DDR-Geschichte Zeitzeugen gesucht

Für eine Semesterarbeit im Fach Agrargeschichte suche ich Zeitzeugen der ehemaligen DDR, die in der Landwirtschaft gearbeitet haben.
Ich bin interessiert an allem was Sie mir erzählen können. Wichtig ist mir unter anderem,

  1. Wie war die Zeit während der Umstellung auf LPG Typ I bis III?
  2. Wie war die Zeit nach 1972?
  3. Wie wurde die Zeit nach der Wende empfunden?
  4. Was passierte mit eigenem Grund und Boden?

Wichtig sind mir hier die subjektiven Gefühle und Erinnerungen.
Ich würde mich sehr über eine große Anzahl an Antworten freuen.
Vielen Dank
Stephanie

Hallo,

mein Opa war in der Landwirtschaft - aber der besieht sich längst die Radieschen von unten. Das wird wahrscheinlich Dein Hauptproblem.
Die Kollektivierung der Landwirtschaft war von der Sache her 1960 abgeschlossen. Mitglied des LPG wurde immer der Eigentümer des Hofes - und die waren selten jünger als 40 oder 50 Jahre, auch wenn es schon erwachsene Kinder gab. Nun rechne mal 47 drauf - wie viele von denen leben noch und können einen PC bedienen?

  1. Wie war die Zeit während der Umstellung auf LPG Typ I bis
    III?

Damit kann ich nicht dienen - hier war alles von Anfang an Typ III. Das gab es nämlich auch - und nichte einmal selten.

  1. Wie war die Zeit nach 1972?

Was soll 1972 gewesen sein? ich erinnere mich nicht, daß es da irgend etwas Gravierendes gegeben hätte. Und damals war mein Opa noch Mitglied und ich war groß genug - das hätte ich gemerkt.
Sicher gab es immer mal ein paar organisatorische Änderungen. Die LPG der Dörfer schlossen sich erst zu Kooperationen, dann zu Groß-LPG zusammen usw. Nur blieb das für die meisten Mitglieder ohne praktische Auswirkungen. Sie verdienten das gleiche Geld, hatten die gleichen Chefs und die gleichen Ochsen im Stall und ackerten das gleiche Feld wie vorher. Wo da der große Chef saß und wer das war - unwichtig. Genau wie in Großbetrieben heute auch.

  1. Wie wurde die Zeit nach der Wende empfunden?

Von wem? Die genossenschaften haben in Größenordnungen Leute entlassen, über mehrere Jahre hinweg. Zuerst die, die über Vorrihestandsregelungen in rende gehen konnten, ein teil wurde ein paar Jahre über ABM noch durchgeschleppt, bis sie alt genug waren … das Übliche halt.
Inventraranteile wurden ausgezahlt - noch 1990 kurz vor der Währungsunion. Das war etwas unfair - aber viel war das bei uns ja nicht. Opa war ja nur ein kleiner Kuhbauer. Bei manchen ÖLeuten waren es schon einige Tausend Mark - das war dann echt Scheiße, weil die ja halbiert wurden anschließend.

Ein Teil behielt ja seine Arbeit bis heute - waren ja auch einige junge Leute dabei. Und die Agrargenossenschaft gibt es immer noch.

  1. Was passierte mit eigenem Grund und Boden?

Was sollte damit passieren? Der Boden blieb ja nominell immer im Eigentum der Leute - auch grundbuchmäßig.Nur gab es fast nichts dafür. Das wurde 1990 in ganz normale Pachtverträge überführt und da ist es noch heute.
Mach Dir doch nichts vor: Was soll ich mit knapp 5 Hektar Land, die sich noch dazu auf grundverschiedene Gegenden verteilen und nicht zusammenhängen? Mit derartigen Splitterflächen kann kein Mensch Landwirtschaft mehr betreiben heutzutage. Und so geht es mehr oder weniger dem ganzen Dorf. Also sind alle heilfroh, daß es die Agrargenossenschaft noch gibt und daß die das Feld bearbeitet und noch was zahlt dafür.

Gernot Geyer

Im Arbeiter-und-Bauern-Staat
müssten ja mindestens 50% der Bevölkerung in der Landwirtschaft gearbeitet haben. Also los - melden! :wink:

Für eine Semesterarbeit im Fach Agrargeschichte suche ich
Zeitzeugen der ehemaligen DDR, die in der Landwirtschaft
gearbeitet haben.

