Hi
Soo sehe ich das auch!
SPIEGEL ONLINE - 27. April 2001, 12:37
Deutschland muss Einwanderungsland werden!
Von Rainer Münz
Ohne Zuwanderer droht Deutschland Vergreisung und wirtschaftlicher Absturz. Zum Auftakt einer SPIEGEL-ONLINE-Serie über die Herausforderungen durch eine neue Einwanderungspolitik, beschreibt der Bevölkerungswissenschaftler Rainer Münz, warum die Deutschen beim Umgang mit Ausländern radikal umdenken müssen.
Deutsch-polnischer Grenzübergang in Frankfurt an der Oder
Berlin - Die Deutschen werden immer älter. Denn die Lebenserwartung steigt. Und die Deutschen werden weniger. Denn unsere Kinderzahlen sind niedrig wie nie zuvor. Noch hat das Land die Rekordzahl von über 82 Millionen Einwohnern. Doch nun beginnt die Bevölkerungzahl zu schrumpfen. Wahrscheinlich werden hier nie wieder so viele Menschen leben wie heute. Das lässt sich jetzt schon vorhersagen. Trotzdem kann sich kaum jemand vorstellen, was das konkret bedeutet: ein Minus von 7, von 10 oder von 15 Millionen Einwohnern.
Müssen hier so viele Menschen leben?
Wo ist das Problem? Wer je auf Deutschlands Autobahnen im Stau stand oder im ICE keinen Sitzplatz mehr fand, hat sich zweifellos schon gefragt: Müssen hier so viele Menschen leben? Eine geringere Zahl von Deutschen könnte - zumindest theoretisch - unsere Lebensqualität verbessern. Wir hätten mehr Platz. In der Praxis ist davon allerdings nicht viel zu bemerken. Denn derzeit nimmt erst einmal die Zahl der Kinder und Jugendlichen ab. Das Gedränge auf Autobahnen und in Zügen wird dadurch nicht kleiner. Stattdessen schließen Berlin und andere ostdeutsche Länder immer mehr Schulen. Westdeutsche Bundesländer werden diesem Beispiel folgen.
Interaktive Grafiken:
Einwanderer in Deutschland - Wie viele? Wo? Woher?
Deutschland ohne Nachwuchs: Drei Szenarien für einen Raum ohne Volk
Als nächstes wird die Zahl der Menschen im Erwerbsalter sinken. Auch dies verheißt keineswegs mehr Lebensqualität. Zwar wird die Arbeitslosigkeit in den kommenden Jahren abnehmen, weil es in Deutschland weniger Junge gibt, die die Schule verlassen, als Alte, die neu in Rente gehen. Zugleich verteilt sich aber die Finanzierung von Renten- und Krankenversicherung auf immer weniger Schultern.
Die Nachfrage nach Immobilien und langlebigen Konsumgütern wie Autos oder auch Küchengeräten sinkt. Mit einer dynamisch wachsenden Wirtschaft ist dann höchstwahrscheinlich nicht mehr zu rechnen. Wer daran zweifelt, kann schon heute in weiten Teilen der neuen Bundesländer besichtigen, wie ein schrumpfendes und langsam vergreisendes Deutschland ohne Zuwanderer aussähe.
Weniger Erwerbstätige, aber mehr Aufgaben
Auch bei insgesamt abnehmender Bevölkerung wird die Zahl der über 60-Jährigen noch über das Jahr 2040 hinaus zunehmen. Denn die Kinder des Baby-Booms der späten fünfziger und sechziger Jahre werden alle gemeinsam alt. Sie stellen heute die größte Gruppe einer alternden Erwerbsgeneration. Und sie werden alle nach dem Jahr 2020 in Rente gehen wollen. Auf sie folgen geburtenschwache Jahrgänge. Deshalb gibt es heute in Deutschland deutlich mehr 40-Jährige als 10-Jährige. Und 2030 wird es mehr 70-Jährige als 40-Jährige geben. Die Erwartungen sind hoch: Die Jüngeren sollen mehr Güter und Dienstleistungen produzieren, die Renten finanzieren und damit die Älteren versorgen.
© DER SPIEGEL
Grafik: Einwanderungsbedarf
Die Jüngeren von morgen sollen eine wachsende Zahl gebrechlicher Menschen pflegen. Außerdem soll die jüngere Generation selber Kinder bekommen und großziehen. Schließlich gibt es seit der Rentenreform noch eine weitere sehr konkrete Erwartung. Die Kinder und Jugendlichen von heute müssen in einem Vierteljahrhundert all jene Aktien, Immobilien und Fondsanteile kaufen, mit denen die heute Aktiven für das Alter vorsorgen. Sonst verlieren die vermeintlich lukrativen Kapitalanlagen mangels Nachfrage an Wert, und es gibt keine attraktiven Zusatzrenten. Damit hat auch die private Vorsorge ihren ungeschriebenen Generationenvertrag.
