. Sie haben nämlich unter gewissen Gesichtspunkten alle tatsächlich etwas gemeinsam. Für den Laien jedenfalls - und darauf kommt es ja an.

Das können wir an dieser Stelle gerne vertiefen :smile:

Viele Grüße
Diana

Hi Diana

Gibt es diesen Trend schon länger? Wie ist er entstanden?

In den 70er Jahren setzte ein wahrer „Run“ auf Esoterik im allgemeinen und Schamanen insbesondere ein. Metapher hat ja schon einiges dazu geschrieben.
Ergänzend könnte man die Bücher von Carlos Castaneda („Die Lehren des Don Juan“) nennen, die wir damals natürlich etwa so verschlungen haben wie unsere Väter den Karl May. (Den dritten und den vierten Band fand ich richtuig aufregend, danach ließ es langsam nach…)
Der Schamane Doin Juan, ein in Mittelamerika agierender Medizinmann oder Zauberer, wie der auch genannt wird, hat damals etwa eine halbe Generation beeindruckt. Castaneda begann seine „Lehre“ bei diesem Schamanen ja schon 1961, als Bob Dylan sich gerade anschickte, berühmt zu werden, Marilyn Monroe sich noch einigermaßener Gesundheit erfreute (aber doch schon mit sehr viel Psycxhotherapie neben dem set) und in Berlin die Mauer gebaut wurde, aber hier bei uns in D wurden Castanedas Bücher erst wiegesagt in den 70ern gelesen. Gerade die psychisch etwas labileren Menschen meiner Generation haben damals sehr auf Don Juan Matus geschielt. Ich erinnere mich, wie intensiv meine psychiatrischen Patienten sich an diesden Lesestoff klammerten, weil ihnen die Psychiatrie anscheinend zu wenig tiefgehende Substanz bot.
Nun, der Boom hält also immerhin schon weit mehr als 30 Jahre an - ich weiß nicht so recht, ob man da von einem neuen Trend sprechen sollte… :wink:
Es grüßt dich
Branden

next generation
Hallo Branden,

Nun, der Boom hält also immerhin schon weit mehr als 30 Jahre an - ich weiß nicht so recht, ob man da von einem neuen Trend sprechen sollte… :wink:

danke für den historischen Exkurs. Die Menschen, die in meinem Umfeld diesem Trend folgen sind meist Mitte der 60er bis Mitte der 70er geboren.

Mitte / Ende der 90er, als meine Generation erstmalig mit der postpubertären Sinnsuche begann, war es durchaus üblich, eine Therapie zu machen, über den klassischen Weg der von den KK zugelassenen Therapeuten, zumindest bei der eher alternativ angehauchten Szene. Die Manager wandten sich dann eher Coaches zu.

Der verstärkte Boom zu Schamanen, indianischen Schwitzhütten, Feuerlaufen etc. begann meiner Wahrnehmung nach erst später und wird von besagten Kreisen auch durchaus als „neu“ empfunden und eher als „Sabbatical“ (auch so’n Ding), denn als grundsätzliche, alternative Lebensform.

Viele Grüße
Diana

… so würde ich ihn ziehen.
So belasse ich es bei einer tiefen Verbeugung und einem Sternchen für dieses posting, das man archivierbar und löschgeschützt den Brettern Eso, Para und Astrologie voranstellen sollte.

Du hast die besseren Worte für das gefunden, was ich in o.g. Brettern gerne die moderne Sehnsucht nach dem Mysterium nannte. Den Wunsch nach etwas einfacherem und märchenhafterem als dem rationalen Selberdenken.

Hab Dank

AKQJ10s

So belasse ich es bei einer tiefen Verbeugung und einem
Sternchen für dieses posting, das man archivierbar und
löschgeschützt den Brettern Eso, Para und Astrologie
voranstellen sollte.

Dem möchte ich mich uneingeschränkt anschließen.

=^…^=

Ich auch!

Beate

„Philosophische Praxis“
Hallo,

Die Manager wandten sich dann eher Coaches zu.

Nur, weil es hier noch unerwähnt ist:
Die Manager sind wohl auch Zielgruppe jener akademischen Philosophen, die seit den 80er Jahren freiberuflich in einer „Philosophischen Praxis“ Hilfestellung anbieten (Vorreiter: Gerd B[öttcher] Achenbach).

