Hallo Daggi!
hab mir lange überlegt, ob ich dir antworten soll…
wieso das?
ja hab ich. Als Angehöriger sowie als (später) selbst
Betroffene.
Hast Du als Betroffene Deine Depressionen jemals für Dich ausgenutzt?
Wenn man physisch krank ist, fällt einem der Gang zum Arzt
wesentlich leichter, denn da ist es eben wirklich für jeden
nachvollziehbar, dass eine Notwendigkeit besteht…
Ja, und warum tut man das nicht, wenn man selbst (z. B. damals
auch ich) merkt, dass man es allein nicht mehr schafft?
Die Hemmschwelle ich groß, u.a. wegen der unten genannten Vorurteile und der Angst, dass man auffliegt.
Ich hörte kürzlich von einem Fall, da hat das Arbeitsamt, dem potenziellen Arbeitgeber gesagt, dass sich die Bewerberin in therapeutischer Behandlung befindet… wie das ausging, kannst Du Dir sicher vorstellen. Ich suche derzeit ebenfalls nach einem Job, da kann ich mir allein den Verdacht auf eine psychische Schwäche einfach nicht erlauben.
Mein Freund steht Ärzten generell sehr negativ gegenüber, zumal er wiederholt sehr schlechte Erfahrungen gemacht hat. Habe getsren noch mal vorsichtig angeklopft mit dem thema, aber no chance. Ausserdem ist eines seiner größten Ziele „Unabhängigkeit“, würde er die erreichen, ginge es ihm schon wesentlich besser, aber die kann er eben ganz sicher nicht erreichen, wenn er sich in Behandlung begäbe.
Und ich weiß, dass ne Depri auch tödlich enden kann.
Ja, leider. Deswegen ist es ja oft so schwieirg, damit umzugehen.
Warum sich manche Leute so scher damit tun, einen Arzt
aufzusuchen… sicher ein eigenes Thema.
Weil die meisten durch andere zum Psychologen/-Therapeut
geschickt werden und nicht selbst merkten, dass sie krank sind
und Hilfe brauchen.
Ich meinte das eigentlich ganz allgemein.
Wenn die Leute geschickt werden, ist es normalerweise keine gute Voraussetzung.
Geschürt durch entsprechende Darstellung in den Medien.
wieder falsch…
Was ist daran falsch?
Leider, auch hast du wieder recht.
Aber das „viele“ stört mich dabei.
Als es mir mies ging haben das nur Ärzte und meine Freunde
gewußt.
Ich meinte damit ja auch nicht, dass es viele wissen sollten, aber je nachdem, wer davon Wind bekommt, wird es eben auch weiter getragen und das kann böse Folgen haben.
Einen Partner gabs bekanntlich nicht, und meine Kinder waren
ja zu klein, um zu ahnen, wie schlecht es mir ging.
Was ist mit Arbeitskollegen?
Muß das rumgetratscht werden?
Ärzte haben Scheigeplicht, ebenso Therapeuten.
Sowas kann schneller die Runde machen, als einem lieb ist. Konnte es leider nicht vermeiden, es einer Kollegin zu erzählen und zittere seither, dass sie es hoffentlich niemandem weiter sagt, versprochen hat sie’s, aber weiss halt nie.
Ich wollte auch niemand nerven, aber ich kenn andere Kranke,
die sehr wohl damit Aufmerksamkeit erregen wollen.
Ich habe inzwischen zu mehreren Kontakt, die unter Depressionen leiden… mein Freund, ein sehr guter Bekannter und Mail-Kontakte zu Leuten aus diversen Foren… keiner von denen macht mir den Eindruck, als würde er das für sich ausnutzen, im Gegenteil, alle haben Angst, andere damit zu belasten und hineinzuziehen.
Ja, das gibts, Krankheit als Mittel zum Zweck.
Und noch nicht mal so selten.
Z. B. in Kinderkliniken wollen teils die Ärzte nicht, dass
Kinder
während eines Aufenthalts mehr Aufmerksamkeit/Geschenke
bekommen als zu Hause. Und warum? Weil man bei manchen Kindern
feststellte, dass sie das so genießen und öfter haben wollten,
und dann teils Krankheiten zeigten, um wieder in die Klinik zu
kommen (auch wenn sie dies nicht bewußt taten!!!)
Sicher, insbesondere bei Kindern kann das schnell zu einem angelernten Verhalten werden, da gebe ich Dir völlig Recht.
