Die Polen: Franzosen des Nordens?

Hallo!

Ich schreibe gerade meine Diplomarbeit in der Germanistik und im Zuge meiner Recherchen ueber das Polenbild um 1912 (fuer Thomas Manns „Tod in Venedig“), bin ich darauf gestossen, dass die Polen „Franzosen des Nordens“ genannt werden. Bei Google hab ich FdN eingegeben und gleich auf der ersten Seite folgendes gefunden:

  • Die Dänen lassen sich, wenn sie übermütig werden, gern Franzosen des Nordens nennen, …

  • die einige Historiker bewogen hat, die Belgier die Franzosen des Nordens zu nennen…

  • die Schweden deshalb wohl die „Franzosen des Nordens“ zu nennen…

  • „Wir Polen sind doch die Franzosen des Nordens.“

Jetzt frage ich mich, wie es kommt, dass so viele Nationen mit dem „Titel“ in Verbindung gebracht werden. Ich sehe schon, dass ich in meiner Arbeit nicht kommentarlos werde schreiben koennen, dass die Polen die Franzosen des Nordens sind… aber was genau war es, dass gerade den Polen diesen Namen verschafft hat (und was hatten die anderen Nationen mit ihnen gemeinsam, dass sie auch so genannt wurden/werden?)

Danke fuer alle Tipps und Hinweise! Gruesse,
Bethje

Hallo Bethje,

ich kann Dir nur zu Polen etwas sagen…

Das enge Verhältnis zwischen Frankreich und Polen reicht bis in das 16. Jh. zurück. Damals - d. h. 1524 - schloß der polnische König Zygmunt Stary (Sigismund der Alte) einen Pakt mit Frankreich, um sich gegen den wachsenden Einfluß der Habsburger zu wehren (hat zwar alles nicht viel genützt, aber egal).

Einige Jahrhunderte später folgten die Napoleonischen Kriege… General Henryk Dąbrowski (ja, der aus der polnischen Nationalhymne) schlug Napoleon, der sich seinerzeit in Italien prügelte, eine Kooperation vor - so entstanden die Polnischen Legionen.

Auch zwischen den beiden Weltkriegen pflegten Frankreich und Polen eine strategische Partnerschaft, die sogar soweit ging, daß polnische Offiziere auf französischen Militärakademien ausgebildet wurden.

Insofern denke ich schon, daß man die Polen in gewisser Weise als die Franzosen des Nordens bezeichnen kann. Als Anekdötchen am Rande: Du bekommst in jeder polnischen Konditorei ‚Napoleonki‘; das sind mit leckerer Creme gefüllte Blätterteig-Röllchen bzw. -Schnitten. Wenn das kein Beweis ist?! *lach*

Wie tief auch immer die Verbundenheit zwischen den Polen und den Franzosen ist: meine Heimatstadt - Breslau - wird ‚Venedig des Nordens‘ genannt (nur stinkt es bei uns nicht so erbärmlich wie in Venedig)… :wink:

Viele Grüße

Renee

Hi Renee!

Danke fuer die Ausfuehrliche Antwort! War sehr aufschlussreich - auch die Anekdote ;o)

Liebe Gruesse,
Bethje

Hallo Bethje,

Jetzt frage ich mich, wie es kommt, dass so viele Nationen mit
dem „Titel“ in Verbindung gebracht werden. Ich sehe schon,
dass ich in meiner Arbeit nicht kommentarlos werde schreiben
koennen, dass die Polen die Franzosen des Nordens sind… aber
was genau war es, dass gerade den Polen diesen Namen
verschafft hat (und was hatten die anderen Nationen mit ihnen
gemeinsam, dass sie auch so genannt wurden/werden?)

Du könntest den Spieß ja mal umdrehen und Dich zunächst fragen, durch welche Eigenschaften sich die Franzosen denn vorzüglich auszeichnen, um diese dann in den von Dir genannten Völkern wiederzufinden. Vielleicht hat dieser Ansatz mehr analytische Kraft.

Bei meinen drei Besuchen in Polen hatte ich den Eindruck, dass der kulturelle Austausch zwischen Polen und Franzosen in den letzten Jahrhunderten sehr intensiv war, wenn ich dafür jetzt auch keine handfesten Indizien vorlegen kann (dass der Adel französisch sprach, galt ja nicht nur für Polen). Chopin, der in Frankreich renaturalisierte Pole, wird von den Franzosen übrigens [Schopä] und von den Polen [Chopin] (mit einem „ch“ wie z.B. in „ach“) ausgesprochen, was mir nicht unbedeutende Schwierigkeiten bereitete, als ich in Polen eine Flasche des gleichnamigen Wodkas erwerben wollte.

Grüße, Thomas

Hallo Thomas,

Du könntest den Spieß ja mal umdrehen und Dich zunächst
fragen, durch welche Eigenschaften sich die Franzosen denn
vorzüglich auszeichnen, um diese dann in den von Dir genannten
Völkern wiederzufinden. Vielleicht hat dieser Ansatz mehr
analytische Kraft.

Das ist eine gute Idee - Danke fuer den Denkansatz! :o)

Grüße,
Bethje

Familienbande
Hallo!

Übrigens war König Louis XV der Schwiegersohn des vertriebenen Polenkönigs Stanislas Leszczynski.

Mfg Axel.

Hi Axel,

Übrigens war König Louis XV der Schwiegersohn des vertriebenen
Polenkönigs Stanislas Leszczynski.

Na ja… An diesem König sind wiederum die Schweden - respektive die bierselige Laune des seinerzeitigen schwedischen Königs Karl XII. (Leszczyńskis Wahl zum König wurde in der Tat in einer Kneipe in der Nähe von Posen beschlossen) - schuld. *g* Außerdem wurde Leszczyński nicht vertrieben. Das erste Mal hat er freiwillig auf den Thron verzichtet und ging zunächst nach Istanbul, später dann nach Frankreich. Beim zweiten Mal ist er - als Bauer verkleidet - nach Königsberg abgehauen und wurde dann durch seinen Schwiegersohn zum Herzog von Lothringen ernannt.

Grüße

Renee