Hallo Heinrich,
ich möchte für die Anglophilen eine kleine Lanze brechen.
Es mag seltsam klingen, aber gerade diese „Unlogik“ oder der
enorme Variantenreichtum macht für mich eine Sprache erst
interessant. Diese Haltung, Deutsch ist so schwierig und
schwer zu erlernen und sollte vielleicht bereinigt werden, ist
für mich vergleichbar mit dem Blick auf eine Blumenwiese in
allen Farben, wo der Betrachter schließlich sagt: Warum gibt
es eigentlich so viele unterschiedliche bunte Blumen? Könnte
man die Vielfalt nicht auf eine Handvoll begrenzen, also nur
Klatschmohn, Kornblume und Gänseblümchen?
Da stimme ich dir von ganzem Herzen zu!
Ich persönlich finde es erstaunlich, was alles in der
deutschen Sprache möglich ist. Ein einfacher Satz kann so viel
Unterschiedliches ausdrücken
stimmt!
und kein Übersetzer der Welt
wird in der Lage sein, den gleichen Ausdruck mit dem gleichen
Sprachgefühl z.B. in Englisch wiederzugeben.
Hier fangen meine Zweifel an.
Zumindest bin ich sicher, dass es auch englische Sätze gibt, die nicht so leicht in Deutsche übertragbar sind.
Versuch mal, dies
ins Englische zu bringen (ein ganz einfacher Hauptsatz):
„Hans ging mit Lisa gestern ins Kino“
„Hans ging gestern mit Lisa ins Kino“
„Gestern ging Hans mit Lisa ins Kino“
„Mit Lisa ging Hans gestern ins Kino“
„Ins Kino ging Hans gestern mit Lisa“
„Ins Kino ging Hans mit Lisa gestern“
Obwohl der beschriebene Inhalt immer der selbe ist, verlagert
sich von Satz zu Satz der Aussageschwerpunkt.
Versuch mal, dies ins Deutsche zu bringen (mit dem gleichen Wortaufwand):
I found toadstools. (giftige Pilze)
I found mushrooms. (essbare Pilze)
There is no salad. (Salat als Gericht)
There is no lettuce. (Salat als Pflanze)
Oder:
dough - Mischung aus Mehl und Wasser oder Milch
batter - zusätzlich ist noch Ei enthalten
paste - das gleiche mit viel Fett
Das Deutsche hat dafür nur das armselige Wort „Teig“.
Für das Wort „Schläger“ gibt es im Englischen fast für jede Sportart einen eigenen Ausdruck.
Oder was macht man mit Ausdrücken wie
„a couldn’t-care-less philosophy“, „ever-alternating rain and snow“, „managerial techniques“?
Was ich damit sagen will:
Was dem Englischen hinsichtlich des grammatikalischen Strukturreichtums fehlt, macht es an anderer Stelle wieder wett, z.B. was den Wortreichtum und die Idiomatik betrifft.
Sprachwissenschaftler haben festgestellt, daß früher ein viel
größere Vielfalt in Syntax und Form bestand als heute.
Griechisch und Lateinisch strotzten nur so vor Varianz.
Geschlecht und Fall wurden im Wort abgebildet. Spätere
Sprachen - auch das schwierige Deutsche - reduzierten diese
Vielfalt bereits. Die wichtigste heutige Sprache, das
Englische, kennt nur noch ein Minimum der ehemaligen
Bandbreite.
Ein Beispiel aus dem Lateinischen:
Das Wort für „Frau“ heißt „Femina“. Die gesamte Deklination
erfolgt durch Variation dieses Wortes. Singular „Femina“,
„Feminae“, usw.;
Plural „Feminae“, „Feminarum“, usw.
Das Deutsche kennt nur noch „Frau“ und „Frauen“, die Variation
erolgt über den bestimmten Artikel: „Die Frau“, „Der Frau“,
usw.; „Die Frauen“ , „Der Frauen“, usw. Statt sechs Fälle im
Lateinischen gibt es nur noch vier.
Das stimmt natürlich. Aber ich denke, dass sich die Sprachen dafür in anderer Hinsicht weiterentwickelt haben, z.B. hinsichtlich der Anwendung von Präpositionen.
Und das Englische? Hier gibt es „woman“ und „women“, und einen
bestimmten Artikel „the“. Und das war’s. Ist natürlich sehr
einfach zu erlernen
was die grammatischen Grundstrukturen betrifft. Aber das heißt nicht, dass man sich dann im Englischen gut ausdrücken kann und die lexikalischen Feinheiten beherrscht und die richtige Idiomatik anwenden kann - das, was man in der Schule meistens gar nicht lernt.
Z.B. dass man bei einem schwimmenden Stück Holz nicht das Wort „swimming“ sondern „floating“ nehmen muss.
(allerdings hat der Sprachschüler keine
Chance, aus „the woman“ zu erkennen, ob das Personalpronomen
„he“, „she“ oder „it“ heißt), aber irgendwie auch armselig
(ohne jetzt den Anglophilen zu nahe treten zu wollen).
Erst neulich habe ich gelesen, dass es im Englischen weit mehr Ausdrücke für Farben gibt als im Deutschen (solche wie himmelblau, giftgrün, feuerrot,…)
Interessant ist, daß es bei dieser Vielfalt ein deutliches
Ost-West-Gefälle gibt. Osteuropäische Sprachen sind in ihrer
Struktur deutlich vielfältiger als westeuropäische.
Hilfsmittel wie der bestimmte Artikel sind z.B. im Russischen
unbekannt - hier wird das Substantiv entsprechend geformt -,
das Deutsche nimmt eine Mittelstellung ein mit seinen drei
Artikeln (der/die/das). Die romanischen Sprachen kennen nur
noch zwei Artikel (frz.: „le“, „la“ / ital.: „il“, „la“ /
span.: „el“, „la“), das Englische gar nur einen („the“).
Sollen wir also die über Jahrtausende entwickelte
Sprachvielfalt aufgeben und eine strukurell auf ein Mindestmaß
reduzierte Sprache den Vorrang geben - im Deutschen z.B. den
Artikel „das“ aufgeben und damit den romanischen Sprachen
angleichen (die ihrerseits einen Artikel verlieren müßten, um
sich dem einfacheren Englisch anzupassen)?
nein, natürlich nicht!
Ich glaube nicht. Denn mir ist eine bunte Blumenwiese lieber
als eine, auf der nur noch drei verschiedene Blumen blühen.
Mir auch! Und auf der englischen Wiese blühen mehr, als man denkt.
Grüße
Heinrich
Grüße
Klio.