Hallo Abraham,
Ich denke es betrifft Dich falls Du heiratest. Denn ich denke
dann wirst Du bestimmt auch die Frage stellen, wie sollen wir
die Ehe sinnvoll gestalten, was machen wir wenn
Meinungsverschiedenheiten auftreten. Ich wuerde gerne deine
Loesungen mal hoeren.
Nun ja. Ich lebe seit 6 Jahren mit meinem Freund zusammen. Das ist also fast wie eine Ehe. Da kann ich in Sachen Gestaltung schon ein bisschen mitreden, denke ich
).
Nun, ich wuerde hier mal gerne die feministischen Grundsaetze
fuer die Ehe kennenlernen!
Feministische Grundsätze (wie z.B. christliche) gibt es nicht. Da hat man es tatsächlich etwas schwerer, da man ja individuelle Lösungen erst finden muss (was natürlich ein wenig Aufwand erfordert). Andererseits hat es den Vorteil, dass man sich nicht in ein vorgegebenes Korsett zwängen muss, sondern die Freiheit hat, eine Ehe (oder Beziehung) zu führen, die dem eigenen Lebensgefühl und der eigenen Lebenssituation entspricht.
Ich z.B. halte die Ehe (ganz unchristlich wie ich halt bin
) lediglich für eine Wirtschaftsgemeinschaft. Darüber hinaus hat sie für mich keinerlei religiöse oder sonstige Bedeutung (deshalb bin ich auch nicht verheiratet). Ob man überhaupt heiratet oder nicht, hängt also sehr davon ab, ob man die staatlichen Regelung (Steuern etc.) übernehmen will, oder lieber eigene Regelungen trifft (kann man auch vertraglich festhalten, wenn um Absicherung etc. geht).
Meine Beziehung betrachte ich im Grunde ein wenig wie ein gutes Team. Über alltäglich Dinge wurde nie viel diskutiert. Da macht jeder seinen Teil (natürlich wird die Hausarbeit geteilt
) und das klappt auch. Diskussionen gibt es nur, wenn grössere Entscheidungen anstehen. Da finde ich es aber auch ganz sinnvoll erst mal zu diskutieren. Man betrachtet das Problem dann nämlich automatisch aus unterschiedlichen Perspektiven. In vielen Fällen ist es damit dann auch erledigt, weil wir am Ende sowieso zu den gleichen Schlüssen kommen und uns einig sind. Sind wir es nicht, wird nach Kompromissen gesucht, mit denen wir beide leben können (mit ein bisschen guten Willen von beiden Seiten, ist das gar nicht so schwierig). Ansonsten gilt der Grundsatz: man muss auch nicht immer alles zusammen machen! Das heisst, wir fahren z.B. auch hin und wieder einzeln in Urlaub (nicht nur, weil wir uns nicht auf ein Ziel einigen können
).
Mir persönlich ist ausserdem meine wirtschaftliche Unabhängigkeit wichtig. Ich denke, dass nur so garantiert wird, dass man sich wirklich auf einer gleichberechtigten Basis gegenübersteht. Hausfrauen werden ja irgendwie zu den Angestellten ihrer Männer. Wenn du an so einen Fall denkst, kann ich deine Argumente sogar nachvollziehen (wenn du ihr ein Kündigungsrecht einräumst
).
Denke ich nicht! Denn Gleichheitsgrundsatz heisst nicht
automatisch dass nicht einer auch das Sagen haben kann. Z.B.
sind wir auch dem Verkehrspolizisten Gehorsam schuldig, sofern
es sein Aufgabenbereich betrifft. Die Frage die ich hier
stelle ist: Kann eine Ehe, wo beide die gleiche
Entscheidungsgewalt haben, funktionieren? Ich kann es mir
nicht vorstellen, aber bitte…wenn Du glaubst dass das
geht…
Doch, das kann sie, wenn beide wollen und es ist noch nicht mal besonders schwer! Und eine Ehe ist schon ein bisschen was anderes, als eine Verkehrskontrolle. Wenn ich besoffen fahre etc., gefährde ich andere. Das tue ich aber nicht, wenn ich eine persönliche Entscheidung z.B. darüber treffe, wie ich mich in den nächsten Jahren beruflich orientieren möchte. Diese u. ä. Fragen sind ein wirklich sehr persönlicher Lebensbereich.
Und da gibt es Grenzen. Ausserhalb dieser Grenzen kann ich mit staatlichen Regelgungen etc. leben. Innerhalb sind die betreffenden Bereiche so persönlich, dass nur noch ich selbst darüber entscheiden kann. Das ist vielleicht ein wenig schwer verständlich zu machen. Aber das sind die Bereiche, die meine Persönlichkeit betreffen (wo entwickle ich mich hin, wenn ich das so mache? Will ich mich dahin entwickeln? Kann ich mich selber noch leiden, wenn ich mich dahin entwickle?). Und diese Bereiche sind in intimen Beziehungen sehr schnell berührt. Deshalb ist da schon Vorsicht angezeigt und man sollte unbedingt klären, inwieweit der Partner bereit ist, den eigenen Weg mitzugehen.
Ich hoffe, es ist ein wenig verständlich geworden, was ich meine.
Viele Grüsse,
Lisa