Hallo allerseits,
zunächst mal hoffe ich, dass ich hier im richtigen Forum bin, da es um Liebe geht und ich keine besseres Topic finden konnte.
Ich schreibe das hier in der Hoffnung, dass Menschen, die ein wenig älter und reifer sind als ich mir helfen herauszufinden, ob meine psychische Lage die mehr oder weniger typische eines 20jährigen ist oder ob ich in eine Depression hinein gerutscht bin. Ich werde versuchen, mich kurz zu fassen, trotzdem wird es wohl ein Schinken werden, deshalb an dieser Stelle schon mal Dank an alle, die sich das hier durchlesen:
Ich stecke momentan in einer emotionalen Leere, die wie mein Mitbewohner meint mittlerweile Züge einer Depression angenommen hat. Ich war bisher in meinem Leben drei Mal verliebt und landete alle drei Male (wenn auch in einem Fall nur vorläufig) auf der Freundesschiene – ansonsten habe ich zu der Zeit aus mangelndem Selbstbewusstsein fast gar nichts erlebt. Danach habe ich mich losgelöst von dem zwanghaften Suchen nach „Bonnie und Clyde“ und hatte einen recht entspannten Sommer mit jeder Menge Erfahrungen, wenngleich nur der Sorte „Bedeutungslos & Zugedröhnt“. Im Herbst allerdings ist die Begeisterung für den bisher unverhofften Erfolg allerdings zunehmend verflogen, weil mir die Bedeutungslosigkeit all dieser kleinen Abenteuer immer mehr auf den Magen schlug, obwohl es eigentlich immer krasser wurde, wie etwa bei Dreiern mit einem Kumpel und anderem. Oft wurde ich nach Partys morgens wach und fühlte mich ausgebrannt, gefangen in einem Hamsterrad der Nichtigkeiten, wenn ich sie denn überhaupt noch rekonstruieren konnte nach den Alkohol- und Drogenexzessen, die quasi wochenendlich stattfinden. Aber da die große Unbekannte nun mal wahrscheinlich nicht eines Tages an meine Türe klopft, habe ich mich immer wieder aufgerafft und ins Abenteuer gestürzt – es ist schon fast ein wenn auch enthusiastischer Zwang, jeden Abend wieder auf die Pirsch zu gehen und die Augen offen zu halten.
In den letzten Wochen allerdings hat diese Sehnsucht nach der Einen Richtigen Formen zwischen Absurdität und Mitleidswürdigkeit angenommen. So habe ich mich beinahe an der frisch gebackenen Ex meines besten Freundes und Mitbewohners vergriffen, obwohl der – wenn auch entgegen seiner Behauptungen – nur oberflächlich den Anschein machte, als ob er mit der Trennung, die er selbst veranlasst hat, im Reinen sei. Sie hatte sich daraufhin stark auf mich konzentriert, woraufhin ich so elektrisiert von jenen Zuwendungen und Zärtlichkeiten war, dass ich den absoluten GAU zwischen zwei Freunden nur sehr schwer vermeiden konnte. Des Weiteren habe ich Wochen gebraucht, um mir klar zu machen, dass eine Siebzehnjährige, die auf mich flog, bei allem Beziehungswunsch nicht mehr als Sympathie in mir weckte und brach ihr dabei das Herz mindestens zwei oder drei Mal. Den Höhepunkt hat das ganze seit letztem Samstag erreicht, als mich eine gute Freundin und derzeitige Single-Genießerin „im letzten Moment“ abblitzen ließ, ein Verhalten, das momentan eigentlich gar nicht zu ihr passt. Ich wusste die Tage darauf nicht, was mich mehr ankotzt: Das Minderwertigkeitsgefühl, weil sie mich in letzter Sekunde zurückgewiesen hatte oder der Ärger darüber, dass ich so eine eigentlich bedeutungslose Abfuhr nicht wegstecken kann, aller Bestätigungen des Sommers zum Trotz.
Dem folgen ein paar kleinere hässliche Züge an mir, die ich auch nur schwer beherrschen kann, wie etwa Beziehungsneid und –feindlichkeit Freunden gegenüber oder Arroganz gegenüber allem, das mich zurückweist.
Ich war schon immer ein Mensch, der die Dinge nicht einfach laufen lassen konnte, schon immer habe ich mich gequält, indem ich über alles, was in und um mich passiert mehr nachgedacht habe als jeder andere und dadurch oft verkrampft bin. Das führte dazu, dass ich ein sporadisches, aber recht enges Verhältnis zu Marihuana entwickelte, das zwar meinen Alltag nicht beeinträchtigte, aber zu einer ständigen Sehnsucht nach dem Feierabendjoint wurde, der mich aus der Qual des Nachdenkens erlöste und auf eine rosa Wolke hievte.
