Dispo überzogen - Konsequenzen?

Hallo liebe WWW-Gemeinde,

wir sind selbständig und nun ist es so, daß wir auf eine große Summe eines Auftraggebers warten. Das Geld wird auf alle Fälle kommen, das steht fest, aber er ist schon über dem Zahlungstermin und so wie es aussieht, will er erst im Juli überweisen, damit seine Quartalszahlen stimmen …
Die Bank hat die gestellten Rechnungen vorliegen. Bisher hat denen das auch gereicht. Da wir aber für diverse Hardware in Vorkasse gehen mußten, ist unser Konto arg überzogen, mittlerweile ist sogar der erweitzerte Dispo voll ausgeschöpft und die Bank hat alle Geldhähne zugedreht. Aussage „Wenn bis Montag das Geld nicht drauf ist, müssen wir ein ernstes Wort reden“.
Noch einmal zur Präzisierung: wir haben Aufträge ohne Ende und es werden auf weiterhin Rechnungen von uns gestellt (die sogar bezahlt werden…). Nur diese blöde eine Rechnung wird vom AG hinausgezögert.
An die Banker unter Euch - welche Konsequenzen können uns von der Bankseite her drohen? Können die uns kündigen? Wir waren immer ein guter Kunde und Geld kam und kommt regelmäßig rein. Aber auf die Rechnungsoffenlegung recht denen anscheint nicht mehr…

Vielen Dank!

Cea

welche Konsequenzen können uns von
der Bankseite her drohen? Können die uns kündigen? Wir waren
immer ein guter Kunde und Geld kam und kommt regelmäßig rein.
Aber auf die Rechnungsoffenlegung recht denen anscheint nicht
mehr…

Hallo Cea!

Was passieren kann, hängt von vielerlei Umständen ab. Besitzt Du ein Haus oder hast gar eine Immobilie über die Bank finanziert? Laufen noch irgendwelche Kreditraten? Mir brauchst Du die Fragen nicht zu beantworten. Beantworte sie zusammen mit Deinem Mann selbst. Was passiert, hängt letztlich vom Banker ab. Das ist nämlich kein Kaufmann, zumindest ist er kein Kaufmann, der auch nur die geringste Ahnung von Eurem Geschäft hat. Der Banker will keine Risiken, er will auch nichts von Vorgesetzten oder der Revision zwischen die Hörner bekommen und macht dem Spiel i. a. lieber ein Ende, als weiteres Bankengagement zu befürworten. Er versteht vom Geschäft des Kunden nichts und in dieser Situation ist es u. a. entscheidend, wie zuverlässig die Aussagen des Kunden über bevorstehenden Geldeingang waren. Bestimmt will der Banker Sicherheiten sehen, Bürgschaften, Abtretungen…

Du glaubst, für die Bank ein guter Kunde zu sein. Das seid Ihr unter keinen Umständen, jedenfalls nicht aus Sicht der Bank, obwohl für die Überziehungen irgendwas zwischen 12 und 18 (!) Prozent Zinsen zu zahlen sind. Zusammen mit der Abhängigkeit, die vermutlich zu erheblichen Sorgen führt, seid ihr kein guter Kunde, sondern ein Kunde, der zu wenig Eigenkapital für sein Gewerbe hat.

Dir wird es darum gehen, die akute Situation irgendwie zu überstehen. Das kann ich nachvollziehen, ginge jedem anderen genau so, ist aber zu kurz gesprungen. Die Bank dreht den Geldhahn zu und mit viel Rederei zwischen ungleichen Partnern, letztlich unwürdiger Bettelei, gehen vielleicht noch ganz drängelige Zahlungen heraus. Damit ist zeitweise Gürtel enger schnallen verbunden. Damit reißt man aber auch an allen möglichen anderen Stellen Löcher auf. Man fährt mit angezogener Bremse, weil andere Aufträge, bei denen Vorfinanzierungen und Einkäufe zu leisten sind, in Mitleidenschaft gezogen werden. Das Finanzamt wird wegen der Umsatzsteuer unleidlich, Lieferanten müssen hingehalten werden, womöglich rutschen Liefertermine und wenn die ausstehende Forderung endlich kommt, ist das Geld auch gleich wieder weg, verschwunden in den zahllosen Löchern der Durststrecke. Beinahe jeder Selbständige kennt das Szenario.

Ihr habt Know-how und Kundenverbindungen. Ihr habt aber auch ein schlimmes Defizit, nämlich zu wenig Eigenkapital und in der Folge eine Abhängigkeit von der Bank. Das Risiko ist untragbar. Damit fahrt Ihr über kurz oder lang mit vollen Auftragsbüchern an die Wand! Deshalb rate ich dringend, das Geschäft zu konsolidieren: Keine Erweiterungen, keine irgend vermeidbaren Investitionen, kein neues Auto, keine neuen Leasingverträge, geringe Privatentnahmen. Aufträge mit zu hohem Vorfinanzierungsaufwand sind nicht machbar, man schafft entweder Auftragsteile, die abgerechnet werden können oder verzichtet lieber auf den Auftrag! Ich weiß, das ist bitter, aber was nützt ein Auftrag, dessen Finanzierung Kopf und Kragen kostet!?

