Die Lebensmittelampel & Soziologie
Hallo T-Rex!
Zumnächst mal:
Ich halte die Ampel auch für völligen Schwachfug - sogar für Kontraproduktiv.
Die „derzeit übliche Kennzeichnung nach GDA“ gehört aber auch in diese Kategorie. Die wurde vom Lebenmitteleinzelhandel sozusagen in vorauseilendem Gehorsam eingeführt, um die Politik schon mal kräftig zu beeinflussen.
Vorgeschrieben ist derzeit gar keine Kennzeichnung, und wenn man freiwillig eine machen will, dann muss sich diese nach Nährwert-Kennzeichnungs-VO auf 100 g beziehen.
Dieser völlig idiotische Bezug auf eine Portion wird (natürlich) gewählt, weil dann die Zahlen besser aussehen. Wobei die Portionsgrößen durchaus nicht nur vom Himmel fallen, sondern sich auch nach den amerikanischen Verordnungen der FDA richten - die machen das nämlich immer schon so, und deren Definition einer Portion erstreckt sich über satte 400 Seiten . . .
Und glaub mir, ich hab in meiner täglichen Praxis noch viel beklopptere Beispiele erlebt.
Die Ampel ist eine europäische Idee, und der Grundgedanke dahinter ist prinzipiell noch nicht mal verkehrt.
Du darfst nämlich nicht von dir auf andere schließen. Du, ich und alle, die sich hier beteiligen, haben sich zumindest ansatzweise mit der Sache beschäftigt und haben wenigstens gewisse Vorstellungen davon, was die einzelnen Nährstoffe sind und wieviel man am Tag davon zu sich nehmen soll/kann/darf und was für Folgen das alles hat.
Aber wenn du dich mal mit offenen Augen auf der Strasse umsiehst, dann - und ich bitte um Nachsicht, wenn ich jetzt zu bewusst bösartigen Formulierungen greife - wirst du sehen, das die meisten Fettklöpse dem unteren sozialen Viertel unserer Gesellschaft angehören. Und die haben keine Ahnung von Ernährung, die interessieren sich nicht dafür, die schauen nicht auf die Zahlen und wenn sie es tun würden, könnten sie damit nix anfangen (Klischee/Pauschalurteil über die breite Masse. In Einzelfällen kann das natürlich anderes sein!).
Und das ist die Zielgruppe der Ampel - denn eine simple rot-gelb-grün Kennzeichnung würde gerade noch innerhalb deren intellektueller Kapazität liegen.
Und nein, die Ampel wird sich nicht auf 100 g beziehen, sondern auch auf eine Portion. Allerdings wird die Portionsgröße dann vom Gesetzgeber festgelegt werden und keinen Spielraum für Pfuschereien mehr lassen (nun ja, natürlich muss man berücksichtigen, das über die Lobbyarbeit bereits im Vorfeld auf die Portionsgrößen Einfluß genommen wird. Daher vermutlich auch der derzeitige Wahnsinn: man will einfach vollendete Tatsachen schaffen - oder wenigstens die Richtung beeinflussen).
Und nein, die Politiker sind sich darüber im klaren, das man völlig verschiedene Lebensmittel nicht einfach vergleichen kann. Derzeit dikutiert man über die Einführung einiger Dutzend bis über hundert verschiedener „Standard-Lebensmittel“ mit Standard-Nährwert-Profilen. Alle realen Lebensmittel müssen dann so gut es halt geht in einen dieser Standards eingepresst werden - und die Ampel bezieht sich dann auf dieses Standard-Nährwert-Profil bzw. die Abweichung davon.
Glücklicherweise geht es in Europa jede Woche in eine andere Richtung (zumindest bei diesem Thema, darüber schwätzen die nämlich schon seit einigen Jahren, ohne auf einen grünen Zweig zu kommen), von daher seh ich das erst mal gelassen.
Der Bezug auf eine junge Frau lässt sich auch mit der Komplexität erklären: So wünscheswert das aus wissenschaftlicher Sicht auch wäre: Pack in die Tabelle noch ein paar Extra-Spalten für Männer, Kinder und Jugendliche, vieleicht noch ein paar für schwerarbeiten/Schwanger etc. - und keine Sau wird sich diesen Zahlenwust noch ansehen. Außer denen, die das nicht bräuchten, weil sie sich eh schon mit der Materie beschäftigt haben.
Der Bezug auf die „Normfrau“ mag zwar für absolute Zahlen nicht korrekt sein - immerhin lassen sich die Lebensmittel damit aber einfach vergleichen. Da sollten wir auch nicht dran rütteln.
Ich persönlich hoffe wirklich inständig, das die Ampel nicht kommt. Denn sie wird lediglich irrsinnig viel Arbeit in der Industrie machen und ständig Fragen aufwerfen, wie welches Lebensmittel zu betrachten ist (was ich dann wieder ausbaden muss). Wirklich was bringen . . . ich hab da so meine Zweifel.
Die Fettklöpse werden das auch weiterhin ignorieren, der interessierte Bürger wird nur verunsichert.
Ernährungswissenschaft zum Schulfach, möglichst ab der ersten Klasse machen, alles andere ist nur rumdoktorn an den Symptomen, aber nicht an der Ursache. Denn das ist die Dummheit, das Desinteresse und die Trägheit der Menschen.
lg, mabuse