Hallo Martin,
wir verbinden Ereignisse der Vergangenheit normalerweise durch
einen kausalen Zusammenhang. Meine Frage zielte darauf ab, ob
es eine Theorie gibt, die sagt: wir wissen gar nicht genau,
warum es so und nicht anders gekommen ist
(Richtung:Skeptizismus oder Chaostheorie oder …)
Es ist in der Philosophie und der Wissenschaft eher die Regel als die Ausnahme, den Kausalitätsbegriff und Kausalschlüsse kritisch zu betrachten. So meinten einige Vertreter des logischen Empirismus, daß der Kausalitätsbegriff metaphysisch sei und nicht in die Wissenschaft gehöre. Mach und Russell sprachen sich z.B. dafür aus, daß man ihn durch den Begriff der „funktionalen Abhängigkeit“ ersetzen solle.
An zwei Beispielen will ich den Umgang mit Kausalschlüssen verdeutlichen. Das erste Beispiel betrifft den Kausalschluß, wie Menschen ihn im Alltag vornehmen, das zweite Beispiel betrifft die Bedingungen, unter denen in der Wissenschaft auf Kausalität zwischen zwei Ereignissen geschlossen wird.
Im Alltag schließen Menschen auf einen kausalen Zusammenhang zwischen Ereignissen, wenn zwischen diesen Ereignissen bestimmte raumzeitliche Zusammenhänge bestehen. Wie Menschen das machen, wird in der Psychologie seit langem wissenschaftlich untersucht (nennt sich Attributionsforschung). Dabei hat man herausgefunden, daß, wenn Menschen auf Kausalität schließen, sie bestimmte Faustregeln (Heuristiken) verwenden. Natürlich sind diese Regeln nicht perfekt, d.h. Menschen machen bei ihren Kausalitätsschlüssen Fehler (z.B. den „fundamentalen Attributionsfehler“).
Ein Bereich, in dem Menschen diese Fehler vermeiden und relativ sichere Entscheidungen über kausale Zusammenhänge treffen wollen, ist die Wissenschaft. Deshalb werden Bedingungen untersucht, unter denen kausale Schlußfolgerungen möglich sind. Die Evaluationsforschung untersucht z.B., unter welchen Bedingungen welche Aussagen über Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge berechtigt sind. Es ist üblich anzunehmen, daß echte Experimente den höchsten Informationsgehalt im Hinblick auf die Möglichkeit kausaler Schlußfolgerungen aufweisen. Denn auf Kausalität wird gewöhnlich geschlossen, wenn
- ein Ereignis U und ein anderes Ereignis V aufgetreten sind und
- das Ereignis U dem Ereignis V zeitlich vorausgegangen ist und
- das Ereignis U mit dem Ereignis V korreliert ist und
- bei Konstanz (ceteris paribus-Bedingungen) aller anderen Situationsmerkmale das Ereignis V nur auftritt, wenn das Ereignis U aufgetreten ist, und das Ereignis V nicht auftritt, wenn das Ereignis U nicht aufgetreten ist.
Die Situation des echten Experimentes ermöglicht die Feststellung, ob alle genannten 4 Bedingungen erfüllt sind. Auf dieser Grundlage kann mit einiger Berechtigung überprüft werden, ob Ereignis U die Ursache von Ereignis V ist.
Gruß,
Oliver Walter