Ich wüßte gerne, ob Thomas Bernhard Glenn Gould kannte oder ob die ganze Geschichte komplett ausgedacht ist.
Es würde mich sehr freuen, wenn mir jemand diese Frage beantworten könnte.
Danke!!!
Lisa
Hallo Lisa,
begegnet sind sich die beiden nie.
Hier eine interessante Buchkritik, die die Frage aufgreift (ab Absatz neun): http://www.nlc-bnc.ca/glenngould/m23-503.5.7-e.html
Zitate:
Whatever we may think of this quasi-Gould, it is clear that the real Gould was an important figure in Bernhard’s life. (This is not the only respect in which the narrator’s life and character resemble the author’s.) As Bernhard wrote in another work, „Those are terrible people who don’t like Glenn Gould… I will have nothing to do with such people, they are dangerous people.“ Bernhard admired Gould not only as an artist, but as a thinker, too, and especially as an embodiment of an ideal in terms of the artist’s role in society.[…] Bernhard and Gould never met in real life, though Gould did play twice in Salzburg: on 10 August 1958 (the Bach D Minor Concerto with Mitropoulos) and 25 August 1959 (a Sweelinck-Schoenberg-Mozart-Bach recital).[…] Clearly, Gould, as artist, thinker, and figure, impressed and influenced Bernhard deeply. In The Loser, Bernhard returns the favour by paying him the ultimate compliment: absorbing him completely. A more „accurate“ or „respectful“ portrayal of Glenn Gould could not do him greater honour.
Viele Grüße
Diana
Ich wüßte gerne, ob Thomas Bernhard Glenn Gould kannte oder ob
die ganze Geschichte komplett ausgedacht ist.
Hi Lisa,
in Bernhards Novelle treffen die Titelfigur Wertheimer, Glenn Gould und der Erzähler (der deutlich autobiographische Züge trägt) im Jahre 1953 am Salzburger Mozarteum aufeinander - bei einem Kurs, den Vladimir Horowitz gibt.
Bernhard selbst studierte tatsächlich von 1952 bis 1956 am Mozarteum Musik und Theaterwissenschaften. Gould seinerseits studierte 1943 bis 1952 Klavier bei Alberto Guerrero (und Orgel bei Frederick Silvester, Theorie bei Leo Smith) am Toronto Conservatory. 1953 tourte Gould in Kanada und nahm seine erste Schallplatte auf. Sein europäisches Debüt gab er 1957 in Moskau. Nach Salzburg kam Gould erst 1958, wo er Bachs d-moll Konzert BWV 1052 spielt. Nochmals dann 1959; er spielte ein Recital, von dem es eine sehr schöne CD (Sony Classic, ASIN B000025DK4) gibt.
Der Kurs bei Horowitz ist sicher fiktiv. 1953 zog sich Horowitz wegen Erschöpfung für 12 Jahre ins Privatleben zurück und liess nur noch gelegentlich durch Schallplattenaufnahmen von sich hören. Als Lehrer war Horowitz kaum tätig – und Gould schätzte ihn als Pianist ohnehin nicht. Nach meiner Ansicht hat sich Bernhard hier eine (natürlich vollkommen haltlose) Andeutung als Insider-Scherz erlaubt – auch Horowitz gibt (wie der Erzähler) seine Karriere auf, nachdem er Gould gehört hat.
Es ist sehr gut möglich, dass Bernhard 1958 oder 1959 Gould in Salzburg spielen sah und hörte – von einer persönlichen Begegnung ist allerdings meines Wissens nichts bekannt.
Freundliche Grüße,
Ralf
DANKE!! (owT)
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