DDR Untergang

Hi all,
ich frage mich seit dem üblichen 3.Oktober-Mauerfallrummel wann genau und wie der Übergang von DDR-Staatsapparat zu BRD-Organen passiert ist. Wie es dazu kam, daß die Grenze auf einmal offen war ist zur Genüge rauf und runterberichtet worden, aber wie lief das mit den ganz alltäglichen Vorgängen in einem Staat?

Konkrete Beispiele:
Polizei. Wann und wie wurde dem durchschnittlichen DDR-Dorfpolizisten mitgeteilt, daß ab heute seine Kollegen von „drieben“ hier die Staatsmacht darstellen?

Wie lief das mit den Gefängnissen? Wurde da einfach die Vordertür aufgesperrt und alle sind nach Hause, oder gabs da irgendwelche Kommissionen die erstmal geprüft haben wer nur sitzt weil er politisch unbequem war und wer ein Verbrecher ist?

Hat sich der DDR Apparat noch quasi „selbst abgewickelt“ oder liefen da im großen Maßstab Leute aus dem Westen ein die alles geregelt haben? (Ich meine nicht die Treuhand in den folgenden Jahren, sondern wer hat in den ersten Tagen/Wochen das Zepter in der Hand gehalten?)

Wie war das mit der NVA? Sind die einfach nach Hause gegangen, oder blieben die erstmal im Dienst und wurden „eingegliedert“.

Fragen über Fragen, freue mich auf Antworten.

Gruß
Nick

Hi all,
ich frage mich seit dem üblichen 3.Oktober-Mauerfallrummel
wann genau und wie der Übergang von DDR-Staatsapparat zu
BRD-Organen passiert ist. Wie es dazu kam, daß die Grenze auf
einmal offen war ist zur Genüge rauf und runterberichtet
worden, aber wie lief das mit den ganz alltäglichen Vorgängen
in einem Staat?

Die Grenze wurde am 9.11.89 seitens der DDR geöffnet, das ganze Wiedervereinigungsgedöns kam also am 3. 10. 2000 alles andere als unerwartet

Konkrete Beispiele:
Polizei. Wann und wie wurde dem durchschnittlichen
DDR-Dorfpolizisten mitgeteilt, daß ab heute seine Kollegen von
„drieben“ hier die Staatsmacht darstellen?

Der DDR-Dorfpolizist blieb die Staatsmacht.

Wie lief das mit den Gefängnissen? Wurde da einfach die
Vordertür aufgesperrt und alle sind nach Hause, oder gabs da
irgendwelche Kommissionen die erstmal geprüft haben wer nur
sitzt weil er politisch unbequem war und wer ein Verbrecher
ist?

Wir sind in Deutschland, und natürlich gab es da Komissionen…

Hat sich der DDR Apparat noch quasi „selbst abgewickelt“ oder
liefen da im großen Maßstab Leute aus dem Westen ein die alles
geregelt haben? (Ich meine nicht die Treuhand in den folgenden
Jahren, sondern wer hat in den ersten Tagen/Wochen das Zepter
in der Hand gehalten?)

Na ja, bis zum 2. 10 war die DDR ja noch ein eigenständiges völkerrechtliches Gebilde, das meiste hat der Apparat schon selber gemacht. Die Treuhand wurde übrigens bereits im Juli 2000 gegründet.

Wie war das mit der NVA? Sind die einfach nach Hause gegangen,
oder blieben die erstmal im Dienst und wurden „eingegliedert“.

Die Einheiten haben andere Uniformen angezogen und blieben erst mal im Dienst. (Natürlich wurde eine größere Zahl an politisch Belasteten Offizieren und Generälen entweder in den Ruhestand ersetzt oder entlassen.)

