Dissoziative Identitätsstörung - gibt es das?

Mir ist bekannt das die Diagnose „Multiple Persönlichkeit“ eine der umstrittensten ist. Bücher wie „Sybil“ oder „Ich bin Viele“ haben ja vor Jahren beinahe einen Hype ausgelöst. In den USA hat es Fälle gegeben in denen sich Straftäter schuldunfähig erklären lassen wollten weil zum Tatzeitpunkt angeblich eine andere „Person“ die Kontrolle über ihren Geist und Körper hatte.

Mein Problem ist jetzt etwas schwer zu erklären:

Ich spüre in mir klar abgegrenze Gefühle die scheinbar nicht zusammengehören. Das geht soweit dass ich, wenn ein Gefühl vorherrscht, nur stotternd sprechen kann. Wenn ein anderes Gefühl vorherrscht bin ich in der Lage die besten Fachartikel zu schreiben.

Das drückt sich aber auch diffiziler in Formulierungen, Betonungen, Wortwahl oder einfach dadurch aus dass mir tagelang einfach danach ist hochdeutsch zu sprechen, am nächsten Tag krieg ich nur Umgangssprache raus (Anm.: Österreicherin).

Ich gehe nicht soweit zu sagen dass ich Stimmen höre (tu ich nicht) oder, wie es auch oft geschildert wird, ich mich an an Orten wiederfinde und nicht weiss wie ich dahin gekommen bin. Ich habe auch keine Kleider im Schrank die ich nicht kenne.

Jedoch: Als Kind ist mir derartiges sehr wohl passiert! Ich kann mich erinnern, dass ich mich plötzlich in einer Prüfungssituation vor dem Lehrerpult gefunden habe, und ich nicht einmal wusste wie ich in die Schule gekommen war. Dass ich die Frage auch nicht wusste sei nur nebenbei erwähnt.

Solche Erinnerungen habe ich vereinzelt. Als Kind habe ich das „auftauchen“ genannt. Als 5jährige habe ich einmal in einer Stress-Situation bewusst entschieden „zu verschwinden“.

Zusammenhängende Erinnerungen habe ich etwa ab dem 16. Lebensjahr.

Ich habe einmal in einer Therapie diesen Punkt angesprochen, leider hat der Therapeut so reagiert dass ich in eine echte Krise gekommen bin. (Ich bin seit 10 Jahren wegen Depressionen in Behandlung)

Jetzt bin ich seit 3 Jahren stabil und wir (mein Arzt und ich :wink: ) beginnen die Medikamente zu reduzieren.

Ich weiss ich sollte den Punkt bei meinem Arzt ansprechen, aber ich möchte erstmal anonym abchecken wie hier die Experten reagieren (wie gesagt eine *extrem* schlechte Erfahrung habe ich ja schon).

Ihr könnt mich Morrighan nennen

Diagnostik notwendig (psychotische Depression)
Hallo Morrighan,

tatsächlich ist die Multiple Identitätsstörung sehr umstritten und wird selten vergeben. Bevor diese Diagnose gestellt wird, sind naheliegendere Störungen abzuklären. Wenn Du in Behandlung aufgrund von Depressionen bist, solltest Du dringend Deinem Therapeuten Deine Symptome darstellen, denn nur dieser kann eine Diagnostik veranlassen. Sei darauf hingewiesen, dass eine solche Diagnostik hier nicht möglich sein kann.

Allerdings möchte ich erwähnen, dass derartige psychotische Symptome im Zusammenheng mit Depressionen beobachtet werden können, so dass meiner Meinung nach eine multiple Persönlichkeitsstörung eher unwahrscheinlich ist, sondern die geschilderten Symptome sich viel wahrscheinlicher als Begleitsymptome einer depressiven Störung identifizieren lassen könnten.
Die von Dir geschilderten Symptome können zumindest teilweise auf Derealisations- und Depersonalisationsphänomene, sowie Denkhemmung oder Gedankenabreissen zurückzuführen sein, die durchaus als Begleitsymptome bei depressiven Patienten vorkommen (Begriffserklärungen siehe unten). Die genannten Störungen des Ich-Erlebens sind Symptome, wie sie selten bei der sog. „psychotischen Depression“ vorkommen.

