Demokratische Grundrechte während der Kaiserzeit 1

Hallo zusammen!

Dass die Kaiserzeit zwischen 1871 und 1918 auf die meisten Menschen gewirkt hat wie ein Leben im Kasernenhof ist ja hinlänglich bekannt. Wie stand es aber mit einigen für uns heute ganz selbstverständlichen demokratischen Grundrechten?:

Was geschah jemandem, der sich öffentlich abfällig über den Kaiser oder seine Politik äußerte?

Wie stand es mit der Pressefreiheit?

Wie konnten die Gewerkschaften für die Rechte der Arbeitnehmer eintreten?

Gab es damals schon einen latenten Rassismus? Brauchte Hitler sich dessen nur noch zu bedienen? Wie stand Wilhelm II. zu den Deutschen jüdischen Glaubens und Ausländern, die im Reich lebten?

Welchen Schutz erfuhren sonstige Minderheiten?

Wie stand es mit anderen Grundrechten?

Viele Fragen auf einmal!

Für eine Antwort schon mal vielen Dank!

Gruß

Christoph

Dass die Kaiserzeit zwischen 1871 und 1918 auf die meisten
Menschen gewirkt hat wie ein Leben im Kasernenhof ist ja
hinlänglich bekannt. Wie stand es aber mit einigen für uns
heute ganz selbstverständlichen demokratischen Grundrechten?:

Was geschah jemandem, der sich öffentlich abfällig über den
Kaiser oder seine Politik äußerte?

Wie stand es mit der Pressefreiheit?

Wie konnten die Gewerkschaften für die Rechte der Arbeitnehmer
eintreten?

Gab es damals schon einen latenten Rassismus? Brauchte Hitler
sich dessen nur noch zu bedienen? Wie stand Wilhelm II. zu den
Deutschen jüdischen Glaubens und Ausländern, die im Reich
lebten?

Welchen Schutz erfuhren sonstige Minderheiten?

Wie stand es mit anderen Grundrechten?

Hallo,
was meinst Du mit „demokratischen“ Grundrechten? Demokratie und Grundrechte das sind doch zwei ganz verschiedene Schuh.
Demokratie heißt: die Mehrheit bestimmt, wer regiert und wie regiert wird.
Grundrechte sind Rechte, die der Einzelne gegenüber der Regierung hat.
Alexander Böker

Hallo zurück!

Dass die Kaiserzeit zwischen 1871 und 1918 auf die meisten
Menschen gewirkt hat wie ein Leben im Kasernenhof ist ja
hinlänglich bekannt.

Na ja, etwas hart ausgedrückt …

Gab es damals schon einen latenten Rassismus?

Von den Engländern hielt er nicht viel. Obwohl seine Mutter Engländerin war: „Ich wollte, ich könnte jeden Tropfen englischen Blutes aus meinem Körper heraus pressen.“
Na ja, über seine Meinung zu den Franzosen brauche ich wohl nichts zu sagen …

Brauchte Hitler sich dessen nur noch zu bedienen?
Wie stand Wilhelm II. zu den
Deutschen jüdischen Glaubens und Ausländern, die im Reich
lebten?

Im gewissen Sinne ja. Aber die Wurzeln liegen tiefer. Denk nur an den Antisemitismus vor dem Kaiserreich. Schliesslich „haben die Juden Jesus ermordet“ …
Kaiser Wilhelm hielt nichts von den Juden: Später sagte er: „Ich glaube Gas ist das Richtige für sie.“ (!!!)

Viele Fragen auf einmal!

Die beantwortet sicher auch jemand.

Gruß, Stucki

Hallo,
was meinst Du mit „demokratischen“ Grundrechten? Demokratie
und Grundrechte das sind doch zwei ganz verschiedene Schuh.
Demokratie heißt: die Mehrheit bestimmt, wer regiert und wie
regiert wird.
Grundrechte sind Rechte, die der Einzelne gegenüber der
Regierung hat.
Alexander Böker

Hallo alexander!

Na, gut! Da hast Du Recht! Ich meinte eben Grundrechte in der Form, wie sie das Grundgesetz heute kennt.

Viele Grüße!

Christoph

Hallo Stucki!

Na ja, etwas hart ausgedrückt …

Hart, aber fair, meine ich.