Du weißt, wie lange die Auftragsbearbeitung vom Auftrag bis zum Geldeingang durchschnittlich dauert. Kommt ein Vierteljahr ungefähr hin? Gut, dann brauchst Du einen Vierteljahresumsatz als Eigenkapital. Das Geld muß her! Solange Du dieses erforderliche Eigenkapital für Dein Geschäft nicht besitzt, bist Du für die Bank kein guter Kunde, sondern ein Risiko und die Bank ist für Dich ein Risiko.

Notlagen wie Du sie gerade erlebst, sind für eine Bank regelmäßig Anlaß, gegenüber dem Kunden Forderungen durchzusetzen. Beliebt sind Abtretungen von Lohn- und Gehaltsansprüchen, stille Forderungsabtretungen, Verpfändung von Lebensversicherungen, Bürgschaften des Ehepartners. Das sind für Selbständige Schlingen, die sich jederzeit - vermutlich im ungünstigsten Moment- zuziehen können und werden. Es kann passieren, daß Du keine andere Wahl hast, das eine oder andere zu unterschreiben. Es bleibt unverantwortlicher Irrsinn! Ziel muß sein, daß ein Ehepartner die Risiken des Geschäfts trägt und der andere hinsichtlich Haftung aber wirklich vollständig außen vor ist. Das muß der Ehepartner sein, dem das Dach über dem Kopf gehört. In den Ohren mancher Zeitgenossen hört sich das nach Hinterziehung von Vermögenswerten an o. ä… Nein! Das ist nur der Schutz vor Zerschlagung und vor dem Ruin, von dem letztlich keiner einen Nutzen hätte.

Du brauchst also genug Eigenkapital, um das gewöhnliche Geschäft selbst zu finanzieren. Dabei ist überhaupt nichts dagegen einzuwenden, einzelne Spitzen von der Bank finanzieren zu lassen. Außerdem ist eine strikte Trennung von geschäftlichen Risiken und Privatvermögen zu bewerkstelligen. Wenn das alles geschafft ist, bist Du ein guter Bankkunde, weil dabei nämlich so etwas wie gleiche Augenhöhe und Unabhängigkeit entsteht. Vorher bist Du nur ein Arsch, der sein Geschäft im Grunde gar nicht selbst auf die Reihe bekommt und mit dem man deshalb bei passender Gelegenheit nach Belieben Schlitten fährt.

Gruß
Wolfgang

Hallo Cea,

An die Banker unter Euch - welche Konsequenzen können uns von
der Bankseite her drohen? Können die uns kündigen? Wir waren
immer ein guter Kunde und Geld kam und kommt regelmäßig rein.
Aber auf die Rechnungsoffenlegung recht denen anscheint nicht
mehr…

Es ist natürlich weder für euch noch für die Bank erfreulich, dass ein (!!) Auftrag zu so einer Situation in Sachen überziehung führt. (Andererseits kenne ich so einen Fall von einem Kunden von uns, der in ähnlicher Weise von zwei großen europäischen Firmen abhängt und jede Zahlungsverzögerung auf sein Konto durschlägt.)

Für die Bank selbst ist es mit Sicherheit die schlechteste Lösung euch als Kunden rauszuschmeissen. Schließlich wird es dann auch schwierig an Ihr Geld zu kommen. Eventuell wird man euch in einem „ernsten Gespräch“ mitteilen, dass man nicht bereit ist ein weiteres Risiko ohne zusätzliche Sicherheiten zu tragen. Und dass man da eine Lösung finden muss.
Nebenbei stellt eine „Rechnungsoffenlegung“ keine Sicherheit für die Bank dar. Sie ist allerdings ein gutes Mittel zur Vertrauensbildung weil sie den notwendigen Einblick wiedergibt, denn die Bank gerne hätte.

Gruß Ivo

Vielen Dank…
Vielen Dank für Eure Antworten. Zum einen weiß ich jetzt, was uns erwarten kann und zum anderen steht fest: wir müssen etwas tun…

Vielen Dank noch einmal für die sonntägliche Schreibarbeit!

Cea

hallo,

ist sicherlich kein „erfreulicher“ kommentar, kann mich den anderen nur anschließen und ergänzen, dass genau dieses szenario (fehelden liquidität) insolvenzgrund nr. 1 in deutschland ist.

dies impliziert, dass banken in derartigen situationen trotz eines sonst rentablen geschäfts den geldhahn in den meisten fällen (wohl) zudrehen.

nur für die Zukunft
Hallo Cea,

schaut mal hier rein:

http://www.akademie.de/business/tipps_tricks/finanzw…

http://www.akademie.de/business/tipps_tricks/finanzw…

Wenn ihr viel Zeit in Großaufträge steckt, könnte Factoring vielleicht etwas interessantes für euch sein. Das kostet zwar etwas mehr als ein üblicher Kredit, rettet aber auf saubere Weise die notwendige Liquidität. Aber auch Factoring ist nur was für ganz gesunde Firmen! (Wie immer: Auf seriöse Anbieter achten.)

Für die Zukunft: Wir haben bei einem entsprechenden Großkunden nach der Hälfte der „Lieferung“ ( es sind Trainingseinheiten) eine Rechnungsstellung und Begleichung vereinbart.

Ansonsten kann ich den anderen nur zustimmen. Ich kenn das auch kaum anders, wenn ihr irgendwas zu Geld machen könnt, sollte das jetzt schnell passieren…

beste GRüße + viel Erfolg,

barbara

Hallo Barbara,

Danke für den Tip, davon hatten wir noch nichts gehört. Werde mich mal „einlesen“…

Liebe Grüße

Cea