Es sei das „Kainsmal eines Regimes, das Machterhalt und Ideologie über Menschenrecht und Menschenwürde gestellt hat“, meint unser aller Bundespräsident zum 40. Jahrestag des Mauerbaus.
Also das verstehe ich ja nun gar nicht. Was will mir Herr Rau damit vermitteln: Dass die übrige BRD der letzten 53 Jahre nicht Machterhalt und Ideologie über Menschenrecht und Menschenwürde stellte, weil wir hier drüben ja so menschenfreundlich waren und sind?!
Seit einem halben Jahrhundert werden wir abwechselnd von zwei Parteien regiert, die in dieser Zeit eifrig daran arbeiteten, unsere Menschenrechte einzuschränken und (auch dadurch) der Menschenwürde eine immer geringer werdende Priorität einräumten. Hier scheint die Politik wohl nur ihre eigene Würde zu meinen, denn nicht umsonst spricht man ja von Würdenträger. Und umsonst ist diese Würde ebenfalls nicht. Im Gegenteil, sie verhilft zu Wohlstand, weshalb es ja auch so gerne heisst, dass der Wohlstand aller gemehrt wurde - aller Würdenträger wohlgemerkt.
Vor allen Rau eilt der Ruf voraus, ein Mann der Verständigung zu sein, doch wie in Zeiten des Kalten Krieges verbreitet man noch immer die westliche Ideologie, wie gut hier alles ist und wie schlecht drüben alles war. Doch die Mehrheit des Ostens wirtschaftswundert sich seit 1989, während die blühenden Landschaften übersichtlich geordnet vor allem auf der Bundesgartenschau in Potsdam zu beobachten sind.
Statt auf Verständigung zu setzen, wird immer wieder gekartet und Spitzen verteilt, damit auch bloss nicht vergessen wird, wie unmenschlich jenes SED-Regime war. Wie bitte? Ja, meine Güte, das wissen die Menschen doch selbst, die hinter Mauer und Stacheldrahtverhauen leben mussten! Dazu brauchen sie keine machtbewussten Westpolitiker, die ihnen das seit elf Jahren permanent aufs Brot schmieren!
Natürlich hat dieses ständige Zitieren seinen Sinn. Zum Beispiel erscheint man selbst als der Gütige, wenn man das vermeintlich Bösartige benennt. Doch zu einer Auseinandersetzung gehören immer mindestens zwei Parteien, und wir wissen ja heute, dass ein Adenauer überhaupt nicht an der Einheit Deutschlands interessiert war.
Statt darüber einmal nachzudenken, wird eifrig weiter Öl ins Feuer gegossen, und die meisten Parteien lassen ja keine Situation aus, um gegen die SED-Nachfolgepartei PDS zu wettern. - Woher nehmen diese Parteien eigentlich dieses völlig überzogene Selbstbewusstsein, sich ein Urteil über die PDS bilden zu dürfen? Ausgerechnet jene, die selbst den Mund halten und in ihre Vergangenheit blicken sollten: die CDU, die CSU, die FDP, die Nazis mit offenen Armen in ihren Reihen aufnahmen und einem sogar an die Spitze dieses Landes verhalfen; die SPD, die sich mit den Militärs und Rechten zusammentat, um Proteste gegen ihre Politik blutig niederzuschlagen; die Grünen, eine Ansammlung von Wendehälsen, die ihre Ideologie man schnell vergisst, wenn Macht und Geld locken.
Damit mich hier nicht wieder einige Leute falsch verstehen (wollen), sei gesagt, dass die PDS keinen Deut besser ist, aber es ist einfach absurd, hier aus machtpolitischem Kalkül eine Partei als das Übel betrachten zu wollen, um weiterhin die eigenen Pfründe ausbauen, die wir ihnen als Bevölkerung widerstandslos - man mag beinahe ‚willenlos‘ sagen - mehr und mehr einräumen, während wir uns gegenseitig über Situationen und Positionen angiften, die wir auf diese Weise gar nicht ändern können.
Marco