Hab ich gerade bei Spiegel-online gefunden:
http://www.spiegel.de/spiegelspecial/0,1518,543205-2…
„Dialog mit Außerirdischen“
Von Peter Wensierski
Den beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland kommt eine Schlüsselrolle zu für das künftige Miteinander von Deutschen und Muslimen. Während sich die führenden Repräsentanten um Grundsatzfragen streiten, will man an der Basis die Fremdheit überwinden.
Der Mainzer Kardinal Karl Lehmann, ein hochintellektueller Theologieprofessor, ist normalerweise wortgewaltig und beredt. Doch schon ein paar Schritte vor seiner Haustür hat er zur Kenntnis nehmen müssen, dass solche Fähigkeit nicht immer weiterhilft: „Jedes Mal, wenn ich im Talar zum Dom ging“, erzählt der katholische Oberhirte, „und an einem bestimmten Kebab-Stand vorbeikam, stand da ein Orientale vor der Tür, der hatte ein Messer in der Hand. Und wenn er mich gesehen hat, machte er immer eine Geste des Halsabschneidens.“
Der Kardinal hat ein- oder zweimal versucht, mit dem bärtigen Andersgläubigen ins Gespräch zu kommen. Doch Lehmann resignierte: „Er konnte kein Wort Deutsch, und ich konnte kein Wort Türkisch oder Arabisch.“
So schnell kann ein christlich-muslimischer Dialog zu Ende sein.
KIRCHEN ZU MOSCHEEN?
Öffentliches Aufsehen erregte die parteilose Hamburger Kultursenatorin Karin von Welck Anfang März mit der Idee, christliche Gotteshäuser lieber an islamische Gemeinden zur Umwidmung in Moscheen abzugeben als abzureißen. Welck, die 2009 Präsidentin des Evangelischen Kirchentags sein wird, begründet ihren Vorschlag mit der klammen Finanzlage der christlichen Großkirchen - sie verlieren seit Jahrzehnten massiv Mitglieder und Steuereinnahmen. Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland kann der Welck- Idee aber nichts abgewinnen: Es entstehe der Eindruck, „die Christen würden vor dem Islam zurückweichen“. Auch Islam- Vertreter reagierten sehr reserviert.
Inzwischen hat der Besitzer des Ladens gewechselt, der neue grüßt freundlicher, doch Katholik Lehmann ist ins Grübeln gekommen. „Ich glaube“, sagt er, „dass wir in Fragen der Integration ungeheuer sorglos waren und die sprachliche Dimension der Begegnung total unterschätzt haben.“
Diese Selbstkritik teilen inzwischen viele Glaubensbrüder in beiden großen christlichen Kirchen des Landes. Man bemüht sich allerorten, den Dialog zwischen Christen und Muslimen besser als in der Vergangenheit zu gestalten. Doch mit der Sprache und der richtigen Formulierung hapert es auch an höherer Stelle, jenseits der Döner-Buden. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) löste helle Empörung unter Muslimen aus, als sie vor eineinhalb Jahren die Handreichung „Klarheit und gute Nachbarschaft. Christen und Muslime in Deutschland“ veröffentlichte. Das laut EKD-Zentrale „gut gemeinte Werk“ vergiftet das Verhältnis zwischen führenden Protestanten und Muslimen bis heute. „Unzulässige Verallgemeinerungen“, „reine Angstmacherei“ und „Profilierung der Protestanten auf Kosten der Muslime“, lauteten die Vorwürfe des Koordinierungsrats der Muslime. Die Handreichung spreche „von Muslimen wie von Außerirdischen, die gerade erst auf der Erde gelandet seien“, kritisierte auch die in Istanbul geborene SPD-Bundestagsabgeordnete Lale Akgün.
Ein versöhnlich gemeintes Spitzentreffen in der Mannheimer Yavuz-Sultan-Selim-Moschee mit dem EKD-Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber und dem Koordinierungsrat der Muslime endete im vergangenen Mai ebenfalls konfrontativ. Der Vorsitzende des Islamrats, Ali Kizilkaya, meinte nach dem Schlagabtausch: „Die Irritationen sind nicht aus der Welt.“
Der Streit setzte sich auf dem Evangelischen Kirchentag in Köln fort, beim Dialog zwischen Bischof Huber und Bekir Alboga vom türkischen Moscheeverein Ditib. Huber stichelte, sein muslimischer Gesprächspartner solle ihm doch mal „die Sitzordnung in der Moschee erklären“, die Frauen auf eine Empore oder ganz aus dem Gebetsraum verbanne. Dialogpartner Alboga erwiderte, der Koran betone die Menschenwürde der Frauen. Huber konterte: Religionsfreiheit müsse für Muslime in Deutschland und für Christen in der Türkei gelten. Dafür erhielt der EKD-Chef frenetischen Applaus, während sein muslimischer Gesprächspartner von den mehr als 2000 Zuhörern mit Pfui- und Buhrufen bedacht wurde. Konfrontation als Dialog.
