bevor Amerika-Korrespondenten, die weder Deutsch noch Englisch können, das „ich denke“ eingeschleppt haben
Dein Posting zeigt gut – aber auch schlecht, weil faktenfreies Gejapse nervt –, was für ein irreführendes Gebräu aus ein paar Eindrucksbröckchen auf der Basis nostalgischen Kulturpessimismus mit einer Prise latentem Antiamerikanismus entsteht.
Die Aussage, dass die Bedeutung ›glauben, ahnen‹ des Verbs ›denken‹ ein neumodisches Phänomen sei, ist falsch; sie lässt sich leicht widerlegen. Die Wendung ›nichts Böses denken‹, wobei ›denken‹ zweifellos ›annehmen, vermuten‹ meint, ist älter als wir alle; man lese die Brüder Grimm. Auch bei Kafka – schädlichem Einfluss aus dem angloamerikanischen Raum recht unverdächtig, wie mir deucht – heißt es mit der Bedeutung ›ich glaube‹: »Ich denke schon, daß mir Ihre Hilfe noch nötig sein wird« (aus: ›Der Verschollene‹). Formulierungen wie ›Wer hätte das gedacht!‹ lassen sich im vorvorletzten Jahrhundert bei Autoren finden, denen nicht der schlechteste Stil nachgesagt wird. In Fontanes ›Frau Jenny Treibel‹ lese ich: »Aber ich denke, sie wird sich noch wieder zurückfinden« – gesprochen vom Professor Schmidt, der keineswegs der Dorfdepp des Buches ist.
Das Gleiche gilt für die Bedeutung ›eine Meinung, Ansicht haben‹, die ›denken‹ ebenfalls transportieren kann. In Schleiermachers Übersetzung von Platons ›Politeía‹, frühes 19. Jahrhundert, kann man lesen: »Was, denkst du, würden sie antworten?« Hier ist meines Erachtens keine andere Sinnrichtung als ›Was, meinst du, …‹ vorgesehen. Rosa Luxemburgs »Freiheit der Andersdenkenden« ist ganz sicher nicht als die Freiheit derer gemeint, die im stillen Kämmerlein von der Fähigkeit des Überlegens und Erkennens Gebrauch machen, sondern derer, die eine abweichende Ansicht haben und diese auch äußern.
Ich habe nichts gegen Stilkritik oder Überlegungen, ob diese oder jene Formulierung angemessen ist. Das Argument, etwas müsse ja »in den letzten Jahren« von diesen verfluchten gottlosen Zeitungsschreibern gekommen sein, verfängt allerdings nur, wenn man die eigenen Vermutungen wenigstens auf die nächstliegenden Widersprüche geprüft hat. Denke ich.
Gruß
Christopher