Hallo reality-vision,
das ist echt eine „komplizierte Kiste“
)
Ich hab erstmal versucht für mich die Experimente zu ordnen…
Das Migram-Experiment unterscheidet sich von der Kiste zunächst in einem wichtigen Punkt: Das soziale Setting.
Bei Milgram waren Personen anwesend, die den Probanden glaubhaft versicherten, sie wären Fachleute. Bis heute ist Milgram stark in der Kritik, zum einen wegen der Frage der ethischen und rechtlichen Grenzen und zum anderen wegen der Verzerrung der Ergebnisse auf Grund des Aufbaus und der Durchführung des Laborexperiments (die üblichen Verdächtigen, bei solchen Experimenten; vgl. dazu Feldexperimente).
Bei z.B. Kelmann (1961) finden sich Faktoren, die zur Beeinflussung von Personen führen kann:
- Die Glaubwürdigkeit
- Die Attraktivität (auf die gesamte Person bezogen, nicht nur auf das Aussehen) und damit das verbundene Identitifizierungsstreben
- Die Macht (über Belohnung und Strafe)
Milgram musste also, um die Personen zu einem Handeln zu bewegen, die Voraussetzung schaffen, dass der Versuchsleiter glaubhaft wirkt. Diese Expertenmacht (French & Raven, 1968), bzw. Informationsmacht könnte die Vpn dazu gebracht haben, die eigene Verantwortung abzugeben, oder zumindest eine Verantwortungsdiffusion aufkommen zu lassen (siehe das Phänomen, dass bei einem Unfall eine Person verletzt am Boden liegt und Menschen vorbei gehen, weil sie denken, sie wären nicht kompetent genug und jemand anderes würde sich um den Verletzten kümmern - hier gibt es aber unterschiedliche Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit das so passiert).
Nicht zu unterschätzen ist die Suggestion und die in der Kommunikation stattfindende operante Konditionierung. Unter bestimmten Voraussetzungen, kann so ein schon auftretendes Verhalten verstärkt werden. Allerdings auch nur unter bestimmten Voraussetzungen.
Dies sind Faktoren, die das Ergebnis des Milgram-Experiments durchaus fragwürdig erscheinen lassen, da die Voraussetzungen dafür, dass Personen mitmachen, auch schon eine Preselektion darstellen kann. Des weiteren sollte man das Experiment in den geschichtlichen Kontext stellen (1960er Jahre).
Es gibt auf Grund der ethischen Probleme und der Probleme im Versuchsaufbau kaum Vergleichsexperimente, so dass bis heute die dort aufgeworfenen Fragen geklärt werden konnten. Das Phänomen der Verantwortungsdiffusion ist gut erforscht und kann auch bei einem solchen Aufbau als Grund für das Handeln herangezogen werden.
D.h. Der Vp ist letztlich nicht klar, bei wem jetzt die letzte Verantwortung liegt. Es hängt von der Vp selber ab, von der Persönlichkeitsstruktur und der Erfahrung mit Autoritäten und Experten und dem Versuchsleiter, ob er die Vp von seinem Expertentum überzeugen kann und ob bei der Vp eine Tendenz zur Identifikation vorliegt. Es ist also ein komplexes Zusammenspiel der Beteiligten und auch des Sets, also der Umgebung (findet das Experiment in einer Universität statt, oder in einer Fahrradwerkstatt - Glaubwürdigkeit).
Der von Dir angeführten Ruhe des Versuchsleiters würde ich eine verstärkende Wirkung der Glaubwürdigkeit als Experte zuschreiben. Der Vl vermittelt ja durch seine Ruhe (selbst wenn ein Mensch vor Schmerzen schreit), dass nichts passiert, was er nicht unter Kontrolle hätte, bzw. dass das sogar zu erwarten ist. Wäre der Vl in Panik geraten und herumgelaufen, hätte er den Eindruck vermittelt, „hier läuft etwas schief, das haben wir nicht kommen sehen“. In dem Fall hätten die Vp vielleicht aufgehört, Stromstöße zu geben. Das genau gehört eben zu den wissenschaftlich diskutierten Problemen des Experiments.
Das Stanford-Experiment würde ich hier komplett rausnehmen, weil es sich um noch komplexere gruppendynamischen Prozesse handelt, die bei der „Kiste“ ja nicht auftreten.
In Deinem Beispiel von der Schule gibt es, im Gegensatz zur „Kiste“, eine klare Anweisung, eine Autoritätsperson (qua Amt), die Macht zu belohnen, bzw. zu bestrafen und junge Menschen, die (je nach Alter) viel beeinflußbarer sind, als Erwachsene (Abiturienten werden anders reagieren als 3. Klässler). Also alles Faktoren, die dazu geeignet sind, Menschen zu einem Handeln zu bewegen, das nicht ihrem eigenen Wünschen entspricht.
Wenn Du nach dem Beweggrund des Handelns fragst, wäre für mich Lewins Feldtheorie dort am angebrachtesten. Im Kern sagt sie, dass bestimmte Felder eine positive oder negative Anziehung besitzen und dass das Handeln durch das „größere Kraftfeld“ bestimmt wird.
(ein klassisches) Beispiel:
Ein Kind steht am Strand und die Wellen haben das Spielzeug, einen Gummischwan, ins Meer getrieben. Das Kind hat aber Angst vor dem Wasser.
Die Handlung des Kindes erfolgt je nachdem, ob die Angst vor dem Wasser (negative Anziehung) oder der Wunsch das Spielzeug wiederzubekommen (positive Anziehung) größer ist.
Der Vorteil dieses Ansatzes ist, dass hier keine interaktionalen Variablen (wie bei Milgram) zu berücksichtigen sind. Es könnte das menschliche Verhalten voraussagen, wenn alle Bedingungen bekannt wären.
Im Bezug auf die „Kiste“ würde das bedeuten, wenn es kein anderes Feld, als den Wunsch gibt, aus der „Kiste“ herauszutreten, wird die Person das tun. Es würde ein anderes Feld benötigt, um dort zu bleiben.
Der durchschnittliche Mensch entscheidet auch nach Sinnhaftigkeit und eigenem Vorteil. Wenn jemand keinen Sinn darin sieht und keinen Vorteil für sich, warum sollte er in dieser „Kiste“ bleiben?
Liebe Grüße
Thorn