Diskussion 'unproduktive Bereiche'

Hallo,
In produzierenden Unternehmen begegnet man oft dem Motto „nur die Fertigung verdient das Geld, die anderen Bereiche tragen nichts zur Wertschöpfung bei ( … und können deshalb froh sein, das sie überhaupt da sein dürfen… ).“
Das ALLE ein Teil des Ganzen sind, wird gerne unter den Teppich gekehrt. Wer mußte schon derartige Diskussionen führen und hat schlüssige Argumente / Links, gerne für beide Standpunkte ?

Danke und Gruß,
Rainer

Hallo Dr. Siemann,
ich als Betriebswirt, Buchhalter und Mensch des Steuerwesens kenne natürlich die Vorwürfe der Unproduktivität.
Doch sind wir ehrlich, woher hohlt die Geschäftsleitung die Grundlagen für ihre wichtigsten Entscheidungen? Aus einer ordentlichen zeitnahen Buchhaltung, aus wirtschaftlichkeits Berechnungen, aus Analysen zum Retourn on Investment. Wieviel Geld eine vernüftige Bilanzpolitik, die richtige Bilanzierung von Wirtschaftsgütern, die Bildung von gesetzlich möglichen Steuerrückstellungen, an betriebssteuern einsparen kann - ist tatsächlich auch errechenbar, aber das sehen die „Produktiven“ leider nicht. Die Wahl „vernüftiger“ Mitarbeiter und die entwprechende Lohn- Gehaltspolitik, der richtige Führungsstiehl, bringen nicht wirklich nachvollziehbare positive Effekte, wie geringen Krankheitsstand und Arbeitnehmer Zufriedenheit mit sich. Auch wenn ich nicht unbedingt ein Mensch der Kostenrechnung bin, hat sie ihre Daseinsberechtigung. Gerade in Bezug auf Kostenplanung und deren Abweichungsanalysen werden unwirkschaftliche oder gar unrentable Prokute entdeckt, obwohl möglicher Weise der Arbeiter richtig stolz auf diese Art von Produktion stolz ist. Unwirtschaftlichkeit und Rentabilität wird nicht durch die Produktion erkannt. Rechnet wirklich jeder gewerblich tätige Mitarbeiter den Ausschuß aus, oder zählt nicht eher für ihn das meßbare und zählbare Produkt.
Ich bin sicher ich könnte noch etliche gute andere Argumente für die Beschäftigung von Mitarbeitern in Verwaltung und Vertrieb um die es meistens geht, finden. Obwohl sicherlich auch in einem Produktionsbetrieb ein Verhältnis der Mitarbeiter von gewerblichen zu kaufmännischen von 50:50 nicht wirklich optimal ist - aber leider ist die Tendenz dahin gehend.
Schöne Feiertage und Grüsse Rainer (der sich immer über eine Rückmeldung freut)

Hallo Rainer,

na ja, diese Diskussion entsteht gerne aus der „Ungerechtigkeit“, was den Druck auf Produktivitätssteigerungen angeht.

Die direkt wertschöpfenden Bereiche sind in der Regel hoch transparent und messbar, sie stehen unter einem hohen Druck zu rationalisieren und nicht wertschöpfende Tätigkeiten abzubauen. Ebenso ist das Einkommensniveau in Produktionsbereichen aufgrund der hohen Messbarkeit eher unterdurchschnittlich. Auch beim unteren Management.
Gleichzeitig werden in Entwicklungs-, Marketing- oder Controllingbereichen scheinbar ohne jede Transparenz hoch dotierte Stellen aufgebaut.

Bestes Beispiel zur Zeit in der aktuellen Krise: Es werden unmittelbar Stellenreduzierungen analog zur Stückzahlreduzierung von wertschöpfenden Bereichen verlangt, von Controlling- oder Marketingbereichen wird diese Anpassung eher nicht verlangt.

