Denken ?

Hallo
Was denkt ihr von meiner folgenden Denke?
In den letzten Jahren hat es sich - hauptsächlich bei Politikern - eingebürgert, dass sie oft von denken reden/schreiben, wenn sie dazu gar nichts denken, sondern einfach ihre Meinung breitschlagen.
Da sollte man doch eher sagen „ich glaube“ „ich meine“ „ich bin überzeugt, dass“.
Ich habe den Verdacht, dass diese (Un)-Sitte aus dem englischen kommt. Dort sagt man ohne weiteres z.B. „I think you are right“ und das heisst schlicht, ich glaube, du hast recht.
Wie ist das in eurem sprachgefühl? Liege ich quer?
Es grüsst als gläubiger Denker
Erich

PS Eine andere modische Floskel stört mich auch: „Ich gehe davon aus …“, so wird oft ein Satz begonnen, ohne dass dieser Ausgang je an seinem ungenannten Ziel ankommt.

Hallo,

ich kann nachvollziehen, was Du da ansprechen willst. Aber nach meiner Kenntnis ist trotzdem der Satz

„Ich denke, daß in vielfacher Hinsicht der Stacheldraht, der damals zur Zeit des Eisernen Vorhangs existierte, viele Familien auseinandergerissen hat.“

in sprachlicher Hinsicht völlig in Ordnung.

Allerdings Dein PS stimmt so nicht ganz, denke ich. Mit dem „Ich gehe davon aus“ meint man, daß man in den danach folgenden Ausführungen vielleicht oder in den Schlußfolgerungen, die man gerne „spinnen“ beziehungsweise herleiten will eben von der Voraussetzung ausgeht, die so, wie der Sprechende es ausspricht, sind.

Grüße, Michael Z.

Ich denke, dass ich denke – also bin ich
Hallo

„Ich denke, daß in vielfacher Hinsicht der Stacheldraht, der
damals zur Zeit des Eisernen Vorhangs existierte, viele
Familien auseinandergerissen hat.“

in sprachlicher Hinsicht völlig in Ordnung.

Eben nicht. Gerade hier wird ‚denken‘ mit ‚glauben‘ und dessen Synonymen verwechselt:

Ich vermute, nehme an, schätze, bin der Meinung, meine, bilde mir ein, vertrete die Meinung, gehe davon
aus, dass …

Moin, Erich,

bevor Amerika-Korrespondenten, die weder Deutsch noch Englisch können, das „ich denke“ eingeschleppt haben, war „ich denke mir“ im Sinne von „ich stelle mir vor“ durchaus gebräuchlich.

Da sollte man doch eher sagen „ich glaube“ „ich meine“ „ich
bin überzeugt, dass“.

Schtümmt.

Wie ist das in eurem sprachgefühl?

Auf Gefühle ist wenig Verlass.

Liege ich quer?

Nö.

PS Eine andere modische Floskel stört mich auch: „Ich gehe
davon aus …“, so wird oft ein Satz begonnen, ohne dass
dieser Ausgang je an seinem ungenannten Ziel ankommt.

Feigheit, steh mir bei - der Sprecher möchte seiner Vermutung den Anstrich von Gewissheit geben. Als das Wünschen noch geholfen hat, gab es nur eine Situation, in der diese Redewendung fiel: Wenn der Chef ein eigentlich nicht erreichbares Ziel steckte, drohte er so Konsequenzen an. Also im Klartext: „Wenn das bis morgen nicht erledigt ist…“

Gruß Ralf

bevor Amerika-Korrespondenten, die weder Deutsch noch Englisch können, das „ich denke“ eingeschleppt haben

Dein Posting zeigt gut – aber auch schlecht, weil faktenfreies Gejapse nervt –, was für ein irreführendes Gebräu aus ein paar Eindrucksbröckchen auf der Basis nostalgischen Kulturpessimismus mit einer Prise latentem Antiamerikanismus entsteht.