Gruss
Nescio

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Hallo,

Gibt es diesen Trend schon länger? Wie ist er entstanden? Und
warum haben gerade „Schamanen“ so einen Zulauf?

ob das ein Trend ist, kann ich nicht sagen.
Branden hat das ja bereits erwähnt.
Mir schein, dass es aber vor allem Leute sind,
die als unheilbar gelten oder sich in aussichtsloser
Lage befinden oder Leute die ihre Grenzen
überwinden wollen, (was ähnlich gelagerte
Ausgangssituationen sind), die dort ihr Heil suchen.
Du spielst aber wohl eher auf die Trendsetter an,
die jeden Mist mitmachen, nur weil er gerade „Hipp“
ist? Ohne wirkliche Intentionen?

Ein mitverantwortlicher ist sicherlich Clemens Kuby:

http://www.amazon.de/Unterwegs-die-n%C3%A4chste-Dime…

http://de.wikipedia.org/wiki/Clemens_Kuby

Sind die in diesem Buch beschriebenen Schamanen denn nun
„richtige“ Schamanen, wie Metapher unten kritisiert
hat? Kuby scheint die personifizierte Synthese zwischen
Mystik und Wissenschaftlichkeit. Er ist Soziologe und
Neffe des Physik Nobelpreisträgers W. Heisenberg.

Seine Gedanken heisst es im Buchumschlag, provozieren
und inspirieren, bringen uns an die Grenzen
unseres abendländisches Weltbildes und schaffen
Durchbrüche zu neuen Horizonten, die tief berühren
und lange nachwirken.

Eine uralte Sehnsucht der Menschen. Die nüchterne
Wissenschaft ist ja nun eher geneigt diese
abendländische Grenze zu bewahren.
Was befriedigt eine solche Sehnsucht also mehr,
als Beweise, als tatsächlich geschehene „Wunderheilungen“,
die in gewissem Sinne wissenschaftlich verifiziert
sind? Wo man ohne sich schämen zu müssen seine
Grenzen überwinden kann?

Dass solche „Potentiale“ natürlich Leute aller
Couleur anziehen und Trittbrettfahrer ihren
Provit daraus schlagen wollen, ist klar.

Bleibt die Frage, was ist wirklich dran an
den „richtigen“ Schamanen? Blosser Placeboeffekt?
Wieso kann die Schulmedizin diesen dann nicht
instrumentalisieren? Von den harmlosen Pillen
einmal abgesehen. Hat sie Angst sich lächerlich
zu machen? Ist dieser Placeboeffekt denn nicht schon
mystisch genug, dass man ihn durch blosse
Namensnennung entmytifizieren und rationalisierbar
machen könnte? Und hier scheint mir der neuralgische
Punkt.

Gruß
Powenz

Moin,

War man früher durchaus bereit, eine Psychotherapie in
Erwägung zu ziehen, konsultierte man etwas später gern auch
einen „Coach“, so ist im Moment der Gang zum „Schamanen“
angeraten.

Ich setze den Begriff in Klammern, weil es mir nicht um die
kulturhistorische Betrachtung des Schamanismus geht, sondern
um die Zeitgeist-trendige Variante.

Gibt es diesen Trend schon länger? Wie ist er entstanden?

Es gibt da ein nettes kleines Büchlein zu dem Thema mit dem Titel: „Was heilt uns? Zwischen Spiritualität und Therapie“ von diversen Autoren, ISBN-10: 3451056844 Buch anschauen

Hier wird versucht ein wenig auf die Wechselbeziehung zwischen Religion und Psychologie einzugehen.

Und
warum haben gerade „Schamanen“ so einen Zulauf?

Ich könnte mir vorstellen, dass sich mittlerweile rumgesprochen hat, dass Therapie allein eben auch nicht auf alles eine Antwort bringt. Da die etablierten Religionen bei vielen Leuten aber „out“ sind, wird eben nach Alternativen gesucht. Schamanen haben vielleicht deshalb derzeit so einen Zulauf, weil es einfach ein größeres Angebot von „Schamanen“ gibt. Zudem gibt es hier vielleicht die Vorstellung, dass der Schamane irgendwas macht, und schwupp sind alle Probleme wie weggeblasen. Das ist natürlich erstmal viel attraktiver und einfacher, als stundenlang bei Therapeuten rumzusitzen :smile:

Gruß
Marion