Kaiser Wilhelm hielt nichts von den Juden: Später sagte er:

„Ich glaube Gas ist das Richtige für sie.“ (!!!)

Dass das so weit ging hätte ich jetzt nicht gedacht. Stammt diese Aussage denn aus der Nazizeit oder aus der Zeit davor? Immerhin lebte Wilhelm II. noch bis 1941.

Hallöchen,

mich würde mal die Quelle interessieren, wo dieser Ausspruch belegt ist.

Vielleicht noch ein paar zusätze. Bis 1936 -38 gab es noch zahlreiche jüdische Einsichtungen, die es auch schon zur Kaiserzeit gab, wie zum Beispiel den jüdischen Reichsbund, Bund Jüdischer Soldaten ( deren Zeitung bis 1938 erschien), Bund jüdischer Beamter usw. Man kann also nciht sagen, das die Juden bereits unter Kaiser Wilhelm diskriminiert wurden. Zumindest nicht auf die art und Weise wie es unter Hitler geschah, was auch nciht heissen soll das es für sie zu Wilhelms Zeiten schwer war. Latenten Antisemitismus gab auch in Österreich (siehe Biographie Hitlers). Letztlich hatten jüdische Bürger die Möglichkeit in Positionen zu kommen, in denen sie den Nazis später dann ein Dorn im Auge waren.

Robby

Hallo !

Warum fragst Du das? Warum muß jetzt Wilhelm II. wieder herhalten?

Stell diese Frage lieber über das österreichische Kaiserreich! Eine diktatorische absolutistische Einmannmonarchie ohne Parlament. Der öster. Kaiser hatte das absolute Sagen über sein Reich, in dem auch Fremdvölker unterdrückt wurden.
Deutschland hatte schon lange ein Parlament und der erste Kaiser nahm diesen Job nur widerwillig an. Er mußte regelrecht gedrängt werden.
Deutschland war eine parlamentarische Monarchie, ähnlich England. (Nur ähnlich!).

Und was den Krieg 1914 - 18 angeht, Wilhelm war bis einige Wochen vorher noch auf seiner Urlaubsinsel Korfu. Er hat ganz gewiß diesen Krieg nicht geplant. Invasionspläne, wie sie seine Generale laufend ausarbeiteten, wurden in sämtlichen anderen europ. Staaten ebenfalls gemacht. Ganz sicher von Frankreich, ganz sicher von Rußland.

Wenn Du Gelegenheit gehabt hättest, mit Leuten zu sprechen, die damals unter dem Kaiser lebten, hättest Du gehört, dass diese Zeit für sie die beste ihres Lebens war. Nicht etwa verklärt durch die rosarote Brille.

Das Leben im deutschen Kaiserreich war das mit Sicherheit liberalste in Europa. Man kann diese Zeiten nicht mit heute vergleichen, dafür hatte man damals viel zu wenig eigene Informationen.

Gruß Max

Hallo,

Kaiser Wilhelm hielt nichts von den Juden: Später sagte er:
„Ich glaube Gas ist das Richtige für sie.“ (!!!)

Dass das so weit ging hätte ich jetzt nicht gedacht. Stammt diese Aussage denn aus der Nazizeit oder aus der Zeit davor? Immerhin lebte Wilhelm II. noch bis 1941.

Habe die Aussage in einem der Berichte (Fernsehen? Zeitung?) über die Vor-Geschichte des Holocaust gehört/gelesen. Sie stammt von einem englischen Historiker, der sie aus irgendein Archiv hat. Hörte sich authentisch an.
Sie muss wohl aus der Zeit kurz vor oder während des 3. Reichs stammen. Weiß nicht, ob ich die Quelle noch mal finde.

Gruß, Stucki

Hallöchen,

mich würde mal die Quelle interessieren, wo dieser Ausspruch
belegt ist.

siehe meine Antwort an Christoph.

Vielleicht noch ein paar zusätze. Bis 1936 -38 gab es noch
zahlreiche jüdische Einsichtungen, die es auch schon zur
Kaiserzeit gab, wie zum Beispiel den jüdischen Reichsbund,
Bund Jüdischer Soldaten ( deren Zeitung bis 1938 erschien),
Bund jüdischer Beamter usw.