Doch auch aus den eigenen Reihen hagelte es Kritik: 14 Professoren, meist der evangelischen Theologie, befanden, die EKD habe „einen Scherbenhaufen angerichtet“. Der Ton, hieß es, sei „sehr befremdlich“ und klinge „evangelikal“ - sprich erzkonservativ. Es müsse dringend eine Revision erfolgen. Die gibt es bis heute nicht.
Schon drei Jahre zuvor hatten die Katholiken eine „Arbeitshilfe“ zum Thema „Christen und Muslime in Deutschland“ herausgebracht. Diese Schrift wiederum wurde - anders als die der Protestanten - als zu konziliant kritisiert, ohne eine eigene Stellungnahme der Katholiken zum Konflikt zwischen der islamischen Rechtsordnung Scharia und dem Grundgesetz, zur Religionsfreiheit oder zur Stellung der Frau. Es werde nur beschrieben und referiert, dem Leser sei hinterher vollkommen unklar, was richtig und was falsch sei.
Von oben haben beide großen Kirchen noch keine zufriedenstellende Orientierung für das Miteinander von Christen und Muslimen in Deutschland vorgeben können: zu milde das eine, zu scharf das andere Votum.
Entsprechend schwankend sind die öffentlichen Stellungnahmen katholischer wie evangelischer Bischöfe. Der Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke etwa wehrt sich vehement gegen konkrete Veränderungen in der religiösen Landschaft. Er ist gegen die Einführung eines muslimischen Feiertages oder gegen ein „Wort zum Freitag“ im Fernsehen, das Muslime schon länger als Pendant zum christlichen „Wort zum Sonntag“ einfordern. Im ZDF war darüber kürzlich schon intern diskutiert worden.
Jaschke hält strikt dagegen: „Ich möchte unsere gewachsene Kultur erhalten. Dazu gehören der Sonntag, die Feiertage, Kirchen mit Glockengeläut, Religion in den Medien. Ein Minarett soll den Kirchturm nicht verdrängen, ein öffentlicher Muezzin-Ruf passt nicht in unsere Gesellschaft.“
Doch wie sieht sie aus, „unsere“ Gesellschaft in den Vororten und Randbezirken der deutschen Großstädte wie Hamburg, Berlin, Frankfurt am Main oder Duisburg? Selbst in zentraleren Stadtteilen wie Köln-Kalk oder Köln-Ehrenfeld, wo einst der Luxuswagen Horch produziert wurde und viele urdeutsche Industriebetriebe das Stadtbild prägten, reihen sich heute mehrheitlich Kebab-Häuser, Cafés, Billigläden und türkische Vereinslokale aneinander. Seitdem hier der Bau einer Großmoschee angekündigt wurde, zieht es noch mehr muslimische Familien in den Stadtteil. Schon die letzte Statistik 2006 wies etwa jeden Dritten im Wohnviertel als Einwohner mit nichtdeutscher Herkunft aus. In Köln leben insgesamt 120 000 Muslime, die Einwohnerschaft einer Großstadt.
Hier hilft Bischof Jaschkes Beschwörung „unserer“ Gesellschaft nicht weiter. Die Veränderungen sind dauerhaft und werden durch die Globalisierung wohl weiter beschleunigt werden.
Ist der Bau einer Moschee in solch einem Viertel nun ein Zeichen von Integration oder von Parallelgesellschaft? Was „passt“ in solche Orte? Darauf gibt es deutschlandweit derzeit recht unterschiedliche Antworten.
In Duisburg-Marxloh „passt“ der katholischen Basis sogar die größte Moschee Deutschlands, deren Bau bald abgeschlossen sein soll. Noch in den siebziger Jahren zählten 60 000 Katholiken zu den Marxloher Gemeinden, jetzt sind es nur mehr 3300. Eine einzige kirchliche Trauung im Jahr nimmt der katholische Pfarrer Michael Kemper, 46, vor. Er praktiziert den christlich-islamischen Dialog von unten und scheint dabei erfolgreich zu sein.
Die 75 Kinder seines Kindergartens kommen aus mehr als 20 Nationen. Auch muslimische Eltern bringen ihre Kinder gern in den katholischen Kindergarten. Begründung: „Weil dort wenigstens religiöse Werte vermittelt werden“, wie eine Mutter erklärt. Unlängst habe ihm, erzählt der Pfarrer, eine muslimische Mutter berichtet, dass ihr kleiner Ibrahim am Mittagstisch ein Kreuzzeichen geschlagen und „Komm Herr Jesus, sei unser Gast …“ gebetet habe, wie es ja auch im Kindergarten üblich sei. Die Muslimin sei keineswegs böse darüber gewesen, sondern amüsiert.
