Hallo,
mit dem Mauerfall wurde zwar die DDR-Regierung quasi über Nacht
annähernd machtlos und verschwand in den folgenden Wochen
sang- und klanglos in der Versenkung, aber die gesamten
Institutionen, die Polizei, Verwaltungen usw waren ja noch da
und arbeiteten erstmal weiter. Die Wickelten sich zum großen
Teil über die nächsten Monate selbst ab oder wurden mit
Westführung in BRD-konforme Einheiten umstrukturiert.
Eine ganze Armee von zweit- und drittklassigen Beamten bekam
hier eine Führungsrolle zugeschanzt.
Schulen arbeiteten auch weiter, nur die Direktoren und sonstige
Führungspersonen wurden rigoros abgesägt und durch unverdächtige
Personen ersetzt. Oft genug waren das Leute, die deshalb
unverdächtig waren, weil sie eh nie „möp“ gesagt haben.
Ale Kinder sind fast durchweg zur Schule gegangen.
(paar Ausfälle gab es schon).
Polizei ist ein spezieller Fall. Mit dem Mauerfall hatten die
plötzlich kaum noch zu tun. Die Durchsetzung von DDR-Recht
und vor allem DDR-Ordung wurde teils ausgesetzt. Es konnte
manches tatsächlich im rechtsfreien Raum gemacht werden, was
früher undenkbar war. So wuchsen über Nacht allerlei
Trödelmärkte, wilde Imbissbuden und sonstiges Händlertum wie
Pilze aus dem Boden, ohne daß irgend jemand es scherte, ob die
eine Lizenz hatten, oder eine Berechtigung den Stand irgendwo
aufzubauen usw.
Bezüglich Kleinkriminalität war die Polizei scheinbar auch nicht
mehr gefragt. Einbrüche usw. gab es kaum noch. Die Ganoven waren
wie die gesamte Bevölkerung im Ausnahmezustand und edliche hatten
sich wohl auch gleich gen Westen aufgemacht.
Über die Monate schlief da sicher einiges ein und parallel
entstanden Strukturen, die bestimmte Aufgaben komisarisch
übernahmen. Da drängten sich diverse Bürgerbewegungen auch ins
Getümmel. So wurden z.B. alle Stasiobjekte recht schnell von
solchen Aktivisten besetzt.
Armee? Tja, die waren innerhalb kürzester Zeit richtig arbeitslos.
Soldaten, die zu der Zeit Dienst taten, hatten es gut. Die wurden
kaum noch ausgebildet und hatten viel Freizeit und Urlaub.
Nur Objektschutz von Kasernen, Fahrzeugparks und
Waffenlagern/ Munitionslagern wurde weiter betrieben.
Die Grenztruppen hatten wohl noch weniger zu tun.
In den Betrieben war es auch so, daß im Laufe der Zeit immer
weniger los war. Die Versorgung erfolgte ja aus dem Westen.
Wirtschaft mit den osteuropäischen Staaten ging komplett ein.
Nach der schnellen Währungsumstellung im Sommer 90, war da
nix mehr zu holen.
So hatten die meisten Betriebe ab Frühjahr 1990 zunehmend
Kurzarbeit (30%, später im Sommer/Herbst 50-70%).
Die Zeit, wo wir im Betrieb waren, wurde quasi nix mehr gemacht,
weil keiner wußte, was tun tun wäre und Produkte meist sowieso
nicht mehr abzusetzen waren.
Wir haben uns qualifiziert, indem wir Kataloge von allerlei
Westfirmen gesammelt und studiert haben.
Ab 1990/1991 erfolgte dann auch ein Massenexodus der qualifizierten
Fachkräfte und Intelligenz in Richtung Westen. Die Firmen dort
kamen für’n Appel und’n Ei zu bestens ausgebildeten Leuten
mit hervorragender Arbeitsmoral, ohne daß die nach Gewerkschaft
und Betriebsrat gefragt hätten.
Der Rest wurde im Osten zum Klinkenputzen verdonnert (Vertreter
für jeglichen Kram, der Firmen, die im Osten Filialen aufmachten).
Gruß Uwi
ich frage mich seit dem üblichen 3.Oktober-Mauerfallrummel
wann genau und wie der Übergang von DDR-Staatsapparat zu
BRD-Organen passiert ist. Wie es dazu kam, daß die Grenze auf
einmal offen war ist zur Genüge rauf und runterberichtet
worden, aber wie lief das mit den ganz alltäglichen Vorgängen
in einem Staat?
Konkrete Beispiele:
Polizei. Wann und wie wurde dem durchschnittlichen
DDR-Dorfpolizisten mitgeteilt, daß ab heute seine Kollegen von
„drieben“ hier die Staatsmacht darstellen?
Wie lief das mit den Gefängnissen? Wurde da einfach die
Vordertür aufgesperrt und alle sind nach Hause, oder gabs da
irgendwelche Kommissionen die erstmal geprüft haben wer nur
sitzt weil er politisch unbequem war und wer ein Verbrecher
ist?
Hat sich der DDR Apparat noch quasi „selbst abgewickelt“ oder
liefen da im großen Maßstab Leute aus dem Westen ein die alles
geregelt haben? (Ich meine nicht die Treuhand in den folgenden
Jahren, sondern wer hat in den ersten Tagen/Wochen das Zepter
in der Hand gehalten?)
Wie war das mit der NVA? Sind die einfach nach Hause gegangen,
oder blieben die erstmal im Dienst und wurden „eingegliedert“.
Fragen über Fragen, freue mich auf Antworten.
Gruß
Nick