Bald wird es mir lästig. Gerade habe ich in der Zeitung gelesen, dass der Außenminister Fischer bei der Eröffnung des UN-Weltkindergipfels in Berlin darauf hinwies, dass 1,1 Mio. Kinder von Sozialhilfe leben, und dies eines der Indizien für die kinderfeindlichkeit unseres Landes ist.
Was mich nun daran stört?
- Es gibt soviel ärmere Länder auf der Erde, die ich als kinderfreundlicher empfinde als wir es sind. Materialismus ist für mich schon lange kein Maßstab dafür, ob unsere Kinder es gut haben bei uns in unserer Gesellschaft - in unserer Gemeinschaft.
Soviele Kinder in der Klasse meiner Tochter sind den ganzen Nachmittag im Hord. Kinder wohlhabender Doppelverdiener, reich an Spielzeug, Fahrzeug, Unterhaltungselektronik, die ihren Reichtum nur am Wochenende nutzen können, wenn Zeit dafür ist. - Dank unserer Angebote können Kinder Kenntnisse und Erfahrungen sammeln wie noch nie, mit all dem dazugehörigen Stress.
Mir tun manche Kinder leid, die vor lauter Nachmittagsaktivitäten (Musik, Sport, Tanz…) und den dazu gehörigen Auftritten keine Zeit für gegenseitige Besuche bei Klassenkameraden haben. Was ich befürchte ist, dass unsere Kinder zu egozentrischen Schlauköpfen mutieren, auf dem sozialen-emotionalen Gebiet so intelligent, wie ein Reptil. - Und noch etwas nervt mich. Wir reden uns zu Kinderfeinden. Aber das sind wir nicht. Ich kann jetzt nur von meinem Umfeld reden, wo ich sehr engagierte Eltern erlebe, die für ihre Kinder nur das Beste wollen. Ja mehr noch, die Kinder sollen es besser haben als sie es gehabt haben - naja, ehrlich gesagt, gehöre ich auch dazu.
So wie ich momentan unsere deutsche Gesellschaft erlebe, möchte ich sie nicht als ausgesprochen kinderfeindlich gezeichnen. Unsere Schwierigkeiten, und daraus entstehenden Nachteile für unsere Kinder, sind so vielschichtig und subtil, dass die Schublade meines Erachtens nach nicht die Aufschrift „Kinderfeindlichkeit“ verdient.
Aber wie soll man es sonst nennen?
Nichtsdestoweniger gibt es an der Tatsache, dass soviele Kinder von Sozialhilfe leben müssen nichts Gutes zu finden. Aber das ist ein anderes Problem.
Wie seht Ihr das?
Viele Grüße
Claudia
