Deutsche Literatur vor 1750 wertlos?

Hallo Experten?
In dem provokannten aber geistreichen Buch „Die kurze Geschichte der deutschen Literatur“ (2002) schreibt Heinz Schlaffer, bis auf die interessanten, aber fast unbeachteten Werke um 1200 von Walter von der Vogelweide, Gottfried von Straßburg etc. wäre vor 1750 im deutschsprachigen Raum nichts von Belang entstanden. Natürlich ist das eine Breitseite auf ganze Fachbereiche der Literaturwissenschaft. Ich kann mich des Gefühls aber nicht erwehren, dass daran etwas dran ist. Was meint ihr?
Gespannte Grüße!
Christian

Servus Christian,

nicht aus des Experten, aber aus des begeisterten und zeitweise maßlosen Lesers Stegreif purzeln da wahllos:

  • Grimmelshausens Simplizissimus

  • Schnabels Insel Felsenburg

  • (ein ziemliches Stück älter) Hildebrandslied, Nibelungenlied

  • (ein ziemliches Stück jünger) knapp vor 1750, und eher von lokaler Bedeutung das Gesamtwerk von Sebastian Sailer

Das sind jetzt ein paar Zufallstreffer, über die man stolpert, wenn man unliterarisch liest.

Einen Rabelais, einen Shakespeare und einen Dante hammer wohl nicht zu bieten - nu, mäg! Aber aus den oberwähnten vier Zufallstreffern formuliere ich mal gegen: Wie bedeutend ist denn überhaupt europäisches Literaturschaffen vor 1750? Ists da nicht eher normal, daß es bloß einzelne bedeutende Werke gibt? Und auch ein bissel willkürlich, grade diese Jahreszahl anzusetzen (deswegen hab ich den Sailer in die Zufallstreffer aufgenommen)?

Schöne Grüße

MM

Hallo, Christian!

In dem provokannten aber geistreichen Buch „Die kurze Geschichte der deutschen Literatur“ (2002) schreibt Heinz Schlaffer, bis auf die interessanten, aber fast unbeachteten Werke um 1200 von Walter von der Vogelweide, Gottfried von Straßburg etc. wäre vor 1750 im deutschsprachigen Raum nichts von Belang entstanden.

Selbst als Provokation der Fachkollegen bleibt diese Äußerung Grund, dies Buch nicht anzurühren.

Ich hörte eine Diskussion im Radio zu dem Thema (SWR2 Forum), da wurde dem Herr der Putz runtergetan; es war eine Freude!

Noch ein paar Namen:

Ackermann von Böhmen, Fischart, Gryphius, Opitz, Silesius, Böhme,
und - obwohl ich sonst nicht viel von ihm halte - die Bibelübersetzung Luthers, die Volksbücher von Faust bis Herzog Ernst …

Oh Mann!

Gruß Fritz

Hallo Christian,

zu den anderen genannten fällt mir spontan Oswald von Wolkenstein ein und wenn ich weiter überlege sicher noch einiges andere.

Gandalf

hi Christian,

ergänzend zu den von den anderen bereits erwähnten (lesenswerten) Autoren wären z.B.

die zahlreichen hervorragenden Werke des Jesuitentheaters,
desweiteren die Lyrik von Friedrich von Spee,
Lohenstein, Hofmannswaldau, Gerhardt, Tersteegen, Dach, Angelus Silesius u.v.a. zu nennen, die durchaus Glanzpunkte der deutschen Literatur sind.

und im Mittelalter darf man neben den offenbar von Schlaffer genannten (Gottfried, Walther usw.) auch so einige noch erwähnen, die zwar keine fiktionale Literatur geschrieben war, gleichwohl aber integrale und bedeutende Werke deutscher Literatur verfasst haben, so z.b.
Meister Eckhart u.a.

Wenn der Schlaffer das tatsächlich so sagt, ist er schlicht und einfach dumm, solche Kategorisierungen taugen ohnehin nur wenig. Es kommt aber schon sehr genau darauf an, wie er das formuliert hat.

Ich hatte schon Angst, es würde niemand …
…antworten, denn das hätte Schlaffer gründlich bestätigt, aber wie ich sehe, kommt hier geballter Widerspruch!

Die ersten „zufällligen“ Gegenargumente (Nibelungenlied, Hildebrandlied, Simplizissimus) waren dann allerdings genau das einzige, was immer überall genannt wird. Ob solche Leute wie Opitz allerdings wirklich große und interessante Schriftsteller sind?

Jedenfalls hat Schlaffer also unrecht, wenn er behauptet, außer ein paar Universitätsprofessoren liest niemand mehr so alte Literatur. Das gibt mir Mut, auch einmal das eine oder andere vor Lessing zu lesen. Oder seit ihr vier alle Professoren für mittelhochdeutsche und Barockliteratur… :smile:))
Gruß!
Christian

Gruß!
Christian

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