Oh ja, sie waren teilweise sehr deutsch-natinal. Das hat ihnen dann kurze Zeit später aber nicht allzu viel geholfen …

Man kann also nciht sagen, das die
Juden bereits unter Kaiser Wilhelm diskriminiert wurden.
Zumindest nicht auf die art und Weise wie es unter Hitler
geschah, was auch nciht heissen soll das es für sie zu
Wilhelms Zeiten schwer war.

Oh nein, das habe ich auch nicht behauptet! Ignaz Bubis hat mal gesagt, dass der Antisemitismus in (z.B.) Frankreich „keinen Jota geringer war als in D!“

Latenten Antisemitismus gab auch
in Österreich (siehe Biographie Hitlers). Letztlich hatten
jüdische Bürger die Möglichkeit in Positionen zu kommen, in
denen sie den Nazis später dann ein Dorn im Auge waren.

Alles richtig! Denk nur an Rathenau, Außenminister (Wirtschafts-?) D’s im ersten Weltkrieg. Er hat das Ganze mit am Laufen gehalten!

Warum es dann zu dieser monströsen Übersteigerung kam und - das Wichtigste! - so viele Deutsche mit gemacht haben, ist mir nicht klar. Daniel Goldhagen („Hitlers willige Helfer“) hat ja vor einigen Jahren behauptet, dass das so in den Deutschen drin liege (salopp ausgedrückt). Womit er bei allen (deutschen, amerikanischen, englischen) Historikern auf nahezu einhellige Ablehnung stieß.
Wahrscheinlich wurde der Boden durch die jahrelange Propaganda und dann Hetze gegen die Juden (und Bolschewisten) der Boden bereitet, im Krieg, wo viele Hemmschwellen fallen, tobte sich das dann aus.
Denk nur an die Vorgänge auf dem Balkan! An die Aussage von Frau Plawsic in Den Haag vor einigen Tagen!
Wir sollten uns darüber im Klaren sein, dass es keiner sehr langen Vorbereitungszeit für solche Sachen bedarf … Judenfeindlichkeit allerdings hat eine jahrhundert-, jahrtausendlange Geschichte im christlichen Abendland …

Gruß, Stucki

Hallo Max!

Stell diese Frage lieber über das österreichische Kaiserreich!
Eine diktatorische absolutistische Einmannmonarchie ohne
Parlament.

Ich sagte es schon an anderer Stelle: Bruno Kreisky war der Meinung, dass Ö’reich wegen des praktisch unannehmbaren Ultinatums an Serbien nach dem Mord in Sarajewo die Hauptschuld am Ausbruch des 1. W’krieges trifft.

Deutschland hatte schon lange ein Parlament und der erste
Kaiser nahm diesen Job nur widerwillig an. Er mußte regelrecht
gedrängt werden.

In mancher Beziehung war D sicher Vorreiter, z.B. der Sozialgesetzgebung. Das war das Fortschrittlichste, was es in der Welt gab. Was die politischen Strukturen oder gar die Denkweisen der massgebenden Klasse war, war D gegenüber anderen europäischen Staaten um Jahrzehnte zurück!
Im Übrigen weisst Du ja, dass Wilhelm I. der „Kartätschen-Prinz“ war, der in Berlin auf seine Bürger schießen ließ, obwohl sie friedlich - wirklich friedlich! - demonstriert hatten.

Deutschland war eine parlamentarische Monarchie, ähnlich
England. (Nur ähnlich!).

Ja, wirklich nur entfernt ähnlich! Für Wilhelm II. war der Reichstag eine „Quasselbude“.

Und was den Krieg 1914 - 18 angeht, Wilhelm war bis einige
Wochen vorher noch auf seiner Urlaubsinsel Korfu. Er hat ganz
gewiß diesen Krieg nicht geplant.

Sowas macht man auch nicht selber! Dafür hat man ja die Generäle! Wilhelm war auch als die Wehrmacht 1918 am Ende war, es im Reich drunter und drüber ging zum Baden in Spa in Belgien und bequemte sich nicht im Geringsten zurück zu kommen …

Wenn Du Gelegenheit gehabt hättest, mit Leuten zu sprechen,
die damals unter dem Kaiser lebten, hättest Du gehört, dass
diese Zeit für sie die beste ihres Lebens war. Nicht etwa
verklärt durch die rosarote Brille.

