Hallo Irene,
Kurz gesagt: ich kenn mich nicht aus.
sich in dem Dschungel von „Ich“ und „Selbst“ in allen Ecken auszukennen, ist schwierig, weil es sehr viele Ansätze gibt, diese Begriffe zu fassen. Sie stammen wohl alle von philosophischen Betrachtungen ab. Ich werde mich auf das Konzept des „Selbst“ beschränken und zwei übergeordnete Kategorien von Auffassungen darüber, was unter „Selbst“ verstanden werden kann, an Beispielen erläutern.
- Das Selbst kann zum einen als eine Art „Kern“ dessen verstanden werden, was einen Menschen ausmacht. Dieser Kern ist demnach unabhängig von momentanen Stimmungen und Situationseinflüssen. Dahinter verbirgt sich eine Vorstellung davon, wie ein Mensch „wirklich“ ist oder wie er „wirklich“ sein könnte oder auch wie er „wirklich“ sein sollte. Letzteres weist dann auf die Leitfunktion des Selbst hin.
So ist das Selbst für den Psychoanalytiker C.G. Jung „das archetypische Bild, das […] zu einer Verbindung beider psychischer Teilsysteme - des Bewußtseins und des Unbewußten - durch einen gemeinsamen Mittelpunkt führt“. Das Selbst stellt nach Jung eine Art Leitbild in der Entwicklung des Individuums dar, bei der alle Widersprüche zwischen Bewußtem und Unbewußtem aufgehoben werden. Diese Entwicklung nennt man nach Jung Individuation oder Selbstwerdung.
Auch das Selbst, von dem in der psychoanalytischen Selbst-Psychologie gesprochen wird, gehört hierher. Für Heinz Kohut bilden „Gefühle, daß wir ein unabhängiger Mittelpunkt von Antrieb und Wahrnehmung sind“ und daß „unser Körper und Geist eine Einheit in Raum und ein Kontinuum in der Zeit darstellen“, das Selbst. Er nimmt ein „primäres Zentrum von Spontaneität, ein ‚Leben jenseits Lustprinzips‘, das nach Selbstausdruck strebt“ an. Das Ziel des Menschen sei die „Verwirklichung des in seinem Kern-Selbst hinterlegten (Lebens)-Entwurfes durch seine Taten“.
- Das Selbst kann aber auch als die Einschätzung eigener Denk- und Handlungsweisen durch eine Person aufgefaßt werden, also nicht als dasjenige, was ein Mensch „wirklich“ ist, sondern als dasjenige, als was sich ein Mensch wahrnimmt.
Diese Auffassung findet sich in Sozialpsychologie , deren Ansatz durch die Annahme vieler „Selbst“ pro Person gekennzeichnet ist. Denn Sozialpsychologen gehen davon aus, daß Menschen je nach Situation und sozialer Rolle sich unterschiedlich einschätzen und unterschiedliche Gefühle über sich haben. Deshalb kann jemand z.B. ein „Familienvater“-Selbst, ein „Liebhaber“-Selbst, ein „Sportler“-Selbst und ein „Techniker“-Selbst haben. Die Gesamtheit aller Einschätzungen über sich selbst nennen Sozialpsychologen das Selbst-Konzept.
Die humanistische Auffassung von Carl Rogers ist der sozialpsychologischen ähnlich. Das Selbst oder Selbstbild ist nach Rogers derjenige Anteil der Vorstellungen, die die eigene Person, den Körper, die Fähigkeiten und die Beziehungen zu anderen Menschen betreffen.
Der behavioristische Ansatz von Skinner ist der sozialpsychologischen ebenfalls ähnlich, weil er ebenfalls verschiedene „Selbst“ annimmt, wobei darunter allerdings nicht Gruppen von zusammengehörenden Vorstellungen oder Wahrnehmungen gemeint sind, sondern Gruppen von Verhaltensweisen, die durch die unterschiedlichen Beziehungen zwischen Reizen und Verstärkern gebildet werden.
Diese Auffassungen vom Selbst, die ich zusammengetragen habe, verstehe ich als Modelle, um bestimmte Verhaltensweisen von Menschen zu erklären. Kein Ansatz stellt die „Wahrheit“ dar und die anderen sind deshalb nicht „falsch“. Ich persönlich präferiere die Ansätze der zweiten Kategorie, weil ich Schwierigkeiten habe, mir vorzustellen, was das bedeuten soll: wie ein Mensch „wirklich“ ist oder was er „im Kern“ ist. Andersherum: Wie ist ein Mensch denn „unwirklich“ oder an der „Peripherie“? Wovon hängt das ab? Wie erkennt man, was das „Wirkliche“ an einem Menschen ist und was das „Unwirkliche“? Wenn ein Mensch bisher meistens „freundlich“ gehandelt hat, ist er dann ein „wirklich freundlicher“ Mensch? Und was ist, wenn er plötzlich und unerwartet egoistisch und unfreundlich handelt? Hat er sich dann nur die ganze Zeit verstellt und ist „im Kern“ ein „schlechter“ Mensch. Auf diese und mit ihnen zusammenhängende, weitergehende Fragen habe ich bis jetzt noch keine mich zufriedenstellende Antwort gefunden.
Gruß,
Oliver Walter