Hallo,
ich denke auch, das Vernunft nicht die Grundlage eine
Demokratie sein kann. Den „mündigen Bürger“ gibt es nicht. Es
gibt nur mehr oder weniger gute Annäherungen an „Mündigkeit“,
die selbst kein absolutes Maß hat. Ebensowenig ist unser
Konsumverhalten rein vernünftig begründet (auch wenn wohl die
meisten Modelle von Wirtschaftswissenschaftlern vom Ideal des
„homo oeconomicus“ ausgehen).
Mündige Menschen gibt es schon, wenn du allerdings meinst, daß kein Mensch stets absolut vernünftige Entscheidungen treffen kann und in diesen auch nicht unbeinflußt von Lenkungen ist, dann stimme ich dir zu.
Doch warum können wir nicht „wirklich mündig“ sein? Weil wir
prinzipiell nicht die (praktische) Möglichkeit haben, alle
dazu notwendigen Informationen zu bekommen und zu verarbeiten.
Da das aber auch für sämtliche Regierungen egal welchen Systems gilt, denke ich nicht, daß man Mündigkeit so weit definieren sollte, wie du es hier tust, aber das ist eigentlich nur Wortklauberei.
Ich glaube aber, daß es wichtig ist, das in einer Demokratie
so gut wie möglich nach dem „Willen des Volkes“ gehandelt und
entschieden wird. _Wie_ dieser Wille zustande kommt oder
begründet ist, ist dabei unerheblich. Man kann sogar davon
ausgehen, daß alle auf ihren eigenen vielleicht kurzfristigen
Nutzen aus sind. Man _sollte_ sogar davon ausgehen.
Nun ein Handeln im Sinne des Volkes ist nicht unbedingt ein Handeln nach dem Wille des Volkes, sonst wären beispielsweise jede Art von Sozialreformen unmöglich (bzw. würden erst durchgeführt, wenn es noch „zuspäter“ wäre als es jetzt schon ist).
Der ursprüngliche Liberalismus hatte ja den schönen Begriff des „volonté générale“ (Rousseau wenn ich mich recht entsinne) als allgemeinen Willen, der nicht zwangsläufig die Summe oder das kleinste gemeinsame Vielfache der Einzelwillen ist.
Wenn man
das fair untereinander ausmacht und einen funktionierenden
Minderheitenschutz hat, kommt nach diesem System jeder „in
angemessener Weise“ (im Sinne der Allgemeinheit) zu möglichst
vielen Vorteilen. Und das ist ja schließlich das Ziel.
So funktioniert sicherlich unsere Gesellschaft seit jeher, Altruismus ist auch nur eine Form des Egoismus - und ein zumindest in Masse funktionierendes Gesellschaftssystem sichert auch die Pfründe der Priviligierten (ob zurecht oder unrecht ist eine müßige Diskussion).
Das führt mich zu dem Ausspuch:
Jedes [demokratisch regierte] Volk hat die Regierung, die es
verdient.
(Dieser Spruch ist nicht von mir, ich weiß aber auch den Autor
nicht)
noch ein wenig sarkastischer:
J.B. Shaw: Demokratie ist dasjenige System, das dafür sorgt, daß ein Volk keine bessere Regierung hat, als es verdient. (sinngemäß)
Wenn die Mehrheit zu dumm ist, so leben zu _wollen_, daß
langfristig ein lebenswertes Dasein möglich ist, oder zu dumm
ist, zu _erkennen_, wie man das möglich machen kann, dann wird
diese Gesellschaft sich eine zunehmend lebensunwerter Welt
gegenübersehen. Das ist nur blöd für die Minderheit derer, die
_glauben_, sie wüßten, was falsch läuft und noch mehr für die,
die außerdem _glauben_, sie wüßten sogar, wie man es besser
machen könnte.
Das ist die MEHRHEIT. Nur fürchte ich, daß die wenigsten davon WISSEN, wie man es besser machen könnte.
Obwohl ich glaube, daß eine Demokratie nicht das optimale
System ist (ja, ich denke, sie ist nicht mal ein „gutes“
System), ist sie doch noch das geringste Übel. Andere Systeme
sind bereits gescheitert oder haben zumindest mittelfristig zu
weniger „Wohlstand“ (nicht nur monetär gemeint!) geführt. Ob
das langfristig nicht gerade der entscheidende Faktor ist
(Wohlstand in Grenzen zu halten), kann ich nicht beurteilen -
das wird die Geschichte zeigen. Eine „Bildungs-Aristokratie“
oder „Weisen-Aristokratie“ halte ich für praktisch unmöglich.
Sowas war ja das Ziel des oben schon angeführten ursprünglichen Liberalismus - mit dem Ergebnis: Wirtschaftsliberalismus, Laissez-faire, letztlich Revolution und teilweise Marxismus/Kommunismus/Sozialismus (wohin der real geführt hat sieht man ja an den „blühenden Landschaften“ jenseits der Oder).
Zudem glaube ich, daß schlicht nicht absehbar bzw.
vorhersagbar ist, welche politischen Entscheidungen sich
mittel- oder langfristig als eher vorteilhaft oder nachteilig
erweisen werden.
Dann brauchen wir eigentlich gar keine Politik mehr und überlassen alles dem Zufall (Fatalanarchismus?)
Übrigends halte ich unser eigenes politisches System nicht für
demokratisch im o.g. Sinn. Eigentlich haben wir hier eine
Mischung aus parlamentarischer Aristokratie
Dann müßte der bundestag sowas wie das House Of Lords sein, das sehe ich aber nicht, kann sich doch jeder für bewerben.
wirtschaftlicher Diktatur mit höchstens demokratischen
Einflüssen.
Vielleicht weil der Großteil der Bevölkerung in eben dieser Konsumgesellschaft leben will, die nun einmal von wirtschaftlicher Dominanz geprägt ist (und imho dieser sogar bedarf).
Gruß
L.