Man sollte wachsam sein, ob die Krankheit solche Züge annimmt, aber eben auch nicht den Fehler machen, jedem Kranken zu unterstellen, dass er seine Krankheit missbraucht.
Insbesondere bei Depressionen ginge man damit auch ein viel zu großes Risiko ein, seine Bezugspersonen völlig abzuschrecken, statt von ihnen mehr Aufmerksamkeit und Zuwendung zu erhalten.
Seit ich selbst depressive Verstimmungen habe
(weiss nicht, ob es, wie der Arzt diagnostiziert hat, auch
schon eine richtige Depression ist), kenne ich diese
zwiespältigen Gefühle.
DAS war damals ein heftiger Schock für mich, als ich das auch
bei mir feststellte.
Ich habe anfangs auch nicht damit gerechnet, wie gesagt, ich hatte sogar den Eindruck, die Depressionen meines Freundes noch mittragen zu können… andererseits habe ich schon früher ähnliche Phasen gehabt, nicht ganz so schlimm wie jetzt, aber eine Neigung bestand wohl immer schon.
Eigentlich möchte ich nicht alleine
sein, kann aber auch niemanden in meiner Nähe ertragen, da ich
sehe, wie stark ich andere mit runter ziehe.
Ich merkte das nicht.
Man hat mir das erst gestanden, als ich wieder ok war…
Meine Freunde wollten mir nicht auch noch vor den Kopf stoßen,
bei all dem Mist, den ich damals durch machte.
Verständlich, dass sie so reagiert haben. Mir ist es aufgefallen, weil ich mich gerade noch mit meiner „Rolle als Angehörige“ auseinandergesetzt habe, als es bei mir auch losging. Ich hatte das Buch „Wenn der Mensch, den du liebst, depressiv ist“ gelesen und sah mich schließlich auch auf der anderen Seite und mir wurde klar, wie ich teilweise wirken werde. Hat quasi auch Vorteile, wenn man beide Seiten kennt.
Heute weiß ich, welch dickes Fell meine Freunde haben mußten.
Sicher, man mutet ihnen teilweise echt viel zu, aber in der regel eben wirklich nicht bewusst und schon gar nicht absichtlich. Wäre doch schlimm, wenn die Menschen einander fallen ließen, nur weil es einem aus der Gruppe zeitweise schlecht geht. Genau das zeichnet uns doch aus, dass wir sozial sind.
Wirkst nicht eben so, als würdest Du ihre Probleme ernst
nehmen, wenn Du hier von „Minizicken-Status“ und Pubertät
sprichst.
oh doch…
ich hab sie, teils gegen ihren Willen, zu Ärzten und
Therapeuten geschleppt, bis wir welche hatten, die sie mag und
denen sie vertraut.
Ich habs also sehr ernst genommen.
Benutzt Du den Begriff „Minizicken-Status“ dann zu einer Art Selbstberuhigung?
Demnach, was Du weiter unten schreibst, nicht nur gedanklich.
Nein, leider *vermiss-ihn-sehr*
Deswegen sollte man Depressionen wohl immer ernst nehmen bevor man jemandem unterstellt, er mache sich die Krankheit zu Nutze und koste seinen Status aus… Nur die allerwenigsten dürften daraus wirklich einen Nutzen ziehen.
Ich weiß heute, dass ich sofort was unternehm, wenn es mir
mies geht und es nicht unter Kontrolle bekomm.
Dann begeb ich mich zum Fachmann. Der arme muß sich erst mal
alles anhören, aber machen kann er im Moment auch nix, das
weiß ich. Aber meist fang ich mich dann schnell und dann
werden Nägel mit Köpfen gemacht. Ich seh den Therapeuten als
einen Freund, der leider die A.-Karte gezogen hat und da durch
muß.
Er hat sich die Rolle als Therapeut selbst ausgesucht.
Ja… geht mir dann genauso, wenns mich wieder umhaut.
Aber Freunde haben mir Sachen geschenkt, die ich in meiner
Wohnung verteilte, die mich immer wieder dran erinnern, wie
ich raus komm.
Klingt gut. Würd mich interessieren, wie das genau funktioniert!
Weiß ich doch…
Aber ich kann doch auch nur schreiben, wie ich es als
Betroffene und als Angehörige/Freund erlebt hab. Und was ich
dann bei andern mach bzw bei mir, wenn ich merk, dass es mir
mies geht.
Was machst Du denn bei anderen?
Greetings,
Marla