Hallo
und danke für die ersten Antworten.
Ich denke ich muss mich etwas outen.
Ich bin selbst mit einem Landwirt verheiratet, der den Betrieb seines Vaters übernommen hat.
Mein Schwiegervater, selbst Opfer von LPG Typ III, ist leider nicht mehr in der Lage sich klar zu artikulieren und die sich an die Tatsachen zu erinnern.
Über die genauen geschichtlichen und politischen Umstände weiß ich aufgrund umfangreicher Recherche gut Bescheid. Es geht wirklich um die subjektiven Eindrücke. Auch über Wut und Enttäuschung. Oder auch über Freude, wenn jemand so etwas empfunden haben sollte.
Denn Tatsache ist, bei meiner Buch und Aktenrecherche in diversen Archiven kommen in den seltensten Fällen Emotionen rüber.
Vielleicht hätte ich gleich so schreiben müssen um zu erklären um was es mir geht.
Einen schönen Abend noch
Stephanie

Es geht wirklich um die subjektiven Eindrücke. Auch über Wut und
Enttäuschung. Oder auch über Freude, wenn jemand so etwas
empfunden haben sollte.

Hallo, Stephanie,
Da wirst Du auch im Internet nur sehr wenig weiterkommen. Die beste Methode wäre, die Altersgenossen Deines Schwiegervaters direkt zu befragen, in Deinem und den Nachbardörfern. Und nimm Dir dabei viel Zeit mit und Geduld. Sich mal mit Rentnern auf die Bank vorm Haus setzen und mit dem Wetter anfangen.

Viel Erfolg,
Eckard

Hallo,

na gut… ich versuche es.

Mein Opa war ja nicht eigentlich hauptberuflicher Landwirt. Er war ursprünglich das, was man einen „Ruksackbauern“ nennt: Tagsüber Zimmermann in einer Holzbude und nach Feierabend ein bißchen Landwirtschaft. Einfache Leute, alles andere als wohlhabend, die nun in den 50igern langsam wenigstens so weit waren, daß es ihnen ein klein wenig besser ging. Das war ja auch in der DDR so in der Nachkriegszeit, der Lebensstandart stieg langsam aber stetig.

Natürlich war Opa nicht scharf drauf, in die LPG einzutreten - er hing ja an seinem Beruf. Aber 1960 geschah folgendes:
Im Zuge der Kollektivierung der Landwirtschaft wurden nun auch die letzten Einzelbauern in die LPG gezwungen - auch die Art der Nebenerwerbslandwirtschaft war danach so nicht mehr möglich. Opa war ja immer gezwungen, sich für viele Arbeiten Maschinen oder auch mal ein Pferd von größeren Bauern auszuleihen im Gegenzig gegen Erntehilfe bei denen und so. Und genau diese Möglichleiten wären dann weggefallen, wenn es keine Einzelbauern mit eigenem Pferd und eigener Sämaschine oder Dreschmaschine mehr gab.
Es wäre darauf hinasugelaufen, das Land für nen Apfel und nen Ei an die LPG zu verpachten, wobei da immer die Angst einer Enteignung im Hinterkopf stand. Die Alternative dagegen war ein eigener Eintritt in die LPG - und sehr schweren herzens hat er das dann getan.

Am Anfang war Opa als Zimmermann in der HAndwerkerbrigade.
Nun liefen die ersten Monate recht chaotisch. Bedingt durch die erzwungenen Masseneintritte entsprach die Organisationsstruktur einfach nicht mehr der Betriebsgröße. Und so wurde Opa (er war ja ein heller Kopf mit einer sehr guten Handschrift) schnell zum Speichermeister befördert. Er verwaltete also zentral die Futtermittel und verteilte diese auf die einzelnen Ställe - erst per Pferdefuhrwerk, später per Traktor.
Und er war damit eigentlich recht zufrieden. Die waren 3 Leute mit einem gleichbleibendem überschaubarem Gebiet, in das ihnen keiner reinzureden hatte - 17 Jahre lang, bis Opa in Rente ging.

