Hallo,
war vieleicht schon mal da, habe aber im Archiv nichts gefunden:
Gibt es eigentlich eine Regel, warum mal mit Doppelvokal, mal mit Dehungs-H gedehnt wird? Liegt es evtl. daran, aus welcher Sprachfamilie das Wort kommt?
Gespannt
Feanor
Hallo,
war vieleicht schon mal da, habe aber im Archiv nichts gefunden:
Gibt es eigentlich eine Regel, warum mal mit Doppelvokal, mal mit Dehungs-H gedehnt wird? Liegt es evtl. daran, aus welcher Sprachfamilie das Wort kommt?
Gespannt
Feanor
Hallo Feanor,
Liegt es evtl. daran, aus welcher
Sprachfamilie das Wort kommt?
das vermute ich mal, aber um die Verwirrung zu vervollständigen;
es gibt noch mindestens eine Methode um einen Vokal zu dehnen, nämlich das Dehnungs-i
z.B. gibt es bei uns in der Gegend den Ort Broichweiden, das aber Broochweiden ausgesprochen wird, genauso wie Buir das in etwa Bühr ausgesprochen wird oder aber Buirheim wird als Buurheim ausgesprochen.
Diese Variante stammt meines Wissens noch aus Zeiten des keltischen/germanischen Sprachkreises (wenn nicht, möge man mich korregieren)
Gandalf
Hallo Feanor und Gandalf,
die Dehnungszeichen sind etwa ab dem Spätmittelalter aufgekommen und erlebten im Frühneuhochdeutschen, also in der Barockzeit etwa, ihre Hochzeit. Goethe und Hölderlin etwa hatten noch viel mehr in ihren Schriften, als es heutige Drucke wiedergeben. Hölderlin schreibt z. B. „Schiksaal“.
Die Dehnungen sind meines Erachtens, wie die Diphtonge, ein Begleitumstand der zweiten Lautverschiebung, die in den oberdeutschen Regionen am weitesten fortgeschritten ist und erst mit dem Aufkommen des Frühneuhochdeutschen endete. Im Mittelhochdeutschen schrieb man noch „wip“ und „huz“, obwohl beide Vokale lang waren, das hört man im Schweizerdeutschen noch. Im Frühneuhochdeutschen werden beide diphtongiert zu „Weib“ und „Haus“. Das kurz gesprochene „spil“ wird im Neuhochdeutschen gelängt zu „Spiel“.
Seit dem 19. Jhdt gingen die Dehnungen wieder zurück, deutlich zu sehen bei dem Verb „geben“ das bei Schopenhauer und Nietzschen noch mit „ie“ - es giebt - geschrieben wurde, In „ergiebig“ ist es noch enthalten, wir hatten das gerade irgendwo.
Vor allem im Oberdeutschen, weniger im Niederdeutschen feierten Dehnungzeichen Urständ. So gibt es aus dem Niederdeutschen etwa „das Bruch“, das lang gesprochen wird in der Bedeutung Sumpfland.
Zur Dehnung wurden die Vokale verdoppelt, außer dem „h“ wird auch das „e“ vor allem nach dem „i“, aber auch bei anderen Buchstaben, etwa beim Namen „Haefs“, gesprochen Haaafs verwendet, und das „i“, wie Gandalf erwähnte. Das scheint eine Spezialiät des Niederrheinischen zu sein.
Liegt es evtl. daran, aus welcher
Sprachfamilie das Wort kommt?
Was meinst du damit, welche Sprachfamilien? Ich bin nicht sicher, ob es in den anderen europäischen Sprachen so viele Dehnungszeichen gibt. Diese Längungen sind doch wohl ein germanisch und fast deutsches Phänomen. Im Hollänischen findet man es auch.
Aber schon im Englischen kennt man fast nur noch die Verdopplung der Vokale.
Im Französischen kenne ich mich nicht so aus, aber ist das „i“ in „faites“ ein Dehnungszeichen oder bloß ein nicht mehr gesprochener Laut?
Das Griechische z. B. leistete sich ein omikron und ein omega, ein epsilon und ein eta, um solche Unterschiede zu kennzeichnen, obwohl die Buchstaben im Neugriechischen ja nicht mehr so gesprochen werden.
Diese Variante stammt meines Wissens noch aus Zeiten des
keltischen/germanischen Sprachkreises (wenn nicht, möge man
mich korregieren)
Wohl nicht, lieber Gandalf, die Kelten kannten keine Schrift, hatten also auch keinen Bedarf an Dehnungszeichen.