Eine andere Mutter erzählte von ihrem Sohn Mohammed, der nach einem Gottesdienst aufgeregt nach Hause gekommen sei. „Wisst ihr was?“, habe er gerufen, „der Nikolaus ist ein Türke.“
Die Kinder des katholischen Kindergartens St. Peter und ihre Erzieherinnen feiern gemeinsam das islamische Zucker- wie das christliche Weihnachtsfest, Ostern so wie Fastenzeit und Fastenbrechen. „Hier trifft sich die nächste Generation Marxloher Bürger“, beschreibt Pfarrer Kemper nicht ohne Stolz seine Arbeit, die für beide Seiten Früchte trage.
In Köln ist der christlich-muslimische Dialog von unten auf katholischer Seite besonders weit entfaltet. Im rheinischen Erzbistum gibt es seit 34 Jahren sogar ein eigenes „Referat für interreligiösen Dialog“. Laut dessen Leiter Werner Höbsch „ist die Arbeit an der Basis die wesentliche Arbeit“. Er hat zwar nichts gegen theologischen Gelehrtenstreit an Akademien, „doch es geht am Ende um ein besseres Miteinander in den Stadtteilen“. Er nennt das „Dialog des Lebens“. Der zielt nicht auf große theologische Fragen, sondern auf die alltäglichen Dinge.
Höbschs Devise: „Die Leute, die Tür an Tür leben, sollen sich im gemeinsamen Handeln kennenlernen und sich gegenseitig als Christen und Muslime wahrnehmen.“
Das habe „nichts mit dem dämlichen Gerede vom Multikulti-Kuschelkurs zu tun“, sagt eine Mitarbeiterin in einem der von Höbsch initiierten Projekte im Stadtteil Köln-Kalk. „Soll denn die Alternative der Multikulti-Knüppelkurs sein?“ Ohne gegenseitige Kenntnis, ohne Beziehungen untereinander gäbe es nur eine „religiöse Aufladung“ im Stadtteil, und jede Krisensituation - wie etwa Anfang des Jahres in Köln-Kalk durch die Tötung eines muslimischen Jugendlichen durch einen Deutschen - „ist dann Sprengstoff ersten Ranges, durch den die Situation außer Kontrolle geraten könnte“.
Das Bild voneinander dürfe sich nicht nur über die Medien prägen, sondern über Nachbarn, die sich jenseits von Vorurteilen ganz konkret kennenlernen. Höbsch: „Jeder ist Botschafter seiner eigenen Religion und wird so zum Maßstab genommen für die jeweils andere Religion.“
„Tür-an-Tür-Projekte“ gibt es in fast allen Kölner Stadtteilen. Die Aktivitäten reichen von Sprachkursen über gemeinsame Ausflüge bis hin zu wechselseitigen Besuchen von Moscheen und Kirchen mit anschließendem Fingerfood-Treffen.
In Köln-Vingst bewerkstelligt ein Franziskaner-Pater, Jürgen Neitzert, die gesamte Jugendarbeit fast im Alleingang. Er redet mit den Muskeljungs über Gewalt, das Verhältnis zu Frauen, über ihre Familien und zieht mit den halbwüchsigen männlichen Muslimen auch gern mal um die Wohnblocks. Der Pater genießt eine hohe Akzeptanz, vielleicht auch, weil er einen Teil des Jahres im Franziskanerkloster von Istanbul verbringt.
Dafür, dass der Dialog mit den Muslimen nicht mehr über Probleme hinwegsieht, garantiert der Kölner Kardinal Joachim Meisner. Er plant demnächst etwas Revolutionäres im größeren Stil. Dazu muss einer der christlichen Kirchengründer herhalten, der Apostel Paulus. Zu dessen 2000. Geburtstag hat Papst Benedikt XVI. ein „Paulusjahr“ ausgerufen, um in besonderer Weise des Völkerapostels zu gedenken.
Paulus hat sich auf seinen Reisen viel in der Türkei aufgehalten und dort Spuren hinterlassen. Die deutschen Bischöfe werden im Herbst 2008 Tarsus, einen Hauptort seines Wirkens, besuchen. Sie empfehlen auch allen deutschen Katholiken Pilgerreisen in die Türkei.
Kardinal Meisner will noch einen Schritt weitergehen: Er möchte ein christliches Pilgerhaus und eine für Gottesdienste offene Kirche in Tarsus. Ein heikler Punkt für die Türkei. Doch Meisner ist zuversichtlich. Schon seit Monaten ist er im Gespräch mit dem türkischen Religionsverband Ditib und anderen muslimischen Stellen. Bisher, so Meisner, gebe es grünes Licht.
Eine Kirche an diesem historischen Ort in der Türkei wäre ein Meilenstein im Verhältnis zwischen Christen und Muslimen.

