Hi!
Um mich auch mal in diese Diskussion einzumischen:
Ja, gerne!
Es nervt mich gewaltig, wenn bei Filmen (wie bei Musik) endlos
analysiert wird, welchen künstlerischen Anspruch diese Werke
(oder einzelne Bestandteile daraus) haben.
Kameraarbeit, inhaltliche Aussage, Musik, Schnitt… all das
sind natürlich elementare Bestandteile der meisten Filme.
Aber ist es nicht viel wichtiger, dass ein Film schlichtweg
UNTERHALTEND ist?
Richtig. Ein Film muss unterhaltend sein (wobei jeder den Begriff „Unterhaltung“ anders definieren dürfte), denn wenn ein Film nicht unterhaltend ist, wird ihn sich niemand anschauen.
Aber wie wird ein Film unterhaltend?
Nehmen wir ein ganz einfaches Beispiel: Einen Film mit einem Rätsel (das sind zumeist Krimis oder Thriller, manchmal auch Grusel- oder Mystery-Filme). Damit solche Filme „unterhaltsam“ sind, muss sich der Zuschauer von der Handlung gefangen nehmen lassen. Das geschieht zumeist auf zwei Wegen: a) der Zuschauer sympathisiert mit der Hauptfigur des Filmes, b) der Zuschauer versucht während der Handlung selbst das Rätsel zu lösen.
Um für die Hauptfigur Sympathie zu empfinden, muss diese Hauptfigur uns Zuschauern entsprechend nahe gebracht werden. Was würde geschehen, wenn die Hauptfigur von Beginn an ein ziemlicher Widerling und Kotzbrocken ist, den man am liebsten auf den Mond schießen will? Oder noch schlimmer: die Hauptfiguren eines Filmes sind so flach, dass man sie einfach nicht mehr ernst nehmen kann, nicht einmal als komödiantisches Element (die meisten Billigproduktionen leiden an solchen Figuren, siehe viele Dolph Lundgren- oder Michael-Dudikoff-Filme).
Welche Figuren aber bleiben uns im Gedächtnis? Das sind wohl jene, bei denen man im Kino wirklich mitgezittert oder gar mitgelitten hat. Um mit einer Figur mtzuleiden, muss sie aber in einem für den Kinobesucher nachzuempfindenden Konflikt stecken.
Beispiel? Harrison Ford als Präsident Marshall in „Air Force One“. Aufgrund seiner politischen Funktion, der generellen Haltung der US-Regierung und eines öffentlichen Versprechens lehnt Präsident Marshall jegliche Verhandlungen mit Terroristen ab, auch wenn dies Menschenleben kosten sollte. Dann aber ist seine eigene Familie (Frau und Tochter) in der Gewalt von Terroristen. Ein extremes Dilemma für Marshall. Wie wird er sich entscheiden? Siegt der Präsident oder der Mensch Marshall?
Wie immer auch die Lösung dieses Dilemmas ausfällt, sie muss zuvor in der Filmhandlung angelegt sein. Der Film braucht also ein paar Szenen, in der die Bedeutung der Familie für Präsident Marshall klar wird. So greift eine Szene in die andere. Und wir können als Zuschauer seinem Dilemma folgen.
Was wäre geschehen, wenn Marshall sich für sein politisches Dogma entschieden und seine Familie geopfert hätte? Unser Mitempfinden wäre weg gewesen. Marshall wäre zum kalten Technokraten verkommen, und alles, was ihm in der späteren Handlung zustößt, hätten wir mit „Geschieht ihm ganz recht“ quittiert - und wären vermutlich am Ende mit dem Gefühl, einen wenig unterhaltsamen Film gesehen zu haben, aus dem Kino gegangen.
Es gibt so viele andere Dinge, die im Film - auch optisch - eine Rolle spielen und jemandem, der diese Art der Sprache kennt, durch den Film helfen. Kleine Hinweise, die sich wie eine Perlenschnur durch die ganze Handlung ziehen:
Bei „Forrest Gump“ (unlängst im Fernsehen) ist es das Laufen. Der kleine Forrest leidet an Kinderlähmung, kann nicht laufen und wird so zum Gespött des Dorfes. Die Auflösung dieses Problems führt ihn dann in ein Leben mit den abstrusesten Erfolgen: er läuft schnell, also wird er Wide Receiver beim Football-Team; das schnelle Laufen rettet ihm in Vietnam das Leben; er rennt quer durch die USA und wird so zum Trendsetter. Und während sein Laufen ihn von einem Erfolg zum nächsten bringt, sitzt (also das Gegenstück zum Laufen) Forrest die ganze Zeit auf einer Parkbank an einer Bushaltestelle und erzählt den Leuten sein Leben. Die Drehbuchautoren werden sich was dabei gedacht haben, dass sie Forrest im Film andauernd laufen und gleichzeitig auf einer Bank sitzen lassen.
Anderes Beispiel für ein optisches Motiv in einem Film: in Night M. Shyamalans Film „The Sixth Sense“ sollte man auf die Farbe Rot achten. Immer dann, wenn etwas Rotes im Film auftaucht, bekommt die Handlung eine neue Wendung oder es werden dem Zuschauer ein paar Informationen angeboten, das Rätsel der Handlung zu lösen. Natürlich gibt es viele, die einfach nur im Kino sitzen und den Film an sich vorbeiplätschern lassen. Das ist schade.
Noch ein Beispiel für ein optisches Motiv, dazu noch mit einer faszinierenden Kameratechnik?
Henry Fonda steht in der amerikanischen Filmgeschichte für den einfachen, aufrechten Bürger. Erst mit 63 Jahren hat Fonda seinen ersten, wirklichen Bösewicht gegeben - im Western „Spiel mir das Lied vom Tod“. Das amerikanische Klischee vom Bösewicht sagt, er hat dunkle Augen, ist dunkelhaarig und trägt schwarze Klamotten. Dazu kommt noch, dass das Töten von Kindern im US-Kino zutiefst verpönt war.
Und dann kam diese legendäre Szene ins Kino. Eine Familie (Vater, Tochter, älterer Sohn) werden aus dem Hinterhalt abgeknallt. Eine Gruppe Männer in langen Mänteln kommt aus den Büschen und geht auf die Ranchgebäude zu. Ein kleiner Junge rennt aus dem Haus und bleibt vor den Fremden stehen. Die Kamera fährt ganz langsam um die Fremden herum und endet auf dem Gesicht von Henry Fonda mit seinen strahlend blauen Augen. Und dieser Gutmensch Henry Fonda zieht seinen Revolver und erschießt lächelnd den Jungen. Dramaturgie und Kamera arbeiten perfekt ineinander, dazu der unglaublich gute Music-Score und eine auf den Musiktakt geschnittene Filmsequenz. Auch nach 35 Jahren noch immer ein absoluter Leckerbissen! Ein Genuss! Weit mehr als nur gute Unterhaltung.
Grüße
Heinrich