Hallo Kai,
erstmal vorneweg: ich bin keine Medizinerin und habe auch eine psychologische ERfahrung. Ich kann nur aus meiner eigenen Erfahrung sprechen, die sich in manchen Punkten mit Deiner gleicht.
Seit ca. 6 Monaten stelle ich bei mir eine zunehmende
Lustlosigkeit, schlechte Laune und Interessenlosigkeit fest.
Diese Symptome treten nicht jeden Tag auf.
Hat sich in diesen 6 Monaten irgendwas grundlegendes Verändert? Hat sich Dein berufliches Umfeld, wie Du ja unten schreibst, immer weiter verschlechtert?
Am schlimmsten ist
es zum Start der Woche, also Sonntag, Montag, Dienstag. An
diesen Tagen möchte ich am liebsten den ganzen Tag im Bett
bleiben, schlafen und TV schauen. Ich habe das Gefühl an
diesen Tagen mit meinem Leben einfach nicht zufrieden zu sein
und deshalb etwas ändern zu müssen. Aber ich schaffe es nicht
mich dazu aufzuraffen.
Das Gefühl kenne ich sehr gut. Das Problem ist nur, daß Du allein Dich dazu zwingen kannst, etwas für Dich zu tun. Es können zwar Anstöße von außen kommen, aber wenn Du Dir nicht sicher bist, hilft auch alles „in den Hintern treten“ von andern nicht.
Wenn ich tatsächlich mal so einen Tag
verbracht habe, habe ich Abends ein super schlechtes Gewissen
und fange dann an, etwas zu tun. Natürlich habe ich dann nicht
mehr genügend Zeit alles zu erledigen und die schlechte Laune
stellt sich erneut ein.
Auch wenn Du nicht alles schaffst, was Du Dir vorgenommen hast, versuch mal das Pfernd von hinten aufzuzäumen. Guck Dir an, was Du gemacht hast und sag Dir: Mensch, da hab ich es doch glatt heute noch geschafft Staub zu saugen, Wäsche zu waschen, einen Brief zu schreiben, das Buch weiterzulesen oder was auch immer. Du mußt nicht alles auf einmal machen. Anfangen mit irgendwas ist doch erstmal gut.
Sport ist auch so ein Thema für sich. Ich bin Mitglied in
einem Fitneßstudio, was ich seit ca. 4 Monaten nicht mehr
besucht habe. Die Gebühren muß ich natürlich weiter bezahlen.
Trotzdem kann ich mich nicht dazu bewegen hinzugehen, obwohl
es mir nach dem Sport immer ausgesprochen gut geht.
Sport regt, wenn ich mich recht erinnere, die Serotoninproduktion an und das macht dann glücklich. Ein Beispiel aus meinem Leben: Ich habe es eine Zeit lang gehaßt schwimmen zu gehen. Ich wollte einfach nicht. Ich hatte eine regelrechte Abneigung dagegen. Tausende Gedanken sind mir durch den Kopf geschossen, was ich stattdessen machen könnte oder, daß das Schwimmbad ja doch wieder voll ist und ich sowieso nicht vernünftig schwimmen kann. Ich hab mir dann aber trotz aller Abneigung meine Tasche geschnappt und bin miesmütig zur Schwimmhalle gegangen. Nach ein paar Bahnen ging es mir wirklich besser.
Dazu kommt, daß ich mit meinen Job momentan nicht zufrieden
bin. Ich habe dort das Gefühl gegen einen Wand zu arbeiten
und weder die nötige Anerkennung, noch genug Gehalt zu
bekommen.
Da hilft wahrscheinlich nur eines: Ein anderer Job, der Dich besser ausfüllt. Oder Du hast eventuell die Möglichkeit in eine andere Abteilung zu wechseln oder ein paar andere Aufgaben zu übernehmen. Deine Vika gibt leider keinen Aufschluß darüber, was Du machst.
Nach außen hin, sieht mein Leben eigentlich recht erfüllt aus.
Ich habe eine Freundin, einen „guten“ Job, eine schöne Wohnung
und viele Freunde.
Versuche doch die Ressourcen zu nutzen, die Du hast. Vielleicht geht ja ein Freund mit ins Fitneß-Studio oder Du suchst Dir andere Aktivitäten, die Du mit Freunden machen kannst. Möglichst mit Bewegung (s.o.), z.B. Rad-Touren. Rollerblade fahren, Badminton im Park oder Frisbee spielen.
Ich würde im Leben gerne noch etwas mehr erreichen als ich es
momentan schon getan habe. Allerdings weiß ich nicht genau wo
ich anfangen soll.
Ganz einfach gesagt: Am Anfang. Einen Schritt nach dem anderen. Schau eventuell mach bei einer Volkshochschule in Deiner nähe, ob sie ein guten Programm haben, von dem Dich etwas interessieren könnte. Guck, ob es Vereine gibt, die Dich interessieren.
Momentan habe ich aber eher das Gefühl, daß sich diese
Errungenschaften nie einstellen.
Ohne, daß Du Dich selbst bewegst, werden sie das voraussichtlich auch nicht.
Ich habe das Gefühl, einfach nie abschalten und mich fallen
lassen zu können, sondern immer unter Leistungsdruck zu
stehen.
Wie wäre es mit einem Kurs im Autogenen Training. Ich weiß, daß das albern klingen mag und viele nicht daran glauben, daß das funktioniert. Ich habe das auch nicht geglaubt. Ich habe mich praktisch von meiner Therapeutin in einen „hineinzwängen“ lassen (ich wollte schon irgendwie) und habe es nicht bereut. Es war wieder das gleich wie beim Schwimmen: Ich wollte gar nicht. Überhaupt nicht. Aber im nachhinein bin ich froh, daß ich etwas habe, worauf ich in Paniksituationen zurückgreifen kann.
Kann ich meine Situation und Gedanken ändern?
Ja! Und wenn Du wirklich nicht mehr weiterweist und Dir auch die Antworten hier im Forum nicht weiterhelfen, oder nicht langfristig weiterhelfen, dann empfehle ich professionelle Hilfe. Sprich mit Deinem Hausarzt über diese Situation und frage nach einem guten Therapeuten.
Für jegliche Hilfe oder Tips wäre ich überaus dankbar.
Ja, ist etwas länger geworden. Vielleicht kannst Du ja damit was anfangen.
Gruß
Twingel