Beste Grüße
Fritz
Könnte eine FAQ werden, oder?
Hallo Fritz,
erstmal vielen Dank für Deine Erläuterungen, das brachte schon mal einen Teil Klarheit. Ein paar kleine Fragen bleiben aber noch:
Im Mittelhochdeutschen schrieb man noch „wip“ und „huz“, obwohl
beide Vokale lang waren, das hört man im Schweizerdeutschen
noch.
Hmm, leider kann ich mittelhochdeutsche Handschriften nicht lesen, in den mit bekannten „modernen“ Versionen ist da dann meist ein Zirkumflex gesetzt. Wurde das tatsächlich so geschrieben (zumindest meine ich auf alten Handschriften so etwas Ähnliches zu erkennen) oder wird der Zirkumflex in modernen Abschriften nur zum Verständnis der mhd. Aussprache verwendet?
Was meinst du damit, welche Sprachfamilien?
Aber schon im Englischen kennt man fast nur noch die
Verdopplung der Vokale.
Genau das hatte mich auf die Idee gebracht, dass Wörter aus der germanischen Familie, die im Englischen mit Doppelvokal geschrieben werden, im Deutschen auch so gedehnt werden (z. B. moor Moor, sea See) - aber das ist wahrscheinlich zu einfach, vor Allem, weil man bei weiterem Nachdenken auch auf einige Gegenbeispiele trifft.
Muss ich also davon ausgehen, dass die Art der Dehnung, die ja von der Aussprache her eher irrelevant ist, im Deutschen also willkürlich entstanden ist?
Gruß
Feanor
PS: ich wäre auch für eine Aufnahme in die FAQ!
Hi Fritz,
Das scheint eine
Spezialiät des Niederrheinischen zu sein.
nicht unbedingt, die besagten Orte liegen am Rand der Eifel.
Diese Variante stammt meines Wissens noch aus Zeiten des
keltischen/germanischen Sprachkreises (wenn nicht, möge man
mich korregieren)Wohl nicht, lieber Gandalf, die Kelten kannten keine Schrift,
hatten also auch keinen Bedarf an Dehnungszeichen.
dieses Wissen hab ich ungeprüft von einem Heimatforscher übernommen. Die Ortnahmen sind auf alle Fälle ettliche Jahrhunderte belegt (ob auch mit dieser Schreibweise kann ich allerdings nicht sagen).
Speziell Buirheim soll schon in einer Stiftungsurkunde Kars des Großen erwähnt sein.
Gandalf
Hallo, Feanor,
Muss ich also davon ausgehen, dass die Art der Dehnung, die ja
von der Aussprache her eher irrelevant ist, im Deutschen also
willkürlich entstanden ist?
Das ist möglich, sogar wahrscheinlich; es gibt zumindest keine zwingenden, logischen Gründe. Sonst würde „Spaß“ nicht in der einen Region: „Spaaaaaaaß“, in der anderen „Spassssss“ gesprochen.
PS: ich wäre auch für eine Aufnahme in die FAQ!
Warten wir noch ein bisschen zu, vielleicht kommen noch mehr Anmerkunen und Beobachtungen.
In mhd. Handschriften gab es keine Längungszeichen. Höchstens Kürzungszeichen bei der Verdopplung von Konsonanten.
Darf ich dir eine Seite der Manesseschen Handschrift zumailen?
Da wirst du sehen - und es ist nicht so schwer, das zu lesen -, dass es Zeichen über manchen Buchstaben gibt, die aber nur der Faulheit der Schreiben dienten.
Ein Haken abwärts nach einem „n“ ersetzte z. B. das „g“, ein Haken aufwärts das „d“, ein Strichlein über m oder n meinte die Verdopplung des Konsonanten.
Ein Akzent über einem „u“ oder „o“ deutete die Diphtongierung an.
Dieser Akzent wurde auch als „Gänsefüßchen“ geschrieben, das aus dem flüchtig geschriebenen „e“ - links längeres Strichlein, rechts kürzeres Strichlein - entstanden ist. Ich kanns leider nicht darstellen, vielleicht so: () =>".
Ein „u“ über dem „o“ ist die Vorform von „au“, das eben eher ein „ou“ ist, wie man es im Süddeutschen noch hören kann.
Das schon angesprochene „eu“ wird in manchen Regionen in der Tat „oi“ gesprochen, aber in Stuttgart sagt man „heit“ für heute und wer „hoitö“ sagt, begibt sich in Gefahr, als hochnäsig, will sagen norddeutsch (was weithin dasselbe ist für die Schwaben), zu gelten. „Der schwätzt net, der schbrichd!“ heißt es dann.