Klar! Alles was danach kam, war schlechter - wegen des im Wesentlichen von D verschuldeten Krieges!

Das Leben im deutschen Kaiserreich war das mit Sicherheit
liberalste in Europa.

Hmm, …

Man kann diese Zeiten nicht mit heute
vergleichen, dafür hatte man damals viel zu wenig eigene
Informationen.

Was soll das?

Gruß, Stucki

Ja, wirklich nur entfernt ähnlich! Für Wilhelm II. war der
Reichstag eine „Quasselbude“.

Wilhelm hatte einen großen Fehler : Was er dachte, sagte er auch! Die englischen Könige/ginnen hatte sicher keine bessere Meinung von ihrem Parlament.

Man kann diese Zeiten nicht mit heute
vergleichen, dafür hatte man damals viel zu wenig eigene
Informationen.

Was soll das?

Was?

Gruß max

Warum fragst Du das? Warum muß jetzt Wilhelm II. wieder
herhalten?

Wofür herhalten? Ich frage, weil mich das ganz einfach interessiert.

Stell diese Frage lieber über das österreichische Kaiserreich!
Eine diktatorische absolutistische Einmannmonarchie ohne
Parlament. Der öster. Kaiser hatte das absolute Sagen über
sein Reich, in dem auch Fremdvölker unterdrückt wurden.

Das ist nicht zu bestreiten. Aber das war eben nicht meine Frage. Natürlich weiß ich, dass die Sissi-Filme ebensogut aus der Propagandaabteilung der K.u.K.-Regierung stammen könnten. Mir graut schon wieder vor dem Weihnachts-Fernsehprogramm.

Deutschland hatte schon lange ein Parlament und der erste
Kaiser nahm diesen Job nur widerwillig an. Er mußte regelrecht
gedrängt werden.

Ja, Wilhelm I. musste gedrängt werden. Aber er musste nicht gedrängt werden, weil er kein Monarch sein wollte, sondern, weil er sich in erster Linie als Preuße und weniger als Deutscher fühlte. Er befürchtete einfach, mit einer Entscheidung für die deutsche Kaiserkrone die Bedeutung Preußens zu schmälern. Mit dem Satz „Preußen geht fortan in Deutschland auf.“, ich glaube, ein Zitat von Bismarck, konnte er nicht viel anfangen.

Und was den Krieg 1914 - 18 angeht, Wilhelm war bis einige

Wochen vorher noch auf seiner Urlaubsinsel Korfu. Er hat ganz
gewiß diesen Krieg nicht geplant. Invasionspläne, wie sie
seine Generale laufend ausarbeiteten, wurden in sämtlichen
anderen europ. Staaten ebenfalls gemacht. Ganz sicher von
Frankreich, ganz sicher von Rußland.

Ob er DIESEN Krieg wollte sei einmal dahingestellt. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass, wenn es Sarajewo nicht gegeben hätte, Wilhelm seine Flotte gegen England auslaufen lassen hätte.

Wenn Du Gelegenheit gehabt hättest, mit Leuten zu sprechen,
die damals unter dem Kaiser lebten, hättest Du gehört, dass
diese Zeit für sie die beste ihres Lebens war. Nicht etwa
verklärt durch die rosarote Brille.

Dazu bin ich zu jung. Das mag zwar sein. Aber man muss das relativ sehen. Solche Äußerungen haben sicher auch damit zu tun, dass die Zeit, die 15 Jahre nach Wilhelm II. folgte, noch schlimmer war.

Das Leben im deutschen Kaiserreich war das mit Sicherheit
liberalste in Europa.

Woran machst Du das fest? Wie sah es im Vergleich dazu z.B. in Großbritannien oder Skandinavien aus?

Man kann diese Zeiten nicht mit heute vergleichen, dafür hatte man damals viel zu wenig eigene Informationen.

Ich will auch gar nichts vergleichen sondern nur wissen, wie es damals war. Allerdings bin ich mir ziemlich sicher, dass ich mich in diesem durchmilitarisierten Obrigkeitsstaat niemals wohl gefühlt hätte.