Dass sich hier die tatsächlich wertschöpfenden Bereiche übervorteilt vorkommen, sollte klar sein. Und dass sie über solche Diskussionen ihren Minderwertigkeitskomplex ausleben, ebenso:wink:

Grüße
Jürgen *im Produktionswerk tätig:wink:*

Trennen von ‚Produktiv‘ und ‚Wertschöpfend‘
Hallo,
als erstes einmal sollte man jetzt zwischen „produktiv“ und „wertschöpfend“ trennen.

Zuerst sollte man sich an das „Enabler-Prinzip“ gewöhnen, d.h. es geht nicht nur darum, etwas zu produzieren, sondern auch die Produktion zu ermöglichen und profitabel zu halten.

Selbst in nicht wertschöpfenden Bereichen kann man durchaus produktiv sein - es entstehen jedoch hierdurch keine Unternehmenswerte, sondern:
a) Es werden bestehende Unternehmenswerte erhalten / abgesichert.
Beispiel: Ein Patent zu registrieren ist nicht produktiv. Aber: Tut man es jedoch nicht, werden bald alle unsere Konkurrenten unser Produkt zu einem Viertelpreis hergestellt und ihr könnt alle nach Hause gehen!

b) Es werden reale Kosten reduziert und Zeit gespart.
Beispiel: Ein neues IT-System für die Buchhaltung schafft erst einmal keine Werte - „Es kostet nur Geld“. Die Kehrseite der Medaille ist: Ohne das neue System müssen neue Leute eingestellt werden, veraltete Hard- und Software eingesetzt werden, man verliert Zeit und dadurch Reaktionsfähigkeit auf dem Markt (und wenn die Konkurrenz schneller ist… bye bye Absatz, bye bye Arbeiter)

c) Es wird die Generierung von Gewinnen ermöglicht.
Beispiel: Die gesamte Marketing-Abteilung „produziert nichts“. Aber ohne Marketing liegt das beste Produkt auf Halde, und wenn Marketing 500000€ dafür bekommt, dass die Produktion 1000000mio Stück mehr ausliefern kann, dann hat Marketing nicht nur Unternehmensgewinne erzeugt, welche die Produktion von sich aus nie gemacht hätte - sondern auch eine Ausweitung der Produktion ermöglicht und so die Umsätze der Produktion gesteigert.

d) Es wird indirekt die Produktivität gesteigert.
Beispiel: Trainer. Wenn ein Trainer in der Lage ist, 20 Mitarbeitern Methoden und Wege beizubringen, die deren Effektivität und Produktivität um 15% steigern, dann hat „indirekt“ die Produktivität von 3 Mitarbeitern. Und während die Mitarbeiter nun meinen, dass sie wegen ihrer 15% mehr Leistung auch 15% mehr Gehalt verdienen sollten, denken sie, dass der Trainer, ohne dessen Leistung sie von besseren Arbeitskräften ersetzt werden könnten „unproduktiv“ ist, da er „nichts produziert“.

Das ALLE ein Teil des Ganzen sind, wird gerne unter den
Teppich gekehrt. Wer mußte schon derartige Diskussionen führen
und hat schlüssige Argumente / Links, gerne für beide
Standpunkte ?

Solche Diskussionen sind nahezu alltäglich.
Ich drücke das immer gerne so aus:
Bin ich produktiver, wenn ich etwas für 1000€ produziere „wie alle Anderen auch“ - oder wenn ich diese Anderen befähige, etwas für 10000€ herzustellen und selbst „nichts produziere“?

Natürlich entsteht dadurch Neid und Mißgunst - aber wenn ich die Wahl habe, etwas für 1000€ selbst zu machen oder etwas für 10000€ machen zu lassen, steht das Unternehmen besser da, wenn letzteres getan wird. Und schlußendlich kann man dem Kollegen auch nur sein nun besseres Gehalt zahlen, weil er nicht mehr 1000€ produziert…

Hallo lieber Fragesteller,

was sind sie leider so unproduktiv in Hinsicht auf die Ihnen gegebenen Beiträge zu Ihrer Frage. Ich Frage mich ob sie mit unseren Beiträgen nun Argumentationsmaterial erhalten haben.
Grüßße wie ich schon schrieb: Rainer (der auch Antworten liebt).