Die Aussage, dass die Bedeutung ›glauben, ahnen‹ des Verbs ›denken‹ ein neumodisches Phänomen sei, ist falsch; sie lässt sich leicht widerlegen. Die Wendung ›nichts Böses denken‹, wobei ›denken‹ zweifellos ›annehmen, vermuten‹ meint, ist älter als wir alle; man lese die Brüder Grimm. Auch bei Kafka – schädlichem Einfluss aus dem angloamerikanischen Raum recht unverdächtig, wie mir deucht – heißt es mit der Bedeutung ›ich glaube‹: »Ich denke schon, daß mir Ihre Hilfe noch nötig sein wird« (aus: ›Der Verschollene‹). Formulierungen wie ›Wer hätte das gedacht!‹ lassen sich im vorvorletzten Jahrhundert bei Autoren finden, denen nicht der schlechteste Stil nachgesagt wird. In Fontanes ›Frau Jenny Treibel‹ lese ich: »Aber ich denke, sie wird sich noch wieder zurückfinden« – gesprochen vom Professor Schmidt, der keineswegs der Dorfdepp des Buches ist.

Das Gleiche gilt für die Bedeutung ›eine Meinung, Ansicht haben‹, die ›denken‹ ebenfalls transportieren kann. In Schleiermachers Übersetzung von Platons ›Politeía‹, frühes 19. Jahrhundert, kann man lesen: »Was, denkst du, würden sie antworten?« Hier ist meines Erachtens keine andere Sinnrichtung als ›Was, meinst du, …‹ vorgesehen. Rosa Luxemburgs »Freiheit der Andersdenkenden« ist ganz sicher nicht als die Freiheit derer gemeint, die im stillen Kämmerlein von der Fähigkeit des Überlegens und Erkennens Gebrauch machen, sondern derer, die eine abweichende Ansicht haben und diese auch äußern.

Ich habe nichts gegen Stilkritik oder Überlegungen, ob diese oder jene Formulierung angemessen ist. Das Argument, etwas müsse ja »in den letzten Jahren« von diesen verfluchten gottlosen Zeitungsschreibern gekommen sein, verfängt allerdings nur, wenn man die eigenen Vermutungen wenigstens auf die nächstliegenden Widersprüche geprüft hat. Denke ich.

Gruß
Christopher

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Moin, Christoper,

stänkern mit Stil - Chapeau!

Was hält Dich eigentlich ab, Deine erschöpfenden literarischen Kenntnisse dem zu bieten, der die Ausgangsfrage gestellt hat? Wenn’s blöd geht, guckt der Erich sich Deine Antwort auf meine Antwort niemals an.

Gruß Ralf

ps: Wer oder was ist dieser Koch aus der Überschrift?

PS Eine andere modische Floskel stört mich auch: „Ich gehe
davon aus …“, so wird oft ein Satz begonnen, ohne dass
dieser Ausgang je an seinem ungenannten Ziel ankommt.

Servus Erich,

was hältst Du von der inflationären Verwendung des Begriffes ‚nachhaltig‘, wenn damit etwas wie ‚später‘ oder ‚andauernd‘ gemeint ist. Beispiel: „Die Pressekonferenz des Fürsten von Liechtenstein hat in der deutschen Justiz zu nachhaltiger Verärgerung geführt“
Ach, da gäbe es noch allerhand . . .

Kai

In den letzten Jahren hat es sich - hauptsächlich bei
Politikern - eingebürgert, dass sie oft von
denken reden/schreiben

das ist eine behauptung, die schon der zwiebelfisch aufgestellt hat. selbst wenn sie stimmen würde (siehe christophers entgegnung) - ja und? wen störts?

Da sollte man doch eher sagen „ich glaube“ „ich meine“ „ich
bin überzeugt, dass“.

sollte man? ich glaube nicht (ist glaube nicht etwas unreflektiertes?), sondern denke (dazu ist eine eigene denkleistung vonnöten), daß es insofern in ordnung ist, da es eine intuitive und logische, grammatikalisch richtige konstruktion ist und von jedem verstanden wird. nur weil es angeblich früher nicht verwendet worden ist (was wie gesagt gar nicht stimmt), ist es noch nichts schlimmes.

Ich habe den Verdacht, dass diese (Un)-Sitte aus dem
englischen kommt.

es ist ein leichtes, den lieblingsfeind zu verdächtigen. manche glauben, andere denken.

ps: und ja, meine feststelltaste ist kaputt.