Gruß

Christoph

stimmt alles nicht so richtig
Hallo Christoph und Mitdiskutanten,

die Diskussion bewegt sich nicht so recht auf dem neuesten Stand der Forschung, wie man so sagt. Das fängt schon mit der Frage an, die von falschen Voraussetzungen ausgeht.

Aber der Reihe nach.

Dass die Kaiserzeit zwischen 1871 und 1918 auf die meisten
Menschen gewirkt hat wie ein Leben im Kasernenhof ist ja
hinlänglich bekannt.

Das kann man allerdings so nicht mehr sagen. Durch die zunehmende Europäisierung der Geschichtswissenschaft (also weniger Nationalgeschichte, mehr vergleichende) ist in den letzten Jahren herausgekommen, dass das Leben im Deutschen Kaiserreich keineswegs militarisierter war als in den immer wieder zum Vergleich herangezogenen „Musterdemokratien“ Frankreich und Großbritannien. Gerade die Alltagsforschung hat hier neue Aufschlüsse gebracht (Denkmäler, Feiertage, Soldatenverbände etc.).

Über die Kriegsschuldfrage möchte hier gar nicht weiter reden, es ging ja um die Innenpolitik. Allerdings sind die Aussagen über Österreich grob falsch. Weder war es ein absolutistisches Regime, noch gar ein Völkergefängnis. Solche Begriffe klingen eher nach alliierter Propaganda.

Wie stand es aber mit einigen für uns
heute ganz selbstverständlichen demokratischen Grundrechten?:

Generell kann man sagen, dass Deutschland im weltweiten Vergleich ein vorbildicher Rechtsstaat war. Es war keine vollständig entwickelte Demokratie, aber auch keine konstitutionelle Monarchie. Man kann von einer Mischform sprechen; denn auch wenn die Reichsregierung de iure nicht vom Parlament abhängig war, kam sie de facto nicht umhin, mit der Mehrheit des Reichstags zusammenzuarbeiten. Wir haben es hier mit einem Prozess zu tun, der ganz natürlich in die parlamentarische Monarchie mündete. Aber da war es zu spät.

Was geschah jemandem, der sich öffentlich abfällig über den
Kaiser oder seine Politik äußerte?

Abgesehen vom Straftatbestand der Majestätsbeleidigung kann man durchaus von Presse- und Meinungsfreiheit sprechen, wenn man die Zeitverhältnisse berücksichtigt. Ein gutes Beispiel ist die Daily-Telegraph-Affaire von 1908. Auch hier haben wir es mit einem Entwicklunsgprozess zu tun.

Wie konnten die Gewerkschaften für die Rechte der Arbeitnehmer
eintreten?

Nach Abschaffung der Sozialistengesetze waren die deutschen Arbeiter gerade im internationalen Vergleich gut vertreten. Aber wie gesagt: alles braucht Zeit: 1875 sieht das anders aus als 1905.

Gab es damals schon einen latenten Rassismus? Brauchte Hitler
sich dessen nur noch zu bedienen? Wie stand Wilhelm II. zu den
Deutschen jüdischen Glaubens und Ausländern, die im Reich
lebten?

Für solche pauschalen Aussagen war die Gesellschaft und die Politik schon zu ausdifferenziert. Und es ist schon darauf hingewiesen worden: darin liegt auch die Problematik Wilhelms II. Er sagte immer das, was die jeweiligen Zuhörer hören wollten. Du findest vom ihm jedes beliebige Zitat für und gegen etwas.

Welchen Schutz erfuhren sonstige Minderheiten?

Nationale Minderheitenpolitik gab es natürlich nirgendwo. Das schloss das Selbstverständnis der europäischen Nationalstaaten aus. Allein Österreich hatte hier vor 1914 einige höchst moderne Ansätze (Mähren, Bukowina).

Auf ein Jahr 2003 in der Hoffnung, dass wir es besser haben als 1903.

Andreas

Hallo Andreas!

Ich hatte ja fast nicht mehr damit gerechnet, dass hier noch mal etwas zu den anderen angesprochenen Punkten kommt. Vielen Dank dafür! Trotzdem noch ein paar Anmerkungen!

die Diskussion bewegt sich nicht so recht auf dem neuesten
Stand der Forschung, wie man so sagt. Das fängt schon mit der
Frage an, die von falschen Voraussetzungen ausgeht.

