Hallo Claudia,
da Du doch auch Kinder hast, würde es mich interessieren, wie
Du
Kindheit in Deutschland siehst. Sicher warst Du schon mal im
Urlaub im Ausland und kannst vergleichen. Welche Maßstäbe für
Kinderfreundlichkeit setzt Du an?
Ich versuche eigentlich, gar keine Maßstäbe anzusetzen. Das fällt oft schwer, aber wenn ich einen Maßstab ansetzen würde, wäre er sehr hoch…also recht utopisch.
Generell muß ich sagen, empfinde ich die südlichen Länder weitaus Kinderfreundlicher als Deutschland.
Nun müßten wir zu erst definieren, was wir unter Kinderfreundlich bzw. -feindlich verstehen…und das würde sicher stark ausarten und Diskussionen hervorrufen, die ich nicht unbedingt tragen will.
Regelrecht abartig finde ich, wenn Kinder nicht spielen dürfen, weil es die Nachbarn oder sonstwen stört…wir waren alle mal Kind, und wenn ein Kind nicht auch mal lebhaft ist, hat es schon Schaden genommen. Rumtoben gehört dazu…wie auch Spielplätze im Wohngebiet. Ich habe mich immer draufgesetzt wenn irgendein Nachbar sich beschwerte…ich war nicht unfreundlich, habe aber sehr bestimmt mitgeteilt, dass meine Kinder selbstverständlich auch im Garten spielen, dass es eben auch mal lauter zugeht. Sicher nicht in der Mittagszeit von 13-15 h und auch nicht nach 20 h, da habe ich schon dafür gesorgt, dass sie sich doch ruhigeren Spielarten widmen. Ich nehme Rücksicht auf meine Mitmenschen, und so habe ich auch meine Kids erzogen…aber irgendwo hört auch diese Rücksichtsnahme auf bzw. erwarte ich sie auch von anderen…Rücksichtsnahme auf die Entwicklung der Kinder.
Der Vater meiner Kinder ist Türke…diese Mentalität ist lebhaft…ich habe immer versucht, einen Mittelweg zu finden.
In der Türkei sind Kinder etwas sehr Wertvolles…allerdings finde ich es nicht schön, dass die kleinen Kids auch noch spät abends überall mit hingeschleppt werden. Da es aber in südlichen Ländern fast völlig normal ist, sind diese Kids nicht allein, denn die meisten Eltern nehmen ihre Kinder ja mit…also haben sie immer jemandem zum Spielen…in Deutschland undenkbar. Nimm ein Kind im Sommer mit in eine Kneipe…wie wirst du angeguckt ?
Es wird das Einzige Kind sein dort.
Das ist traurig…und ein Zeichen für das schlechte Gewissen
der Eltern, die hinter ihrem Erfolg herrennen und ihre Kinder
aus den Augen verlieren.
Ja, das finde ich auch. Aber vielleicht sind es nur wenige
Elternpaare, die diese Kinderfeindlichkeits-Suppe in der
Gesamtheit nicht wirklich verderben, oder?
Puh…ich bewege mich ungern aufs Glatteis 
Ich kenne viele Eltern, die so leben…die ihre Kinder aus den Augen verlieren bzw. sie hinten anstehen lassen, hinterm ihrem ganzen Ruhm, dem gesellschaftlichen Erfolg und so weiter.
Auf manches Angebot der Stadt und Schule möchte ich nicht
verzichten.
Nein, natürlich nicht.
Es gibt auch hier Extreme. Wichtig ist doch nur, sein Kind im Auge zu behalten…wenn das Kind dann gerne von einem „Termin“ zum nächsten möchte und es ihm dabei gutgeht…bitte.
Es gibt aber eben auch Kinder, denen das überhaupt nicht bekommt. Und da ist es dann an den Eltern, dies zu spüren und rechtzeitig die Bremse zu ziehen.
Ich denke, es ist weder gut, ein Kind ständig und immer zu betreuen und es nicht wirklich auf die Welt vorzubereiten…noch kann es gut sein, ein Kind ständig in der Weltgeschichte herumreisen zu lassen.
Hauptsache meine Kinder kommen noch zum Spielen.
Genau…und wir werden als Mütter schon sehen, wie viel unseren Kindern bekommt, wenn wir es denn sehen wollen…
Aber dies scheint keine allgemeingültige Wertvorstellung zu
sein. Wie siehst Du dies?
Nein, leider nicht.
Die Wertvorstellungen vieler Eltern sind verschoben…solange Eltern auf ihre Kinder eingehen und uneingeschränkt für sie da sind, können sie auch ihrem Erfolg hinterherjachten…nur klappt das so in den wenigsten Fällen.
Weißt du, selbst eine alleinerziehende Mutter, die jeden Tag 8 Stunden arbeiten muß und natürlich auch ihre ureigenen Bedürfnisse hat, kann ihrem Kind gerecht werden, wenn sie das Gefühl vermittelt, dass das Kind ihr das allerwichtigste ist, dass sie es uneingeschränkt liebt, indem sie die wenige Zeit, die sie mit dem Kind verbringen kann, sinnvoll nutzt, auf die Wünsche und Bedürfnisse des Kindes eingeht, ohne sich selber aufzugeben. Das ist schwer, ich weiß, wovon ich spreche, aber es geht…wenn man es wirklich möchte und den Sinn versteht.
