Hallo Bonaventura,
Wenn ich aber einmal davon ausgehe, daß in
allen Fakultäten ein gewisser Hang zur Vetternwirtschaft und
„eine Hand wäscht die andere“ herrscht – daneben gibt es
natürlich auch handfeste persönliche Probleme zwischen Profs
– dann stellt sich das für mich als ein Problem dar, unter
dem im Normalfall der Student und der akademische Mittelbau zu
leiden hat.
du gehst eben davon aus, weswegen du dir nichts anderes denken
kannst. Natürlich gibt es diese Auswüchse, ich will dagegen
gar nichts sagen, aber sie sind keineswegs die Regel, was ich
aus meiner eigenen (auch langjährigen) Erfahrung in der
akademischen Selbstverwaltung durchaus auch beurteilen zu
können meine. Man kann solche Fälle relativ leicht
herausfinden, wenn man sich die Dissertationen, um die es
geht, anschaut (mehr will ich dazu nicht sagen, um nicht dem
Missbrauch Vorschub zu leisten, du verstehst …).
Ich wollte das jetzt gar nicht so sehr auf das Thema „Promotion“ bezogen wissen. Der Wissenschaftsbetrieb in Deutschland unterstützt an vielen Stellen Auswüchse wie ich sie genannt habe, egal ob es um interne Geldervergabe, Stellenbesetzungen, Berufungen, Summa-cum-laude-Promotionen geht. Schön, kann sein, daß ich nur meinen Fachbereich sehe (Physik), in diesem habe ich aber einen gewissen Überblick über die Situation an anderen Fakultäten.
Ich behaupte nicht, daß in Deutschland unseriöse Wissenschaft betrieben wird, ich sage aber, daß der WissenschaftsBETRIEB alles andere als objektive Leistung fördert.
Deshalb ruht ein hohes Maß an Selbstverantwortung bei den Professoren, die sie aus meiner Sicht aber nur ungenügend wahrnehmen.
Wenn ich dich richtig verstehe, sagst du, dass auch in deinen
Fächern subjektive Kriterien eine Rolle spielen? In diesem
Fall würden die dazugehörigen Promotionen ja in deinen Augen
ebenfalls abgewertet werden müssen, oder?
Nicht grundsätzlich. Nur ist es eben so, daß dort, wo nicht beispielsweise eine festgeschriebene Promotionsordnung klare Regeln vorschreibt, der Spielraum je nach Belieben (Interessenslage) maximal ausgenutzt wird. In der Physik ist beispielsweise die Benotung der Dissertation sehr subjektiv, dafür ist es aber eine klare Sache, daß keiner promoviert, der nicht auch ein Diplom hat. Dessen benotung wiederum mag dann durchaus subjektiv gewesen sein, dafür ist aber wiederum sonnenklar, daß der Student Vordiplomsprüfungen absolviert hatte, Scheinklausuren fürs Diplom geschrieben hat etc.
Auf den Goodwill und das hehre Einsehen der Professorenschaft insgesamt zu setzen, ist in meinen Augen unter den gegebenen Bedingungen, in denen die Professoren im großen und ganzen unantastbar sind, unzureichend.
Ich finde es nur eine
grundsätzlich unbefriedigende Diskrepanz in den
Voraussetzungen zur Erlangung des Promotionstitels in den
verschiedenen Fakultäten. Ein Titel, der in einem Fach sehr
hoch angelegte Hürden voraussetzt und in einem anderen Fach
quasi als Studienabschluß gemacht wird, ist unterschiedlich zu
bewerten.
Das stimmt nur zum Teil, denn die Qualität der Dissertation
richtet sich ja nach ihrem Inhalt (incl. neuerer
Forschungsergebnisse etc.), nicht nach ihrer - möglicherweise
gleichzeitigen - Funktion als Studienabschluss. Magister- und
Diplomarbeiten haben in der Regel keine eigenen neuen
Forschungsergebnisse aufzuweisen und sind daher in diesen
Fällen nicht als Dissertation geeignet. Weisen sie aber solche
Ergebnisse auf, steht ihrer Aufwertung als Dissertation
prinzipiell nichts im Wege. Trotzdem wird das natürlich - das
muss ich noch einmal betonen - relativ selten gemacht (gewisse
Ausnahmen von dieser Ausnahme bestätigen auch hier wieder nur
die Regel *g*).
Ich nehme dein Argument auf und bilde es ab auf meinen Background: Naturwissenschaften.
Wenn du von „neuen Forschungsergebnissen“ sprichst, kannst du sicherlich nichts nobelpreisverdächtiges meinen. Gut, das ist ja auch vernünftig. Ein Student hat nach 8 Semestern im allgemeinen nicht einmal den Überblick über das eigene Forschungsgebiet. Seine Abschlußarbeit wird, wenn sie gut ist, irgendeine Nebenrechnung für einen Doktoranden sein, der nicht alles selber rechnen kann oder möchte. Im Idealfall kommt noch eine Veröffentlichung dabei raus. Das ist den Naturwissenschaften der übliche Anspruch an eine Diplomarbeit. In den Geisteswissenschaften kriegt man offensichtlich dafür schon den Doktortitel.
Ich frage dich jetzt: ist es mit Blick auf die Außenwirkung die Gleichheit gewahrt, möglicherweise in einem Umfeld, in dem der Titel durchaus eine Rolle spielt?
Überspitzt könnte ich jetzt einfach sagen: in den Naturwissenschaften muß man sich den Titel mühsam (und zeitaufwändig) erarbeiten (Medizin einmal außen vor gelassen), in den Geisteswissenschaften bekommt man ihn kurz vor der Exmatrikulation noch gratis dazu.
Das ist für einen Außenstehenden natürlich mangels Überblick nicht
zu leisten.
