Ironie? Wer kann da noch ironisch sein?
Hallo, Ralf,
auch wenn Du es nicht glaubst - ich habe mir schon mehr als
nur "ein paar Reliefs, Statuen und Wandmalereien aus der Zeit
" angeschaut.
Das glaube ich dir gern.
Ich wäre Dir für zwei, drei konkrete Beispiele,
Im Moment kann ichnur eines nennen: die bekannte Augustusstatue, manchmal auch „Rhetor“ genannt. Dann erinnere ich mich an eine Sendung über Pompeij, kann aber nicht angeben, was für eine Dokumentation das war.
Insofern ist es tatsächlich „Hörensagen“ oder „Sehensagen“.
Tjaja, das ist das Problem heute, dass man nur noch aus diesen
Quellen, Informationen über die Antike bezieht.
Das ist KEINE Ironie und schon gar nicht etwa gegen dich gerichtet oder auf dich gemünzt! Das ist ein Seufzer des Bedauerns.
Es gibt inzwischen Bücher, die nachzuweisen vorgeben, dass in der Asterixheften historische Tatsachen überliefert werden.
Als diese Machwerke erschienen, habe ich an das Regionalblatt folgende Besprechung eingeschickt:
_Über: ASTERIX – Die ganze Wahrheit
Bei den Kelten gab es wirklich Barden, die Musik machten, wenn auch nicht immer so unmelodisch wie Troubadix, und es gab weise Druiden, die Misteln schnitten mit goldenen Sicheln und sich im Karnutenwald trafen, und es gab Häuptlinge, deren Namen auf –rix endeten. Obelix dagegen kann kein Hinkelsteinhersteller gewesen sein, da diese Menhire mindestens 1000 Jahre älter sind und Asterix entspricht nicht der Standardgröße der Gallier.
Ist das neu für Sie? Können Sie mit diesen Informationen noch mehr über die Abenteuer des kleinen Galliers Asterix lachen? Nun, dann gehören Sie vielleicht zu den Leuten, die das Buch: ASTERIX – Die ganze Wahrheit von Rene van Royen und Sunnyva van der Vegt, erschienen im Verlag C. H. Beck mit Gewinn lesen.
Selten war ein Buchtitel allerdings weniger zutreffend als dieser. Reißerisch nur in der deutschen Übersetzung so betitelt, wie all die anderen Machwerke die die „ganze Wahrheit“ über Diana, JFK, Anastasia, Jack the Ripper, den Yeti und andere Fabelwesen aufdecken wollen, erhält der interessierte Leser noch weniger Informationen über sein Thema als aus dem Warrenbericht über die Ermordung Kennedys.
Der niederländische Titel gibt sich bescheidener: Asterix en de waarheid: Asterix und die Wahrheit, zielt also nicht auf „sensationelle Enthüllungen“, wie es der deutsche Titel vermuten läßt.
Es ist nicht so recht klar, wem das Buch helfen soll. Das meiste weiß ein durchschnittlich gebildeter Westeuropäer auch vorher schon, spätestens seit er Asterix liest, und die Bestätigung aus den diversen Quellen ist ein nettes aber doch unnötiges Extra. Ordentlich selbstbewußte Halbgebildete pfeifen auf Detailbelege, sorgfältiger Lesende werden von dem Wischiwaschimix der Autoren aber nicht zufriedengestellt. Leuten mit tieferen Kenntnissen allerdings wird die Angabe von Quellen zu den verschiedenen „Realien“ der Geschichten von Goscinny eher lästig sein, da diese Quellen nur schludrig übersetzt, oft unpassend ausgewählt, bisweilen unnötigerweise mehrmals zitiert werden und oft gerade nicht das leisten, was sie sollen…
Was soll das zum Beispiel für ein Beweis sein, wenn man (S. 78ff) eine Ausgrabung eines Gutshofes von 270 n. Chr. heranzieht, um zu belegen, daß es schon zur Zeit Cäsars, also gut 300 Jahre früher, einen gallo-romanischen Baustil hätte geben können?