Ich erlebe oft gerade die Kinder, die unter weniger guten
finanziellen Bedingungen aufwachsen als die, die ich sehr viel
„verträglicher“ finde, mit denen ich besser umgehen, mich
besser unterhalten kann.
Wahrscheinlich muß man dabei aufpassen, dass sich bei einem
keine Vorurteile einschleichen.
Da hast du Recht…
Es mag sein, dass sowohl bei wohlhabenden als auch bei den
finanziell schlecht gestellten Familien bestimmte ähnliche
Lebensgewohnheiten und Lebenseinstellungen zu finden sind.
Aber das ist wie immer eine Frage wie die Leute sind, es gibt
nette Reiche und nette Arme.
Ich meine hier aber Eltern, die Geld haben und auf Kosten der Kinder noch mehr Geld, noch mehr Ruhm und Erfolg suchen.
Denen es dadurch schlicht an emotionaler Intelligenz mangelt.
Vielleicht kann man sie „Neureich“ nennen ?
Was ich zum Ausdruck bringen wollte ist, dass
Oberflächlichkeit und dieses nach außen hin mehr scheinen
wollen im Umgang mit Kindern (immer chic gekleidet, hat immer
das Neueste, was der Markt zu bieten hat…) - aber sonst
menschlich vernachlässigt mich beunruhigt.
Genau das meine ich auch…da kann mir einer erzählen was er will, natürlich ist es oft schwer für die Kids, wenn sie in der Schule gehänselt werden wegen „fehlender“ Markenklamotten…aber wenn ein Kind von den Eltern die nötige Liebe und Aufmerksamkeit bekommt, wird es ein bißchen besser damit umgehen können.
Auch das sind meine Erfahrungen…ich habe viel im Second-Hand-Laden gekauft…die Sachen war gut in Schuß, da diese Eltern, die ihren Kids solche teuren Sachen kaufen, ja auch recht viel kaufen, so daß die einzelnen Stücke weniger getragen sind.
So konnten meine Söhne gut damit leben, einige Markenklamotten zu haben und auch eben normale Kleidung…nur bei den Schuhen war ich immer sehr eigen, die habe ich nie getragen gekauft…aber das ist so eine Macke von mir, mal ganz abgesehen davon, dass ein getragener Schuh aus orthopädischer Sicht nicht gut ist, mag ich billigste Schuhe auch nicht leiden.
Und dann kann man schon auch seinen Kindern vormachen, wie man mit Kleidung umgeht, um ein wenig länger etwas davon zu haben…mit Ausnahmen natürlich, denn Kids sollten spielen dürfen, da geht schonmal was kaputt.
Es ist auffällig, wie viel Gewalt unter noch relativ kleinen
Kindern besteht…oft sind das die Kinder reicher Eltern oder
aber die Kinder, in deren Familien es weder Geld noch
Emotionen gibt.
Ja, die Gewalt unter den Kindern ist ein Thema für sich. Ich
habe auch hin und wieder Kinder von ausländischen Eltern als
gewalttätig erlebt. So wie ich meine türkischen Kollegen
erlebe, glaube ich, dass es in türkischen Familien sehr
gefühlsbetont zugeht.
Das kann ich so nur bestätigen…und Gewalt ist u.a. leider ein Ausdruck der Gefühle.
Meine Kinder wurden weder von mir noch von ihrem Vater oder den Großeltern jemals geschlagen…die Gewalt untereinander ist aber nicht weg zu reden.
Auch hier kommt es sehr auf das Umfeld an. Meine Söhne gingen auf eine Schule, die zwar pädagogisch gut geführt wurde, in der aber auch viel Gewalt herrschte.
Also haben wir die Kids auf einer anderen Schule angemeldet, denn ich bin nicht der Typ, der sagt
" Wenn dich einer haut, mußt du noch viel doller zurückschlagen…!"
Sicher müßen sie lernen, sich zu verteidigen…und sicher gibt es Kinder, die nur diese Sprache verstehen…aber erstmal möchte ich, dass meine Kids lernen, sich anders zu wehren.
Hauen ist ein Anzeichen von nicht-mehr-weiter-wissen. Wenn es
bei einem Kind zur Regel wird, sich mit Schlägereien
durchzusetzen (denke an den Mehmed aus München), hat dies
seine Ursachen.
Und seine Folgen…diese Kinder werden zu Außenseitern in unserer Gesellschaft.
Ein Kinderpsychologe erzählte mir mal von seiner Arbeit. Er
fand es besonders traurig, dass er immer mehr Kinder zu
betreuen hat, die keine Skrupel mehr kennen. Sie hauen, und
können nicht aufhören.
Deniz, mein älterer Sohn, fiel durch seine ungeheure Agressivität im Kindergarten auf…er selber hat keine Gewalt zu spüren bekommen, weder zuhause noch im Kindergarten.
Es war ein Zeichen seiner Ohnmacht wegen meiner Trennung von ihrem Vater.
Er hat auch nicht mehr aufgehört, wenn er ein Kind beim Wickel hatte…das war ganz schlimm…wir haben ihn dann für einige zuhause behalten und waren mit ihm beim Psychologen.
Er wurde aber erst ruhiger, als wir dann endlich getrennt waren und er wußte, was los ist. Diese Unsicherheit hat ihn wohl völlig fertig gemacht.
Sind manche Kinder wahre Zeitbomben, die als Erwachsene in die
Luft gehen?
Ja Claudia, so schlimm das auch klingt, aber ich denke, es ist so…nur, was macht man dagegen ?
Liebe Grüße,
Vanessa