Aber der Reihe nach.

Dass die Kaiserzeit zwischen 1871 und 1918 auf die meisten
Menschen gewirkt hat wie ein Leben im Kasernenhof ist ja
hinlänglich bekannt.

Ich habe auch nicht behauptet, dass es woanders besser war. Mich interessierte bei der Frage nur, wie es in Deutschland aussah. Dass das Militär damals einen ganz anderen gesellschaftlichen Rang hatte als heute ist aber wohl unstrittig.

Das kann man allerdings so nicht mehr sagen. Durch die
zunehmende Europäisierung der Geschichtswissenschaft (also
weniger Nationalgeschichte, mehr vergleichende) ist in den
letzten Jahren herausgekommen, dass das Leben im Deutschen
Kaiserreich keineswegs militarisierter war als in den immer
wieder zum Vergleich herangezogenen „Musterdemokratien“
Frankreich und Großbritannien. Gerade die Alltagsforschung hat
hier neue Aufschlüsse gebracht (Denkmäler, Feiertage,
Soldatenverbände etc.).

Siehe oben! Meine Antwort hätte besser hier hin gepasst.

Über die Kriegsschuldfrage möchte hier gar nicht weiter reden,
es ging ja um die Innenpolitik. Allerdings sind die Aussagen
über Österreich grob falsch. Weder war es ein absolutistisches
Regime, noch gar ein Völkergefängnis. Solche Begriffe klingen
eher nach alliierter Propaganda.

Zur Kriegsschuldfrage habe ich mich auch nicht geäußert. Aber ob Wilhelm II. nach dem Attentat in Sarajevo wirklich losschlagen musste? Deutschland wurde von Serbien nicht bedroht, hatte dort noch nicht einmal Interessen ( Bismarck sah das früher sogar noch viel drastischer ), sondern lediglich ein Bündnis mit Österreich-Ungarn. Aber wie gesagt; dies war nicht Gegenstand meiner Frage.

Wir haben es hier mit einem Prozess zu tun, der ganz natürlich in die parlamentarische Monarchie mündete. Aber da war es zu spät.

Wofür war es zu spät? Wann mündete der Prozess in eine parlamentarische Demokratie? Schon vor Weimar? Wenn dem so war: Warum wollten dann so viele Leute ihren Kaiser Wilhelm wieder haben, obwohl sie die selbe Staatsform wie vor 1918 hatten; halt nur ohne Kaiser? Ich denke schon, dass das Parlament zur Kaiserzeit und in Weimar eine ganz unterschiedliche Stellung hatte.

Abgesehen vom Straftatbestand der Majestätsbeleidigung kann
man durchaus von Presse- und Meinungsfreiheit sprechen, wenn
man die Zeitverhältnisse berücksichtigt.

Was heißt das konkret? Was durfte man über den Kaiser und seine Politik bzw. die Politik der Reichsregierung sagen und was nicht? Wurde Majestätsbeleidigung von den drei Kaisern jeweils anders interpretiert? Wieviele Jahre musste jemand abbrummen, der wegen Majestätsbeleidigung verurteilt worden war? Geschah dies im Gefängnis oder im Zuchthaus?

Er sagte immer das, was die jeweiligen Zuhörer hören
wollten. Du findest vom ihm jedes beliebige Zitat für und
gegen etwas.

Das führt zu der Frage, warum ein Monarch, der nicht gewählt zu werden braucht, sich so verhält.

Nationale Minderheitenpolitik gab es natürlich nirgendwo. Das
schloss das Selbstverständnis der europäischen Nationalstaaten
aus. Allein Österreich hatte hier vor 1914 einige höchst
moderne Ansätze (Mähren, Bukowina).

Mit welchen Schwierigkeiten hatten die nationalen Minderheiten in Deutschland konkret zu kämpfen? Welche gab es außer den Polen?

Auf ein Jahr 2003 in der Hoffnung, dass wir es besser haben
als 1903.

Besser als Du kann man meine Wünsche für 2003 nicht formulieren, außer, dass uns der Friede erhalten bleiben möge.

