Wie angekündigt:
Hallo, Gollum und auch ihr anderen!
Ich habe es ja angekündigt, dass ich zu einigen deiner Ausführungen noch was zu sagen hätte.
Nun wohlan, da ist es, das Einige! 
_INA: Das heißt doch wohl, dass der Duden die Sprache so übernimmt und beschreibt, wie sie gesprochen wird.
- Frage:
Warum sollte das negativ sein?
Gollum: Weil Sprache unter anderem dem Verständnis dient, wenn man in Hamburg anders spricht als in Graz, kommt es zu Verständigungsproblemen._
Meinst du damit, dass das Hamburgerische, das in Graz nicht verstanden wird, und das Grazerische, das in Hamburg nicht verstanden wird, keinen Platz in der „besseren deutschen“ Sprache haben soll. Es gibt sicher keinen Dialektausdruck, der zwischen einem Hamburger und einem Grazer nicht mit zwei Sätzen geklärt werden könnte.
Auf einem Campingplatz in Österreich freundeten sich zwei Mädchen an, so grade zwölf Jahre alt. Vom Spielen vorzeitig hungrig geworden, erbettelten sie sich von den Eltern ein Vespergeld. Auf dem Weg zum Kiosk beratschlagten sie, was sie wohl nehmen sollten: „I nemm a Giggerle!“ sagt die, die aus der Gegend von Stuttgart stammte. „Naa, dees moog in net, i nimm a Hendl.“ antwortet darauf die aus der Nähe von Wien stammende. Ein verstehendes Aufleuchten in den Augen beider, als sie ihren Imbiss in Händen hielten. Ohne ein erklärenden Wort wurde Sonderwortschatz vermittelt
_INA: Haben sich nicht die Regeln der Sprache auf diese Weise entwickelt?
Gollum: Ja, aber um zu ermöglichen, daß alle deutschsprachigen miteinander kommunizieren können, gibt es die Sprache. Wenn das Wort „affentittengeil“ im Duden zu finden sein wird, geht die Welt noch nicht unter, aber wenn die Berliner Art, Dativ und Akkusativ zu vertauschen in die Grammatik übernommen werden würde, würde die Sprache und somit auch die kulturelle Identität den Bach runtergehen.
ZUERST hat das Volk so gesprochen
Wer ist „das Volk“? Die Deutschen? Die Schweizer? Wir Ösis? Die Siebenbürger Einwohner? Jedenfalls haben nicht alle die gleiche Sprache gesprochen, um aber eine Kommunikation zu ermöglichen, wurden Regeln aufgestellt, jede andere Art zu sprechen ist Dialekt._
Da hast du den Dialektbegriff aber sehr stark erweitert.
Und die Zahl der Hochdeutsch Sprechenden arg reduziert.
In meiner früheren Antwort habe ich schon dargestellt, wer das „Volk“ bei der Rechtschreibreform war. Auch die Dudenredaktion hat nicht nur „reichsdeutsche“ Belegstellen gesammelt, sondern regionale, gruppensprachliche, also Dia- und Soziolekte angeschaut, um eventuell aufnehmbare Wörter zu finden, und Schweizer und österreichische und andere deutschsprachigen Blätter nach solchen durchforstet.
So kam z. B. die „Seegfrörne“, auch See|gfrör|ni, die; -, …nen (schweiz. für Zugefrieren, Zugefrorensein eines Sees), in den Duden, weil 1963 der ganze Bodensee zugefror und damals das Schweizer Wort innerhalb kürzester Zeit seine Runde in der deutschen Presse machte. Jedenfalls in den Rechtschreibduden; im Universalduden fehlt der Eintrag. Vermutlich, weil seit 1963 der Bodensee nicht mehr ganz zugefror.
_INA: DANN hat man Regeln beschrieben.
Gollum: OK, dann hör doch Deinen Mitmenschen genau zu wie sie sprechen, wie viele gibt es, die es schaffen, eine freie Rede von zehn Sätzen zu halten, ohne einen einzigen grammatikalischen Fehler (mich eingeschlossen)._
Das ist ein simpler Vorwurf. Fehlerfrei und druckreif ist beim freien Sprechen wenigen begnadeten Rednern gegeben und selbst Strauß FJ und Schmidt-Schnauze, denen man solche Gaben zusprach, hatten ihre schwachen Minuten. Schlimm finde ich die offiziellen oder offiziösen Pressesprecher mancher Firmen, der meisten Kommunen, den Höhepunkt an Gestammel bieten immer noch die Polizeisprecher, denn die sollten ja eigentlich vorbereitet sein. Von Passanten, denen man in der Fußgängerzone ein Mikro vor die Nase hält, soll erst mal gar nicht die Rede sein.
INA: Klar, diese Regeln (Duden!) wirken dann zurück auf die Sprache.
Gollum: Jetzt stellt sich die Frage, nach wessen eigenständiger Grammatik sollen die Duden-Leute jetzt neue Regeln aufstellen?
Auch hier steht den Dudenleuten eine lange Tradition zur Verfügung. Eine 150 Jahre lange, wenn man auf die Grimms zurückgeht, 250 Jahre sind es, wenn man Lessing, Gottsched, Campe und Adelung dazu nimmt, 400, wenn man bis zur Fruchtbringenden Gesellschaft schaut, und dann könnte man auch noch auf die mittelalterlichen Mystiker und Scholastiker hinweisen, die in Sachen Wortschatz und Satzbildung und damit zur Grammatik Entscheidendes beigetragen haben. Da bleibt nicht viel „eigenständige Grammatik“ und Willkür.