Hi Christopher
Warum das Getöse? Der sachliche Teil deiner Antwort bezieht sich ja genau auf meine Frage. Ich muss davon ausgehen und denken, dass es dir leider mehr darum gegangen ist, dem Drambeldier eins auszuwischen.
Ich werde weiterhin Fragen stellen und hoffe, dann deine guten Erklärungen direkt geniessen zu dürfen ohne polemische Verpackung!
Danke
Erich

Tag Hallo-

Eben nicht. Gerade hier wird ‚denken‘ mit ‚glauben‘ und dessen
Synonymen verwechselt:

Na, aber hilft diese Auseinander-Division wirklich weiter? Bzw. diese Herangehensweise, die sich an den Unterschied in den Bedeutungen, den Du hervorheben möchtest, anknüpft?

Denn schließlich beinhaltet „glauben“ auch „denken“-In aller Regel.

Und umgekehrt meist auch.

Deine Überschrift belegt das in gewisser Weise, außer, wenn sie als Negativbeispiel dienen soll; Denn man kann (sachlich gesehen) auch konstatieren: „Ich glaube, daß ich denke.“

Grüße,

Michael Z.

Ich denke, hier geht’s nicht persönlich gegen Drambeldier, sondern eher gegen den – mich auch schon sehr nervenden – Irrglauben, alles, was man im Deutschen irgendwie anders ausdrücken könnte oder was irgendwie zurzeit häufig gebraucht wird und zufällig im Englischen ebenso gebildet wird, wäre von dummen oder der deutschen Zunge nicht mächtigen Anglophilen, Synchronübersetzern oder ähnlichem Translatologengesindel eingeschleppt worden.

Das finde ich auch immer sehr lächerlich, vor allem, wenn viele Leute davon auszugehen scheinen, ein Wort habe im Deutschen nur genau eine Bedeutung — wie sich leicht feststellen lässt, heißt „denken“ eben manchmal auch „glauben“. Ähnliches hört man ab und zu auch von „schwer“, das angeblich falsch ist und „schwierig“ heißen müsse (so als ob „schwer“ sich nur auf Masse bezöge), die Behauptung „Sinn machen“ mache keinen Sinn (was natürlich Quatsch ist, auch wenn sie vll. aus dem Englischen lehnübersetzt sein mag), was haben wir noch… „Oh Gott!“ war auch mal im Gespräch. Und, besonders schlimm auch, „nicht wirklich“, ein sehr sehr schlimmer Amerikanismus, meinen manche. Nur stimmige Gründe, warum das schlechtes Deutsch oder gar falsch sein soll, hab ich noch keine gelesen.

Ich kann Christoph da also vollkommen zustimmen. Und falls es doch gegen Drambeldier gegangen sein sollte, dann wusste ich davon zumindest nichts und könnt’s auch nicht nachvollziehen. :wink:

Grüße,

  • André

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Servus Erich,

was hältst Du von der inflationären Verwendung des Begriffes
‚nachhaltig‘, wenn damit etwas wie ‚später‘ oder ‚andauernd‘
gemeint ist. Beispiel: „Die Pressekonferenz des Fürsten von
Liechtenstein hat in der deutschen Justiz zu nachhaltiger
Verärgerung geführt“
Ach, da gäbe es noch allerhand . . .

Kai

Wohl war, aber solche Floskeln sind einem ja nur zuwider, weil sie so oft verwendet werden, dass ihre Konnotation langsam wieder gegen 0 geht. Sowas passiert aber ständig. Falsch oder schlechtes Deutsch sind sie deswegen noch lange nicht. „Später“ und „andauernd“ sind eben auch keine wirklichen Synonyme dafür.

Gruß,

  • André

Moin, André,

nachhaltig ist ein Begriff aus der Forstwirtschaft und bezeichnet eine Bestandspflege, bei der nicht mehr Holz entnommen wird, als nachwächst.

Der Mensch strebt nach Höherem, auch der schreibende, und so versucht er, Wiederholungen zu vermeiden. Da kommen dann solch unverstandene - und erstmal einigermaßen unbekannte - Begriffe durchaus gelegen.

