Sie hat eine Entscheidung getroffen
Hallo Oliver,
dies ist meine erste Erfahrung aus einer so geringen Distanz mit einem schwer depressiven Menschen. Ich mag diese alte Dame sehr und habe mich bemüht, soweit es mir möglich war für sie da zu sein. Ab und zu mußte aber auch Abstand sein. Dennoch bin ich, aus dieser sicher so ganz und gar nicht repräsentativen Menge an Erfahrung, doch mittlerweile zu der Überzeugung gekommen, daß man ab einem bestimmten Punkt, über den Wunsch des Patienten hinweg handeln muß. Der Meinung war ich und habe mich aus an dieser Stelle leider falsch angebrachtem „Respekt“ ihr gegenüber nicht durchgesetzt. Ihre Ärztin hatte von der Gesamtsituation keinen rechten Plan, Termine gab es in 4-6 Wochen-Abständen.
Gestern habe ich sie telefonisch nicht erreicht. Gegen 18.30 war meine Unruhe dann groß genug und ich bin zu ihr gefahren. Zum Glück hatte sie mir vor einiger Zeit einen Wohnungsschlüssel gegeben. Die Wohunhg war dunkel, aufs Klingeln öffnte sie nicht und so ging ich rein. Ich fand sie im Bett vor, dachte zuerst, sie sei tot. War sie aber nicht. Es stellte sich raus, daß sie so ziemlich alle ihrer Schlaftabletten genommen hatte. Es waren aber wohl nicht genug, zum Glück. Jetzt ist sie auf der Intensiv und ich werde gleich zu ihr fahren. Das Verrückte ist, ich machte mir Sorgen, es wäre ihr etwas „passiert“, aber das sie sich was antut hätte ich nicht gedacht (so verrückt das klingt), weil wir mehrmals darüber gesprochen haben und sie immer wieder sagte, das wäre nicht so einfach, davor hätte sie zu viel Angst.
Ich habe einiges gelernt. Und mit Zeitverzögerung setzten jetzt innerlich viele Dinge bei mir ein, Gedanken, Gefühle. Sollte es in meinem Leben nochmals eine solcher Situation geben, würde ich wahrscheinlich anders handeln.
Avera
Depression sind im Alter ja bekanntlich recht häufig und
etliches deutet schon darauf hin, daß die von Dir beschriebene
Frau unter Depression leiden könnte. Allerdings muß der
Entschluß für eine Behandlung von ihr kommen. Du kannst ihr
Informationen geben (wie gut Depression behandelbar ist z.B.)
und sie damit zu motivieren versuchen, zwingen kannst Du sie
allerdings nicht dazu. Deine Verzweiflung darüber, daß sie
nicht das tut, was Du für das Beste in ihrer Situation hältst,
ist sehr verständlich. Jede®, die/der mit Menschen zu tun
hat, die von solchen Problemen betroffen sind, kennt das wohl.
Ich zumindest. Ich weiß daher auch, daß die Entscheidung
letztendlich beim Betroffenen selbst liegt (Extremfälle jetzt
einmal ausgenommen; wenn es soweit kommt, wird ihre Ärztin
einschreiten) und daß wir diese Entscheidung akzeptieren
müssen, so schwer es uns auch fallen mag. Ein wenig Abstand
zur Situation könnte Dir helfen, es zu akzeptieren. Manchmal
ergeben sich dann, wenn man sich später wieder der Sache
widmet, neue Perspektiven.
Grüße,
O. Walter
Diplom-Psychologe, Kiel