Auch wenn das kaum einer zugab - die LPG brachte für die Leute schon einige Fortschritte. Halbwegs geregelte Arbeitszeiten, Urlaubs- und Krankengeldansprüche - welcher Kleinbauer hat so was schon? Dazu hatten sie das persönliche Risiko nicht mehr mit Mißernten oder Tierseuchen u.ä.
Außerdem bezogen die Genossenschaftsmitglieder ein Deputat an Futtermitteln und konnten damit privat noch ein paar Schweine füttern und verkaufen - ein gutes Mastschwein brachte 1.000 Mark, das war ne Menge Geld.
genau genommen haben sich eigentlich alle Bauern in der LPG ganz gut saniert finanziell - auch die, die damals schon kurz vor der Pleite standen. Und das waren nicht wenige - Hungerleider waren die armen krebser doch fast alle. Die großen und gesunden Wirtschaften hatte die DDr in den 50ern mit ihrer Abgabenpolitik an den Rand des Ruins gebracht - und die Kleinbauern hatten eh nie viel gehabt.

Natürlich hatten die auch mal schöne Stunden - und ob. Die Landwirtschaft war nicht ganz so reglementiert wie die Industrie - das hatte auch etwas mit der Eigentumsform zu tun: In den LGG kontollierten die eigenen revisionskommissionen die Bücher, in der Industrie die staatliche Finanzrevision. Und mal ein Bier zwischen durch war sowieso drin - das kontrollierte doch keiner und einen Traktorfahrer auf nem Dorf hält auch kein Polizist an.
Eigentlich lebte doch ganze Dorf von der LPG - auch wenn längst die meisten Bewohner auswärts arbeiteten. Die LPG hatte die Mschinen und den Treibstoff, wenn die Gemeinde oder die Schule mal irgendetwas brauchte, die finanzierten den Sportverein und alles Mögliche andere auch. Und auf ihren eigenen Feten ging es eh hoch her.

Viel beschissener war die Zeit nach der Wende. Einmal kamen ja ne Menge Rückübertragungsansprüche - die abgehauenen Wessis waren plötzlich alle wieder da. 30 Jahre lang hat die LPG so gut es ging die ganzen Höfe erhalten, neue Ställe bebaut u.s.w. (Die Landwirtschaft war ja so ziemlich das einzige Rentable an der ganzen DDR.) Nun kamen die wieder, die damals bei Nacht und Nebel abgehauen waren und hatten das große Maul. Dabei wären denen damals ihre Kühe elendig verreckt und die Buden längst eingefallen, wenn sich nicht die LPG drum gekümmert hätte.
Zudem mußte sich die LAndwirtschaft auch von vielen Leuten trennen. Die LPG waren ja praktisch autarke Betriebe mit nem Haufen Nebeneinrichtungen gewesen, die sich heute alle nicht mehr tragen in dieser Form, bei denen man besser extrene Dienstleister nutzt.
Am Schlimmsten war die Unsicherheit der ersten Jahre, besonders für die, bei denen ein direkter Übergang in die Rente nicht drin war. Und natürlich auch die Frage, ob der Betrieb es überhaupt packt.

Eins muß ich sagen - ich habe es ja auch auf der Raiffeisenbank erlebt: Ohne die gigantische Hilfe des Genossenschaftsverbamdes aus den alten Bundesländern, ohne die wirklich uneigennützige Hilfe unzähliger Mitarbeiter aus den westdeutschen Genossenschaften, die teilweise wochenlang hier waren und die Umstellung mit bewältigt haben, hätte es keiner geschafft. Das war echt noch Hilfe zur Selbsthilfe in reinster Form. Und dafür muß man den Beteiligten in den alten Bundesländern auch mal danken.

Wenn es das so in der Industrie auch gegeben hätte - wir hätten aus vielen betrieben gesunde mittelständische Unternehmen machen können und hätten lengst eine selbsttragende Wirtschaft. Aber da war man dagegen, da hat die Politik einfach nur die Treuhand hingesetzt und abwickeln lassen.

Das alles hat aber mein Opa nicht merh erlebt - er starb vor der Wende.

