unter diesem Titel findet ihr heute eine Stellungnahme in der SZ über den (geheimen) dritten Bericht der Rechtschreibkommission.
Ein gefundenes Fressen für alle „Feinde“ der Rechtschreibreform *g*
Der Autor, Theodor Ickler, ist einer der schärfsten Kritiker dieser Reform - und, ehrlich gesagt, so ganz Unrecht (unrecht?) hat er m.E. damit nicht. Es geht vor allem um die Geheimnisse der Groß- und Kleinschreibung, der Getrennt- und Zusammenschreibung sowie der Kommasetzung.
Dieser Satz aus dem Bericht ist einfach köstlich:
„Deutlich positiv wird die Neuregelung der Zeichensetzung bei mit und und oder verbundenen Hauptsätzen und bei Infinitiven mit zu beurteilt.“
Ja, Theodor Ickler hat sich immer schon kritisch geäußert.
Hier ein Artikel aus „Die Presse“ vom November 2000, und wie es scheint, hat er ja recht!
Grüße
Barney
RECHTSCHREIBREFORM - EINE ZWISCHENBILANZ
Die neue Orthographie ist oft häßlich und sinnstörend, die Reform der Reform absehbar.
Gastkommentar von THEODOR ICKLER
Obwohl die verordnete Rechtschreibänderung von der „Presse“ nicht einmal in der verwässerten Form umgesetzt wird, auf die sich die Nachrichtenagenturen geeinigt haben, zeigt jeder Blick in eines der umgestellten Medien: So kann es nicht weitergehen! Die Neuschreibungen sind nicht nur häßlich (Missstand, deplatziert), sondern tun der Grammatik Gewalt an (so Leid es mir tut, wie Recht der Präsident hat, äußerst Zeit raubend, höchst tief schürfend) und entstellen den Sinn (Seefahrt ist Not). Die Agenturen haben die Reform zusätzlich mißverstanden. Zum Beispiel glauben sie immer noch, wiedersehen und ähnliche Wörter würden jetzt getrennt geschrieben. So steht es ja auch seit über drei Jahren im falsch reformierten Duden.
Viele Journalisten haben erst nach der Umstellung gemerkt, was die Neuschreibung ihren Texten antut. Unter der abstrusen Form leidet auch die Glaubwürdigkeit des Inhalt. Dies mag einer der Gründe sein, warum nach einer Verlegenheitspause die Diskussion nun wieder in Gang kommt.
Die wichtigste Folge der Reform ist die Zerstörung der orthographischen Einheit. Nur in den Schulen wird gelehrt, daß man viele Kommas weglassen kann. Weder die Zeitungen noch die Reformer selbst lassen sie weg. Die Briefanrede Du wird überall groß geschrieben, nur die Schulen lehren das Gegenteil. Dasselbe gilt für Hunderte von festen Begriffen wie Erste Hilfe. So wachsen ganze Jahrgänge mit einer weltfremden Sonderschreibung heran, die jeder Personalchef als minderwertig ansehen wird.
Unsere Kinder haben auch unter entstellten Schulbuchtexten zu leiden: Wie sich die Menschenaffen und die Menschenvorfahren auseinander entwickelt hatten . . . (wer entwickelt sich da woraus?). Um weitere Bruderkriege unter den Stämmen zu ver-meiden griffen Abu Bakr und sein Nachfolger Umar auf den Plan Mohammeds zurück den islamischen Staat nach Norden zu erweitern. Das ist jetzt „korrekt“, aber gut und richtig ist es nicht. Besonders schlimm ist die Verschandelung der Kinder-buch-klassiker, etwa von Michael Ende: Er sah plötzlich sehr Ehrfurcht gebietend aus. - Tyrannia folgte ihm mit überraschender Behändigkeit (etwa auf den Händen?). Jakob bat und bettelte dabei bleiben zu dürfen (Original: bettelte, dabeibleiben zu dürfen).
Doch die Reform der Reform ist bereits im Gange. Schon vor zwei Jahren erklärten die Reformer tiefgreifende Änderungen ihres Werkes für „unumgänglich notwendig“. Die Kulturminister bestanden aber darauf, das mißratene Werk ohne Korrekturen in Kraft zu setzten.
Die Rechtschreibkommission hat jedoch ausgewählte Wörterbuchverlage in zehn Be-ratungsrunden exklusiv über bevorstehende Änderungen unterrichtet. In den neuesten Wörterbüchern (vor allem Wahrig-Bertelsmann in der 7. Auflage) sieht man bereits, daß schwer behindert und ähnliche Prunkstücke der Reform wieder zu-sammen-geschrieben werden, aufsehenerregend, nichtssagend und Zeitlang sind ebenfalls wieder zugelassen, fleischfressend und Mundvoll noch nicht, aber das kann sich schon mit dem neuen Duden ändern.
Wenn aber die Reform der Reform unvermeidlich ist, entfällt auch das Argument, man könne den Schülern kein Zurück mehr zumuten. Bedenkt man weiter, daß sich im Grund-schulwortschatz ohnehin nur 24 Wörter ändern, alle wegen Doppel-s, dann wäre ein sofortiger Stop der beste Weg, die Schüler von jener Rechtschreibinsel herunter-zuholen, auf die mit List und Tücke zuletzt auch die Kinder der aufmüpfigen Schleswig-Holsteiner gezwungen worden sind.
Der Autor ist Professor für Deutsche Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen/Nürnberg.