Dativ: dem Genitiv sein Tod

Hab ich eigentlich irgendwelche Änderungen in der deutschen Grammatik verpennt?
Immer öfter hört und liest man allenthalben in den Medien (ja, auch bei solchen Sendern wie 3sat, staun! …heute auch aus dem Munde unseres noch Verteidigungsministers) z.B. solche Sätze:
Den verstorbenen Menschen gedenken - mir krempeln sich dabei die Fingernägel hoch - - - grrrrrr.
Für mich heißt es immer noch: Der verstorbenen Menschen gedenken. Auch „das Leben kosten“ wird fast nur noch völlig frei von Scham mit dem Dativ gebraucht statt mit dem Akkusativ.
Oder lieg ich falsch? Gepeinigt auf Aufklärung hoffend: lizzzy

Liebe Lizzzy,
Der Trend scheint in der Tat dahin zu gehen, wo noch nie ein Trend zuvor gewesen ist dass der Genitiv immer seltener angewendet wird, wenn es sich nicht um direkte und offensichtliche Fälle handelt.
Kaum einer sagt heute z.B. noch „meiner Mutter Auto“. „Das Auto von meiner Mutter“ dagegen schon. Woran das liegt, kann ich nicht sagen. Ich könnte mir aber vorstellen, dass hier die Wahl einer Präposition unterbewusst bei der Sprachbildung einfacher zu verarbeiten ist als eine flektierte Form.

Das von dir gebrachte Beispiel würde ich zwar auch noch als falsch ansehen, aber es würde auch mir nicht auffallen, vor allem nicht negativ. Der Buchtitel hat hier Recht, der Dativ ist wirklich dem Genitiv sein Tod (habe das Buch nie gelesen, es soll ziemlich unwissenschaftlich sein)… oder zumindest ist er auf gutem Wege dahin.

Den Trend gibt’s sicherlich nicht erst seit 5 Jahren, er hat sich stetig entwickelt. Deswegen würde ich so etwas schon als sprachliche Evolution des Deutschen bezeichnen.

Außerdem würde ich so einen Lapsus bei gesprochener Sprache (vielleicht sogar freier Rede?) sowieso nicht so eng sehen.

Meine persönliche Meinung,

  • André

Außerdem würde ich so einen Lapsus bei gesprochener Sprache
(vielleicht sogar freier Rede?) sowieso nicht so eng sehen.

Hallo André,
aber sich eines gequälten Seufzers entledigen und in des Himmels Richtung die Augen verdrehen darf man schon, wenn sich jemand, in der Positur eines des Deutschen Mächtigen sich nicht entblödet, statt des gepflegten Genitivs des dumpfen Dativs sich zu bedienen.

Grüße
Eckard
des Genitivs eifrigster Verfechter

Lieber André,
im Hinblick auf das Beispiel mit Mutters Auto stimme ich Dir zu, umgangssprachlich käme es mir auch gestelzt vor, wenn jemand so sprechen würde.
Aber meine Beispiele (leider fällt meinem alten Kopf immer auf die Schnelle nicht mehr davon ein, es gibt leider noch viel mehr) beziehen sich auf „gepflegte“ Schriftsprache in Medien, die „ihre“ Bildung geradezu auf silbernem Tablett vor sich hertragen, über PISA-Ergebnisse lamentieren etc. - mir tut’s jedenfalls weh wie ein falscher Ton in der Musik.
Trend? Evolution gar? Hoffentlich nicht.
Übrigens hab ich das Buch auch nicht gelesen, nur wegen des Titels war es schon Balsam auf mein geplagtes grammatisches Ohr.
Danke für Deine Antwort. LG, Lizzzy

Danke, Eckart
…ich glaub, zu denen gehör auch ich. Lizzzy

Moin, moin lizzzy,

nein, Du liegst nicht falsch!
Die sprachlichen Schlampereien nehmen überhand, und es tut einem nicht nur in den Ohren, sondern auch in der Seele weh.

Aus einem Osterlied von Nikolaus Herman stammt freilich nauch dieser Vers:

Sein Raub der Tod mußt geben her,
das Leben siegt und ward ihm Herr;
zerstöret ist nun all sein Macht,
Christ hat das Leben wiederbracht.
Halleluja

Da allerdings mußte der Genitiv aus metrischen Gründen dem Dativ weichen. Das hat mich schon als Konfirmand geärgert - aber sei’s drum.

Jedenfalls halten Menschen wie Du und noch ein paar andere, die des Genitivs mächtig sind und seiner sich befleißigen, den Untergang des Abendlandes noch eine Weile auf.

Gruß - Rolf

Ja, dem zu widersprechen lag mir auch fern. :smile:
Ich verfechte und benutze ja auch konsequent archaische Ausdrücke wie „frug“ statt „fragte“.

Grüße,

  • André

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Jau!
Hi, André,

Ich verfechte und benutze ja auch konsequent archaische
Ausdrücke wie „frug“ statt „fragte“.

ich schließe mich an als „indes“- Nutzer, find’ ich toll.
Der Stumpfsinn hört beim Dativ/ Genitiv nicht auf; was mich auch schaudern macht, sind wörtliche Übersetzungen, z.B. „Sinn machen“ , „mit mir o.k. gehen“ und ähnliche, brrr!

Grüße - Anette

Hi Anette, auch damit sprichst Du mir aus der Seele ! Lizzzy