Hallo,
na gut… ich versuche es.
Mein Opa war ja nicht eigentlich hauptberuflicher Landwirt. Er war ursprünglich das, was man einen „Ruksackbauern“ nennt: Tagsüber Zimmermann in einer Holzbude und nach Feierabend ein bißchen Landwirtschaft. Einfache Leute, alles andere als wohlhabend, die nun in den 50igern langsam wenigstens so weit waren, daß es ihnen ein klein wenig besser ging. Das war ja auch in der DDR so in der Nachkriegszeit, der Lebensstandart stieg langsam aber stetig.
Natürlich war Opa nicht scharf drauf, in die LPG einzutreten - er hing ja an seinem Beruf. Aber 1960 geschah folgendes:
Im Zuge der Kollektivierung der Landwirtschaft wurden nun auch die letzten Einzelbauern in die LPG gezwungen - auch die Art der Nebenerwerbslandwirtschaft war danach so nicht mehr möglich. Opa war ja immer gezwungen, sich für viele Arbeiten Maschinen oder auch mal ein Pferd von größeren Bauern auszuleihen im Gegenzig gegen Erntehilfe bei denen und so. Und genau diese Möglichleiten wären dann weggefallen, wenn es keine Einzelbauern mit eigenem Pferd und eigener Sämaschine oder Dreschmaschine mehr gab.
Es wäre darauf hinasugelaufen, das Land für nen Apfel und nen Ei an die LPG zu verpachten, wobei da immer die Angst einer Enteignung im Hinterkopf stand. Die Alternative dagegen war ein eigener Eintritt in die LPG - und sehr schweren herzens hat er das dann getan.
Am Anfang war Opa als Zimmermann in der HAndwerkerbrigade.
Nun liefen die ersten Monate recht chaotisch. Bedingt durch die erzwungenen Masseneintritte entsprach die Organisationsstruktur einfach nicht mehr der Betriebsgröße. Und so wurde Opa (er war ja ein heller Kopf mit einer sehr guten Handschrift) schnell zum Speichermeister befördert. Er verwaltete also zentral die Futtermittel und verteilte diese auf die einzelnen Ställe - erst per Pferdefuhrwerk, später per Traktor.
Und er war damit eigentlich recht zufrieden. Die waren 3 Leute mit einem gleichbleibendem überschaubarem Gebiet, in das ihnen keiner reinzureden hatte - 17 Jahre lang, bis Opa in Rente ging.
Auch wenn das kaum einer zugab - die LPG brachte für die Leute schon einige Fortschritte. Halbwegs geregelte Arbeitszeiten, Urlaubs- und Krankengeldansprüche - welcher Kleinbauer hat so was schon? Dazu hatten sie das persönliche Risiko nicht mehr mit Mißernten oder Tierseuchen u.ä.
Außerdem bezogen die Genossenschaftsmitglieder ein Deputat an Futtermitteln und konnten damit privat noch ein paar Schweine füttern und verkaufen - ein gutes Mastschwein brachte 1.000 Mark, das war ne Menge Geld.
genau genommen haben sich eigentlich alle Bauern in der LPG ganz gut saniert finanziell - auch die, die damals schon kurz vor der Pleite standen. Und das waren nicht wenige - Hungerleider waren die armen krebser doch fast alle. Die großen und gesunden Wirtschaften hatte die DDr in den 50ern mit ihrer Abgabenpolitik an den Rand des Ruins gebracht - und die Kleinbauern hatten eh nie viel gehabt.
Natürlich hatten die auch mal schöne Stunden - und ob. Die Landwirtschaft war nicht ganz so reglementiert wie die Industrie - das hatte auch etwas mit der Eigentumsform zu tun: In den LGG kontollierten die eigenen revisionskommissionen die Bücher, in der Industrie die staatliche Finanzrevision. Und mal ein Bier zwischen durch war sowieso drin - das kontrollierte doch keiner und einen Traktorfahrer auf nem Dorf hält auch kein Polizist an.
Eigentlich lebte doch ganze Dorf von der LPG - auch wenn längst die meisten Bewohner auswärts arbeiteten. Die LPG hatte die Mschinen und den Treibstoff, wenn die Gemeinde oder die Schule mal irgendetwas brauchte, die finanzierten den Sportverein und alles Mögliche andere auch. Und auf ihren eigenen Feten ging es eh hoch her.
Viel beschissener war die Zeit nach der Wende. Einmal kamen ja ne Menge Rückübertragungsansprüche - die abgehauenen Wessis waren plötzlich alle wieder da. 30 Jahre lang hat die LPG so gut es ging die ganzen Höfe erhalten, neue Ställe bebaut u.s.w. (Die Landwirtschaft war ja so ziemlich das einzige Rentable an der ganzen DDR.) Nun kamen die wieder, die damals bei Nacht und Nebel abgehauen waren und hatten das große Maul. Dabei wären denen damals ihre Kühe elendig verreckt und die Buden längst eingefallen, wenn sich nicht die LPG drum gekümmert hätte.
Zudem mußte sich die LAndwirtschaft auch von vielen Leuten trennen. Die LPG waren ja praktisch autarke Betriebe mit nem Haufen Nebeneinrichtungen gewesen, die sich heute alle nicht mehr tragen in dieser Form, bei denen man besser extrene Dienstleister nutzt.
Am Schlimmsten war die Unsicherheit der ersten Jahre, besonders für die, bei denen ein direkter Übergang in die Rente nicht drin war. Und natürlich auch die Frage, ob der Betrieb es überhaupt packt.
Eins muß ich sagen - ich habe es ja auch auf der Raiffeisenbank erlebt: Ohne die gigantische Hilfe des Genossenschaftsverbamdes aus den alten Bundesländern, ohne die wirklich uneigennützige Hilfe unzähliger Mitarbeiter aus den westdeutschen Genossenschaften, die teilweise wochenlang hier waren und die Umstellung mit bewältigt haben, hätte es keiner geschafft. Das war echt noch Hilfe zur Selbsthilfe in reinster Form. Und dafür muß man den Beteiligten in den alten Bundesländern auch mal danken.
Wenn es das so in der Industrie auch gegeben hätte - wir hätten aus vielen betrieben gesunde mittelständische Unternehmen machen können und hätten lengst eine selbsttragende Wirtschaft. Aber da war man dagegen, da hat die Politik einfach nur die Treuhand hingesetzt und abwickeln lassen.
Das alles hat aber mein Opa nicht merh erlebt - er starb vor der Wende.
Gernot Geyer