Mein Stimmungsbild sieht so aus, dass ich in einem ständigen, kräftezehrenden Wechselbad zwischen Euphorie und Tatendrang und auf der anderen Seite Mutlosigkeit und maternder Sehnsucht stecke. Mindestens einmal pro Woche schlägt die Stimmung anlasslos plötzlich um und ich falle für den Rest des Tages in ein Loch aus Bitter- und Hoffnungslosigkeit. Tags drauf bin ich dann oft wieder gut gelaunt und genieße mein rastloses, aber abenteuerliches Leben wieder. Gegen die temporäre Niedergeschlagenheit kämpfe ich dann meist an, indem ich – sofern ich nicht vollkommen lethargisch bin – trainiere, lese, aufräume, einfach alles tue, das mir das Gefühl gibt, mich zu pflegen und so auf den Tag vorzubereiten, an dem es drauf ankommt und das Sehnen ein Ende finden kann. Und dass der kommt, davon bin ich eigentlich fest überzeugt, da habe ich wenig Angst. Angst macht mir die Befürchtung, dass meine Kräfte aufgebraucht sein könnten, bevor dieser Tag erreicht ist. Und die vernichtende Vorstellung, dass die erwartete Erlösung an jenem Tag nicht eintritt und ich bei allem Liebesglück weiterhin irgendwie unersättlich und umtriebig bleibe.
Gestern Abend jedenfalls, um zum Ende zu kommen, hat mir mein Mitbewohner ins Gewissen geredet, psychologische Hilfe zu konsultieren, bevor der Aus-Schalter Gras zur emotionalen Überlebensbedingung für mich wird. Ich selbst habe darüber schon oft nachgedacht, wenn ich down war, aber sobald ich dann stimmungsmäßig wieder nach oben gezogen wurde, war der Vorsatz auch schon wieder dahin, weil aus Traurig- und Kraftlosigkeit wieder trotzige, herausfordernde Freude am steinigen, aber abenteuerlichen Weg zum großen Ziel wurde, der einen Menschen stählt und prägt. Dazu kommt noch, dass ich eine Haltung zur psychologischen Hilfe habe, die ich bei anderen stets als dumpfes Männlichkeitsgefasel verurteilt habe:
- Natürlich bekommt man oft im Leben einen Wink von umstehenden Menschen, um sich weiterzuentwickeln – aber ich habe immer viel von mir verlangt und auch vieles erreicht und bin jetzt in der Denke, dass ich mein Leben nicht als mein Werk bezeichnen kann, nicht stolz sein kann auf mich und die Überwindung der harten Zeiten, aus denen ich siegreich hervor gegangen bin, wenn ich nachher eingestehen muss, dass mich jemand wie einen Käfer, der auf dem Rücken liegt wieder aufrichten musste, bevor er verdurstet wäre. (Wieder so ein Fall, wo ich nicht weiß, ob mich der Gedanke an sich oder die Tatsache, dass ich so denke mehr anwidert)
2)Ich habe trotz Phasen großer sozialer Schwierigkeiten immer tolle Freunde und Eltern, aber auch Lehrer und andere Förderer gehabt, die mir viel Liebe angedeihen ließen. Außerdem kann ich von mir behaupten, dass ich mir einer ganzen Reihe von Menschen sehr gut über meine Gefühle reden und auch weinen kann, wenn die Seele einen Hausputz braucht. Und da muss ich mich fragen: Wie konnte ich trotzdem emotional so dünnfellig werden, zumal ich bei Weitem nicht der einzige Langzeitsingle in meinem Umfeld bin, aber durchaus einer derjenigen, die darunter zumindest ab und zu am Meisten leiden? Und das leitet mich dann zu der Frage: Wenn ich jetzt trotz all dieser Rückendeckung, auf die viele Menschen in dieser Ausprägung verzichten müssen, emotional tatsächlich dermaßen abgewirtschaftet habe, wie oft werde ich dann wohl zum Seelenklempner müssen, um überhaupt lebensfähig zu bleiben? Oder sollte ich mich nicht gleich als fehlerhafte Laune der Natur selbst einstampfen?
Bevor die Frage kommt: Ich denke eigentlich auch in solchen Momenten wie gestern Abend nicht an Suizid. Manchmal finde ich die Vorstellung, dass dieser Wirbelsturm zwischen aufgestauten Gefühlen und einem unruhigen Geist zum Stehen kommt sehr verlockend, aber ich würd es erstens meinem Umfeld niemals antun, sich dieses Schuldgefühl aufzubürden und vor allem zweitens mir selbst niemals gestatten, einfach aufzugeben, bevor ich nicht habe was will, bin, was ich sein will.
Im Wesentlichen gibt’s nicht mehr dazu zu sagen. Ich weiß nicht, ob ich mich selbst jetzt treffend porträtiert habe und deshalb hilfreiche Antworten bekommen kann, aber ich würde mich auf jeden Fall freuen, wenn die ein oder andere Stimme, die vielleicht einen Teil dessen hier am eigenen Leib erfahren hat berichtet, ob mein Zustand bedrohlich ist oder nichts weiter als die Leiden eines Spätpubertären, die ihn zur Höchstleistung und zum Ehrgeiz mit sich und der Welt antreiben.
Vielen Dank für eure Antworten