Gruß Ralf

Hallo Ralf,
Mag sein, mag sein. Aber heute heißt dieses Wort eben noch etwas anderes. Bedeutungsverschiebungen gibt’s eben häufig. Und solange sich der Schreiber der Bedeutung des Begriffes bewusst ist – und damit meine ich die „moderne“, da sie häufiger gebraucht, gekannt und verstanden wird also die forstwirtschaftliche Grundbedeutung – und in (s)einem Text dieses Wort nicht dauernd wiederholt, sehe ich da nicht unbedingt Gründe, den Schreiber zu kritisieren.

Ich habe noch nicht erlebt, dass sich jemand über Floskeln wie „sehr geehrte Damen und Herren“ oder „ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und ihr zahlreiches Erscheinen“ beschwert hat — die höre ich zumindest viel häufiger als „nachhaltig“ (und sie stören mich ebensowenig).

Grüße,

  • André

P.S.:
Ich denke, das Problem liegt manchmal daran, dass man es vielen selbsternannten Spracherhaltern und Zwiebelfischisten einfach nicht recht machen kann. Benutzen Werbeleute oder Politiker oder Journalisten bekannte Wörter, wird sich über die Häufung von Floskeln, mangelnde Kreativität und angeblich schlechtes Vokabular oder Sprachgefühl (was auch immer das sein mag) aufgeregt; erschafft der Schreiber aber mal einen Neologismus, wird wieder krakelt, es sei unsinnig und trage zur Verrohung der Sprache bei… was auch immer das wieder heißen mag.

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

Moin, André,

ich vermute, dass derjenige, der erstmals „nachhaltig“ anstelle von „dauerhaft“ benutzt hat, sich niemals Gedanken über die ursprüngliche Bedeutung gemacht hat (der, der es nachplappert, schon gar nicht), wahrscheinlich hat er einfach ein Wort „erwischt“.

Wenn ich mich Deiner Ansicht über die Aneignung von Begriffen anschließen wollte, könnten wir jegliche Diskussion über den Gebrauch von Wörtern einstellen.

Gruß Ralf

Hallo, Ralf,

ich vermute, dass derjenige, der erstmals „nachhaltig“
anstelle von „dauerhaft“ benutzt hat, sich niemals Gedanken
über die ursprüngliche Bedeutung gemacht hat (der, der es
nachplappert, schon gar nicht), wahrscheinlich hat er einfach
ein Wort „erwischt“.

das ist dann wohl auch schon Goethe u.a. passiert:

NACHHALTIG, _adj. und adv. auf längere zeit anhaltend und wirkend _:
nachhaltiger ertrag des bodens wird nur erzielt, wenn der boden in gutem stand erhalten wird. WEBER öcon. lex.;
eine nachhaltige wirkung des bades u. s. w.; wenn sie (anlage) wirklich urkräftig und nachhaltig ist. GÖTHE …;
er schien nunmehr zum erstenmal zu merken, dasz er äuszerer hülfsmittel bedürfe, um nachhaltig zu wirken. …; ob nachhaltig etwas besseres … zu verspüren sei. GOTTHELF …
http://germazope.uni-trier.de/Projects/WBB/woerterbu…

Gruß
Kreszenz

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Servus, Kreszenz,

wahrscheinlich hat er einfach ein Wort „erwischt“.

das ist dann wohl auch schon Goethe u.a. passiert:

selbst wenn, das täte seiner Größe keinen Abbruch. Abgesehen davon - wir wissen nicht, was er wusste und schon gar nicht, was er nicht wusste.

Gruß Ralf

ps: Soll ich noch eins mit „ein Stück weit“ lostreten? :smile:))

Hallo, Ralf,

ps: Soll ich noch eins mit „ein Stück weit“ lostreten? :smile:))

das bedürfte zunächst einmal einer seriösen Analyse, würde aber am Ende des Tages nur Sinn machen, wenn sich daraus eine lösungsorientierte und zukunftsgerichtete Diskussion ergäbe :wink:)

Gruß
Kreszenz

PS Bei Goethe werd ich jedenfalls nicht danach suchen …