Gruß

Christoph

Antworten zum Kaiserreich

Ich habe auch nicht behauptet, dass es woanders besser war.
Mich interessierte bei der Frage nur, wie es in Deutschland
aussah. Dass das Militär damals einen ganz anderen
gesellschaftlichen Rang hatte als heute ist aber wohl
unstrittig.

Ja, in der Tat. Das bedeuet aber nicht, dass der Alltag wie auf dem Kasernenhof ablief. In diesem Zusammenhang erinnere ich auch daran, dass es seit Moltke gute preußisch-deutsche Militärtradition war (geht gegenwärtig dem Ende entgegen), per Auftragstatktik zu führen, während die westlichen Demokratien merkwürdigerweise eher mit Befehlstaktik führ(t)en.

Wahr ist aber auch, das der Wilheminimus eine zunehmende Verengung auf das Militärische in Verkennung der „alt-preußischen“ Tradition brachte. Oder anders gesagt: der „Soldatenkönig“ hatte Soldaten, um sie eben nicht einzusetzen, Wilhelm II. mache den Eindruck, dass er eben dazu sehr wohl bereit war.

Wofür war es zu spät? Wann mündete der Prozess in eine
parlamentarische Demokratie? Schon vor Weimar?

Ja, im Oktober 1918 wurde die Verfassung Deutschlands der Wirklichkeit angepasst, d.h. der Reichskanzler war nicht mehr dem Kaiser, sondern dem Parlament verantwortlich.

Wenn dem so
war: Warum wollten dann so viele Leute ihren Kaiser Wilhelm
wieder haben, obwohl sie die selbe Staatsform wie vor 1918
hatten; halt nur ohne Kaiser?

Das waren ja nicht unbedingt dieselben. Der Grieche spricht vom Kairos, dem rechten Moment. Im November 1918 war der Zeitpunkt für die Revolution da; ein Jahr später wäre sie womöglich nicht mehr gelungen. Im übrigen ging es den restaurativen Elementen ja gerade darum, dass der Monarch weg war. Sie fühlten sich ihm persönlich verpflichtet.

Ich denke schon, dass das
Parlament zur Kaiserzeit und in Weimar eine ganz
unterschiedliche Stellung hatte.

Der Unterschied des Reichstags von 1912 zu dem von 1878 ist größer als zu dem von 1930. Das Kaiserreich ist ja kein statischer Block, der sich nicht weiterentwickelt. Spätestens mit Kriegsbeginn kam die Reichsleitung nicht mehr um die Parlamentsmehrheit (die spätere „Weimarer Koalition“) herum.

Ein Fundamentalfehler von „Weimar“ ist ja gerade, dass die Reichstagsabgeordneten ihre gewohnte Frontstellung gegen die Regierung aus der Monarchie nicht überwunden haben. Sie hatten den gedanklichen Sprung zu einer parlamentarischen Regierung noch nicht geschafft.

Was heißt das konkret? Was durfte man über den Kaiser und
seine Politik bzw. die Politik der Reichsregierung sagen und
was nicht? Wurde Majestätsbeleidigung von den drei Kaisern
jeweils anders interpretiert? Wieviele Jahre musste jemand
abbrummen, der wegen Majestätsbeleidigung verurteilt worden
war? Geschah dies im Gefängnis oder im Zuchthaus?

Weiß ich im Moment nicht; würde ich zu den Juristen weiterleiten.

Er sagte immer das, was die jeweiligen Zuhörer hören
wollten. Du findest vom ihm jedes beliebige Zitat für und
gegen etwas.

Das führt zu der Frage, warum ein Monarch, der nicht gewählt
zu werden braucht, sich so verhält.

Das führt zu der Frage, warum es überhaupt Monarchisten gibt :wink:

Mit welchen Schwierigkeiten hatten die nationalen Minderheiten
in Deutschland konkret zu kämpfen? Welche gab es außer den
Polen?

Bayern (kleiner Scherz), Dänen, Sorben, Kaschuben, Elsässer. Letzere hatten als Eroberte besonders zu leiden, siehe Zabern-Affäre 1913, „Autonomie“ erst 1911 („Reichsland E-L“).

Als Resümee würde ich sagen, dass für die große Mehrheit der Deutschen das Kaiserreich die bis dahin beste Zeit gebracht hat, dass es es aber nicht vermochte über den Weg der Reformen diese positive Entwicklung weiterzuführen.

