Also, wir sind eine atomisierte Gesellschaft. Der Einfluß von Verbänden und Parteien und Kirchen und Gewerkschaften und Clubs läßt stetig nach. Der Trend geht zum Single. Der moderne Deutsche ist flexibel und beweglich und ein Einzelgänger.
Flexibilisierte Arbeitswelten und mobiles Leben lassen längere Bindungen gar nicht zu. Der moderne Mensch muß immer chic, immer sexy, immer gut drauf und vor allem immer gut bei Kasse sein, damit er in der Konsumwelt, in der Clique und im Leben mithalten kann. Die Ökonomisierung dominiert unser Leben angefangen von markenorientierten Kindergartenkind bis zum konsumfreudigen Senior. Zugleich sind wir multi-kulturell und politisch korrekt, d.h. wir sind von Gutmenschen geradezu umzingelt. Die Anforderungen der Moderne sind hoch: wir müssen nicht nur immer funktionieren, sondern auch noch immer tolerant sein (teils gegen jeden Scheiß), immer liberal sein, immer friedfertig sein, und dazu noch immer gut gestylt sein. Vorurteile, Wut, Haß oder jede sonstige Emotion sind verpönt. Von den Damen wird inzwischen sogar verlangt, dass sie eine Trennung total cool hinnehmen und rein ökonomisch sehen, selbst wenn sie belogen und betrogen wurden.
Für Emotion und Zusammenhalt gibt es künstlich gestylte Events wie bunyee-Springen oder Love-Parades oder eben … die NeoNazis.
Gut, einerseits sind das ja auch Unsympathen und Bekloppte.
Aber mich interessiert hier mal die FUNKTION der NeoNazis für die Gesellschaft!
Die NeoNazis sind der Kleister, der den Rest der Bevölkerung zusammenhält. In einer Welt, wo alles relativ ist, wo alles erlaubt ist, wo alles machbar ist, wo teils auch alles egal ist, sind sie der totale Kontrapunkt: Sie einen Linke und Liberale, Konservative und Punks, Christen und Moslems, Milliardäre und Bankrotteure, Popper und Punker, Katholiken und Lesben, Junge und Alte: alle sie sind gemeinsam „gegen rechts!“. Hier entsteht, vielleicht zum letzten Mal überhaupt, so etwas wie ein Gemeinschaftsgefühl in einer Gesellschaft, in der man nichts mehr gemein hat.
Hier kann man ohne Risiko moralische Empörung zeigen (die postings zu den NeoNazis auch hier sind ja nicht ohne Grund meist emotional total aufgeheizt), sich echauffieren, sich erregen, seine ganze Wut und Enttäuschung (vielleicht auch über ganz andere Dinge) herausschreien. Lichterketten und Demos gegen rechts geben dieses wohlige „Reichsparteitagsgefühl“, das sonst heute nur noch Sekten oder Wolfgang-Petry-Konzerte vermitteln.
Kurz und gut: Die Gesellschaft braucht die NeoNazis, weil sie sonst vielleicht total explodieren und atomisieren würde.
frank
wunderbar. genau erkannt. alle drei beitraege sprechen mir aus dem herzen. weiter so…
gruesse
Raoul
Du hast was vergessen 
Hallo Frank 
Du hast was vergessen, nämlich die Linksextremen. Die brauchen schliesslich ein konkretes Feinbild zum Prügeln.
Ansonsten hast du sehr schön (wie immer
) eine Antwort auf die Frage formuliert: Wem nützt der Rechtsextremismus.
Jedoch: Gesellschaft, Politik, Medien etc. sind etwas relativ Abstraktes. Die Gesellschaft umfaßt alle, ist daher also zu pauschalisierend, hinter den anderen Begriffen stehen jedoch zahlenmäßig nur wenige.
Wer die NeoNazis NICHT braucht, sind:A) der ganz normale Bürger, der irgendwann die Nase voll hat von pöbelnden Glatzen die mit Bier in öffentlichen Verkehrsmitteln rumpanschen wenn er auf dem Weg von der Arbeit in seinen wohlverdienten Feierabend ist, und nur seine Ruhe haben will, und der auch niemanden braucht der meint, für ihn definieren zu müssen, was denn nun „deutsch sein“ ist. Und
B) Die Wirtschaft, die sich viel mehr um den Ruf Deutschlands im Ausland scheren muss, als irgendwelche Politiker, die ja nur von Deutschen gewählt werden.