Hier über das griechische ευ zu spekulieren, geht meiner Ansicht zu weit.
Europa z. B. hat nichts mit dem griechischen „eu“ = gut, schön, angenehm zu tun; es kommt wohl von einem phönizischem Wort, das „Abendland, Land der untergehenden Sonne“ bedeudet.
Die Bedeutung dieses Namens ist letztlich unklar, auch wenn die Ableitung aus dem semitischen Wort „Ereb" (Abend, dunkel) - damit hindeutend auf Abendland - oder aus dem griechischen Wort Eu-ruopa (weithin blickend) eine gewisse Plausibilität in sich birgt.
Das ist ein weites Feld, würde Fontane sagen!
Gruß Fritz
Noch gedehnter
Hallo alle,
Seit dem 19. Jhdt gingen die Dehnungen wieder zurück, deutlich
zu sehen bei dem Verb „geben“ das bei Schopenhauer und
Nietzschen noch mit „ie“ - es giebt - geschrieben wurde, In
„ergiebig“ ist es noch enthalten, wir hatten das gerade
irgendwo.
Die Niederländer sind da meines Wissens konsequenter: Lange Vokale werden da (wenn ich nicht irre) konsequent verdoppelt.
Zur Dehnung wurden die Vokale verdoppelt, außer dem „h“ wird
auch das „e“ vor allem nach dem „i“, aber auch bei anderen
Buchstaben, etwa beim Namen „Haefs“, gesprochen Haaafs
verwendet, und das „i“, wie Gandalf erwähnte. Das scheint eine
Spezialiät des Niederrheinischen zu sein.
Zumindest gibt’s da etliche, wie schon die erwähnten "-broich"s, aber auch z.B. „Straelen“, gesprochen „Schtraalen“. Achtung: Bochum-Laer heißt wirklich „Lär“!
Was meinst du damit, welche Sprachfamilien? Ich bin nicht
sicher, ob es in den anderen europäischen Sprachen so viele
Dehnungszeichen gibt.
Eher nicht, soweit ich weiß.
.
Im Französischen kenne ich mich nicht so aus, aber ist das „i“
in „faites“ ein Dehnungszeichen oder bloß ein nicht mehr
gesprochener Laut?
Nö, „ai“ ist halt „ä“, gelängt wird dadurch nichts. Früher war der Zirkumflex (^) oft ein Zeichen für Längung, aber das wird heute praktisch nicht mehr beachtet, und „tâche“ und „tache“ klingt exakt gleich.
Diese Variante stammt meines Wissens noch aus Zeiten des
keltischen/germanischen Sprachkreises (wenn nicht, möge man
mich korregieren)
Klingt für mich jedenfalls sinnvoll.
Wohl nicht, lieber Gandalf, die Kelten kannten keine Schrift,
hatten also auch keinen Bedarf an Dehnungszeichen.
Kannten schon ine (Runen), nur nicht für „profane“ Texte…
Gruß Kubi
Nein, nein,
lieber Kubi,
Kannten schon ihre (Runen), nur nicht für „profane“ Texte…
Runen sind was Germanisches. Von den Druiden wird aber ausdrücklich von mehreren antiken Autoren gesgat, dass sie ihr Wissen „von Mund zu Ohr“ weitergaben.
Das hat sogar seinen Reflex in den Asterixheften, wo Miraculix daruf verweist, dass das Geheimnis der Geheimrezepte nur von einem Druidenohr zum anderen weitergegeben werden darf.,-)
Fritz
Hallo Fritz,
eigentlich ist es doch schön, dass Sprache trotz eines ausgedehnten grammatikalischen Regelwerks „chaotisch“ genug ist, Dinge einfach geschehen zu lassen…
Darf ich dir eine Seite der Manesseschen Handschrift zumailen?
Oh ja bitte, das würde mich sehr interessieren.
Nochmal Danke
Gruß
Feanor
Du hast recht(, aber…)
Hallo Fritz,
Runen sind was Germanisches.
Stimmt, da war ich im falschen Film.
Trotzdem hatten die Kelten Schrift. Zumindest die irische Ogham-Schrift muß als keltisch aufgefaßt werden, auch wenn sie sich vom lateinischen Alphabet „anstoßen“ ließ.
Grüße, Kubi
Hallo Kubi!
Schon wieder was gelernt. Und die ältesten Inschriften der Ogham-Schrift stammen aus den 4. vorchristlichen Jahrhundert! Bei Harald Haarman nachgelesen!
Danke!
Fritz