Und was ändert sich so im Laufe der Zeit?
Das Dativ-e ist fast ganz verschwunden. Vermisst du es?
Der Genitiv wandert aus. Schade, aber brauchen wir ihn wirklich? Ist er uns nicht aus dem Lateinischen aufgepfropft worden?
Dass man „brauchen“ nicht ohne „zu“ gebrauchen soll, hat man uns im Gymnasium als nahezu wichtigste Regel der deutschen Sprache eingepläut (sic!). Ich habe heute keine Kollegin mehr, die es im Alltag benutzt. Und ist das „zu“ ein Verlust? „brauchen“ hat in dieser Wendung die Bedeutung eines Modalverbs. Modalverben aber schließen alle den Infinitiv OHNE ZU an. Warum also nicht auch „brauchen“?
_INA: 2. Frage:
Sprache ist doch einem ständigen Veränderungsprozess unterworfen.
Gollum: Nicht zwingend, es ist eher so, daß die Sprache verfällt, wir reduzieren die Anzahl der aktiv gebrauchten Wörter._
Das halte ich für eine sehr gewagte Behauptung angesichts der stets umfangreicher werdenden Wörterbücher, samt den vielen Fachwörterbücher.
Gollum: Lies Dir Briefe durch, die vor hundert oder mehr Jahren geschrieben wurden (ich meine aber nicht nur Goethe), die Menschen hatten einfach einen viel größeren Wortschatz,
Du redest da von einer Bildungsschicht, die kaum ein Fünftel der Bevölkerung ausgemacht haben dürfte. Erst im 19. Jhdt. setzt sich die Alphabetisierung allgemein durch. Erst um 1900 kann man mit eine fast vollständigen Lesfähigkeit in allen Volksschichten rechnen. Ausführliche Korrespondenzen wurden aber nach wie vor von hoch- und höchstgebildeten Leuten gepflegt. Mein Großvater hat garantiert in seinem Leben keinen einzigen Brief geschrieben. Ein Kleinstbauer, der seinen Lebensunterhalt als Knecht und Taglöhner auf einem größeren Bauernhof verdient, weil er mit seinen zwei Morgen Land kaum die Lebensmittel für die Familie erwirtschaftet, braucht keine Briefe zu schreiben. Da genügt der Name auf Dokumenten. Und den Text bekommt man ja vorgelesen.
Gollum: während man im heutigen Alltag mit ungefähr hundert Worten auskommt.
Da wurde dir bereits widersprochen. Der Affe, der gestern bei Galileo vorgestellt wurde, versteht und gibt bereits 500 Wörter wieder!
Gollum: Die Medien sind längst außerstande, deutsch zu sprechen und zu schreiben und sogar die Schriftsteller beginnen in dieser Richtung zu versagen.
Da liegt in der Tat einiges im Argen, seit z. B. sich kaum eine Zeitung mehr einen Korrekturleser, meist waren es Korrekturleserinnen, leistet und Texte vom PC des Autor fast ungestreift im Setzcomputer landen. Auch das Internetz macht da viel Unfug mit, aber wenn die Leute es so wollen, sollen damit glücklich werden.
_INA: Die Regeln werden dann angepasst, durch eine Reform. Wenn das nicht geschähe, würden dann nicht irgendwann Duden und Konsorten eine völlig veraltete Sprache wiedergeben, die nichts mehr mit der Sprache des Volkes zu tun hat?
Gollum: Oder würde das Volk eine ganz neue Sprache sprechen, die mit der eigentlichen Sprache nichts mehr zu tun hat (Stichwort „Denglisch“)?_
Diese Schreckgespenst der Weltunddeutschekulturuntergangsapostel bedarf keine Erwiderung, aber auch dazu gibt es im Archiv einiges an Diskussion.
Gollum: Selbstverständlich habe ich nichts dagegen einzuwenden, wenn neue Worte in den deutschen Sprachschatz übernommen werden, aber Worte wie „downgeloaded“ regen meine Galle an.
„anregen der Galle“ kann gesund sein; hilft vielleicht bei der Entschlackung. 
Ein Absatz meiner damaligen Stellungnahme lautet:
„Es ist freilich etwas anderes, dass mit vielen Sachen, die wir aus dem angloamerikanischen Raum übernommen haben, zugleich auch deren Namen, sprich Bezeichnungen und Wörter übernehmen. Ein Rechner ist halt doch mit anderen Assoziationen verbunden als ein PC (Personal Computer, oder einfach Computer). Der Beispiel gibt es viele. Und dass wir jetzt „booten, downloaden und deleten“ können, neben „laden, runterladen und löschen“ halte ich zwar für einen recht kleinen, aber doch für einen Gewinn, da sie sich eindeutig auf Vorgänge am PC beziehen, während die deutschen Wörter in ganz anderen Zusammenhängen auftreten können, z. B. einen LKW laden, ein Schiff löschen.“
Gollum: Die Duden-Gesellschaft hat fast 30(!) Jahre lang an der Rechtschreibreform „gearbeitet“ und hat jetzt diese sinnlose Rechtschreibreform herausgebracht, die mehr Verwirrung stiftet als entwirrt, aber um sich selbst eine Existenzberechtigung zu geben, mußten sie irgendwas tun, sonst wären sie ihren Job los.
Diesen Irrtum habe ich in meiner früheren Antwort schon richtig gestellt. Man könnte solch profundes Falschwissen benutzen, um dem Schreiber …
Und zum Rest habe ich auch nichts mehr zu sagen, da klingen Töne mit, die ich lieber überhöre. Gute Bücher sind freilich immer gut! 
Beste Grüße Fritz