Noch mehr und lange Präzisierung!
Hallo, Uwe,
jetzt wird es wieder langwierig. Ich glaube nicht, dass deine Vermutung, die Endungen seien „Artikelersatz“ gewesen, zutrifft.
Die Flexionsendungen hatten ja nicht nur die Funktion, die heute die Artikel haben, nämlich ein Wort nach Genus, Nummerus, und Kasus (Geschlecht, Ein- oder Mehrzahl, Fall) zu bestimmen, sondern mit Hilfe der Endungen wurden bei den Verben auch die Person, die Zeitstufe, der Aussagemodus, und bei den Nomen auch der Ort oder die Richtung angegeben, was heute die Präpositionen leisten. Dies ist am besten bei der lateinischen Sprache zu beobachten.
Aber nun zur Entstehung des Artikels:
Die Artikelausbildung im Deutschen hat in vorschriftlicher Zeit angefangen und sich im Verlauf der althochdeutschen Epoche (älteste, vom Beginn der schriftlichen Überlieferung bis ins 11. Jh. reichende Stufe in der Entwicklung der hochdeutschen Sprache) durchgesetzt.
Dabei war es der Kontakt der Westfranken, die damals das Altfranzösische entwickelten, zu den „latinisierten Galliern“, der auch die deutsche Sprache weiterbrachte.
Ich zitiere aus Peter von Polenz, Geschichte der deutschen Sprache, einem uralten Büchlein, das nicht einmal eine IBSN hat, aber klein, handlich und konzentriert geschrieben ist. Darum greife ich gern danach.
Die Beziehungen zwischen Franken und Galloromanen waren zwischen Mosel, Schelde und Seine im Merowingerreich so eng wie nie zuvor. Es muss dort eine jahrhundertelange Zweisprachigkeit geherrscht haben; und so ist es wohl mehr als ein Zufall, wenn sich gerade um diese Zeit im Deutschen eine Reihe von wichtigen sprachlichen Änderungen eingebürgert hat, die in den romanischen Sprachen ihre genaue Entsprechung haben.
Hierher gehört die Entstehung des Substantivartikels, den weder das Gemeingermanische noch das Lateinische kannte; in beiden Sprachgebieten wird für den bestimmten Artikel ein Demonstrativpronomen, für den unbestimmten das Zahlwort für ,eins’ verwendet.
Auch der Übergang des Wortes für ,Mensch’ (lat. homo, ahd. man) zu einem unbestimmten Pronomen (frz. on, dt. man) ist beiden Sprachgebieten gemeinsam. In ähnlichen Zusammenhang gehört die Bildung des umschriebenen Perfekts mit ,haben’ und ,sein’ (frz. j’ai vu, je suis venu, dt. ich habe gesehen, ich bin gekommen ).
Damit wäre die Zeit der Entstehung des Artikels im Deutschen wohl klar. Warum es dazu kam versucht der Autor auch zu erklären. Er spricht zuerst über die indoeuropäischen Sprachen, dann über das Germanische, in dem wie beim Lateinischen die Flexionsformen am Ende der Wörter, und zwar sowohl bei Nomen, Adjektiven und Verben, klar gemacht wird, welche Stellung und Bedeutung das jeweilige Wort im Satz hat. Solche Endungen haben wir auch noch.
Z. B. das –st für die zweite Person; dabei wird auch noch durch das Pronomen davor verdeutlicht, dass mit „du hast“ die zweite Person gemeint ist.
Oder: das Suffix –in feminisiert das maskuline Wort, so wird aus dem „Minister“ eine „Ministerin“. Und auch hier ist das Deutsche abundant: die Frau Ministerin ist gleich dreimal als weiblich gekennzeichnet.
Dadurch dass im Germanischen und auch im Deutschen fast immer die erste Silbe betont wird (Germanischen Initialbetonung), glichen sich die unterschiedlichen Endungen aneinander an, oder die Wörter verloren ihre Schlusssilben ganz, was man am maskulinen Dativ, der früher ein –e als Endung hatte, sehen kann.
Auch dazu ein Zitat:
Im allgemeinen und im weiteren Verlauf überwog jedoch der akzentbedingte Flexionsschwund. Der Rückgang oder Untergang flexivischer Kategorien, wie wir es noch in jüngster Zeit beim deutschen Genitiv, beim Dativ oder Konjunktiv beobachten können, bedeutet aber durchaus nicht so etwas wie „Sprachverfall“ oder „Verarmung“. Der Sprachökonomische Abbau flexivischer Mittel wurde meist ausgeglichen durch die Verwendung ganz neuer Mittel: Hilfsverben wie werden, sein, haben, würde + Infinitiv für Passiv, Futur, Perfekt, Konjunktiv, die sich im Laufe des Mittelalters durchsetzten; oder Präpositionen anstelle von Kasus (z. B. ich erinnere mich seiner > an ihn, Vaters Haus > das Haus von Vater).
Auch die Notwendigkeit des Personalpronomens (ahd. nemames, nemant > nhd. wir/sie nehmen) und die Ausbildung des Artikels (ahd. gebâ, gebôno, gebôm >.:nhd. die/der/den Gaben) sind neue Mittel, die seit Beginn der Überlieferung allmählich fest werden, um die grammatische Leistung verlorengegangener oder unkenntlich geworden er Flexionsendungen zu übernehmen. Das Schwergewicht der Grammatik neigt von der Wortbeugung mit Endungen immer mehr zur Wortfügung mit Geleitwörtern, wobei oft feinere semantische Differenzierungen entstanden (Aktionsarten, durch Präpositionen ausgedrückte logische Relationen, usw.). Das ist die sprachtypologische Tendenz zum analytischen Sprachbau, die sich im Englischen, Friesischen und Niederländischen noch stärker ausgewirkt hat als im Deutschen.
Das ist wieder viel Stoff.
Sollten noch Fragen offen sein. Immer zu!
Gruß Fritz Oberlehrer a.D.