Andreas

Hallo Andreas!

Ich hatte nicht gedacht, dass sich jetzt noch einmal jemand gemeldet hätte. Bin deshalb spät dran. Danke!

Ja, in der Tat. Das bedeuet aber nicht, dass der Alltag wie
auf dem Kasernenhof ablief. In diesem Zusammenhang erinnere
ich auch daran, dass es seit Moltke gute preußisch-deutsche
Militärtradition war (geht gegenwärtig dem Ende entgegen), per
Auftragstatktik zu führen, während die westlichen Demokratien
merkwürdigerweise eher mit Befehlstaktik führ(t)en.

Den Unterschied zwischen Auftragstaktik und Befehlstaktik kenne ich nicht. Könntest Du den bitte einmal erklären? Ich war nicht bei der Bundeswehr.

Wahr ist aber auch, das der Wilheminimus eine zunehmende
Verengung auf das Militärische in Verkennung der
„alt-preußischen“ Tradition brachte. Oder anders gesagt: der
„Soldatenkönig“ hatte Soldaten, um sie eben nicht einzusetzen,
Wilhelm II. mache den Eindruck, dass er eben dazu sehr wohl
bereit war.

Was dem "Soldatenkönig seine langen Kerls waren, waren Wilhelm II. seine Schiffe. Oder ist das ein wenig verdreht?

Wofür war es zu spät? Wann mündete der Prozess in eine
parlamentarische Demokratie? Schon vor Weimar?

Ja, im Oktober 1918 wurde die Verfassung Deutschlands der
Wirklichkeit angepasst, d.h. der Reichskanzler war nicht mehr
dem Kaiser, sondern dem Parlament verantwortlich.

Wer war denn im allgemeinen Chaos der bevorstehenden Niederlage im I. Weltkrieg noch in der lage, die Verfassung zu ändern und auf wessen Initiative geschah dies?

Wenn dem so
war: Warum wollten dann so viele Leute ihren Kaiser Wilhelm
wieder haben, obwohl sie die selbe Staatsform wie vor 1918
hatten; halt nur ohne Kaiser?

Im übrigen ging es den
restaurativen Elementen ja gerade darum, dass der Monarch weg
war. Sie fühlten sich ihm persönlich verpflichtet.

Das verstehe ich nicht so ganz. Oder ist „sich verpflichtet“ nicht im Sinne von „treu ergeben“ sondern vielmehr im Sinne von „unterdrückt“ zu verstehen?

Der Unterschied des Reichstags von 1912 zu dem von 1878 ist
größer als zu dem von 1930. Das Kaiserreich ist ja kein
statischer Block, der sich nicht weiterentwickelt.

Welche Rolle spielten denn die drei Kaiser bei dieser Entwicklung? Der sog.99-Tage-Kaiser gilt ja allgemein als der liberalste von den dreien. Aber der hatte wohl in seiner - zudem noch von schwerer Krankheit gekennzeichneten - Amtszeit wohl kaum die Möglichkeit, diese Entwicklung weit voran zu treiben.

Ein Fundamentalfehler von „Weimar“ ist ja gerade, dass die
Reichstagsabgeordneten ihre gewohnte Frontstellung gegen die
Regierung aus der Monarchie nicht überwunden haben. Sie hatten
den gedanklichen Sprung zu einer parlamentarischen Regierung
noch nicht geschafft.

Ein interessanter Aspekt!

Er sagte immer das, was die jeweiligen Zuhörer hören
wollten. Du findest vom ihm jedes beliebige Zitat für und
gegen etwas.

Das führt zu der Frage, warum ein Monarch, der nicht gewählt
zu werden braucht, sich so verhält.

Das führt zu der Frage, warum es überhaupt Monarchisten gibt
:wink:
Also meinst Du, dass Monarchisten sind, die nur bequeme Wahrheiten hören wollen? Ich persönlich denke, dass die meisten Monarchisten zumindest weitgehend unpolitisch sind.

Als Resümee würde ich sagen, dass für die große Mehrheit der
Deutschen das Kaiserreich die bis dahin beste Zeit gebracht
hat, dass es es aber nicht vermochte über den Weg der Reformen
diese positive Entwicklung weiterzuführen.

Andreas