Wir müssen es wollen
Ohne jede Zuwanderung hätte Deutschland in 50 Jahren aber nur noch 58 Millionen Einwohner; davon immerhin 40 Prozent im Alter zwischen 60 und 100 Jahren. In dieser Situation lässt sich nicht mehr fragen: Wollen wir ein Einwanderungsland werden? Jetzt ist klar: Wir müssen es. Und wir müssen es wollen.
Bis Mitte des 21. Jahrhunderts würde in Deutschland - ohne Zuwanderung - die Zahl der Menschen im Alter zwischen 20 und 60 Jahren von 46 auf 27 Millionen schrumpfen: ein Minus von fast 20 Millionen. Wollten wir das ausgleichen, dann bräuchten wir pro Jahr eine Netto-Zuwanderung von rund 400.000 Personen. Das wäre mehr als doppelt so viel wie die Netto-Zuwanderung im Durchschnitt der vergangenen 50 Jahre. Zuwanderung dieser Größe ist freilich nur sinnvoll, wenn es für die Mehrzahl dieser Zuwanderer auch Arbeitsplätze gibt. Oder wenn sich sehr viele von ihnen erfolgreich selbständig machen können.
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Grafik: Einwanderung nach Deutschland
Eine ungedeckte Nachfrage nach Arbeitskräften gab es in Westdeutschland zuletzt in den sechziger und frühen siebziger Jahren. Damals holte die Bundesrepublik junge, gesunde, aber wenig qualifizierte Gastarbeiter aus dem Mittelmeerraum ins Land. Die DDR folgte in den achtziger Jahren diesem Beispiel. Sie warb Vertragsarbeiter aus der Dritten Welt an. Heute mangelt es an Fachkräften. Zugleich gibt es allerdings derzeit noch eine große Zahl an Arbeitslosen, an Personen im Vorruhestand und an nicht erwerbstätigen Frauen. Diese Reserve kann und wird aller Voraussicht nach mobilisiert werden, um den kommenden Mangel an Arbeitskräften zumindest teilweise auszugleichen. Wir benötigen also keine neuen wenig gebildeten Gastarbeiter im traditionellen Sinn.
Für eine dynamische Volkswirtschaft unverzichtbar
Umso dringender ist aber der Bedarf an qualifizierten Zuwanderern, die sich auf Dauer bei uns niederlassen. Nur mit ihrer Hilfe kann es gelingen, die absehbar immer geringere Zahl deutscher Schulabgänger, Lehrlinge und Studenten auszugleichen. Für eine dynamische Volkswirtschaft sind sie unverzichtbar. Deutschland muss also Einwanderungsland werden. Der erste Schritt dazu ist ein zukunftsweisendes Einwanderungsgesetz. Es soll klar regeln, wer auf Zeit und wer auf Dauer zu uns kommen darf. Hier sind Regierung, Bundestag und Bundesrat am Zug, sobald die Zuwanderungskommission des Bundes unter Vorsitz von Rita Süssmuth im Sommer einen konkreten Vorschlag macht.
Qualifizierte Migranten können sich ihr Land aussuchen
Doch damit allein ist es nicht getan. Zuwanderung muss von einer Mehrheit der Einheimischen akzeptiert werden. Sonst bleibt das beste Einwanderungsgesetz Makulatur. Das wird die eigentliche Herausforderung. Der großen Mehrzahl der Deutschen muss klar werden, dass geregelte Zuwanderung nicht bloß den Migranten etwas bringt, sondern vor allem im Interesse der Einheimischen ist. Sonst brauchen wir im weltweiten Wettbewerb um die besten Köpfe den roten Teppich für die benötigten Zuwanderer gar nicht erst auszurollen. Fehlt die breite Zustimmung der Bevölkerung, dann können wir Zuwanderer in größerer Zahl weder aufnehmen noch erfolgreich integrieren.
Das Signal muss heißen: Ihr seid erwünscht
Wir brauchen also nicht nur ein modernes Einwanderungsrecht. Noch wichtiger ist die gesellschaftliche Akzeptanz. Ohne sie wird Deutschland kein attraktives Ziel für qualifizierte Migranten. Denn diese werden sich in Zukunft das Land aussuchen können, in dem sie leben und arbeiten wollen. Deshalb muss von uns jetzt das klare Signal ausgehen: Ihr seid erwünscht!
Rainer Münz ist Professor für Bevölkerungswissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität und Mitglied der Regierungskommission Einwanderungspolitik unter Leitung von Rita Süssmuth.
Lesen Sie Montag: „Sonst wandert der Wohlstand aus!“ - Die Industrie fordert Zuwanderung
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******* Ende Meldung **********
…wenn man dazu deren Grafiken sieht- siehe Spiegel-online.de-
ist die zwingende Zuwanderung unvermeintlich, ja sogar notwendig, da die BDR soo nicht ueberlebt, in keiner Beziehung.
Wer bessere Argumente hat, Ok, bitte melden.
Bye
Hans