Da A) aber nun mal immer noch die Mehrheit in Deutschland vertritt (und damit die Wählermacht) und B) für das Kapital (also die finanzkräftigste Gruppe) steht, denke ich, dass die Neonazis spätestens nach der Sommerpause aus der Presse wieder verschwunden sein werden und A) und B) gemeinsam schon dafür sorgen werden, dass die Politiker aus den Puschen kommen 
Gruss
Marion
*anschliessentue* o.w.T
wunderbar. genau erkannt. alle drei beitraege sprechen mir aus
dem herzen. weiter so…
gruesse
Raoul
Hallo Frank,
es muß schön sein so auf einer Wolke zu schweben umgeben allein vom eigenen Charisma, die Menschen in Gruppen einteilen zu können in Popper Punks und andere Sorten.
Ich kann das nicht. Ich lebe mit einer Frau zusammen, die alles andere als arisch ist und bin den Represalien dieser braunen Schwachköpfe ausgesetzt und nicht bereit mich deshalb in meiner Lebensqualität einschränken zu lassen oder über den Nutzen dieser Leute zu philosophieren. Fanatiker jeder Coleur sind mir zuwider und ich wehre mich gegen sie.
Robert
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Hallo Frank
Du hast was vergessen, nämlich die Linksextremen. Die brauchen
schliesslich ein konkretes Feinbild zum Prügeln.
Gruss
Marion
Hallo Marion!
Nee, nicht vergessen. Ich wollte darauf extra nicht eingehen, weil sonst sofort wieder die hier beliebte Debatte nach dem Motto: Haust Du meine Nazis, hau ich deine Kommunisten! losgeht!
Natürlich ist es ganz klar, dass nach dem Ende des real existierenden Sozialismus für dessen verstörte Anhänger das
(für mich und sicher viele andere völlig überraschende) Aufkommen des NS-Denkens und der Gewaltorgien die letzte Rettung vor dem totalen Absturz war, auch vom psychologischen her.
Immerhin ist das mehr oder weniger einzige „Gute“ am Sozialismus a la DDR / UdSSR, dass die Nazis noch schlimmer waren. Und der einzige echte Erfolg der Kommunisten war der Sieg über Deutschland (politisch korrekt: Hitler-Deutschland) 1945.
Da ist es kein Wunder, wenn die PDS (SED) mit Plakaten wirbt auf denen ein paar Skinheads von hinten zu sehen sind und der Slogan: PDS.
Im übrigen gilt das natürlich auch vice versa: Ohne die Kommunisten hätten die rechten Spinner ja kaum Material für ihre Paranoia!
mfg frank
Hallo Frank,
es muß schön sein so auf einer Wolke zu schweben umgeben
allein vom eigenen Charisma, die Menschen in Gruppen einteilen
zu können in Popper Punks und andere Sorten.
Ich kann das nicht. Ich lebe mit einer Frau zusammen, die
alles andere als arisch ist und bin den Represalien dieser
braunen Schwachköpfe ausgesetzt und nicht bereit mich deshalb
in meiner Lebensqualität einschränken zu lassen oder über den
Nutzen dieser Leute zu philosophieren. Fanatiker jeder Coleur
sind mir zuwider und ich wehre mich gegen sie.
Robert
Hallo Robert!
Ohne Oberlehrer-Attitüde: Die Verwendung von NS-Terminologie zeigt doch gerade, wie wirkungsmächtig das NS-Gedankengut auch in unserem Alltag noch ist. Der Begriff arisch sollte vielleicht Kabartettisten vorbehalten bleiben.
Dass Du Ärger mit den Armleuchtern hast ist bedauerlich.
Aber: Kampf ohne Analyse ist purer Aktionismus!
Ich wollte nur darauf hinweisen (Wolke hin oder her), dass es überhaupt null Analysen gibt, woher die NeoNazis kommen, dafür aber um so mehr Getöse um und über sie! Wenn wir einen Bruchteil des Gripses und der Kohle, die jetzt für sinnlose Aktionen verbraten werden, für Ursachenforschung ausgeben würden, wäre das m.E. sinnvoller. frank
Wenn wir einen
Bruchteil des Gripses und der Kohle, die jetzt für sinnlose
Aktionen verbraten werden, für Ursachenforschung ausgeben
würden, wäre das m.E. sinnvoller. frank
Die Ursachen liegen doch klar auf der Hand, aber um die zu sehen, darf man kein Gutmensch sein, sondern man muß ein schlechter Mensch sein.