Die Kunst des Übersetzens…

…hängt sicher von vielen Faktoren ab, liebe ExpertInnen, die ich hier nicht alle erörtern möchte. Ein Aspekt interessiert mich aber doch: Welche Sprache muss der Übersetzer besser beherrschen - die fremde oder seine eigene? Gute Übersetzer können die eine so gut wie die andere, das ist eh klar. Ach ja, um schöngeistige Literatur geht es mir, nicht um Fachliteratur.

Manchmal beschleichen mich halt Zweifel, wenn ein deutschsprachiger Übersetzer schreibt: „Ist sie dick?“ „Nein, im Gegenteil - klein, zierlich, mollig.“ Ohne jetzt einen Sack Beispiele auschütten zu wollen, stelle ich zwei Thesen auf:

  • Die Beherrschung der fremden Sprache ist wichtig, um die Eigenheiten des Autors herauszuhören.
  • Die Beherrschung der eigenen Sprache ist wichtig, weil niemand die Eigenheiten des Autors herausarbeiten kann, der sich in seiner Sprache nicht gut ausdrücken kann.

Je mehr ich schreibe, desto mehr schwindelt mir. Widersprechen sich die beiden Thesen überhaupt? Bedingen sie sich vielleicht gegenseitig? Wer weiß was?

Hallo Drambeldier,

ich hab in jungen Jahren als literarischer Übersetzter gearbeitet, und mein
damaliger Chef meinte immer, wichtig sei es, die Zielsprache zu beherrschen, also
die, in die du hineinübersetzt. Denn du machst ja aus einem fremdsprachlichen
Werk ein, in dem Fall, deutschsprachiges. Und *das* muss hinterher möglichst
perfekt dastehen, in allen Nuancen. In der Quellsprache musst du nicht perfekt
sein, du musst die Sprache passiv gut beherrschen um Sinn, Stil und Zwischentöne
erfassen können.

Seit einigen Jahren arbeite ich in einem internationalen Unternehmen und komme
öfter mal in die Verlegenheit, für internationale Meetings Werbettexte aus dem
Deutschen ins Englische übersetzen zu müssen oder gar gleich auf Englisch zu
schreiben. Und da merke ich, wie Recht mein damaliger Chef hatte: Es ist
sauschwer, etwas in eine Fremdsprache hineinzuübersetzen. Klar, den Sinn kriegste
irgendwie rüber, aber obwohl ich sehr viel Übung im Englschen habe, habe ich
nicht in jedem Fall das richtige Gespür für die feine Bedeutungsnuancen und
Sprachebenen. Ist das Wort, dss ich verwenden will, zu flapsig, zu hochgestochen,
zu altmodisch? Das kannst du nicht beurteilen als einer, der in der Sprache nicht
lebt, sondern sie halt als Kind gelernt hat und sie seitdem als Zweitsprache
mitschleppt.

Meine Meinung ist daher ganz klar: Der Übersetzter muss in der Sprache perfekt
sein, in die er hineinübersetzt. Den Vorlagentext muss er sehr gut erfassen
können, das reicht.

LG
Edith

Hallo drambeldier,

den Ausführungen von Edith kann ich nur folgen, insbesondere auch in der Unterscheidung von passiv und aktiv.
In der Muttersprache sollte man gut im aktiven Gebrauch sein, die Quellsprache aber zumindest passiv sehr gut beherrschen, aktiv ist nicht ganz so wichtig.

Was eine wirklich gute Übersetzung ausmacht, ist, dass sie sich nicht mehr wie eine Übersetzung liest, sondern wie ein in eben dieser Sprache verfasster Text.

Die meisten, die ich kenne, erreichen in der fremden Sprache nie ganz den Level, den sie in der eigenen hoffentlich behalten und pflegen.
Ein amerikanischer Übersetzer, den ich in Deutschland kenne und der seit seinem 14. Lebensjahr in Deutschland ist, spricht ein extrem gutes Deutsch. Er hat keinen Akzent und auch sein Schriftdeutsch ist tadellos. Was einem nach einer Weile jedoch aufstösst, ist genau das: Er ist ZU Schriftdeutsch, ZU regelkorrekt.

In der Praxis sollte man allerdings noch unterscheiden zwischen einer guten Übersetzung und einem guten Übersetzer. Beides ist nicht unbedingt deckungsgleich. Aber darum, wie man von Übersetzungen leben kann, ging es hier ja auch nicht.

Gruß,
Christiane

Hallo Ralf,

hach! Welch ein schönes Thema…

Nun ja… Ich bin keine Profi-Übersetzerin, übersetze allerdings sowohl beruflich als auch privat recht viel, wobei mir in letzter Zeit einige w-w-w-ler auch das Schöngeistigste überhaupt - nämlich Gedichte! - aufs Auge gedrückt haben, die sie entweder ins Polnische (ich bin Muttersprachlerin) oder aber ins Deutsche übersetzt haben wollten. Uuuuuund: ich schreibe selbst - in beiden Sprachen.

Welche Sprache muss der Übersetzer besser
beherrschen - die fremde oder seine eigene?

Beide gleich gut! Hinzu kommt, daß man wirklich, wirklich, wirklich die Finessen der Sprache, in die man übersetzt, beherrschen muß. Gerade bei Gedichten sollte man auch einen gewissen Rhytmus beibehalten und das ist wirklich nicht einfach. Ebenso wichtig ist es, daß man weiß, wie weit man bei der Übersetzung mit Pathos & Co. gehen kann - dazu wiederum muß man nicht nur die Sprache sondern auch die Mentalität der Menschen, die es lesen sollen/müssen/können/dürfen kennen. Ich persönlich kriege die Krätze, wenn ich sehe, wie die tollen Gedichte von Mickiewicz & Co. verhunzt werden. Grottenschlecht!

Ich habe kürzlich ‚Wie man einen Vogel malt‘ (‚Pour faire le portrait dún oiseau‘) von Jaques Prévert ins Polnische verfrachtet, wobei ich lediglich die deutsche Version und nicht das französische Original kenne. Bzw. ich kenne es schon, aber ich verstehe es nicht. Die Übersetzung kam zwar sehr gut an, aber ich weiß nicht, ob ich es hier und dort nicht anders übersetzt hätte, wenn ich das Original hätte lesen können.

Manchmal beschleichen mich halt Zweifel, wenn ein
deutschsprachiger Übersetzer schreibt: „Ist sie dick?“ „Nein,
im Gegenteil - klein, zierlich, mollig.“

Solche Geschichten liegen eher im modischen Bereich… Was bei uns als Kleidchen in Größe 40 verkauft wird, ist in Italien und Frankreich 46, in Spanien 48 und in Russland gar 52. Wobei sich ‚zierlich‘ und ‚mollig‘ nun wirklich ausschließen…

  • Die Beherrschung der fremden Sprache ist wichtig, um die
    Eigenheiten des Autors herauszuhören.

Stimmt!

  • Die Beherrschung der eigenen Sprache ist wichtig, weil
    niemand die Eigenheiten des Autors herausarbeiten kann, der
    sich in seiner Sprache nicht gut ausdrücken kann.

Stimmt ebenfalls!

Insofern bedingt es sich einander…

Beste Grüße

Renee

Dank Euch allen
…für die Klärung, auch für „Ziel und Quelle“, das erleichtert die Standortbestimmung ganz erheblich.

Gruß Ralf