Gernot Geyer

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müssten ja mindestens 50% der Bevölkerung in der
Landwirtschaft gearbeitet haben. Also los - melden! :wink:

Hallo,

wie kommst Du da drauf? Die MAsse der Leute hat in der Industrie gearbeitet, in der Landwirtschaft war nur ein Bruchteil.
Und eins noch: Als wir einer Delegation hessischer Bauern nach der Wende die fast voll automatiesierte Milchviehanlage in Pfiffelbach mit ihren über 1.400 Rindern gezeigt haben - da ist denen mit ihren alten kleinen Klitschen die Konnlade runtergefallen und sie haben gar nichts mehr gesagt. Und das Ding ist im Übrigen auch heute noch in Betrieb und rentabel.

Gernot Geyer

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sorry: vergessen kw
nix

Hallo, Stephanie!
Ich weiß nicht, ob es Dir was nützt, denn ich war noch klein und habe alles mehr oder weniger als Außenstehender mitbekommen. Aber im Gegensatz zu den anderen Schreibern, erinnere ich mich an die Anfänge, und das war so:
Mein Vater, ein 100%iger Kommunist mit etlichen Verdiensten, war mit der Parteilinie in Konflikt geraten und wurde deshalb 1954 „zu Gründung und Festigung der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften“ nach Zossen bei Gera versetzt. Ein Dorf mit 19 Häusern. Ich kann mich noch an jede einzelne Familie erinnern.
Der Gutsherr war „nach drüben gemacht“, es gab zwei „Großbauern“, die der LPG nicht beitraten. Die anderen waren fast ausschließlich Knechte gewesen. Außerdem gab es Flüchtlinge aus Schlesien und Böhmen, die in den Nebengebäuden des nun leerstehenden Gutshauses vegetierten. Die Bodenreform verteilte den Grund und Boden auf die Bewohner des Dorfes, wobei nach meiner Erinnerung die Flüchtlinge nicht mit bedacht wurden.
Jedenfalls waren die Leute zufrieden damit. Nun gab es in diesem Dorf nur Typ III, aber in den Nachbardörfern auch I und II, weil ja keiner was hatte, was er hätte behalten können. In der Regel hatte jeder ein bis 2 Kühe und 3 Schweine, die man im Stall hatte (trotz Typ III). Von den 3 Schweinen konnte man pro Jahr eins selber schlachten, die anderen mußten verkauft werden. Die Milch von den Kühen mußte jeden Morgen abgeliefert werdne, dafür bekamen wir Molkereiprodukte. Wie das genau verteilt wurde, weiß ich nicht, denn meine Mutter, die ich später fragte, konnte sich auch nicht mehr genau erinnern.
Die LPG hielt im Kuhstall des Gutshauses ca. 30 Kühe und 2 Pferde, der Rest war Ackerbau. Im Nachbardorf gab es die MTS (Maschinen-Traktoren-Station), die für alle umliegenden LPGs den Maschinenpark zur Verfügung stellte.
Die beiden „Großbauern“ dürften Dich interessieren?
Das eine war ein altes Ehepaar mit ein paar Kühen und etwas Land für den Futteranbau, der andere hatte einen ziemlich großen Hof und einen Hund, der die Hühner der anderen Bauern jagte und sich damit unbeliebt machte (weil die nicht legen, wenn sie gejagt werden), und überhaupt darauf sah, sich vom Volk abzuheben. Seine Tochter war meine Freundin und ich war oft dort - irgendwie hat sich dadurch das Wort „Großbauer“ bei mir als Schimpfwort festgesetzt.
Was ich als Kind nicht verstanden habe, fragte ich später nach und glaube, daß ich relativ gut über diese ersten Jahre Bescheid weiß.
So verdiente meine Mutter 90 DM im Monat für die Schufterei auf dem Feld. Für ein 3-Zentner-Schwein gab es 800 DM (glaube ich). Vater kriegte mehr - er konnte Traktor fahren und überhaupt mit Maschinen umgehen.
Wie gesagt, mit Typ II und I habe ich keine persönlichen Erfahrungen, habe aber mitbekommen, wie Typ II aufgelöst wurde. Damit waren manche zufrieden, weil sie persönlich weniger Arbeit hatten und teilweise, je nach Rentabilität, mehr Geld bekamen; andere eher nicht.
Wenn ich Dir noch Fragen beantworten kann, schick mir eine Mail. Wie gesagt, nur betr. der 50er Jahre kann ich Auskunft geben.
Viel Erfolg bei Deiner Arbeit und LG - Mona