Ich wiederhole hier ein weiteres Mal nachdrücklich, dass eine genaue Diagnostik nur vor Ort und nicht via Internet vorgenommen werden kann und ich meine Spekulationen nicht als Diagnostik verstanden wissen möchte.

Viel Erfolg bei Deiner weiteren Therapie wünscht Dir

Der Captain

  • Diplom-Psychologe -

Hier eine kurze Erklärung der Begriffe:

-Derealisation
Die Umgebung erscheint fremd, unwirklich, verändert und/oder das Zeitgefühl verändert sich (Zeit wird beschleunigt oder verlangsamt wahrgenommen). Anstatt dieses Begriffes wird oft „Dissoziation“ verwendet, was aber zu unscharf ist und durch die genauen Symptome ersetzt werden sollte.
Derealisation ist ein unspezifisches Symptom, das häufig vorkommt bei organischen Störungen (z.B. Vergiftungen [Drogen]), Schizophrenien, Manien, Depressionen, Angststörungen, Zwangsstörungen, selten auch bei Ermüdungszuständen.

-Depersonalisation
Hier existieren drei Symptomkategorien:
Das Einheitserleben des Patienten ist verändert, er kommt sich fremd, unwirklich oder verändert vor. Dies kann auch einzelne Körperteile betreffen, die dem eigenen Ich als nicht mehr zugehörig empfunden werden.
Die Identität ist im Zeitverlauf gestört, d.h. der Patient empfindet sich als jemand anderes als noch zuvor, fühlt sich gespalten, da einzelne Bestrebungen der Persönlichkeit als nicht mehr dem Ich zugehörig empfunden werden.
Die Ich-Umweltgrenze ist gestört, so dass sich der Patient entweder von aussen gesteuert emphindet oder meint, er habe die Eigenschaften eines anderen Menschen oder sei momentan dieser andere. Dabei ist er überzeugt, er empfinde die Empfindeungen des anderen.
Depersonalisation ist ein ebenfalls unspezifisches Symptom und tritt oft auf im Zusammenhang mit Schizophrenien, Manien, Depressionen, Angst- und Zwangsstörungen. Anstatt dieses Begriffes wird ebenfalls oft „Dissoziation“ verwendet, was aber zu unscharf ist und durch die genauen Symptome ersetzt werden sollte.

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Sehr gut geschrieben. Hochachtung. Ehrlich.

Mir ist jetzt klar dass ich unbedingt mit meinem Arzt darüber reden muss. Du hast mir auch die Angst genommen das zu tun.

Wenn die Symptome nämlich wirklich auf eine psychotische Depression hinweisen können (ich weiß Du hast keine Diagnose gestellt!), würde das bedeuten dass sich meine Krankheit gerade verschlechtert (ich hatte das nämlich seit mind. 2 Jahren nicht mehr).

Sch … ade. Werde ich wohl noch ein wenig mit den Medikamenten leben, bzw. mal sehen was mein Arzt dazu meint.

Vielen Dank!

Gern geschehen und viel Glück! (owT)

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Bei mir ist vor vielen Jahren diese Diagnose gestellt worden (nicht unter Hypnose, was ja allgemein umstritten ist) - und ich habe eine gute Therapeutin/Psychiaterin gefunden, bei der ich in Behandlung bin.

Bei mir ist es inzwischen so, dass ich „integriert“ bin - d.h. die Persönlichkeiten haben wieder zu einer Person/Persönlichkeit gefunden.

Wenn Du magst, kannst Du mir gerne schreiben … ist ziemlich schwierig/kompliziert, da nur kurz drüber zu schreiben …

CU Aggie