Servus!
Ich denke, hier wird von einigen falschen Annahmen ausgegangen.
Aber ich denke doch, daß da keine Rückbesinnung auf die Antike
nötig war, zumal ich bezweifle, ob die Hanwerksmeister der
Stäcte dazu die nötige Bildung gehabt haben. Im Mittelalter
konnte ja kaum einer lesen und schreiben, von geschichtlichem
Wissen mal ganz abgesehen.
Da kann ich noch zustimmen.
Man muß bedenken, daß Kunst und Wissenschaft damals von einer
sehr kleinen Schicht getragen wurden, ein paar Fürstenhöfe,
ein paar Sitze von Bischöfen und noch die Handvoll
Universitäten. Da dürfen auch die glanzvollen Bauten einiger
Fürsten und ein paaar kunstvolle Kirchen und Rathäuser in
einzelnen Städten nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Masse
der damaligen Städte ziemlich bescheidene und aus heutiger
Sicht recht elende kleine Klitschen waren. Wenn ich so sehe,
woraus unsere Kreisstadt mit ihren 900 Jahren Alter noch im
14. / 15. Jahrhundert bestand - also das waren ne Handvoll
Gassen, ein bescheidenes Rathaus, von dem heute nichts mehr da
ist und eine recht bescheidene kleine Kirche, die nicht größer
ist wie die meisten Dorfkirchen. Da muß die Kunst und de
Wissenschaft einen großen Bogen drum herum gemacht haben -
aber einen gewählten Rat haten sie trotzdem.
Ich kann immer noch zustimmen.
Was mir aber noch einfällt - es gab ja auch die recht
mächtigen Handelsrepubliken in Italien schon zu dieser Zeit.
Mailand, Venedig, Genua und so. Und da der ganze europäische
fernhandel über die lief (viele Begriffe der Handeslwelt sind
ja damals aus dem italienischen übernommen worden) wäre es
möglich, daß die ein gewisses Vorbild abgegeben haben für das
hiesige Bürgertum.
Hier fängt´s an mit den Mißverständnissen: Die italienischen Stadtstaaten waren wohl Vorbild für die deutschen Städte, aber nur in der Hinsicht des Handels. Der italienische Frühkapitalismus war Vorbild für den deutschen (Hanse, Augsburger und Nürnberger Kaufleute) und europäischen (auchin Frankreich und England gab´s ähnliche Entwicklungen). In punkto Stadtverwaltung waren allerdings in beiden Fällen die gleichen Faktoren bestimmend - eher eine Parallelentwicklung als eine Entwicklung nach einem bestimmten Vorbild: Wer Geld geben muss zum Erhalt der Stadt, der will auch mitbestimmen. So entstanden die Räte aus Stadtadel (Patriziat) und Bürgervertretern. Als z.B. in Nördlingen die Stadtmauer erbaut weden sollte, konnte das nur geschehen, weil ALLE Bürger (also alle, die ein gewisses finanzielles Polster aufzuweisen hatten) zusammenlegten und ALLE Stadtbewohner (auch die ärmeren) Hand anlegten. Teilweise wurden sogar Häuser abgerissen und die steine für die Mauer verwendet - der 30jährige Krieg stand vor Nördlingens Tür, die Stadt konnte sich nicht mehr auf kaiserlichen Schutz verlassen und war auf sich selber gestellt. Dieser Faktor war auch bestimmend bei der Quasi-Unabhängigkeit vieler Reichsstädte: Eigentlich direkt dem Kaiser unterstellt, waren die nach dem Untergang der Staufer (als sich niemand mehr für sie zuständig fühlte, weil jeder Kaiser erstmal Regionalherrscher war - die meisten v.a. süddeutschen Reichsstädte waren ursprünglich staufische Städte) auf sich gestellt.
Und die Italiener standen ja den Traditionen der Antike näher
als der kulturlose Norden hier oben, dort war ja kein so
drastischer Bruch erfolgt wie hier, da haben die alten
röomischen Patriezierfamilien zumindest im frühen Mittelaalter
auch noch bedeutung gehabt und sicher auch ihr Wissen
weitergeben und bewahren können.
Großes Mißverständnis! Erstens war dank der Mönche, die eifrig antike Bücher kopierten, das antike Wissen nie ganz so verloren, wie das in diesem Threat schon öfter dargestellt wurde. Und zweitens war dank der Wirren, in denen Italien von der Antike ins Mittelalter stolperte, die „Kulturlosigkeit“ Italiens durchaus ähnlich der in Deutschland. Du darfst nicht vergessen, dass es auch in Italien weiträumige Verwüstungen im Zuge der Völkerwanderung gab (z.B. wurde Aquileia während des Hunnensturms fast ganz aufgegeben, die Bevölkerung wanderte zum allergrössten Teil zuerst nach Grado und dann ins neugegründete Venedig aus), ganz zu schweigen vom Mittelalter: Mehrmalige Zerstörung Mailands durch diverse deutsche Kaiser, am Ende des Mittelalters dann der „Sacco di Roma“ unter Karl V.
Und das größte Mißverständnis: Die Demokratie, so wie sie als Konzept in der Neuzeit entstand, hat mit antiken oder mittelalterlichen Städten wenig zu tun. Das waren nämlich - bei Lichte besehen - alles Plutokratien, Aristokratien oder Oligarchien. Gerade Florenz und Venedig sind dafür Musterbeispiele: Beide Städte wurden von Adelscliquen regiert, die sich solange halten konnten, wie der wirtschaftliche Erfolg da war. Florenz z.B. stolperte während des Mittelalters von einer Ratsherrschaft zur nächsten Diktatur. Von allgemeiner Gleichheit und Mitbestimmung keine Spur! Wer Geld hatte, konnte auch anschaffen, weil er fähig war, das Gemeinwesen zu erhalten und zu verteidigen (er konnte sich Waffen leisten und Söldner ausrüsten). Und NUR der schaffte dann auch an. Der größte der Teil der städtischen Bevölkerung hatte bei der Regierung überhaupt nichts zu melden, weil er kein Bürgerrecht hatte!
Das Bürgerrecht einer Stadt (mittelalterlich oder antik) war schon immer ein teures Recht, das als Privileg gesehen wurde und dementsprechend von den schon vorhandenen Inhabern gegen „Eindringlinge“ von aussen verteidigt wurde!
VG
Christian