ach ja, der der liebe Wilhelm…
Also er war nicht unbedingt eine Geistegröße - das muß man erst einmal so sagen. Und sein militärisches Getöse (er trat ja nie anders als in Uniform auf und gefiel sich mächtig mit markigen Sprüchen) hat den Ruf der Deutschen als ewige Kriegstreiber wesentlich mitbegründet. Abgesehen davon war er ja z.B. in der Marokkokrise mit seinem sinnfreien Gerede auch immer mal zum Auslöser gigantischer Krisen zwischen den Mächten geworden, die die Diplomaten nur mit Mühe abbiegen konnten.
Und genau so einen Anfall von Hirnlosigkeit hatte er 1914, als er Österreich/Ungarn auf NAchfrage versicherte, unter allen Umständen getreu seinen Bündnispflichten zu handeln. Er hätte Franz Losef nur mitteilen brauchen, daß er keinen von Österreich angezettelten Krieg unterstützenb wird - und das Ganze wäre wahrscheinlich mangels Masse ausgefallen. Aber nein - in deutscher Nibelungentreue bis in den Weltuntergang - er hat das Ding so formuliert, daß sich Österreich damit noch bestätigt sah.
Da hatte er es in der Hand - nicht bei dem halbherzigen Rettuzngsversuch unmittelbar vor Kriegsausbruch. denn nachdem die Mobieliersung in den ganzen Ländern einmal lief, konnte echt keiner mehr das Ding aufhalten.
Abgesehen davon, dass das Kaiserreich zweifellos die beste
Zeit bis dahin für die Deutschen war, hast Du beim Zitat des
Liedes (auf die Melodie eines bekannten Reitermarsches) die
zweite Zeile vergessen:
„Aber nur den mit Bart!“
Gemeint war also der Großvater, Wilhelm I. Womit bewiesen
wäre, dass auch der Volksmund fein und ironisch zu
differenzieren weiß.
In der Weimarer Republik, als dieser Text zum „Fehrbelliner Reitermarsch“ gesungen wurde, lag der olle Willi „mit“ schon über 30 Jahre in der Grube. Das bedeutet, dass sich zu dieser Zeit schon nur noch die älteren und alten Leute an die Zeit von Wilhelm I. bewusst erinnern konnten. Wenn heute jemand herkäme und einem 18jährigen von der Zeit der sozialliberalen Koalition vorschwürme, könnte der Angeschwürmene auch nicht mehr wirklich etwas damit anfangen. Will sagen : Wilhelm I. war schon in den 20er Jahren eine historische, fast legendäre Figur … und das relativiert denn auch die Begeisterung ein wenig.
noch eine Literaturergänzung
Hallo,
das sprengt zwar nun schon den Rahmen für eine Schülerarbeit, aber bei Literaturempfehlungen zum Ersten Weltkrieg - wenn nicht die historischen Abläufe im Vordergrund stehen müssen - darf meiner Ansicht nach Karl Kraus’ monumentale Tragödie „Die letzten Tage der Menschheit“ nicht fehlen. Für mich nicht nur die eindringlichste Schilderung dieser Epoche, sondern generell eine schonungslose Darstellung menschlichen Irrsinns.
ISBN: 3518378201 Buch anschauen
Grüße, Peter
Eine von Menschen in Gang gehaltene Maschinerie kann auch von
Menschen gestoppt werden. Irgendwelche Zwangsläufigkeiten,
Hineinschliddern o. ä. gibt es dabei nicht. Es gibt aber viele
nachträgliche Schutzbehauptungen.
Völlig klar! Ich will damit auf keinen Fall irgendetwas verzeihen, entschuldigen. Schon gar nicht vom Militär! Die haben den 1. WK gewollt! Und die haben dann anschließend sofort, schon in den 20er Jahren, auf den 2.WK hingearbeitet. Das war das in langen Jahrzehnten, Jahrhunderten gewachsene Verständnis insbesondere des preußischen Militärs: Krieg ist nichts Besonderes, das macht man mal eben so. Natürlich war das auch in anderen Staaten der Fall, aber in Preußen eben besonders stark.
… wurde vielerorts gesungen
„Wir wolln unsern Kaiser Wilhelm widerhaben…“. Das wurde
nicht nur gesungen, das entsprach auch dem Wunsch etlicher
Leute.
Wie schon gesagt, das war Wilhelm eins, der „Kartätschenprinz“.
Und wie Gernot schon sagte, war Wilhelm II ein wankelmütiger Typ, der sicher eine erhebliche Schuld am Kriegsausbruch hatte. Wie steht es so schön in „Im Westen nichts Neues“: Und wenn der Kaiser einfach „Nein“ gesagt hätte? Das sagt eigentlich alles.