Wenn man den Inhalt nicht bewerten kann, dann kann man auch
die Qualität des Inhalts nicht bewerten. Eine Dissertation ist
wie jede andere verfasste Arbeit immer nur so gut wie ihr
Inhalt. Man sieht einer Arbeit ja auch nicht an, ob sie mit
summa cum laude oder mit rite bewertet wurde bzw. warum sie so
bewertet wurde. Man kann sich also in keinem Fall
sinnvoll allein darauf verlassen, dass eine Dissertation
wertvoll an sich ist.
Auch in den Naturwissenschaften gibt es schlechte Dissertationen, keine Frage. Aber die Hürden sind höher, und ich sehe insgesamt keinen Gleichheitsgrundsatz in den Voraussetzungen zwischen den einzelnen Fachbereichen gewahrt.
Weswegen die Diskussion bei den Medizinern auch in die
Richtung geht, die Hürden für die Promotion deutlich höher zu
hängen, als sie jetzt sind, und verstärkt Mediziner zur
Promotion zu bewegen, die sich wissenschaftlich betätigen
wollen und nicht sofort als praktizierender Arzt tätig sein möchten.
Das finde ich interessant, weil ich davon noch nichts gehört
habe außer Gerüchten. Kannst du mir da eine Quelle angeben?
Das würde mich interessieren.
Naja, eine Anlaufstelle wäre mal http://www.uni-protokolle.de/nachrichten/id/36020/. Hier geht es darum, einen „qualifizierten Doktortitel“ neben einem „Berufsdoktor“ einzuführen. Mediziner sind nach wie vor titelgeil, daher muß es wohl unbedingt einen Schmalspur"doktor" geben, ein „Diplommediziner“ sagen wir mal darf nicht sein.
Also ich kenne das anders: was mißbraucht werden kann, wird
auch mißbraucht. Warum denn nicht? Es ist ja folgenlos.
Das ist manchmal der Fall, aber keineswegs immer, wie ja Baer
angesprochen hat. Richtig ist, dass es natürlich immer auf die
Konstellation im Fachbereich ankommt. Aber selbst da lässt
sich schnell beurteilen, wer wann wenn wie promoviert, wenn
man die Arbeiten selbst zur Hand nimmt (s. o.).
Wer sich die Mühe macht, sicher. Gewiefte Personalchefs können unter Umständen durchaus unterscheiden, daß eine „1“ von der TU München einen anderen Stellenwert hat als von manch anderer Uni.
Dennoch halte ich deine Aussage „lässt sich schnell beurteilen“ für etwas zu salopp. Ich würde mir nicht zutrauen, beispielsweise eine Germanistik-Arbeit zu beurteilen oder die Bewertung zu kritisieren. Ich sehe aber (durch aktuelle Lektüre der Promotionsordnung), daß die formalen Hürden für die Erlangung eines Titels deutlich geringer sind als in den Naturwissenschaften, und DARAUS könnte ich als Personalchef Schlußfolgerungen ziehen.
Der Wissenschaftsbetrieb in Deutschland unterstützt
Vetternwirtschaft, Absprachen zwischen Profs und Egoismen, wo
er nur kann.
Wie gesagt: Ich weiß, dass es das gibt, aber es ist nicht die
Regel, allenfalls sieht es aus studentischer Perspektive
regelmäßig so aus.
Diese Aussage kann ich nicht bestätigen. Studenten bekommen in der Regel davon nichts mit, weil sie zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind, sehr idealistisch denken und einen Heidenrespekt vor Profs haben. Ich habe diese Erfahrung erst während der aktiven Teilnahme am Wissenschaftsbetrieb gemacht, sprich mit Beginn der Diplomarbeit, als ich jeden Tag am Institut war und dort mein Büro hatte.
Eine klare Regelung in einer Promotionsordnung
zum Beispiel kann aber nicht umgangen werden, aus rein
formalen Gründen.
Das stimmt ja gerade nicht, denn wenn man wirklich einmal eine
solche Ausnahmearbeit hat, die es verdient, in einen höheren
Rang erhoben zu werden, dann wird man in jeder Fakultät
und in jedem Fachbereich Mittel und Wege für
Ausnahmeregelungen finden, schon allein, damit man am zu
erwartenden Renommée dieser Arbeit partizipieren kann.
Prüfungsordnungen sind für den Normalfall gemacht. Der
Ausnahmefall ist immer seperat regelbar.
Das kann ich nicht bestätigen, ich habe einen solchen Fall jedenfalls nicht gesehen und auch noch nie von so etwas gehört, auch nicht an anderen Universitäten. Ich behaupte, so etwas kann es nur geben, wenn die festgeschriebenen Bestimmungen entsprechend uneindeutig und lax sind. Die Promotionsordnungen aus den Naturwissenschaften, die ich gelesen habe, sind es jedenfalls nicht. Vielleicht möchtest du dir die Mühe machen, im Gegenzug einmal die Promotionsordungen einiger naturwissenschaftlicher Fakultäten zu studieren?
Während ich promoviert habe, gab es in den unteren Semestern einen sehr begabten Schüler (etwa 17), der Vorlesungen des Hauptstudiums besuchte. Er hatte quasi in einem Wisch das Abitur gemacht, eine Diplomarbeit geschrieben und kurz darauf auch promoviert. Aber er mußte den gesamten formalen Kanon durchziehen. Da gab es nicht so was wie: laß die Diplomarbeit weg, du bis so gut, mach gleich deinen Doktor. Zu jedem Zeitpunkt hatte er die formalen Voraussetzungen erfüllt: er durfte zwar schon „vorarbeiten“, indem er ein paar Scheine zu früh machte, die Abschlüsse hat er aber erst bekommen, als die Voraussetzungen stimmten.
Viele Grüße
Oli