Diagnose 'Münchhausen-Syndrom' loswerden

Liebe Experten,

meiner Schwester haftet seit kurzem die Diagnose „Münchhausen“ an. Sie hat, zugegebenermaßen, eine sehr lange und komplizierte Krankengeschichte; zuletzt war sie fast über ein Jahr stationär aufgrund von Wundheilungsstörungen im Kniebereich (nach Wechsel der Endoprothese). In der Klinik hat man sich im Grunde nicht um sie gekümmert; sie hat zwar relativ viele Schmerzmittel (allerdings kein BTM!) dort bekommen, aber Ärzte hat sie selten gesehen.

Aufgrund eines etwas komischen Keimstatus wurde dann von den Ärzten die artifizielle Störung angesprochen und meine Schwester einem psychiatrischen Konsil unterzogen. Der Psychiater, den ich selber kennen gelernt habe, hat sich gerade einmal eine Stunde mit ihr unterhalten und dabei vier Fragen gestellt; ich würde behaupten–nachdem auch ich mit seiner Art überhaupt nicht zurechtkam–dass er von vornherein die Diagnose als richtig angesehen hat. Jedenfalls war ihm die Anamnese nur unzureichend bekannt; lediglich einige passende Details hatte er parat; die unpassenden nicht.

Meine Schwester wurde im Rahmen eines Eilverfahrens einem Betreuer unterstellt und die Einweisung in die geschlossene Abteilung angeordnet. Durch Zufall hatten wir es als Familie geschafft, sie vier Stunden vor dem Eilbeschluß in eine andere Klinik zu verlegen, deren Ärzte sich auch gegen die Einweisung verwahrt haben, da sie keine Notwendigkeit sahen.

Inzwischen geht’s ihr wieder gut, die Schmerzmittel sind fast abgesetzt-- aber die Diagnose bleibt, da es kaum Psychiater gibt, die sich dem Urteil einer Universitätsklinik widersetzen; es wird einfach angenommen, dass die Diagnose schon stimmen wird, und dass diese Diagnose nicht „einfach so“ gestellt wird. Und so lange sie nicht zugibt, sich selbst manipuliert zu haben, hört ihr, im Grunde, auch keiner zu-- sie gilt als untherapierbar und betreuungspflichtig (obwohl sie sich bereitwillig einer Psychotherapie unterzieht und sich auch psychiatrischen Untersuchungen nie verweigert hat).

Kann man diese Diagnose überhaupt loswerden und zu einem normalen Leben zurückfinden?

Danke!

Hallo

Rechtlich kenne ich mich da nicht besonders gut aus.
Wenn ich in Wikipedia lese, wird sie gut behandelt, sofern denn die Diagnose richtig ist.
Ich verstehe auch, das es Euch peinlich ist, bzw. Ihr etwas tun möchtet, wenn Sie in dieser Form „eingelocht“ wird.

Normalerweise kann man bei Unsicherheit eine zweite Meinung einholen.
Auch wenn es heißt „Universität“, heißt das noch nicht „unfehlbar“.
Psychologen haben nach meiner Meinung sowieso nur eingeschränkte Möglichkeiten, in vielen Fällen erscheinen sie sogar als ausgesprochene Nieten. (Gerichtsgutachter in der Presse)

Also ich würde sagen, das Ihr als Verwandte ein gewisses Recht habt, eine zweite Meinung einzuholen, und das andere wäre dann ein rechtliches Problem, evtl. einmal im Rechtebrett posten.

Meine ganz persönliche Meinung ist aber, das es ein Problem der Zugänglichkeit oder der Kommunikation zum Kranken und auch mit den Ärzten gibt.
Hier möchte ich Beispielsweise nur einmal erwähnen, das jemand, der hierzulande die Unwahrheit sagt, gleich als sowas wie Verbrecher abgestempelt wird, was nicht in jedem Kulturkreis so ist, und was eigentlich auch Ausdrucksformen betrifft.
Vielleicht geht es dem Patienten auch um ein Fehlen von Zuwendung, Freundschaft und Liebe, was dann in diesem Zusammenhang anscheinend fiese Folgen hat.

MfG
Matthias

tips
hi,

es liegt eins auf der hand: wenn man sich an einen arzt wendet, vertraut man ihm in sachen fachlichkeit. man hofft, die richtige hilfe zu bekommen und erwartet eine behandlung. dazu soll auch eine diagnose gestellt werden.

das passiert dann auch.

eine diagnose wieder „loszuwerden“ ist schlecht möglich, wenn man vorher nach einer gefragt hat.

das thema könnte eher lauten: feststellung einer genaueren differentialdiagnose (so der terminus tecnicus).

ärzte und therapeuten können diagnosen stellen, und auch verdachtsdiagnosen und diffenrenzialdiagnosen.

im übrigen sind sie rechtlich verpflichtet, diagnosen dem patienten vor beginn einer psychotherapeutischen behandlung mitzuteilen, das wissen nur die wenigsten, der patient hat auch das recht auf akteneinsicht in die dokumentation des therapeuten, das alles bringt jedoch nichts ausser ärger, man sollte den behandelnden arzt/ therapeuten auf die genaue differenzialdiagnose ansprechen und sich einen behandler suchen, mit dem das möglich ist.

wichtig: im falle der artifizielllen störung gehören häufige arztwechsel und plötzliche behandlungsabbrüche zum teil der störung, sie sind ein symptom. man sollte also im gespräch erwähnen, dass es im moment darum geht, die verschiedenen aspekte einer genauen diagnose besprechen zu wollen und nicht einfach abbrechen zu wollen. es wird schwierig sein, das glaubhaft zu machen. es besteht aber auch die möglichkeit, dass deine schwester auch die familie täuscht und vielleicht tatsächlich die richtige diagnose hat und euch einsetzt, um weitere behanlungsabbrüche zu initiieren…

die artifizielle störung gehört zu den schwierigsten und komplexesten diagnosen. trotzdem spricht nichts gegen den wechsel zu einem arzt, der vernünftig, d.h. OFFEN mit euch spricht, das ist das mindeste.