Mal zur Einführung
http://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Wiedervereinigung

Gruß
Mike

Hallo,
mit dem Mauerfall wurde zwar die DDR-Regierung quasi über Nacht
annähernd machtlos und verschwand in den folgenden Wochen
sang- und klanglos in der Versenkung, aber die gesamten
Institutionen, die Polizei, Verwaltungen usw waren ja noch da
und arbeiteten erstmal weiter. Die Wickelten sich zum großen
Teil über die nächsten Monate selbst ab oder wurden mit
Westführung in BRD-konforme Einheiten umstrukturiert.
Eine ganze Armee von zweit- und drittklassigen Beamten bekam
hier eine Führungsrolle zugeschanzt.

Schulen arbeiteten auch weiter, nur die Direktoren und sonstige
Führungspersonen wurden rigoros abgesägt und durch unverdächtige
Personen ersetzt. Oft genug waren das Leute, die deshalb
unverdächtig waren, weil sie eh nie „möp“ gesagt haben.
Ale Kinder sind fast durchweg zur Schule gegangen.
(paar Ausfälle gab es schon).

Polizei ist ein spezieller Fall. Mit dem Mauerfall hatten die
plötzlich kaum noch zu tun. Die Durchsetzung von DDR-Recht
und vor allem DDR-Ordung wurde teils ausgesetzt. Es konnte
manches tatsächlich im rechtsfreien Raum gemacht werden, was
früher undenkbar war. So wuchsen über Nacht allerlei
Trödelmärkte, wilde Imbissbuden und sonstiges Händlertum wie
Pilze aus dem Boden, ohne daß irgend jemand es scherte, ob die
eine Lizenz hatten, oder eine Berechtigung den Stand irgendwo
aufzubauen usw.

Bezüglich Kleinkriminalität war die Polizei scheinbar auch nicht
mehr gefragt. Einbrüche usw. gab es kaum noch. Die Ganoven waren
wie die gesamte Bevölkerung im Ausnahmezustand und edliche hatten
sich wohl auch gleich gen Westen aufgemacht.

Über die Monate schlief da sicher einiges ein und parallel
entstanden Strukturen, die bestimmte Aufgaben komisarisch
übernahmen. Da drängten sich diverse Bürgerbewegungen auch ins
Getümmel. So wurden z.B. alle Stasiobjekte recht schnell von
solchen Aktivisten besetzt.

Armee? Tja, die waren innerhalb kürzester Zeit richtig arbeitslos.
Soldaten, die zu der Zeit Dienst taten, hatten es gut. Die wurden
kaum noch ausgebildet und hatten viel Freizeit und Urlaub.
Nur Objektschutz von Kasernen, Fahrzeugparks und
Waffenlagern/ Munitionslagern wurde weiter betrieben.

Die Grenztruppen hatten wohl noch weniger zu tun.

In den Betrieben war es auch so, daß im Laufe der Zeit immer
weniger los war. Die Versorgung erfolgte ja aus dem Westen.
Wirtschaft mit den osteuropäischen Staaten ging komplett ein.
Nach der schnellen Währungsumstellung im Sommer 90, war da
nix mehr zu holen.

So hatten die meisten Betriebe ab Frühjahr 1990 zunehmend
Kurzarbeit (30%, später im Sommer/Herbst 50-70%).
Die Zeit, wo wir im Betrieb waren, wurde quasi nix mehr gemacht,
weil keiner wußte, was tun tun wäre und Produkte meist sowieso
nicht mehr abzusetzen waren.
Wir haben uns qualifiziert, indem wir Kataloge von allerlei
Westfirmen gesammelt und studiert haben.

Ab 1990/1991 erfolgte dann auch ein Massenexodus der qualifizierten
Fachkräfte und Intelligenz in Richtung Westen. Die Firmen dort
kamen für’n Appel und’n Ei zu bestens ausgebildeten Leuten
mit hervorragender Arbeitsmoral, ohne daß die nach Gewerkschaft
und Betriebsrat gefragt hätten.
Der Rest wurde im Osten zum Klinkenputzen verdonnert (Vertreter
für jeglichen Kram, der Firmen, die im Osten Filialen aufmachten).
Gruß Uwi

ich frage mich seit dem üblichen 3.Oktober-Mauerfallrummel
wann genau und wie der Übergang von DDR-Staatsapparat zu
BRD-Organen passiert ist. Wie es dazu kam, daß die Grenze auf
einmal offen war ist zur Genüge rauf und runterberichtet
worden, aber wie lief das mit den ganz alltäglichen Vorgängen
in einem Staat?

