Deutsche Schrift und Lateinische Ausgangsschrift

Hallöchen,

gerade habe ich durch ein altes Erbstück geblättert, „Unser Kaiser“ aus dem Jahre 1913.

Vorne steht eine handschriftliche Widmung: Zur Erinnerung an deine Zeit in der höheren Mädchenschule. Kohlberg (Unterschrift) Rektor. Es folgen die Unterschriften einiger weiterer Lehrer.

Was mich nun wundert ist: Die Widmung und der Titel (Rektor) sind in deutscher Schrift geschrieben, die Unterschrift des Rektors und der Lehrer jedoch in lateinischer Ausgangsschrift.

Nanu? Ich dachte immer, die lateinische Ausgangsschrift wäre erst nach dem Dritten Reich bei uns eingeführt worden. Das stimmt also offenbar nicht, seit wann gab es die denn bei uns? Und wieso benutzt man zwei Schriftarten nebeneinander? War das erlaubt, üblich oder eher ungewöhnlich?

Neugierige Grüße
Peggy

Hallo, Peggy,
Sütterlin (die „deutsche Schrift“) wurde erst 1924 verbindlich an preußischen Schulen eingeführt. 1941 wurde durch Erlaß die Sütterlin-Schrift wieder verboten. Davor und danach wurde in den Schulen Lateinschrift gelehrt. Die Vereinfachte lateinische Ausgangsschrift wurde erst in den 90er Jahren für einzelne Bundesländer eingeführt und ist selbst heute noch nicht überall verbindlich.

Ein Link zu Sütterlin http://www.peter-doerling.de/Lese/Sutterlin.htm

Grüße
Eckard

Deutsche Schrift und Lateinische Ausgangsschri
Hallo Eckard,

da hast du einiges verwechselt:

Sütterlin (die „deutsche Schrift“) wurde erst 1924 verbindlich an preußischen Schulen eingeführt.

… und 1935 reichsweit. Sütterlin war eine Vereinheitlichung der veschiedenen Variationen der deutschen Schrift, die vorher üblich war. Meine Frage bezog sich aber auf die Zeit davor (ich hatte 1913 genannt), deshalb hatte ich deutsche Schrift und nicht Sütterlin gesagt.

Die Vereinfachte lateinische Ausgangsschrift wurde erst in den 90er Jahren für einzelne Bundesländer eingeführt und ist selbst heute noch nicht überall verbindlich.

Das ist mir bekannt, ich hatte aber nicht nach der „Vereinfachten“, sondern nach der „Lateinischen Ausgangsschrift“ gefragt. Sie wurde in der Bundesrepublik seit ihrem Bestehen unterrichtet - war aber, wie ich der genannten Quelle entnehme, auch früher schon bekannt.

Deshalb bleibt meine Frage aus der ersten Mail unverändert:

Seit wann gibt es die lateinische Ausgangsschrift bei uns? Und wieso benutzte man (1913) zwei Schriftarten nebeneinander? War das erlaubt, üblich oder eher ungewöhnlich?

Unverändert neugierig
Peggy

Hallo!
Die nterschrift in lateinischer Schrift ist eher ungewöhnlich in dieser Zeit, nicht jedoch für Anhänger des humanistischen Bildungsideals (Gymnasiallehrer). Besonders interessant bleibt diese Kombination dennoch. Möglicherweise ist der Text diktiert worden und wurde deshalb in deutscher Schrift niedergeschrieben. Vielleicht hat der erste Unterzeichner (Lateinlehrer?) lateinische Schrift gewählt, die anderen haben sich dann angeschlossen…
Nochmal deutlich: Die Nazis haben die deutsche Schrift abgeschafft (eigentlich paradox). Hier spielten Verwaltungsangelegenheiten eine Rolle. Im großgermanischen Reich wollte man nur eine Schrift haben. Diese musste auch von Ausländern gelesen werden können.
soweit; vielleicht war es hilfreich

Unverändert neugierig
Peggy

1 „Gefällt mir“

Hallo Torino,

Möglicherweise ist der Text diktiert worden und wurde deshalb in deutscher Schrift niedergeschrieben.

Der Text und auch die Titelbezeichnung „Rektor“ in deutscher Schrift ist offenbar von keinem der Unterzeichner geschrieben worden, vielleicht von der Schulsekretärin. Rektor steht darunter etwas rechts, so dass der dann seine Unterschrift davorsetzen konnte.

Im Unterschied zu heute üblichen Unterschriften sind alle Namen deutlich lesbar. Die etwas schnörkelige Unterschrift des Rektors ausgenommen wirken sie fast wie Kinderschriften. Vermutlich waren sie in Lateinschrift doch nicht so geübt

Alles was ich an alten Unterlagen kenne, familiäre und einige andere, bis 1864 zurückgehend, ist in deutscher Schrift geschrieben. Deshalb wundert mich, dass Lateinschrift überhaupt bekannt war und angewandt wurde und hätte mich interessiert, wer sie entwickelt hat und wann und unter welchen Umständen sie in Deutschland eingeführt wurde.

Aber so alt, dass er aus eigener Erfahrung berichten könnte, ist hier ja wohl niemand :smile:.

Nochmal deutlich: Die Nazis haben die deutsche Schrift abgeschafft (eigentlich paradox).

Das hat mich auch gewundert. Ich habe mal gelesen, dass die Allierten der Schrift wegen erhebliche Probleme mit der Entnazifizierung hatten, da Dokumente damals ja noch vielfach per Hand geschrieben wurden. Deutsch sprechende Amerikaner gab’s ja genug, aber die konnten die Schrift schlecht lesen.

Trotzdem Dank für deine Antwort
Peggy