Hallo Philipp,
die Ewigkeit ist lang. Mit ähnlichen Sprüchen haben sich schon
viele Leute blamiert.
naja, besonders blamieren kann ich mich ja nicht, da ich nicht mehr auf der Showbühne der Wissenschaft stehe. Aber ich gebe zu, daß man etwas vorsichtiger in der Formulierung ist, wenn man selbst noch dabei ist.
Die klassische einsteinsche Gravitationstheorie (was oft
irreführend mit ART gleichgesetzt wird) geht IMHO nicht zu
Gunsten der Stringtheorie (welche ja auch ART enthält) zurück,
sondern eher zu Gunsten „besser verwertbarer“ Dinge.
Vor etwa 10 Jahren war das in der theoretischen Physik so: entweder du warst Stringtheoretiker, dann warst du auf diversen Sommerschulen qua Fachgebiet ein gefragter Mann, und es hat nicht gestört, daß du meistens vom Rest der Physik keine Ahnung gehabt hast. Oder du warst Festkörperphysiker, Nanotechnologe oder ähnliches, dann war dir auf Jahre hinweg die finanzielle Förderung sicher. Für Gravitationsphysiker, mathematischer Physiker oder Quantenfeldtheoretiker galt damals wie heute, daß nur ein Fachwechsel eine Zukunft bietet oder eben der Ausstieg in die Industrie.
Nebenbei: Vielleicht erläuterst du mir kurz die semantische Unterscheidung zwischen ART und Einsteinscher Gravitationstheorie? Ich weiß, daß Ernst Schmutzer (meines Wissens nach aber als einziger) diese Begriffstrennung durchführt, sie überzeugt mich aber nicht und entspricht keinesfalls der gängigen Praxis. Diese ist nämlich, mit „ART“ die Einsteinsche Gravitationstheorie zu bezeichnen, im Gegensatz beispielsweise zur Newtonschen.
Ohne allgemeinrelativistische Korrekturen
würde nicht mal GPS funktionieren.
Als grandiose Bestätigung für die einsteinsche
Gravitationstheorie ist dies überbewertet. Wirklich gute
experimentelle Test der Gravitationstheorie (nicht nur
irgendwelcher Geometrieeffekte, die in jeder vernünftigen
Gravitationstheorie auftreten) sind nämlich sehr schwierig.
Das sollte ja nur ein Beispiel sein. Man könnte auch die Klassiker Lichtablenkung, Periheldrehung oder aktuell die Bestätigung des Lense-Thirring-Effekts und damit des Gravitomagnetismus durch das Projekt „Gravity Probe B“ nennen. Die Vorhersage von Pulsaren oder noch besser die Erklärung der Abnahme deren Rotationsfrequenz durch allgemeinrelativistische Effekte gehört für mich auch dazu.
Was sicherlich aussteht, ist der Nachweis von Gravitationswellen.
Obwohl es richtig ist, dass die Stringtheorie ein erhebliches
Problem mit den Vorhersagen hat, sollte man nicht den Eindruck
erwecken, in den etablierten Modellen sei alles eitel
Sonnenschein. Die, der Stringtheorie immer wieder
entgegengebrachten, Hasstiraden halte ich daher für
unangebracht.
Ich hasse die Stringtheorie überhaupt nicht. Ich finde sie eine extrem interessante Theorie, die großartige Befruchtungen der Mathematik nach sich zog, wie ich bereits erwähnt habe, Stichwort: Donaldson-Theorie, Seiberg-Witten-Theorie und 4-Mannigfaltigkeiten, Surgery etc.
Ich denke, daß ich mehr Monographien über Stringtheorie besitze als die durchschnittliche Unibibliothek, und bis zu einem gewissen Punkt – der natürlich nichts mehr mit den aktuellen Entwicklungen zu tun hat – meine ich auch, diese verstanden zu haben.
Was ich hasse, ist der Hype, der um sie herum stattfindet. Ihren Stellenwert in der öffentlichen, oft populärwissenschaftlichen Berichterstattung steht in keinem Verhältnis zu ihren Erfolgen, die sich in Umfang und Qualität der Vorhersagen und deren Verifizierbarkeit mißt.
Es ist eine sehr allgemeine – um nicht zu sagen redundante – Aussage, daß die beiden an entgegengesetzten Enden der Skala stehenden etablierten Theorien (QFT, ART) ihre Grenzen haben. Das ist klar, wenn man einsieht, daß jede Theorie ihren Gültigkeitsbereich hat und man eben nach Einbettungsmöglichkeiten in ein umfassenderes Modell suchen muß.
Aber aus experimenteller Sicht ist man an diese Grenzen beileibe noch nicht gestoßen! Es existiert kein Experiment, daß nicht im Einklang mit bestehenden Prinzipien steht und damit prinzipiell erklärbar ist. Es ist sogar vielmehr so, daß – am Beispiel QCD – man vor dem Problem steht, eine Theorie zu besitzen, von deren Gültigkeit man überzeugt ist, man aber auf immense mathematische Schwierigkeiten stößt, um den Niederenergiesektor zu verstehen, Stichwort: Quark Confinement.
Stattdessen wird andauernd so getan, als wäre die Stringtheorie bereits etabliert und wird quasi als gesichert angesehen. Das regt mich genauso auf wie wenn nebenbei bemerkt immer wieder so getan wird, wie wenn die Existenz Schwarzer Löcher als real vorkommende Gebilde eine klare Sache ist.
Diese beiden Theorien sind nach wie vor das Beste, was die Physik
zu bieten hat, auch wenn sie gerade nicht besonders hypig sind.
Das verbietet aber nicht, wegen der Kenntnis erheblicher
Mängel, nach Alternativen zu suchen. Zumal der existierende
Kandidat dafür noch aus ganz anderen Gründen attraktiv ist.
Nehmen wir die beiden Phasen 1969-1985 und 1995-2005. Dann haben wir insgesamt etwa 25 Jahre Forschung in der Stringtheorie, ausgestattet mit einer gigantischen Manpower, wie sie allenfalls mit der Kernphysik der 50er und 60-Jahre vergleichbar ist.
Was sind nun die relevanten definitiven Schlüsselaussagen nach dieser Zeit? Nenne mir nur eine einzige! (Und bitte bleibe dabei im Rahmen des klar Nachweisbaren.)
Wenn man nur einen kleinen Teil dieser Manpower auf das Quark Confinement angesetzt hätte, wäre der nichtperturbative Sektor von Eichtheorien heute vielleicht geklärt, und es würden die Nobelpreise nur so hageln.
Je nach genauer Art des Verbergens der Zusatzdimensionen sind
auch Korrekturen bei heute meßbaren kosmologischen Daten
denkbar. Was z.B. eventuell attraktiver sein könnte als
unsichtbare Dinge zu postulieren, um die Daten zu erklären.
Das würde mich nun aber interessieren. Wenn du die Muße aufwenden kannst, würde ich mir das gerne einmal beschreiben lassen. Übrigens können wir dann die Diskussion auch privat forsetzen, meine e-Mail-Adresse siehst du ja.
Viele Grüße
Oliver