Konkrete Beispiele:
Polizei. Wann und wie wurde dem durchschnittlichen
DDR-Dorfpolizisten mitgeteilt, daß ab heute seine Kollegen von
„drieben“ hier die Staatsmacht darstellen?

Wie lief das mit den Gefängnissen? Wurde da einfach die
Vordertür aufgesperrt und alle sind nach Hause, oder gabs da
irgendwelche Kommissionen die erstmal geprüft haben wer nur
sitzt weil er politisch unbequem war und wer ein Verbrecher
ist?

Hat sich der DDR Apparat noch quasi „selbst abgewickelt“ oder
liefen da im großen Maßstab Leute aus dem Westen ein die alles
geregelt haben? (Ich meine nicht die Treuhand in den folgenden
Jahren, sondern wer hat in den ersten Tagen/Wochen das Zepter
in der Hand gehalten?)

Wie war das mit der NVA? Sind die einfach nach Hause gegangen,
oder blieben die erstmal im Dienst und wurden „eingegliedert“.

Fragen über Fragen, freue mich auf Antworten.

Gruß
Nick

Hi

Die Grenze wurde am 9.11.89 seitens der DDR geöffnet, das
ganze Wiedervereinigungsgedöns kam also am 3. 10. 2000 alles
andere als unerwartet

[…]

Na ja, bis zum 2. 10 war die DDR ja noch ein eigenständiges
völkerrechtliches Gebilde, das meiste hat der Apparat schon
selber gemacht. Die Treuhand wurde übrigens bereits im Juli
2000 gegründet.

Ich vermute mal, ich muss die 2000 als 1990 lesen … ansonsten hätte ich ein Loch im Raum-Zeit-Kontinuum …

Grüße
Heinrich

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Hallo,

na erst einmal wurden Polizei, Justiz, Armee und große Teile der Verwaltungsorgane einfach übernommen.
Es war doch so, daß im letzten Jahr der DDR die Verflechtungen mit Partei und Staatssicherheit plam,äßig aufgelöst wurden. Belastete Lehrer, Staatsangestellte usw. wurden entlassen, schrittweise wurden westliche STrukturen aufgebaut und eingeführt. Leitungsfunktionen wurden von neuen Leuten übernommen, die Zuge der Umwälzung nach oben kamen, aus der Bürgerbewegung, der neu entstandeten SDP oder der frisch gewendeten CDU.
Und das, was dann am 03. 10. 90 im Amt war, das wurde auch übernommen. Natürlich kamen auch Leute aus dem alten Bundesländern, schon weil das nötige Fachwissen ganz einfach fehlte an vielen Stellen - viele Dinge gab es ja so vorher nicht oder sie liefen ganz anders. Aber DU findest noch heute genügend Leute überall, die schon vor der Wende im Amt waren. Das wäre auch nicht anders gegangen - wo sollten plötzlich denn so viele neue leute herkommen?
Abgesehen davon: Win ostdeutscher Dorfpolizist war auch vor 89 nichts anderes als ein Polizist, weshalb hätte man den austauschen sollen? Und genau so gab es auch Tausende kleine Angestellte im Staatsdienst, vom Archivar und der Sekretärin bis zum Sachbearbeiter, die einfach nur gute fachliche Arbeit geleistet haben. Auch hierzulande gab es ja vor 89 schon so triviale Dinge wie Baurechtsvorschriften, auch hier mußten die städtischen Grünanlagen bepflanzt werden und die Müllabfuhr organisiert werden. Und da drum hat sich keine Staasi gekümmert. Weshalb sollte man die Leute da ersetzen - und durch wen?

Gernot Geyer