Oder wenn aus dem Fehlen von Angaben, daß die Gallier ihre Haare n i c h t in Zöpfen getragen haben, geschlossen wird, daß Zöpfe durchaus möglich waren und deshalb die Autoren von ASTERIX recht haben, wenn sie Gallier so zeigen (S. 133). Dies ist so charakteristisch für weite Strecken des Buches, daß es hier wörtlich aufgeführt werden soll: „Die meisten Gallier im Comic tragen dagegen zwei Zöpfe mit Schleifen darin. Diese Haartracht ist nirgendwo dargestellt, und sie wird auch in den antiken Texten nicht erwähnt. Dies ist für manche Gelehrte der Nachweis dafür, daß die Kelten keine Zöpfe trugen. Wenn wir jedoch die enorme Anzahl Kelten, die im Lauf der Jahrhunderte Europa bevölkerten, unserer geringen Menge an antiken Zeugnissen, dem des Historikers, gegenüberstellen, dann können wir nicht einfach behaupten, daß diese Haartracht bei den Galliern nicht vorgekommen sei. Vielleicht gab es eine bestimmte Gruppe Gallier, die ihr Haar flocht, da sie das beispielsweise bei griechischen oder römischen Frauen gesehen hatte. … Wir können somit nicht ausschließen, daß es Kelten gab, die Zöpfe trugen. Es konnten bisher lediglich noch keine Belege dafür gefunden werden.“
So kann man auch ohne Probleme ‚beweisen‘, daß die Germanen schon beim Aufbruch zu ihren Wanderungen Spaghetti gegessen haben. Wir haben keinen Beweis, daß sie es nicht taten und die Beweise, daß sie es taten, sind vielleicht bloß noch nicht gefunden.
Oder wenn (S. 64f) Homer zitiert wird, um zu belegen, daß Krieger und Helden lieber Fleisch als Fisch essen. Und weil die Kelten in Britannien wie die homerischen Helden in Streitwagen kämpften, liegt natürlich die Vermutung nahe, daß auch die Gallier lieber Wildschweine grillen als Verleihnix´ nicht ganz meerfrische Fische zu essen, obwohl er sie direkt aus Lutetia bezieht.
Die Angst der Römer, vor allem der römischen Legionäre, die um Asterix´ Dorf herum Dienst tun, vor den Galliern belegen die Autoren mit dem Bericht Cäsars von der Panik im Lager seiner Legionen, als er sich zu einem Angriff auf die G E R M A N E N!!! aufmachte. (S. 113)
Am wildesten aber tobt sich die Phantasie der Autoren aus (S. 13ff), wenn sie uns den jungen Goscinny im Lateinunterricht vor Augen führen, wie er litt, als er lesen mußte, was der böse, böse Cäsar seinen tapferen gallischen, genauer belgischen Vorfahren antat. „Innerlich wird der junge Goscinny gejubelt haben bei dem Sieg in Gergovia – und geschluchzt bei dem Untergang des Helden Vercingetorix.“ und „Jeder, der Cäsars Beschreibungen über den Gallischen Krieg auf sich wirken läßt, versteht, was Goscinny in der Schule mitmachte.“ (S. 14) und als Höhepunkt: „Empört über soviel Gewalt, muß René Goscinny sich eine andere Geschichte vorgestellt haben als diejenige, die er las. In dem Kopf des jungen Schülers entstand allmählich eine Gegenwelt, in der die Römer nicht alles mit ihren Waffen beherrschten, wo Menschenleben etwas zählten und die Sieger nicht jeden gefügig machen konnten. Es entstand die Idee von Galliern, die Cäsar nicht auf Gnade und Ungnade ausgeliefert waren und die nicht langsam, aber sicher ihre kulturelle Identität verloren. So müssen die Pläne für Asterix in den Gedanken von René Goscinny geschlummert haben, seit dieser in der Schule im Lateinunterricht die Bekanntschaft mit der Gestalt von Cäsar und den von ihm geschlagenen Galliern machte.“ (S. 15)
Das ist doch wohl das allerniedrigste wissenschaftliche Niveau für eine sich als wissenschaftlich ausgebende Arbeit und ich bedaure, daß Herr Goscinny nicht mehr in der Lage ist, diesen Wissenschaftlern mit einem kurzem „Die spinnen, die Wissenschaftler!“ den Mund zu verschließen.
Sucht jemand aber nach Hintergrundinformationen zu den Geschichten des kleinen, tapferen Galliers, so greife er zu dem schon vor Jahren im Horizont Verlag erschienenen Bildband „Das grosse Asterix-Lexikon Asterix von A – Z, dort wird er besser und unterhaltsamer bedient._
Sie wurde natürlich NICHT abgedruckt.
Gruß Fritz